So anspruchslos und konservativ die Plastik des Quattrocento in den

Motiven ist, so mannigfaltig und neu ist sie, dem Trecento gegenüber, im

_Material_, in dem sie ihre Bildwerke ausführt; jedes zugängliche und

brauchbare Material, in dem eine künstlerische Ausführung möglich war,

ist von den Bildhauern des XV. Jahrh. benutzt worden; die Wahl desselben

ist dabei aber vielfach nach der gestellten Aufgabe getroffen und die

Ausführung regelmäßig mit feinem Stilgefühl dem Charakter des Stoffes

entsprechend gemacht worden.

Das häufigste und für vornehmere Aufgaben bevorzugte Material ist nach

wie vor der Marmor. Die seit der Zeit des Niccolo Pisano stark

ausgebeuteten Brüche von Carrara lieferten eine Fülle des schönsten

Marmors, dessen kalter Färbung die italienischen Künstler

(wahrscheinlich durch Einlassen von heißem Wachs) einen warmen

gelblichen Ton zu geben verstanden. Der Marmor wurde als solcher zur

Erscheinung gebracht; nur einzelne Ornamente an den Gewändern, die

Heiligenscheine und Haare wurden noch vergoldet und der Hintergrund des

Reliefs, falls er nicht ein landschaftlicher oder architektonischer war,

erhielt regelmäßig eine graublaue Farbe; reichere Bemalung des Marmors

kommt nur ausnahmsweise und zu dekorativen Zwecken vor. Für die in

Verbindung mit der Architektur arbeitende Plastik wird der Marmor häufig

durch billigeren Stein ersetzt: im Venezianischen und im Herzogtum

Urbino durch den feinen italienischen Kalkstein (für Venedig meist aus

Istrien bezogen und danach als pietra d'Istria bezeichnet), in Florenz

durch den feinkörnigen grünlichgrauen Sandstein aus der Umgebung von

Florenz (unter dem Namen pietra serena bekannt).

Die Bearbeitung des Marmors, wie im Allgemeinen auch der als Ersatz

dafür eintretenden geringeren Steinarten geschah fast ausschließlich

durch verschiedenartige Meißel. Der Bohrer wurde zwar daneben

angewendet, aber man verstand noch nicht, wie im Altertum, denselben

auch lang zu führen; um z. B. eine tiefe Falte zu machen, setzte man ein

Bohrloch neben das andere und meißelte dann die kleinen Zwischenwände

fort (man vergleiche die Marmorstatue des Giovannino von Michelangelo

No. 209). Durch diese verschiedene Behandlungsweise lassen sich die

Arbeiten der Antike und des Quattrocento im Zweifelfalle meist unschwer

auseinander halten. Die Bearbeitung des feinen Kalksteins konnte, bei

der großen Dichtigkeit und Weichheit desselben, wenn er frisch gebrochen

war, in einem vorgeschrittenen Stadium der Arbeit mit Messern oder

messerartigen Instrumenten erfolgen, wodurch eine außerordentliche

Schärfe der Ausführung möglich wurde (vergl. die Büste der Urbiner

Prinzessin, No. 62A, sowie die Pilaster von der Scuola di San Giovanni

in Venedig, No. 169 u. 170). Die Politur, welche die Marmorbildwerke

regelmäßig erhielten, war lange nicht so stark wie im Trecento oder im

späten Altertum, sie wurde aber in der Wirkung verstärkt durch die

Tönung, welche der Marmor zum Schluß erhielt.

Neu, wenn auch nicht als Material, so doch im Umfange und in der Art

seiner Verwendung, ist die _Bronze_. Nach den Arbeiten der

byzantinischen Künstler war die Bronzethür des Andrea Pisano der erste

vereinzelte Versuch eines Bronzegusses im Großen gewesen; im XV. Jahrh.

gewann derselbe eine solche Bedeutung und damit allmählich auch eine

solche künstlerische Ausbildung, daß die Bronze offenbar als das

vornehmste Material für plastische Monumente jeder Art angesehen wurde.

Anfangs auf den Guß von Reliefs beschränkt, wurde die Bronzeplastik bald

auch auf Statuen, Büsten und Werke der Kleinkunst ausgedehnt; und

während in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Statuetten noch voll

gegossen werden mußten und viele Güsse so ungenügend gelangen, daß die

Ciselierung einen hervorragenden Anteil an der Fertigstellung der

Bronzen hatte, sind die späteren Bronzen schon dünn und leicht und, bei

kleineren Bildwerken, häufig à cire perdue gegossen und ganz unciseliert

gelassen. Die Güsse scheinen meist über Wachsmodelle ausgeführt zu sein.

Die Patina wurde, da der Besteller nicht Jahre lang warten wollte, bis

der Einfluß der Luft Patina bildete, regelmäßig künstlich hergestellt,

indem die Bronzen mit einer schwärzlichen pechartigen Masse überzogen

wurden, die wahrscheinlich poliert worden ist. Mit der Zeit ging diese

durch Berührung von den Höhen ab; hier bildete sich dann eine natürliche

Patina, die in Verbindung mit jener künstlichen Patina in den Tiefen mit

ihrem schwärzlichen stumpfen Ton von feiner malerischer Wirkung ist.

Die Freude an der Plastik und das Bedürfnis, alle öffentlichen Bauten

mit Bildwerken auszustatten und selbst das Privathaus damit zu

schmücken, hatte die Ausbildung der kostspieligen Bronzeplastik

hervorgerufen; sie war aber zugleich die Veranlassung, daß die Künstler

sich nach billigen Materialien umschauen mußten, um den Anforderungen

auch der weniger Bemittelten nachkommen zu können. Daher sehen wir jetzt

eine außerordentlich große Zahl von Bildwerken in Holz und namentlich in

Thon ausführen, Schnitzaltäre und Einzelstatuen, ausnahmsweise auch

Büsten in _Holz_, reich bemalt und vergoldet, finden wir fast nur in

besonders holzreichen Gegenden, wie in den Apenninen und in Oberitalien,

namentlich an den Abhängen der Alpen und in der Nachbarschaft derselben.

Hier hat offenbar der Einfluß der benachbarten deutschen Kunst

bestimmend eingewirkt. Weit bedeutender, namentlich auch für die

künstlerische Entfaltung der italienischen Plastik, ist die Bildnerei in

_Thon_ geworden. Während im Trecento nur ganz ausnahmsweise der Thon für

plastische Zwecke verwendet wurde, gewinnt derselbe gleich im Anfange

des Quattrocento eine hervorragende Bedeutung als bildnerisches

Darstellungsmittel. Und zwar durchaus nicht allein in den steinarmen

Gegenden, wie in der Lombardei oder im Gebiet von Bologna und Ferrara:

gerade in Florenz leiten den Übergang aus dem Trecento in die neue Zeit

eine Reihe von Bildhauern ein, welche vorwiegend in Thon modellieren und

für kleinere Kirchen und Privatkapellen Altäre und Supraporten mit

Madonnenreliefs, gelegentlich auch den ganzen Wandschmuck der Kirchen

oder Grabmonumente, sowie die Tabernakel in den Straßen aus Thon

herstellen. War hier zweifellos die Billigkeit und Schnelligkeit der

Herstellung der Grund für die Wahl des Materials, so erkannten die

florentiner Bildhauer bald auch den Vorteil, welchen der Thon als das

einfachste Mittel zum unmittelbaren, unverfälschten Ausdruck der

künstlerischen Absicht bietet; sie benutzten denselben daher regelmäßig

zur Herstellung von kleinen Skizzen oder Modellen, welche an die Stelle

der ausgeführten Zeichnungen traten, nach denen das Trecento regelmäßig

gearbeitet hatte. Solche Entwürfe in der Berliner Sammlung sind z. B. das

Relief der Grablegung Christi von Verrocchio (No. 97A) und Maria im

Limbus von B. da Majano (No. 589D). Nach den Thonmodellen wurden in der

Werkstatt vielfach von Schülern oder Gehülfen, die Marmor- oder

Bronzebildwerke ausgeführt; eine Teilung der Arbeit, wie sie sich

namentlich in Florenz durch den Umfang mancher Monumente und die Häufung

der Aufträge an die berühmteren Künstler mit Notwendigkeit

herausbildete. Solche Modelle, deren Ausführungen in Marmor oder in

Bronze noch erhalten sind, sind in unserer Sammlung die Büste des

Filippo Strozzi von B. da Majano (No. 85, Marmorausführung im Louvre),

das Tondo mit der Anbetung von A. Rossellino (No. 64, Marmorausführung

im Bargello) und das Madonnenrelief von Bellano (No. 156A,

Bronzeausführung am Grabmal De Castro in S. Servi zu Padua).

Verschiedene andere Thonarbeiten der Sammlung sind zweifellos

gleichfalls als Modelle gearbeitet worden, wenn sich auch die Monumente,

für die sie bestimmt waren, nicht mehr nachweisen lassen oder überhaupt

nicht zur Ausführung kamen.

Alle diese Thonbildwerke wurden regelmäßig bemalt; selbst die meisten

Modelle und Skizzen, da dieselben wegen ihres künstlerischen Wertes in

den Ateliers aufbewahrt oder an andere Künstler vergeben wurden, die

Naturfarbe des gebrannten Thons aber dem Farbensinn der Zeit

widerstrebte. Ausgeführt wurde die Bemalung in Wasserfarben, und zwar

ganz naturalistisch, wie bei einem Gemälde. Die Farben wurden meist

nicht direkt auf den Thon aufgetragen, sondern man überzog denselben

vorher, wie die Tafel bei Gemälden, mit einer dünnen Kreideschicht, weil

auf dieser Farben und Vergoldung besser haften. Da manche dieser

Bildwerke, wie Straßentabernakel, Lünetten, Friese u. a., zur

Aufstellung in freier Luft bestimmt waren, so gab man den Farben zum

Widerstande gegen die Witterung einen Lacküberzug, wie er z. B. noch bei

dem Madonnenrelief (No. 112A) erhalten ist. Ein solcher Überzug konnte

jedoch nur kurze Zeit dem Einflüsse von Wasser und Sonne widerstehen;

daher kam Luca della Robbia auf den Gedanken, seine Thonskulpturen in

derselben Art wie die Thongefäße mit einer Glasur zu überziehen. Seine

Versuche hatten den besten Erfolg und fanden allgemeinsten Beifall, so

daß sich eine Industrie daran anknüpfte, welche ein Jahrhundert lang in

der Familie dieses Künstlers durch verschiedene Generationen ausgeübt

wurde. Florenz und der von Florenz abhängige Teil Mittelitaliens

verdankt derselben eine außerordentlich große Zahl von Altären,

Tabernakeln, Lünetten, Wappen, Friesen, ausnahmsweise auch Freifiguren,

Taufbecken u. s. f., die meist noch an Ort und Stelle erhalten sind. Das

Thonmodell wurde leicht gebrannt (bei größeren Monumenten in mehreren

Stücken), dann bemalt und nach Überzug mit einer Emailschicht zum

zweiten Mal ins Feuer gebracht. Die Bemalung war (und zwar von

vornherein schon bei Luca selbst) entweder ganz farbig; dann waren die

Farben auf weiß, blau, grün, gelb, violett und schwarz beschränkt; oder

die Figuren wurden, in Nachahmung des Marmors, weiß gelassen; dann

erhielt nur der Hintergrund bei Reliefs einen blauen Ton und die

Ornamente, Heiligenscheine und Muster wurden vielfach vergoldet. Die

Einrahmung besteht meist aus plastischen, farbig gehaltenen Frucht- oder

Blumenkränzen von stilvoller Anordnung, aber feinster naturalistischer

Durchführung.

Das Bedürfnis nach Kunstwerken für die häusliche Andacht und die

Popularität der Plastik, namentlich in Florenz, hat neben den

verschiedenartigen Thonbildwerken noch eine andere Gattung von

Skulpturen hervorgebracht, die _Stuckbildwerke_, vorwiegend

Stuckreliefs. Schon gegen den Ausgang des Trecento hatten florentiner

Künstler vereinzelt Abgüsse nach ihren Arbeiten in Marmor oder Stein

angefertigt und sie, nach vollständiger Bemalung, in den Handel

gebracht. Seit dem Anfange des Quattrocento bis gegen das Ende des

Jahrhunderts wurden solche Nachbildungen nach kleineren

Originalskulpturen in großer Menge angefertigt. Dadurch, daß an Stelle

des Madonnenbildes im Trecento jetzt das Madonnenrelief mehr und mehr

das häusliche Andachtsbild des florentiner Bürgers wurde, kamen manche

dieser Stuckreliefs in hunderten von Exemplaren in das Publikum. Wegen

der Unscheinbarkeit und Wertlosigkeit des Materials ist freilich nur ein

kleiner Teil derselben auf uns gekommen und unter den erhaltenen ist

weitaus die Mehrzahl durch Schmutz und Übermalungen in ihrer Wirkung

mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Doch leisten auch diese noch die

besten Dienste zur Vervollständigung des Bildes der einzelnen

florentiner Künstler; denn zahlreiche Werke derselben, deren Originale

zerstört wurden oder verloren gingen, sind uns in solchen

Stucknachbildungen erhalten. Diese Stuckbildwerke wurden regelmäßig

durch Guß hergestellt, und zwar aus einer von unserem Gips wesentlich

verschiedenen Mischung von Marmorstaub und mehr oder weniger

grobkörnigem Sand; eine Mischung, welche diese Bildwerke bis zu einem

gewissen Grade wetterbeständig machte und eine künstlerische Bemalung

ermöglichte. Nur ausnahmsweise wurde der Stuck auch wie Thon modelliert

und mit Messern bearbeitet, wie die Stuckbüste eines jungen Mädchens von

Desiderio (No. 62 G) und das florentiner Madonnenrelief (No. 63)

beweisen. Jene Abgüsse wurden in der Regel über die Originale,

gelegentlich aber auch über die Modelle hergestellt, und zwar meist in

der Werkstatt der Künstler selbst. Auf diese Weise konnten die

kostspieligen Originale in Marmor oder Bronze in zahlreichen Kopien um

einen ganz geringen Preis in aller Hände kommen. Der selbständige

künstlerische Wert dieser Stuckbildwerke hängt von ihrer Bemalung ab.

Sehr häufig wurden dieselben freilich nur handwerksmäßig von

Anstreichern bemalt, oft aber wurde die Bemalung mit großer Feinheit

ausgeführt, sei es nun durch den Künstler, der das Original verfertigt

hatte, oder durch einen ihm befreundeten Maler. Regelmäßig war diese

Bemalung, wie bei den Thonbildwerken, eine vollständige und ganz

farbige; nur ausnahmsweise ahmt sie den Marmor (vergl. Rossellino's

Madonna No. 72) oder die Bronzefarbe nach (vergl. Luca's Madonnenrelief

No. 114).

Wie im Trecento, so spielt auch im Quattrocento die _Goldschmiedekunst_

eine wichtige Rolle in der Plastik; war doch eine Reihe der tüchtigsten

Bildhauer dieser Zeit bei Goldschmieden ausgebildet oder selbst als

Goldschmiede hervorragend thätig. Neben gelegentlichen Aufträgen der

Kirchen auf Vervollständigung jener großen Silberaltäre mit kleinen

getriebenen Reliefs und Einzelfiguren, wie sie in Florenz und Pistoja

noch erhalten sind, hatten die Goldschmiede namentlich die wachsenden

Ansprüche der Vornehmen an eine künstlerische Gestaltung des Schmuckes

und der kleinen häuslichen Geräte zu befriedigen. Kußtäfelchen für die

Andacht im Hause, Schmuckkästchen aller Art, Tintefässer, Leuchter und

Lampen, Hut-Agraffen, Schwertknäufe, Schließen u. dergl. wurden in Gold,

Silber oder edlen Steinarten, namentlich in Bergkrystall hergestellt und

bei dem monumentalen Sinne der Zeit in reichster Weise plastisch

ausgestattet. Wie nun das künstlerische Bedürfnis der Zeit in den

bemalten Stuckbildwerken ein Mittel zu weitester Verbreitung

hervorragender größerer Bildwerke gefunden hatte, so wußten die Künstler

diesem Bedürfnisse in ähnlicher Weise für jene kleinen Gebrauchsgegenstände

entgegenzukommen, indem sie die kostbaren Originale oder die Modelle

derselben abformten und in Bronze (ausnahmsweise auch in Blei[A])

nachgössen; die einzelnen Teile aber waren gesuchte Besitzstücke in den

Werkstätten der Bildhauer und Goldschmiede des XV. und XVI. Jahrh. Diese

Nachgüsse erhalten dadurch für die Skulptur eine ähnliche Bedeutung wie

der Kupferstich für die zeichnenden Künste. Während die Originale, ihres

edlen Materials halber bis auf eine kleine Zahl durch Einschmelzen

zerstört wurden, sind uns Bronzenachbildungen davon in ganzen oder nur

in einzelnen Teilen, namentlich in den kleinen Relieftafeln, den

_Plaketten_ (plachette, plaquettes, vergl. S. 39f.), zahlreich

erhalten. Die verschiedenartigen, bis jetzt bekannten Plaketten aus dem

Quattrocento und den ersten Jahrzehnten des Cinquecento übersteigen die

Ziffer von eintausend; die Berliner Sammlung besitzt davon allein nahezu

achthundert, die fast ausnahmslos erst in neuester Zeit erworben wurden,

während Goethe schon im Anfange dieses Jahrhunderts mit den

italienischen Medaillen auch eine nicht unbedeutende Sammlung solcher

Plaketten zusammenbrachte (jetzt im Goethe-Museum zu Weimar). Der Wert

dieser kleinen Bronzereliefs besteht namentlich in der Veranschaulichung

der Meisterschaft, welche die Plastik des Quattrocento in der Erfindung

und in der Ausgestaltung der mannigfaltigsten Motive, wie in der

stilvollen Durchführung der verschiedensten Arten des Reliefs besaß;

auch können wir, da die große Plastik fast ganz auf religiöse Motive

oder Porträtdarstellung beschränkt blieb, hier allein das Geschick der

Künstler in der plastischen Gestaltung mythologischer, historischer und

allegorischer Gegenstände genügend kennen lernen.

In der _Art der plastischen Darstellung_ bringt das Quattrocento die

völlige Befreiung und stilvolle Ausbildung der verschiedenen Gattungen,

welche das Trecento nur teilweise und vermischt gekannt hatte. Die

Freifigur in ihrer vollen naturalistischen Durchbildung wird schon im

ersten Jahrzehnt des XV. Jahrh., namentlich durch Donatello, eine der

wichtigsten Aufgaben der Plastik. Sie wird jetzt meist schon mit

Rücksicht auf den Platz ihrer Aufstellung gebildet, sowohl der

stilistischen Rücksicht auf das Bauwerk, wie nicht selten auch der

perspektiven Rücksicht auf den Standpunkt des Beschauers. Selbst vor der

Zusammenordnung verschiedener Figuren zur Gruppe scheut die Zeit nicht

zurück. Die vier Heiligen des Nanni di Banco in einer der Nischen von Or

San Michele in Florenz sind zwar noch zufällig neben einander gestellte

Freifiguren; aber Donatello's Bronzegruppe der Judith über den Leichnam

des Holofernes, die Gruppen der Begegnung Mariä mit Elisabeth von Andrea

della Robbia in Pistoja und die Begrüßung der Heiligen Franz und

Dominicus von demselben Künstler unter der Halle auf Piazza S. Maria

Novella, sowie Verrocchio's »Christus und Thomas« an Or San Michele in

Florenz entsprechen in Komposition, Bewegung und Ausdruck als Gruppe wie

in den Einzelfiguren den höchsten künstlerischen Anforderungen.

Die _plastische Darstellung des Porträts_, im XIV. Jahrh. fast ganz

zurückgedrängt, erhält im XV. Jahrh., in Folge der bis zum

rücksichtslosesten Egoismus ausgebildeten Individualität und der

Ruhmsucht der Zeit, eine hervorragende Bedeutung; jedoch fast

ausschließlich als Büste oder als Reliefporträt. Die Porträtstatue fehlt

fast ganz; einige Statuen auf Dogengräbern ausgenommen, begnügte man

sich damit, Heiligenfiguren die Züge berühmter Zeitgenossen zu geben

(wie dies z. B. bei mehreren Prophetenstatuen Donatello's am Campanile

der Fall ist). Eine Ausnahme machte man nur mit der _Reiterstatue_,

welche schon von einzelnen Tyrannen des Trecento als vornehmstes Denkmal

ihres Ruhmes bevorzugt war. Während der Reiter in der norditalienischen

Kunst, im Anschluß an jene älteren Denkmäler, eine mehr reliefartig

gedachte Figur innerhalb eines reichen Monumentes bleibt, haben die

Florentiner Donatello und Verrocchio im Gattamelata und Colleoni

selbständige Reitermonumente geschaffen, die in ihrem Aufbau und in der

gewaltigen individuellen Wirkung von Roß und Reiter zu den großartigsten

Monumenten aller Zeiten zählen.

Die bevorzugte Art der plastischen Porträtdarstellung ist die _Büste_,

die sonst im Quattrocento für die Wiedergabe von Heiligen oder

Idealfiguren nur ausnahmsweise gewählt wird. In Florenz, das auch hier

vorangeht und die glänzendste und mannigfaltigste Entwickelung zeigt,

wurde die Wiedergabe der hervorragenderen Mitglieder der vornehmen

Familien in Büsten aus Marmor oder bemaltem Thon mehr und mehr die

Regel. Um dieselben in weitere Kreise zu verbreiten, benutzen die

Künstler auch hier das Mittel der Stucknachbildungen, welche sie in

ihren Werkstätten anfertigen und bemalen ließen. Beispiele dafür sind in

der Berliner Sammlung u. a. die Büste des Lorenzo Magnifico (No. 148)

und des angeblichen Macchiavelli (No. 147, Marmor-Original im Bargello).

Charakteristisch für die Form der Porträtbüsten des XV. Jahrh. und für

ihre Bestimmung zur Aufstellung auf Kaminen und Thürstürzen, ist die

flache Endigung nach unten; diese verlangte eine Basis, welche entweder

aus einem Stück mit der Büste oder als besonderer Untersatz aus bemaltem

Holz gearbeitet ist. Die Persönlichkeit ist regelmäßig in größter

Anspruchslosigkeit und Einfachheit aufgefaßt; der Künstler beschränkt

sich darauf, dieselbe mit möglichster Treue in ihrer vollen

Eigentümlichkeit wiederzugeben. Nur ganz ausnahmsweise ist eine innere

Erregung oder eine lebendige Bewegung in der Büste angestrebt, wie in

Donatello's Büste des Niccolo Uzzano im Bargello.

Für die hohe Entwickelung des künstlerischen Empfindens und die Feinheit

des Stilgefühls im Quattrocento ist die Behandlung des _Reliefs_ ein

sprechendes Zeugnis. Wie im ganzen Mittelalter, so nimmt das Relief auch

jetzt noch den bedeutendsten Platz in der Plastik ein, tritt aber

gleichfalls weniger selbständig wie als Schmuck der verschiedensten

Monumente und Bauteile auf. Während nun das Relief im früheren

Mittelalter über eine überfüllte Anhäufung von beinahe freistehenden

Figuren, nach dem Vorbilde der spätrömischen und etruskischen Denkmäler,

nicht hinauskommt und das Trecento daraus zu einer ganz malerischen

Behandlung des Reliefs gelangt, ist die Auffassung des Reliefs im

Quattrocento, so verschieden und mannigfaltig sie ist, regelmäßig eine

durchaus plastische. Die Art des Reliefs -- ob Hochrelief, Halbrelief

oder Flachrelief -- ist daher zumeist nicht nach der Individualität der

einzelnen Künstler verschieden (wenn auch einzelne die eine oder andere

Art bevorzugen), sondern sie wird, wie in der klassischen Zeit der

griechischen Plastik, der Bestimmung des einzelnen Reliefs entsprechend

gewählt. Es finden sich daher an größeren Monumenten nicht selten alle

Arten des Reliefs nebeneinander, wie es die Gesamtwirkung und der Platz,

an dem die einzelnen Reliefs angebracht sind, erforderte. Die

perspektivische Behandlung des Reliefs, des Flachreliefs wie des

Hochreliefs ist dabei den Künstlern des Quattrocento fast ausnahmslos

zur anderen Natur geworden.

Die _Beteiligung der verschiedenen Provinzen Italiens_ an der

Entwickelung der Plastik im Quattrocento ist eine sehr verschiedene: wie

im XIV. Jahrh. ist auch im XV. Toskana für den Fortschritt und die Höhe

der Kunstentfaltung fast allein maßgebend. Insbesondere gewann

_Florenz_, das seit Giotto die Führerschaft in der Malerei übernommen

hatte, seit der Mitte des Trecento auch in der Plastik die fast

ausschließliche Herrschaft. Im Boden von Florenz keimt die junge

Pflanze, hier entfaltet sie sich rasch zur herrlichen Blüte und reift

zur Frucht, deren Samen in ganz Italien die bildnerische Thätigkeit

aufsprießen läßt. Toskanische und insbesondere Florentiner Künstler

verbreiten sich über ganz Italien und legen dadurch den Grund zu einer

provinzialen Entfaltung der Plastik, die sich in mehr oder weniger

selbständigen Bahnen entwickelt, ohne freilich Werke von dem allgemeinen

Kunstwerte zu schaffen, wie es die florentinischen Skulpturen dieser

Zeit sind.

* * * * *

Die neue Zeit tritt nur langsam und vielfach schüchtern ins Leben;

selbst der Meister, der ihr recht eigentlich zu ihrem Rechte verholfen

hat, selbst Donatello macht sich doch nur sehr allmählich von den

Gewohnheiten los, in denen er groß gezogen war. Aber auch, als er schon

frei und rücksichtslos die neuen Wege ging, die er sich selbst gebahnt

hatte, wirkten die Traditionen des Trecento doch in anderen Künstlern,

selbst in Florenz, noch Jahrzehnte lang nach.

Die Italienische Plastik · 第 4 / 16 段