In jenem Himmelfahrtsrelief und gleichzeitig in dem berühmten

Bronzerelief mit dem Tanz der Salome an Quercia's Taufbrunnen in San

Giovanni zu Siena (1427; ähnliches Relief in Marmor im Museum zu Lille)

hatte Donatello zuerst sein außerordentliches Talent für die Komposition

figurenreicher Darstellungen in Anordnung, Perspektive, Reliefstil und

vor Allem in der dramatischen Belebung des Motivs zeigen können. Auch

sind diese Arbeiten (namentlich auch die Bronzestatuetten an demselben

Brunnen) wie verschiedene nach ihrer Verwandtschaft der gleichen Zeit

einzureihende Monumente (das große bemalte Steinrelief der Verkündigung

in Sa. Croce, die Engel mit dem Leichnam Christi und das kleine

Stuckrelief der Madonna mit Heiligen und spielenden Engeln im

S. Kensington Museum) ausgezeichnet durch ungewöhnlichen Schönheitssinn

in den Typen wie in der Haltung und Gewandung, der sich mit einem hohen

Ernste paart. Das Berliner Museum besitzt verschiedene Arbeiten, welche

die charakteristischen Merkmale dieser Zeit tragen, vorwiegend

Madonnenreliefs. Eigenhändig ist, nach der meisterhaften Behandlung, das

große Marmorrelief der Madonna aus Casa Pazzi (No. 39), wohl die

früheste dieser Arbeiten. Ein zweites Marmorrelief (No. 42), aus

Palazzo Orlandini, zeigt dagegen in der Ausführung die Hand eines

Schülers. Dasselbe gilt von einem Thonrelief (No. 43), der Nachbildung

eines Schülers nach einer verschollenen, auch in Plaketten (No. 700)

erhaltenen Komposition Donatello's aus dieser Zeit. Wichtiger noch ist

ein Marmorrelief der Stäupung Christi (39a), das in der Komposition eine

Vorahnung des bekannten Fresko von Sebastiano del Piombo ist und in der

Behandlung des Nackten schon Michelangelo nahekommt.

Im Jahre 1432 wurde Donatello aus einer untergeordneten Veranlassung

nach Rom gerufen. Der Aufenthalt hier, der sich bis in das folgende Jahr

ausdehnte, wurde von bestimmender Bedeutung für seine Entwicklung. Nach

diesem (allein beglaubigten) Aufenthalt in Rom läßt sich ein besonders

energisches Studium der Antike in seinen Werken verfolgen; freilich

äußert sich dasselbe weniger in der Form wie in den Motiven. So ist in

dem großen Tabernakel im St. Peter zu Rom, welches er an Ort und Stelle

neben einer Grabplatte in Araceli und einem Relief der Schlüsselübergabe

(jetzt im South Kensington Museum) ausführte, das Relief der Beweinung

Christi in engem Anschluß an römische Sarkophagdarstellungen komponiert.

Nach den antiken Genien bildet er seine Putten um, mit denen er jetzt

seine Kompositionen in reicher Fülle belebt. Zeigt sich dies schon an

jenem Tabernakel, so kommt die neue Auffassung noch stärker bei der

Vollendung der (seit 1428) wieder in Gemeinschaft mit Michelozzo und

Portigiani ausgeführten Reliefs mit tanzenden Engeln an der Außenkanzel

des Domes in Prato zur Geltung. Vor Allem kommt sie aber zur Geltung in

den ähnlichen Motiven an der berühmten Florentiner Domkanzel

(1433-1440), in der Bronzefigur des Amor, welche er in unmittelbarem

Anschluß und Wetteifer mit der Antike für Cosimo de' Medici modellierte,

und in den Steinmedaillons des Mediceerpalastes, die er nach Kameen in

Cosimo's Besitz ausführen ließ; sämtlich Arbeiten, die wahrscheinlich in

den ersten Jahren nach seiner Rückkehr aus Rom entstanden. Ein

charakteristisches Beispiel dafür, wie Donatello in dieser Zeit antike

Motive zu ganz eigenen lebensvollen Kompositionen gestaltete, hat das

Berliner Museum in einem kleinen Bronzerelief mit spielenden Putten (No.

698) aufzuweisen.

[Abbildung: 39A. Bemaltes Thonrelief der Madonna von Donatello.]

Auf die erste Zeit nach der Rückkehr aus Rom geht wohl auch eine zweite

für Cosimo ausgeführte Bronzestatue des David im Bargello zurück, die

erste Statue der Renaissance, in der ein nackter jugendlicher Körper mit

ähnlicher Frische und in der vornehmen Ruhe, wie in der Blütezeit der

griechischen Kunst wiedergegeben ist. Durch denselben Gönner erhielt

Donatello um diese Zeit auch den Auftrag zur Ausschmückung der Sakristei

von San Lorenzo, die sein Freund Brunellesco eben vollendet hatte. Die

Büste des hl. Lorenz, vier große Medaillons mit reichen Kompositionen

an der Wölbung, die vier Evangelisten in den Zwickeln, zwei Reliefs mit

je zwei einzelnen Heiligen, sowie die beiden Bronzethüren sind hier von

Donatello's Hand und wurden wohl sämtlich noch vor seiner Abreise nach

Padua vollendet.

[Abbildung: 38A. Bemalte Thonbüste des Johannes von Donatello.]

Bei der Herstellung der Modelle für seine Bronzearbeiten, sowie bei den

Skizzen für die Werke, welche Gehülfen ausführten, hatte Donatello

Freude am Arbeiten in Thon bekommen, das ihm rasch von der Hand ging,

seine Gedanken in voller Frische zum Ausdruck brachte und reiche

Bemalung, wie er sie liebte, ermöglichte. In der Sakristei von San

Lorenzo führte er daher alle Dekorationen der Decken und Wände in Thon

aus. Gleichzeitig modellierte er in demselben Material eine Reihe von

größeren Madonnenreliefs und Büsten. Die Berliner Sammlung besitzt eines

dieser Madonnenreliefs, überlebensgroße Figuren, die durch ihre beinahe

tadellos erhaltene prachtvolle Bemalung und Vergoldung ausgezeichnet

sind (No. 39A). Auch hat das Museum in der bemalten Thonbüste des

jugendlichen Johannes (No. 38A) eine den berühmten Büsten des Uzzano im

Bargello und einer unbekannten Frau im South Kensington Museum in

Auffassung und Behandlung nahe verwandte Werk aufzuweisen. Das

Stuckrelief No. 46 (wohl eine verkleinerte Nachbildung der Zeit) bietet

eine andere der besonders groß empfundenen Madonnenkompositionen dieser

Epoche des Künstlers, von denen das Louvre und das Kensington Museum

gleichfalls einige treffliche Beispiele besitzen.

[Abbildung: 46. Stuckrelief der Madonna von Donatello.]

Alle diese etwa im Anfange der vierziger Jahre entstandenen Arbeiten,

denen wohl auch die merkwürdige Bronzegruppe der Judith in der Loggia

de' Lanzi zu Florenz zuzuzählen ist, zeigen Donatello auf der Höhe der

dramatischen Auffassung, in voller Beherrschung und freier

künstlerischer Ausgestaltung jener inneren Erregung, die auch in der

Einzelfigur so mächtig und doch so maßvoll sich ausdrückt; sie zeigen

ihn zugleich auch in der formalen Durchbildung der Gestalt als vollen

Meister, der sein Können mit feiner Mäßigung und vornehmem Geschmack zur

Geltung bringt. Die Arbeiten dieser Zeit und die der folgenden Jahre,

die ihnen eng verwandt sind, bezeichnen wohl den Höhepunkt der Kunst

Donatello's und der ganzen Frührenaissance.

[Abbildung: Reiterstatue des Gattamelata von Donatello in Padua.]

Im Jahre 1443 wurde Donatello zu einer Aufgabe berufen, die, wie für ihn

selbst, so auch für die Entwickelung der Renaissancekunst überhaupt ein

neuer großer Schritt wurde: das bronzene Reiterdenkmal des in Padua

verstorbenen venezianischen Condottiere Gattamelata, zu dessen

Ausführung der Künstler 1444 nach Padua übersiedelte. Nahezu ein

Jahrzehnt verging über dieser Arbeit, in deren Pausen Donatello u. a.

den reichen Bronzeschmuck für den Hochaltar des Santo anfertigte: das

Krucifix und fünf Statuen, die Evangelistensymbole, vier Reliefs mit

Wundern des hl. Antonius und zwölf Tafeln mit musizierenden Engeln,

endlich ein großes Grablegungsrelief in Thon. Die Reiterstatue ist nicht

nur als das erste Werk dieser Art seit dem Altertum von epochemachender

Bedeutung, sondern an sich durch die Lebenswahrheit in Roß und Reiter,

durch die Art, wie der Künstler in der ganz individuellen und vornehmen

Gestalt des Gattamelata den Heerführer, den Schlachtenlenker als solchen

dargestellt hat, eines der großartigsten Monumente aller Zeiten. Unter

den Bronzen des Hochaltars, welche meist durch die Mitarbeit von zum

Teil sehr untergeordneten Gehülfen mehr oder weniger stark

beeinträchtigt sind, gehören doch einzelne der Statuen, namentlich das

Krucifix, sowie die große Grablegung und die vier figurenreichen Reliefs

mit den Wundern des hl. Antonius, zu Donatello's besten Leistungen;

letztere ganz besonders durch die dramatische Gestaltung der schwierigen

Motive, die klare Gruppierung der zahlreichen Figuren, die geschickte

perspektivische Anordnung im Raum, die Mannigfaltigkeit der Gestalten

und ihre Durchbildung. Durch diese Thätigkeit in Padua hat Donatello

nicht nur die Plastik, sondern (durch seinen Einfluß auf Mantegna) auch

die Malerei in Norditalien in neue Bahnen gelenkt.

Die Berliner Sammlung besitzt aus dieser Zeit seines Aufenthalts in

Padua neben dem kleinen Bronzerelief der Stäupung Christi (No. 699) eine

größere Bronzearbeit Donatello's: die durch ihre ungeschminkte Wahrheit

überraschende Büste des kunstsinnigen Markgrafen Ludwig III. von Mantua

(No. 40), die wahrscheinlich, gleich einer ähnlichen Büste desselben

Mannes, im Besitz von M. E. André in Paris, als Vorarbeit für ein

Reiterdenkmal dieses Fürsten entstand, als Donatello im Jahre 1450/51

für ihn in Mantua beschäftigt war. Zu der Ausführung eines solchen

Denkmals (über das jedoch keine urkundliche Nachrichten erhalten sind)

ist es freilich ebenso wenig gekommen, wie zu dem Reitermonument des

Borso d'Este, welches dem Künstler gleichzeitig für Modena in Auftrag

gegeben war.

[Abbildung: Bronzerelief am Hochaltar im Santo zu Padua von Donatello.]

Nach Florenz zurückgekehrt, hat Donatello trotz seines Alters, noch eine

Reihe bedeutender Arbeiten geschaffen, wenn er auch deren Ausführung

jetzt meist Schülern überlassen mußte. Zunächst ging er (1457) an die

Ausführung einer Aufgabe, die ihm schon Jahrzehnte früher gestellt

worden war: die Bronzestatue des Täufers für die Taufkapelle des Domes

von Siena, wohl die großartigste, wenn auch die herbste unter den

zahlreichen Gestalten dieses Heiligen, welche wir seiner Hand verdanken.

Etwa gleichzeitig entstand die verwandte Holzstatue des hl. Hieronymus

in der Pinakothek zu Faenza. Die köstliche Thonskizze eines Altars mit

der Stäupung und der Kreuzigung Christi im Kensington Museum und eine

kleine verwandte Skizze der Kreuzigung, die nur durch eine schadhafte

Stucknachbildung in unserem Museum (No. 41) erhalten ist, erscheinen wie

Vorarbeiten zu der letzten großen That seines Lebens, zu den beiden

Bronzekanzeln, welche Donatello für Cosimo in San Lorenzo ausführte. Von

der Hand seiner Schüler Bertoldo und Bellano in wenig glücklicher Weise

vollendet und ciseliert, ungeschickt und mit rohen Einsätzen erst in

später Zeit zusammengestellt, sind doch die meisten dieser Kompositionen

aus der Passion Christi ausgezeichnet, sowohl durch die malerische

Wiedergabe der sehr figurreichen Scenen, wie durch die dramatische

Schilderung tief erregter Leidenschaften, mit denen die heiteren Motive

aus dem Kinderleben im Fries in glücklichster Weise kontrastieren.

Freilich verraten die unruhige Gewandung, die eckigen Falten, die wie

geknittertes Papier erscheinen, und die flache Reliefbehandlung (das

»gebackene« Relief) die bis zur Manier gesteigerte Gewohnheit, im Thon

mit dem Modellierholz zu arbeiten.

* * * * *

[Abbildung: 40. Bronzebüste des Lodovico III. Gonzaga von Donatello.]

Als Donatello 1466 im Alter von 80 Jahren starb, hatte er die Plastik

Italiens völlig neu gestaltet und indirekt auch auf die Entwickelung der

Malerei Einfluß geübt. Der unbestechliche Ernst seines Naturstudiums,

seine treffende, ehrliche Charakteristik, sein Talent der dramatischen

Schilderung, seine Art der plastischen Behandlung hatten auf die meisten

Altersgenossen, hatten zumal auf alle jüngeren Künstler bestimmend

eingewirkt. Daß sie ihm fast alle in ihrer Weise folgten, daß Jeder

Neues und Großes schuf, ist nicht der geringste Triumph der

Kunstrichtung des Donatello.

[Abbildung: 49. Madonnenrelief von Donatello.]

Unter Donatello's Nachfolgern sind seine Mitarbeiter meist von

geringerer Begabung; sie ahmen ihr Vorbild nur zu oft in den

Äußerlichkeiten nach, die sie zur Karikatur übertreiben. Dies gilt

namentlich von einigen uns dem Namen nach noch nicht bekannten

Bildhauern, die anscheinend in den dreißiger und vierziger Jahren zu

Donatello in Beziehung standen, und die uns bisher namentlich durch eine

Reihe von Madonnenreliefs bekannt sind. Der älteste unter diesen

Künstlern, der regelmäßig in Marmor arbeitete (wie gleichzeitig sein

Lehrer), ist besonders stark karikierend und auffallend ungeschickt in

den Verhältnissen seiner Figuren, die abschreckend häßliche Typen

zeigen. Das große Madonnenrelief in der Mediceerkapelle von S. Croce

bietet ein besonders charakteristisches Werk, dem andere Madonnen im

Kensington Museum und in unserer Sammlung (No. 44, sowie das Stuckrelief

No. 45, dessen Marmor-Original bei M. E. André zu Paris) eng verwandt

sind. Vielleicht ist auch das große Madonnenrelief über einem

Seitenportal des Domes in Siena von seiner Hand. Interesse bietet dieser

Künstler nur dadurch, daß fast alle seine Arbeiten mehr oder weniger

treue Nachbildungen von Kompositionen Donatello's zu sein scheinen, die

uns meist nicht mehr erhalten sind. Wahrscheinlich ist dieser Unbekannte

der Gehülfe, der Donatello's mythologische Kompositionen im Hof des Pal.

Medici in Marmor ausführte. Ein jüngerer und begabterer Nachfolger

verwandter Richtung, dessen Madonnenreliefs charakteristischerweise in

Thon ausgeführt sind, ist der Künstler, der die Madonna in einem

Tabernakel in Via Pietra Piana zu Florenz modellierte. Von seiner Hand

ist in der Berliner Sammlung vielleicht das Thonrelief der Madonna mit

dem stehenden Kinde (No. 50); verwandt ist auch das kleinere

Madonnenrelief (No. 54) und namentlich die bedeutendere Anbetung des

Kindes (No. 47).

[Abbildung: 60A. Madonnenrelief von einem Nachfolger Donatello's.]

Selbständiger als diese sind die früheren Mitarbeiter Donatello's;

zunächst der seit 1421 an den Statuen des Campanile neben und mit

Donatello zusammen thätige _Giovanni di Bartolo_, gen. _Rosso_ (gest.

nach 1451). Während der Künstler sich in diesen Statuen unmittelbar an

gleichzeitige Arbeiten Donatello's anlehnt, ist er in seinem Grabmal

Brenzoni in Verona eigenartiger, aber in der Formgebung noch stärker vom

Trecento beeinflußt.

[Abbildung: 59. Stuckrelief der Madonna mit Engeln von Ag. di Duccio.]

_Michelozzo Michelozzi_ (1391-1472), in erster Linie Architekt, aber

wegen seiner hohen technischen Begabung von den florentiner Bildhauern

namentlich zur Ausführung ihrer Erzgüsse herangezogen, hat mit Donatello

gleichfalls seit dem Anfange der zwanziger Jahre bis zu seiner

langjährigen Entfernung von Florenz zusammen gearbeitet. Die drei großen

Marmorgrabmäler (vgl. S. 59) sind im Wesentlichen von seiner Hand

ausgeführt, wohl auch in ihrem Aufbau von ihm entworfen. Aus dem

Vergleich mit den reichen Bildwerken an diesen Monumenten lassen sich

dem Michelozzo auch vereinzelte kleinere Bildwerke zuweisen, wie die

Statue des Täufers in einem Hofe der Annunziata (der beglaubigten

Statuette am Silberaltar in der Opera del Duomo ganz entsprechend) und

verschiedene Madonnenreliefs, von denen sich das schönste, in Thon

modelliert und mit tadellos erhaltener wirkungsvoller Bemalung, in der

Berliner Sammlung befindet (No. 58). Auch ein bemaltes Stuckrelief im

Rund (No. 58A) giebt wohl eine ältere Komposition des Michelozzo wieder.

In reicheren, bewegten Kompositionen völlig ungenügend, ist der Künstler

in seinen Einzelgestalten, den Freifiguren wie Reliefs, von einer den

Architekten verratenden vornehmen Ruhe, von großem Wurf der Gewänder,

von ernster, gelegentlich selbst großer Auffassung, Freilich meist ohne

volle Belebung; daher erscheint er leicht nüchtern und einförmig.

Charakteristisch ist für den Künstler das starke Halbrelief.

Der Gehülfe Michelozzo's in jenen mit Donatello gemeinsam übernommenen

Monumenten, _Pagno di Lapo Portigiani_ (1406-1470) ist ein ebenso

handwerksmäßiger Bildhauer, wie ein anderer Gehülfe Donatello's, der den

Marmoraltar in der Sakristei von San Lorenzo ausführte. Auch _Buggiano_

(Andrea di Lazzaro Cavalcanti, 1412-1462), der Schüler und Adoptivsohn

Brunellesco's, ist in seinen Marmorarbeiten, namentlich in den beiden

Sakristeibrunnen im Dom, ein derber Nachfolger Donatello's. Ein etwas

jüngerer Künstler, _Agostino di Duccio_ (1418 bis nach 1481), hat durch

sein unstätes Leben in der Verbannung früh die Kunstweise seines

Meisters außerhalb Toscana's verbreitet. In Modena, in Rimini (der

reiche Innenschmuck von San Francesco), in Perugia hat er eine sehr

umfangreiche bildnerische Thätigkeit entfaltet. Ohne Sinn für feinere

naturalistische Durchbildung, in der Ausführung regelmäßig flüchtig, in

seinen überschlanken Gestalten mit den zahlreichen langen und zierlichen

Falten der Gewänder oft geradezu manieriert, besitzt der Künstler doch

einen eigentümlichen Reiz durch die reiche phantastische Erfindung, die

lebendige und zuweilen selbst packende Auffassungsweise, den pikanten

Wechsel zwischen kräftigem Hochrelief und malerischem Flachrelief. Das

in letzterer Weise behandelte Stuckrelief im Berliner Museum: die

Madonna mit dem Kinde, welches Engel bedienen (No. 59), ist ein ebenso

charakteristisches wie anziehendes Beispiel der Kunst des Agostino; es

ist nahe verwandt einem Marmorrelief mit dem gleichen Motiv im Museo

dell' Opera zu Florenz und einem zweiten Madonnenrelief in einer Kirche

in Frankreich.

Ein dem Namen nach bisher unbekannter Nachfolger Donatello's, der

selbständigste und weitaus bedeutendste unter ihnen, ist dadurch von

besonderem Interesse, daß er in seiner genrehaften Darstellung des

Kindes bis zur Ausführung wirklicher Genregruppen geht: meist streitende

Kinder von derben häßlichen Formen (No. 106D). In seinen

Madonnenstatuetten ist das Christkind ebenso bäurisch in Form und

Benehmen, die Mutter dagegen auffallend lieblich (No. 106B) oder selbst

großartig in Bewegung wie in Ausdruck und Gewandung (No. 106E). Größere

Werke dieses originellen Künstlers haben sich bisher nicht nachweisen

lassen.

* * * * *

[Abbildung: 106B. Thonstatuette der Madonna von einem

Donatello-Nachfolger.]

Donatello's derber Naturalismus würde vielleicht, wie wir an den meisten

der genannten Schüler und Nachfolger sehen, die Entwickelung der

florentiner Plastik in eine allzu naturalistische, über dem Streben nach

Originalität und Wahrheit die Rücksicht auf Schönheit und Maß

vergessende Richtung gedrängt haben, wenn nicht ein jüngerer Künstler in

seiner außerordentlich langen und fruchtbaren Laufbahn gerade diese

Eigenschaften in seinen Bildwerken mit besonderem Glück und Energie

gepflegt hätte. _Luca della Robbia_ (1399-1482), der -- soviel wir

wissen -- nur in seinem Neffen Andrea einen Schüler groß zog, hat gerade

durch jene Eigenschaften auf die Weiterentwickelung der Florentiner

Plastik, insbesondere auf die jüngeren, von Donatello abhängigen

Künstler einen günstigen Einfluß geübt. Berühmt und schon in seiner Zeit

außerordentlich populär durch die Erfindung, bemalte Thonbildwerke mit

einer wetterbeständigen Glasur zu überziehen, ist er ebenso geschickt

und ebenso häufig in Marmor- wie in Bronzearbeiten beschäftigt gewesen.

Die berühmten Reliefs mit den singenden und spielenden Kindern an der

zweiten Sängertribüne des Domes, welche zwischen 1431 und 1440

entstanden, die im Jahre 1437 bestellten Reliefs an der Rückseite des

Campanile, ein Paar gleichzeitige (unfertig gebliebene) Reliefs für

einen Altar des Domes (jetzt im Bargello), sowie, in ihren wesentlichen

Teilen, das Tabernakel in Peretola (1442) und das Grabmal des Bischofs

Federighi in S. Francesco di Paola (bestellt 1456) sind Arbeiten des

Luca in Marmor; und in den Thüren der Domsakristei, welche ihm 1446 in

Auftrag gegeben wurden (erst 1467 vollendet), besitzen wir eine der

trefflichsten Bronzearbeiten des Quattrocento. Von den fast zahllosen

glasierten Thonbildwerken, die dem Luca in und außerhalb Italiens

zugeschrieben werden, sind die berühmten Thürlünetten über den

Sakristeien des Domes in Florenz (1443 und 1446), die Engel mit den

Kandelabern ebenda (1448), die Portallünette in San Domenico zu Urbino

(um 1450) urkundlich beglaubigte Arbeiten Luca's; auch die Reliefs in

der Pazzi-Kapelle bei Sa. Croce und in der Kapelle des Kardinals von

Portugal in San Miniato lassen sich, nach der Zeit ihrer Entstehung, nur

Luca zuschreiben. Die künstlerische Eigenart, die in allen diesen

Arbeiten scharf ausgesprochen ist, läßt durch den übereinstimmenden

Charakter außerdem noch eine beträchtliche Zahl von glasierten wie

unglasierten Thonbildwerken und Stuckreliefs in Florenz wie in den

Sammlungen außerhalb Italiens als Werke Luca's erkennen.

[Abbildung: 106E. Bemalte Thonstatuette der Madonna von einem

Nachfolger Donatello's]

In allen diesen Arbeiten steht Luca zwischen seinen älteren Zeitgenossen

Ghiberti und Donatello etwa in der Mitte: mit Ghiberti hat er den

Geschmack in der Anordnung, den hohen Schönheitssinn, den leichten Fluß

der vollen Gewandung gemeinsam; dem Donatello steht er im Ernst der

Naturbeobachtung, in der frischen und lebensvollen Charakteristik nahe,

welche er nicht am wenigsten dessen Vorbilde verdankt. Das feine

Maßhalten im Relief (in der Regel ein Halbrelief), die Schönheit seiner

Gestalten und der vornehme Ernst in Ausdruck und Haltung bringen den

Künstler der klassischen griechischen Kunst ganz nahe. Aber diese

Verwandtschaft beruht keineswegs auf einem intimen Studium oder gar auf

Nachahmung der Antike, der Luca unter seinen Zeitgenossen besonders fern

gestanden zu haben scheint: sie ist vielmehr der Ausfluß einer

verwandten künstlerischen Anschauungsweise und verbindet sich bei ihm

mit einem völlig eigenartigen und frischen Naturalismus. Seine

Kompositionen, seine einzelnen Gestalten erscheinen daher, so wenig

Abwechselung ihm auch die meisten Aufgaben boten, stets neu und

lebenswahr.

[Abbildung: 114. Stuckrelief der Madonna mit Heiligen von Luca della

Robbia.]

Den besten Beweis dafür bieten die Arbeiten des Künstlers in der

Berliner Sammlung; verschiedene Originalarbeiten in glasiertem oder

unglasiertem Thon, sowie eine größere Zahl von Stucknachbildungen, die

als Wiederholungen von verlorenen oder verschollenen Originalen einen

besonderen Wert haben. Die Mehrzahl dieser Bildwerke zeigt ein und

dasselbe Motiv: Maria mit dem Kinde, allein oder inmitten andächtiger

Engel oder verehrender Heiliger. Während die größeren Madonnenreliefs,

namentlich die meisten Lünetten Luca's, als Andachtsbilder gedacht sind

und daher Maria ernst und hehr als Gottesmutter und das Kind als das

seiner Mission bewußte Christkind aufgefaßt ist, kommt in diesen

Mariendarstellungen der Berliner Sammlung die rein menschliche

Auffassung zur Geltung. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist in den

mannigfachsten, köstlichsten Situationen der Natur abgelauscht, und mit

einer Frische und Lebendigkeit, mit einer Innigkeit und einem

Schönheitssinn, gelegentlich auch mit einem Anflug von Humor zur

Darstellung gebracht, wie kein zweiter Künstler dasselbe wiedergegeben

hat. Selbst Raphaels gefeierte Madonnen zeigen daneben kaum Ein neues

Motiv und stehen in Frische und Naivetät entschieden hinter Luca's

Kompositionen zurück.

[Abbildung: 116A. Glasiertes Thonrelief der Madonna von Luca della

Robbia.]

Die Italienische Plastik · 第 6 / 16 段