Am Ausgange des XIV. Jahrh. stellt sich die Plastik in ganz Italien in

sehr unvorteilhafter Weise als ein gedankenloses Ausleben der Richtung

der jüngeren Pisani dar, der jedes ernstere Naturstudium, jede naive

Anschauung fehlte. Erst um die Wende des Jahrhunderts macht sich in

Florenz ein frischer naturalistischer Zug in dekorativen Arbeiten,

namentlich an den Domthüren geltend. Tritt derselbe in den Laibungen des

Südportals, die zwischen den Jahren 1386 und 1402 von einem _Piero di

Giovanni Tedesco_ gearbeitet wurden, in den spielenden nackten Engeln

zwischen naturalistischem Rankenwerk, noch befangen und selbst

ungeschickt zu Tage, so ist in den Laibungen des Nordportals, welches

1408 von _Niccolo d'Arezzo_ begonnen und von _Antonio di Banco_ (unter

Beihülfe seines Sohnes _Giovanni_) beendet wurde, sowohl in der

Durchbildung der Ornamente wie der Figürchen darin eine Wiedergeburt

aufs Entschiedenste angestrebt, freilich auf Grundlage der gotischen

Formen und der Entwickelung des Trecento. Während daher die lebensgroßen

Figuren derselben Künstler (besonders im Dom zu Florenz) noch

altertümlich und befangen erscheinen, sind ihre kleinen Figuren durch

die geschmackvolle Anordnung, zarte Empfindung und zierliche

Durchführung schon fast modern im Sinne des Quattrocento.

Den Höhepunkt dieser in enger Beziehung zum Trecento stehenden und davon

abhängigen Richtung der florentiner Plastik des Quattrocento bezeichnet

_Lorenzo (di Cione) Ghiberti_ (1378-1455). Beurteilt man diesen

gefeierten Meister der Plastik vom einseitigen Standpunkt des

Naturalismus und mit Rücksicht auf die Bedeutung, die er für die

Entwickelung der Renaissancekunst gehabt hat, so wird man zu einer

einseitigen Verurteilung des Künstlers gelangen. Verglichen namentlich

mit seinem jüngeren Nebenbuhler Donatello erscheint Ghiberti leer und

oberflächlich in den Formen, gesucht und theatralisch in Komposition,

Bewegung und Ausdruck, unruhig und beinahe stillos in seiner

Reliefbehandlung, namentlich an der späteren Bronzethür. Aber dem Mangel

an Naivetät und an Ernst des Naturstudiums stehen doch hervorragende

künstlerische Eigenschaften gegenüber: Reichtum der Phantasie, hoher

Schönheitssinn, Großartigkeit der Auffassung, Schwung in der Bewegung

und Meisterschaft der Komposition, durch welche Ghiberti trotz jener

Schwächen als der größte unter den Bildnern dasteht, welche aus der

Kunst des Trecento in die des Quattrocento überleiten. Seine Fehler

treten am stärksten hervor in großen Einzelfiguren, wie in den drei

bronzenen Kolossalfiguren an Or San Michele (ausgeführt zwischen den

Jahren 1414 und 1428); und doch sind auch diese entweder durch die

Großartigkeit der Bewegung, wie der Matthäus, oder durch die Vornehmheit

der Empfindung, wie die Gestalt des Stephanus, ausgezeichnet. Am

glücklichsten zeigt sich das Talent des Künstlers in Kompositionen mit

kleinen Figuren, namentlich wenn er sich darin seine Vorgänger aus dem

Trecento zum Vorbilde nimmt. Der bei dem Auftrag auf seine erste Thür

(1403, vollendet 1424) geforderte Anschluß an die Bronzethür des Andrea

Pisano legte dem jungen Ghiberti in Form, Komposition und Reliefstil der

einzelnen Füllungen eine Beschränkung auf, innerhalb welcher seine Größe

in Auffassung und Anordnung, sein Pathos, die Schönheit und Vornehmheit

seiner Gestalten zu voller, ungestörter Entfaltung kommen konnten.

Ähnliche Vorzüge haben auch seine beiden Kompositionen am Taufbrunnen in

San Giovanni zu Siena (1417-1427) und selbst noch die Reliefs an der

1440 gegossenen Graburne des hl. Zenobius im Dom zu Florenz. In der

zweiten Bronzethür, welche Ghiberti zwischen den Jahren 1424 und 1452

für das Battistero in Florenz ausführte, in den berühmten »Pforten des

Paradieses«, ist schon der architektonische Aufbau nicht glücklich;

namentlich leiden aber die einzelnen Kompositionen an Überfüllung und an

einer malerischen Behandlung der Reliefs, welche von beinahe

freistehenden Figuren vorn bis zu ganz flach behandelten Scenen im

Hintergrunde mit reicher landschaftlicher Umgebung sich abstufen. Ein

Vergleich mit den Bronzethüren des Luca della Robbia im Dom und mit den

kleinen unscheinbaren Thüren Donatello's in der Sakristei von San

Lorenzo zu Florenz, die etwa gleichzeitig entstanden, läßt die Schwächen

dieser Arbeit Ghiberti's in monumentaler wie in plastischer Wirkung

doppelt stark empfinden. Doch sind auch hier in der Erfindung, in

manchen Gruppen, in den Einzelfiguren und Köpfen der Einrahmung

hervorragende Schönheiten.

Für Ghiberti's Stellung zwischen der Kunst des Trecento und des

Quattrocento, welche ihn mehr als den Abschluß des ersteren wie als

Vorläufer oder gar als Bahnbrecher der letzteren erscheinen läßt, ist es

charakteristisch, daß er fast gar keinen Einfluß auf die Entwickelung

der Kunst in Florenz gehabt, daß er trotz zahlreicher Mitarbeiter keine

Schule gemacht hat. Selbst sein Sohn Vittorio, bis zu des Vaters Tode

dessen Mitarbeiter, geht in den selbständigen Werken seine eigenen Wege.

Neben Ghiberti hat eine kleine Gruppe von gleichzeitigen florentiner

Bildhauern, die ihrem Namen nach meist noch unbekannt sind, in ihrer

Stellung zwischen der älteren und der neuen Zeit eine verwandte, eigene

Bedeutung. Während sie dem Ghiberti an Phantasie und schöpferischem

Talent weit nachstehen, in der naturalistischen Durchbildung oft noch

hinter ihm zurückbleiben und in ihrer Ornamentik an den überlieferten

gotischen Formen festhalten, die sie in barocker Weise ausbilden, zeigen

sie doch gerade in der Auffassung einen modernen naturalistischen Zug,

der Ghiberti noch abgeht. Ihre einfachen Kompositionen oder

Einzelfiguren sind durch Naivetät und Natürlichkeit der Empfindung

ausgezeichnet; namentlich in der Madonna, die außerordentlich häufig von

ihnen dargestellt ist, bringen sie das rein menschliche Verhältnis von

Mutter und Kind mit eben so viel Einfachheit wie Zartheit der Empfindung

zum Ausdruck. Mit ihrer Auffassungsweise sind sie offenbar der

Anschauung des Volkes entgegengekommen; dies beweist schon der Umstand,

daß sie regelmäßig den billigen Thon zur Ausführung ihrer Werke wählen,

und daß gerade durch ihre Arbeiten sich als häuslicher Andachtsgegenstand

der Florentiner das Madonnenrelief, an Stelle des Madonnenbildes im

Trecento, einbürgert. In diesen Madonnenreliefs, die, in bemaltem Thon

oder Stuck ausgeführt, auch dem wenig bemittelten Bürger zugänglich

waren, sind die häuslichen Bürgertugenden des Florentiners dieser Zeit:

Keuschheit und Liebe zwischen Eltern und Kindern, in der edelsten Weise

verklärt zum Ausdruck gebracht.

[Abbildung: 108A. Bemalter Thonaltar vom Meister der Pellegrinikapelle.]

Während die Berliner Sammlung von Ghiberti, der außerhalb Toskana

überhaupt fehlt, und von den vorher genannten Künstlern keine Werke

aufzuweisen hat, sind diese florentiner »Thonbildner« besonders reich

und gut vertreten, so daß sich die verschiedenen Künstler dieser Gruppe

nirgends besser als in Berlin in ihrer Eigenart unterscheiden lassen.

[Abbildung: 109D. Bemaltes Stuckrelief von einem florentiner

Thonbildner.]

Am altertümlichsten und zugleich am befangensten erscheint ein Künstler,

der besonders häufig vorkommt und in Norditalien, in Sta. Anastasia zu

Verona, im Dom zu Modena und in Venedig eine bedeutendere Thätigkeit

entwickelt hat. Schon in seiner architektonischen Umrahmung zeigt er

eine eigentümlich barocke Mischung plumper gotischer und schlecht

verstandener Renaissanceformen. Die unsichere, ausgeschwungene Haltung

seiner Figuren, die kleinen Köpfe, die langen Falten der schweren Stoffe

mit ihren Schnörkeln, wo sie auf den Boden aufstoßen, die mangelhafte

Durchbildung, namentlich die knochen- und gelenklose Bildung der Körper

verraten einen Bildner, der in den Traditionen des Trecento aufgewachsen

ist und nicht eigene Kraft genug hat, sich von ihnen los zu machen. Die

große vorspringende Stirn, die überstehende Oberlippe, das kleine

zurücktretende Kinn und der treuherzige Ausdruck der tiefliegenden

Augen sind die bezeichnenden Züge seiner Köpfe, die ihn ebenso leicht

erkennen lassen, wie seine Ornamente und seine Gewandgebung. Von seiner

Hand besitzt das Berliner Museum einen seiner charakteristischen Altäre

(No. 108), eine Madonnenstatuette (No. 107) und ein oder zwei kleine

Madonnenreliefs (No. 108A und B). In diesen Gruppen von schlichter

Zuständlichkeit entschädigt die Innigkeit der Empfindung für das Fehlen

naturalistischer Durchbildung. Weit geringer erscheint der Künstler aber

in größeren und bewegten Gruppen, wie in den Passionsscenen der

Pellegrinikapelle in Sa. Anastasia zu Verona, seiner umfangreichsten

Arbeit, nach der er als der _Meister der Pellegrinikapelle_ (von Einigen

mit _Rosso_ identificiert, von Andern als _Dello Delli_ bezeichnet)

benannt zu werden pflegt.

[Abbildung: 112A. Bemaltes Relief von einem florentiner Thonbildner.]

Die Richtung dieses Meisters hat mit der des Quercia in Siena manche

Verwandtschaft, weshalb dieser auch gewöhnlich als der Urheber der hier

in Frage kommenden Thonwerke gilt. Aber neben dem Meister der

Pellegrinikapelle sehen wir noch verschiedene florentiner Bildner

dieselbe Richtung verfolgen, und zwar meist freier und naturalistischer.

Von eigenartiger Größe in der Erfindung erscheint ein Künstler, dem die

Maria mit dem schlafenden Kinde (No. 112B) angehört. Ähnlich groß

empfunden ist die Maria, welche das nackte, vor ihr stehende Kind

kitzelt (No. 112A). Einem anderen Meister gehören ein Paar große

Madonnenkompositionen, denen besonders zarte Empfindung und reiche

Gewandung eigentümlich ist (No. 109C und D). Besonders häufig als

Stuckreliefs verbreitet sind verschiedene unter sich nahe verwandte

Madonnen, in denen sich das Kind zärtlich an die Mutter anschmiegt;

alle, wie das nebenstehend abgebildete Relief (No. 109), ausgezeichnet

durch die glückliche Gruppierung von Mutter und Kind, das innige, rein

menschliche Verhältnis zwischen beiden und die einfache, volle

Faltengebung; nur in der Ausführung der Extremitäen, namentlich der

Hände, verrät sich noch ein naturalistisch nicht zu voller Freiheit

durchgebildeter Künstler.

[Abbildung: 109. Bemaltes Stuckrelief von einem florentiner Thonbildner.]

Ein Künstler dieser Gruppe ist _Bicci di Lorenzo_, der 1424 das

Thonrelief der Krönung Mariä über der Thür von S. Egidio in Florenz

modellierte. Wie wenig diese Richtung monumentalen Aufgaben gewachsen

ist, beweist _Bernardo Ciuffagni_ (1385-1456), dessen Evangelist

Matthäus im Dome zu Florenz wie der Josua ebenda, der Jacobus an Or San

Michele und andere Arbeiten charakterlos und ohne naturalistischen Sinn

gebildet sind. Gegenüber diesen Bildnern, die aus der Kunst des Trecento

hervorgehen und mehr oder weniger noch mit ihr zusammenhängen,

kennzeichnen sich der große Bahnbrecher im Gebiete der Architektur

_Filippo Brunelleschi_ (1379 bis 1446) und _Nanni d'Antonio di Banco_ ({~DAGGER~}

1420, nach Vasari im Alter von 47 Jahren) als volle Künstler der

Renaissance: beide studieren mit größtem Eifer die Werke der Antike,

gehen aber zugleich unmittelbar auf die Natur zurück. In den einzigen

beiden beglaubigten Bildwerken des Brunellesco, dem kleinen Bronzerelief

mit dem Opfer Abrahams im Bargello, das er als Konkurrenzarbeit für die

Thür des Battistero ausführte, sowie (wenn auch weniger stark) in dem

Holzkrucifix in Sa. Ma. Novella, bekundet der Künstler bei fast

gotischer Formbehandlung und Faltengebung einen rücksichtslosen, beinahe

genrehaften Naturalismus, dem die religiöse Idee wie die Schönheit der

Komposition und der Figuren fast ganz geopfert sind. Nanni di Banco, der

in seinen Ornamenten nicht über eine naturalistische Durchbildung

spätgotischer Motive hinauskommt, bewahrt dagegen durch ein

ausgesprochenes, an der Antike großgezogenes Schönheitsgefühl in allen

seinen Bildwerken einen gehaltenen Ernst im Ausdruck, schlichte Würde in

der Haltung, einfache Schönheit in seinen stattlichen Gestalten und in

ihrer reichen Gewandung. Unter seinen Marmorstatuen an Or San Michele

giebt der hl. Eligius an vornehmer, gebieterischer Haltung und

Schönheit der Gewandung den besten Figuren Ghiberti's nichts nach; und

das große Relief mit der Gürtelspende Mariä am Nordportal des Domes

(seit 1414 in Arbeit) ist die erste im großen Maßstab gehaltene

Komposition, die im Sinne der Renaissance das Motiv in lebensfrischer

Weise auffaßt und jede Figur bis auf die kleinste Falte treu nach der

Natur durcharbeitet, dabei aber zugleich die Gestalten mit edler

Schönheit ausstattet und ganz mit der Empfindung des feierlichen Moments

erfüllt.

Bei seinen Einzelfiguren gelingt dem Nanni freilich die innere Belebung

nicht immer: der hl. Lucas im Dome und die Gruppe von vier in wenig

glücklicher Weise zusammengestellten Heiligen in einer der Nischen von

Or San Michele, für welche der Künstler antike Togastatuen als Vorbild

genommen hat, erscheinen mit ihren müden Augen und geschlossenen Lippen

etwas unbelebt und verraten auch in der Bildung der Körper, daß sie mehr

nach einer richtigen Empfindung als aus voller Kenntnis des menschlichen

Körpers gearbeitet wurden. In diesem Sinne: in der naturalistischen

Durchbildung, im Studium und der Erkenntnis des Organismus, andererseits

aber auch in der psychologischen Vertiefung und in der

Charakterschilderung ist der eigentliche Schöpfer der Renaissanceplastik

_Donatello_ (Donato di Niccolo di Betto Bardi 1386-1466). Was oben zur

Charakteristik der Plastik des Quattrocento gesagt ist, gilt daher im

vollsten Maße und in erster Linie für ihn. Von Donatello wird uns

erzählt, daß er als Jüngling in Rom mit seinem älteren Freunde

Brunellesco rastlos die antiken Überreste durchsucht und nach ihnen

studiert habe. Ein aufmerksames Studium seiner Werke bestätigt dies in

vollem Maße: kein anderer Künstler hat in seinen Motiven so nach antiken

Vorbildern gesucht und sich, soweit es irgend möglich war, so eng an

dieselben angeschlossen, wie Donatello; aber andererseits hat kein

anderer Künstler so eigenartig diese Studien verarbeitet, steht kaum ein

zweiter der Antike in seiner ganzen Auffassung so fern, wie gerade er.

Donatello ist als Bildhauer -- und er hat sich im Gegensatze zu vielen

seiner Zeitgenossen ausschließlich der Plastik gewidmet -- strenger und

rücksichtsloser Naturalist, ohne jedoch über der Vertiefung in die Natur

den geistigen Inhalt des Kunstwerkes zu vernachlässigen. Körper und

Geist sind ihm, wie in der Natur, unzertrennbar und durch einander

bedingt; der Körper ist ihm das Gefäß für den Geist, das er gerade

deshalb so naturtreu bildet, um den Geist darin um so lebendiger und

überzeugender zum Ausdruck zu bringen. Seine Kenntnis des menschlichen

Körpers geht auf gründliche Studien des Nackten zurück; er erhält sich

aber dabei, im Gegensatz zu Michelangelo, die Naivetät in der Anschauung

der Erscheinung, da er sich noch vom Sezieren fern hält. In dem Ernst

seiner naturalistischen Auffassung geht er so weit, daß ihm die

Gewandung, auf die er eine besondere Sorgfalt verlegt, weder Selbstzweck

(wie z. B. noch bei Nanni di Banco, wo sie den Körper verhüllt) noch

vorwiegend malerisches Ausdrucksmittel ist; vielmehr sucht er in erster

Linie den Körper darunter wiederzugeben und dadurch zu heben. Die

Wiedergabe des Körpers selbst ist aber bei ihm nicht mehr eine naive

Wiedergabe der Oberfläche, sondern sie beruht auf der sicheren

Handhabung des Knochengerüstes. Sie ist andererseits ganz beherrscht

durch die Idee des Kunstwerkes, durch den Charakter, welchen der

Künstler der Einzelfigur zu verleihen sucht, oder durch den Ausdruck des

Geschehens, welchen er in der Gruppe oder dem erzählenden Relief

wiederzugeben bestrebt ist. Die heiligen Motive, die er fast unverändert

von der älteren Kunst übernimmt, schafft er insofern neu, als er sie

durch seinen Naturalismus zu einfach menschlichen Charakteren und

Begebnissen umbildet; andererseits hebt er sie über das Alltägliche

hinaus durch die Größe seiner Auffassung, durch die gewaltige innere

Erregung, die sich in Statuen und Büsten als mühsam verhaltene Kraft

zeigt, in seinen Kompositionen in stärksten Ausbrüchen der Leidenschaft

äußert. Seinen Gestalten wohnt (nach Rumohr's Ausspruch, der sonst dem

Künstler sehr wenig gerecht wird), eine »zuckende Bewegung« inne, die

aber »eine gewisse unsichtbare Spirallinie umgiebt, vor welcher sein

Streben nach Ausladung instinktmäßig in den jedesmal gegebenen

Schwerpunkt zurückweicht«. In seinem Streben, den Charakter der

Persönlichkeit oder einen Typus im schärfsten Lichte zu zeigen, oder die

Situation eines historischen Motivs aufs Äußerste zuzuspitzen, scheut

der Künstler auch vor dem Häßlichen und vor dem Furchtbaren nicht

zurück, aber nur selten verfällt er dabei in Übertreibung. Gerade

dadurch ist sein Vorbild von so außerordentlichem Einflusse, ja

entscheidend für die Entwickelung der Renaissance geworden, die während

des ganzen Quattrocento unter seiner Einwirkung steht.

[Abbildung: Donatello's hl. Georg im Museo Nazionale zu Florenz.]

Donatello hatte das Glück, von vornherein zu monumentalen Aufgaben

herangezogen zu werden. Erst zwanzig Jahre alt, erhielt er im Jahre

1406 den Auftrag, zwei kleine Marmorstatuen jugendlicher Propheten für

das Nordportal des Domes zu fertigen; nachdem er die Probe mit Glück

bestanden hatte, wurde er zu den großen Aufgaben der Dombauhütte, und

bald darauf auch zu der ähnlichen Aufgabe der Ausschmückung von Or San

Michele herangezogen. Als er 1408 die Prophetenstatuetten ablieferte,

erhielt er den Auftrag zu der Marmorstatue des David (jetzt im

Bargello), und noch in demselben Jahre wurde die Kolossalstatue des

sitzenden Johannes für die Fassade bei ihm bestellt (jetzt im Chor). Die

Vollendung dieser Figur (1415) zog sich durch neue und bedeutende

Aufträge in die Länge: 1412 arbeitete der Künstler gleichfalls für den

Dom, die Statue des Josua (unter der irrtümlichen Bezeichnung des Poggio

Bracciolini jetzt im Dom); schon einige Jahre früher entstand der in

Holz geschnitzte Crucifixus in Sa. Croce, und bis zum Jahre 1416

vollendete der Künstler drei große Marmorstatuen für die Nischen von Or

San Michele: Petrus (?), Markus und zuletzt den berühmten Georg. Kaum

hatte Donatello diese Arbeiten abgeliefert, so erfolgte wieder von

Seiten der Dom-Opera ein neuer ähnlicher Auftrag: die Statuen für die

Nischen des Campanile. Im Jahre 1416 wurde die Johannesstatue in Auftrag

gegeben, dann (bis 1426) der Prophet Habakuk, der Jeremias und König

David; und gleichzeitig schuf der Künstler gemeinsam mit dem von ihm

abhängigen Giovanni Rosso den Abraham mit Isaak und den Josua (1421).

Daneben gehen Werke her, für welche die Besteller nicht mehr bekannt

sind: wie die Marmorstatuen des jugendlichen Johannes im Bargello und

die jüngere und vollendetere in Casa Martelli, und die Bronzestatue des

hl. Ludwig innen über dem Hauptportal von Sa. Croce.

[Abbildung: 39a. Marmorrelief der Stäupung Christi von Donatello.]

In dieser ansehnlichen Zahl meist kolossaler statuarischer Arbeiten,

die einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten ausfüllen, liegt eine reiche

Entwickelung des Künstlers beschlossen. In der frühesten Zeit, welche

die Kolossalfigur des Evangelisten Johannes und der hl. Georg am

glänzendsten vertreten, ist das Streben nach Formenschönheit vorwaltend:

schöne regelmäßige Züge, vornehme ruhige Haltung und einfache große

Motive der Faltengebung kennzeichnen alle diese Gestalten, deren inneres

Leben verhalten erscheint, wie unter der Asche glimmende Kohlen. Mit den

Statuen für den Campanile beginnt das Streben nach individueller

Belebung, die im »Zuccone« am weitesten getrieben ist; die Figuren

werden für den hohen Platz perspektivisch gearbeitet; die Köpfe sind

Bildnisse von Zeitgenossen, in ungeschminkter Wahrheit wiedergegeben;

die Gewandung zeigt tiefe Falten von malerischer Wirkung und für die

Haltung ist ein Heraustreten aus jener verhaltenen Ruhe der früheren

Zeit charakteristisch; für einzelne Figuren ist diese Bewegung sogar ein

ausgesprochenes Ausschreiten, wodurch der Künstler zur Freistellung der

Beine gelangt. Der allmähliche Fortschritt im Verständnis der Natur

zeigt sich in der feineren Belebung und individuelleren Durchbildung des

Körpers, in der Bekundung anatomischer Studien, in der Durchbildung der

Extremitäten und in der Betonung der Gelenke.

Die Berliner Sammlung besitzt eine Bronzefigur in halber Lebensgröße,

den Täufer im Mannesalter darstellend (No. 38), die in Haltung,

Gewandung und Durchbildung ein charakteristisches gutes Beispiel von

Donatello's Statuen dieser letzgenannten Gruppe ist. In der That läßt

sich ihre Entstehung mit Wahrscheinlichkeit in das Jahr 1423 setzen.

[Abbildung: 699. Stäupung Christi von Donatello.]

Donatello war durch die Anhäufung großer Aufträge seit dem Anfange der

zwanziger Jahre dazu gezwungen worden, Schüler und Gehülfen zur

Mitarbeit heranzuziehen, was ihm, bei steter Belastung mit neuen

Arbeiten, zur notwendigen Gewohnheit wurde. Doch wurde er dazu teilweise

auch durch die Natur der Aufträge veranlaßt, denn es fehlte ihm die

Erfahrung im Gießen und Ciselieren. Hatte er schon zur Ausführung

verschiedener Statuen am Campanile den Giovanni Rossi herangezogen, so

trat er bald darauf für verschiedene noch umfangreichere Aufgaben mit

dem Architekten und Bildhauer Michelozzo in Verbindung; eine

Gemeinschaft, welche nahezu durch ein Jahrzehnt hindurch für die meisten

Arbeiten des Künstlers bestimmend wurde und seinen architektonischen

Sinn wesentlich läutern half. Donatello's Anteil an diesen Monumenten

ist sehr wahrscheinlich nicht bedeutend und ihr Einfluß auf die

Entwickelung der Kunst des Quattrocento ist ein geringer gewesen. Soweit

wir noch ein Urteil darüber haben (das Monument Aragazzi in

Montepulciano ist nur noch den einzelnen Teilen nach, nicht in seinem

Aufbau bekannt), sind nämlich die drei aus dieser gemeinsamen Arbeit

hervorgegangenen Grabdenkmäler in ihrem Aufbau durch lokale Einflüsse

bestimmt worden: das Monument Papst Johanns XXIII. im Battistero zu

Florenz (um 1424 bis 1427 in Arbeit) durch die Anordnung zwischen zwei

der mächtigen Wandsäulen, und das Grabmal des Kardinals Brancacci in

S. Angelo a Nilo zu Neapel durch die Anlehnung an den vom Trecento

überlieferten Typus der neapolitanischen Grabmonumente (wie das Grabmal

Aragazzi im Dome zu Montepulciano um 1427 und 1428 gearbeitet).

Donatello mag wenigstens für die Denkmäler in Florenz und Neapel der

Entwurf des figürlichen Teils gebühren; an der Ausführung läßt sich nur

die großartige von Michelozzo in Bronze gegossene Grabfigur des Papstes,

sowie das kleine Relief der Himmelfahrt Mariä an dem Sarkophag des

Grabmals in Neapel mit Sicherheit für Donatello in Anspruch nehmen;

alles Andere ist hier, wie in dem 1428 bestellten, keineswegs besonders

originellen Marmorsarkophag des Giovanni de' Medici in der Sakristei zu

S. Lorenzo und bei der Thomasnische an Or San Michele, durch Michelozzo

und untergeordnete Gehülfen, wie Portigiani, ausgeführt.

[Abbildung: 39. Marmorrelief der Madonna von Donatello.]

[Abbildung: 42. Marmorrelief der Madonna von einem Schüler Donatello's.]

Die Italienische Plastik · 第 5 / 16 段