In Venedig nahm, wie die Baukunst, so auch die Plastik im Laufe des

Trecento eine ganz neue und eigenartige Entwickelung. Zur Erklärung

dieser Erscheinung läßt Vasari sowohl den Niccolo wie den Giovanni

Pisano in Venedig thätig sein. Für Niccolo ist dies mehr als

unwahrscheinlich; auch ein Aufenthalt Giovanni's ist uns in Venedig

selbst nicht bezeugt, wohl aber in dem benachbarten Padua, wo Giovanni

mit Giotto zusammen an der Ausschmückung der Madonna dell' Arena

beschäftigt war (vgl. S. 22). Daß also die bildnerische Kunst in Venedig

direkt und indirekt durch die Pisaner Meister beeinflußt und belebt

worden, erscheint zweifellos; aber gerade der Umstand, daß keiner der

Pisaner Künstler hier selbst thätig war, hat in Venedig einer

selbständigeren Entwickelung der Plastik im Trecento Vorschub geleistet,

welche der gleichzeitigen Malerei wesentlich überlegen ist.

[Abbildung: 162. Brunnenmündung aus Venedig, Anfang des XV. Jahrh.]

Anfangs (gelegentlich wohl bis in die Mitte des Jahrhunderts) schließt

sich die bildnerische Thätigkeit noch an jene ältere, auf byzantinischen

Vorbildern beruhende Dekorationsart an, welche in phantastischer Weise

figürliche Darstellungen mit Ornamenten und abenteuerlichen Tierbildern

verquickt. Die Fassade der Paläste und die Kirchen haben zahlreiche

Beispiele dafür aufzuweisen; die beste Gelegenheit für die Anbringung

derartigen Schmuckes bot aber der allmähliche Ausbau von San Marco, der

innen und außen zahlreiche dekorative Bildwerke aus der zweiten Hälfte

des XIII. und dem Anfange des XIV. Jahrh. aufzuweisen hat. Die

interessantesten darunter sind die Reliefs an den Bögen über den

Hauptportalen, namentlich über dem mittleren, an denen auch die Motive:

Darstellungen der Monate, Propheten, Sibyllen u. s. f., noch die alten

sind, während die guten Verhältnisse, die saubere Ausführung und die

tüchtige naturalistische Empfindung schon die vorgerückte Zeit verraten.

Diese Abhängigkeit von der Architektur und der gewollte Anschluß an

ältere Vorbilder hielt in Venedig lange Zeit eine freie, selbständige

Entfaltung der Plastik zurück. Die Künstler (zumeist zugewanderte

Comasken) scheinen daher Gelegenheiten, die sich ihnen dafür außerhalb

ihrer Vaterstadt boten, gern ergriffen zu haben. So finden wir in den

vierziger Jahren einen Venezianer _Jacopo Lanfrani_ in Bologna

beschäftigt; hier sind von seiner Hand das Professorengrab Calderini ({~DAGGER~}

1348) im Museo Civico und das stattliche Wandmonument des Taddeo Pepoli

({~DAGGER~} 1347) in S. Domenico erhalten; letzteres originell im Aufbau, gut im

Reliefstil und tüchtig in den Figuren, wenn auch wenig belebt in der

Komposition und im Ausdruck. Einige Jahrzehnte später arbeitet ein

Meister _Antonio_ aus Venedig einen Marmoraltar für S. Lorenzo zu

Vicenza, und 1372 der Meister _Andriolo_ die fünf Statuen für die

Kapelle S. Felice im Santo zu Padua. Letztere sind den frühesten

Arbeiten der Gebrüder Massegne schon nahe verwandt, die gleichfalls ihr

Heil zuerst draußen hatten versuchen müssen: _Jacobello_ und _Pier Paolo

delle Massegne_ erhielten 1388 den Auftrag auf den großen Marmoraltar

von S. Francesco in Bologna. In den zahlreichen Statuetten von

verschiedener Größe zwar etwas flüchtig und lieblos, ist der Altar nicht

nur von stattlicher Erscheinung und klar im Aufbau, sondern in einzelnen

Teilen, namentlich in dem Relief der Krönung Mariä in der Mitte, schon

von dem eigentümlichen Schönheitssinn, der weichen Fülle der Gestalten

und dem Fluß der Gewandung, welche die späteren Arbeiten der Massegne in

Venedig auszeichnen. Beglaubigt sind hier die Statuen Mariä und der

Apostel vom Jahre 1394, welche auf den Schranken des Chors der

Markuskirche stehen; nach ihrer Übereinstimmung mit diesen Figuren

gehören ihnen auch die 1397 ausgeführten zehn Statuen der Seitennischen

des Chors, sowie die auf den Chorstühlen. Ein Altar im linken Querschiff

und die Figuren auf den Chorstühlen der Markuskirche, das Relief über

dem Eingang zur Kirche von S. Zaccaria, der Altar in der Taufkapelle der

Frari und ebenda die Grabmäler Simone Dandolo (vollendet 1396) und Paolo

Savello ({~DAGGER~} 1405, mit dem trefflichen Reiter in Holz), in S. Giovanni e

Paolo, das Grabmal Ant. Venier ({~DAGGER~} 1400), das Relief der Madonna zwischen

zwei Engeln über einer Seitenthür der Frari sind hervorragende Arbeiten

aus gleicher Zeit und von ähnlichem Charakter, deren Venedig noch eine

beträchtliche Zahl von geringerer Qualität aufzuweisen hat. Auch die

älteren Bildwerke am Dogenpalast und einzelne Skulpturen am Dache von

S. Marco sind wenigstens in dieser Zeit und unter dem Einflüsse dieser

Skulpturen begonnen worden; die Vollendung derselben, namentlich die

berühmten Gruppen der Schande Noahs und des Urteils Salomonis an den

Ecken des Dogenpalastes fallen bereits in eine Zeit, da in Florenz die

Renaissance schon ihre erste Blüte entfaltete. Gemeinsam ist diesen

Arbeiten, in größerem oder geringerem Maße, ein ausgesprochener

Schönheitssinn in den vollen Gestalten, in dem ernsten, anmutigen

Ausdruck, der ruhigen Haltung, der großen und einfachen Faltengebung;

und damit verbinden sich saubere Durcharbeitung und ein oft schon fein

entwickelter Natursinn, namentlich für die Einzelheiten. Die

Befangenheit im Ausdruck und eine nüchterne Ruhe, welche bei bewegten

Motiven besonders störend auffällt, verraten jedoch auch in den besten

dieser Arbeiten, daß auf diesem Wege allein zu völliger Freiheit nicht

zu gelangen war.

Unter der beträchtlichen Zahl meist dekorativer venezianischer

Bildwerke, welche die Berliner Sammlung besitzt, befinden sich auch

mehrere charakteristische, gute Arbeiten dieser Zeit: zwei weibliche

Halbfiguren, liebliche Lockenköpfe von vollen Formen (No. 35 und 36),

eine Brunnenmündung im Charakter der Kapitelle des Dogenpalastes (No.

162) und ein großes Holzkrucifix von herb naturalistischer Auffassung

(No. 37), sämtlich Arbeiten, die schon in den Anfang des XV. Jahrh.

fallen.

Die Frührenaissance

(Das Quattrocento, um 1400 bis 1500).

Die Kunst der »Renaissance«, die Wiedergeburt der antiken, der

klassischen Kunst -- wie schon die Künstler des XV. Jahrh. mit

Bewußtsein und Stolz ihre Kunst bezeichneten -- zeigt sich auf keinem

anderen Gebiete in so scharfem Gegensatze zu der vorausgehenden Zeit wie

in der Plastik. Die Rückkehr zu den antiken Formen in der Dekoration hat

sie mit der Architektur gemein; wie diese betrachtet sie die Antike, die

Überreste der römischen Kunst, als ihre unübertroffene Lehrmeisterin,

entlehnt sie derselben zahlreiche Motive und Gestalten. Aber während die

Architektur des Quattrocento in ihren Grundformen, in den Verhältnissen

und technischen Hülfsmitteln auf den großen Errungenschaften des

Trecento nur weiterbaut, tritt die gleichzeitige Plastik in einen viel

größeren Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, welche bei aller Lebendigkeit

noch der naturalistischen Durchbildung ermangelt hatte. Sie befolgt als

obersten Grundsatz die _Wirklichkeit_: volle Naturwahrheit und schärfste

Charakteristik im Motiv wie in der Durchbildung der einzelnen Gestalt

bis in die kleinsten Einzelheiten. Die menschliche Figur in der vollen

Wirklichkeit ihrer Erscheinung: individuell in Kopf und Gestalt,

eigenartig in Haltung und Bewegung, wie in der Tracht bleibt das

vornehmste Ziel der Bildhauer durch das ganze XV. Jahrh. Diese Aufgabe

verfolgen sie mit einer Begeisterung und Überzeugung, mit einem Ernst

und oft mit einer Einseitigkeit, die vor Übertreibung nicht

zurückschreckt; aber ein glücklicher Takt, Naivetät und angeborener

Schönheitssinn bilden die natürlichen Schranken, in denen sich jenes

Streben trotz seiner Kraft und Einseitigkeit in einer so mannigfaltigen,

so eigentümlich reizvollen Weise entfalten konnte, wie innerhalb der

Plastik zu keiner anderen Zeit nach der Blüte der attischen Kunst.

Das realistische Streben führte in erster Linie auf das _Studium des

Nackten_, welches das Trecento schon aus kirchlichen Gründen und

religiöser Scheu vernachlässigt hatte. Hier galt es die größten

Anstrengungen; nur langsam und mühsam hat selbst der bahnbrechende

Meister Donatello aus allgemeinen und befangenen Anschauungen sich zu

wirklicher Kenntnis des Körpers durchgearbeitet. Aber auch bei ihm und

im ganzen Quattrocento ist diese Kenntnis, ähnlich wie in der antiken

Kunst, ein aus steter Anschauung gewonnenes Resultat; erst Leonardo

erhebt die Anatomie zu einer Hilfswissenschaft der Kunst. Durch Piero

della Francesca hatte schon früher die Perspektive ihre

wissenschaftliche Begründung erhalten, während sie bis dahin, auch in

der Plastik, meist in naiver Ausübung richtiger Beobachtungen mehr oder

weniger glücklich angewandt worden war.

Mit dem Studium des nackten Körpers geht das _Gewand_studium Hand in

Hand. In Bewegung, in Faltengebung, selbst in der Wahl der Stoffe sind

die Künstler bestrebt, die Gewandung der Figur möglichst anzupassen, den

Körper darin erkennen zu lassen und zugleich die Gestalt dadurch zu

heben und zu charakterisieren. Um während der Übertragung des Modells in

Stein die künstlich gelegten Falten desselben dauernd zu erhalten,

wurden die über dem Manneken angeordneten Stoffe (in der Regel ein

starker Leinenstoff) von manchen Künstlern in Gips getränkt,

gelegentlich sogar in derselben Weise auf dem Original angebracht

(vergl. die Johannesbüste von Donatello No. 38a).

Das Moment, welches neben der Rückkehr zur Natur als gleichbedeutend für

die »Wiedergeburt« der italienischen Kunst bezeichnet zu werden pflegt,

das _Studium der Antike_, hat die plastische Detailbehandlung der

Bildhauer des Quattrocento fast gar nicht berührt: es läßt sich kaum ein

größerer Gegensatz in der Plastik denken, wie zwischen der florentiner

Kunst des XV. Jahrh. und der griechischen der Blütezeit, von der

römischen Kunst ganz zu schweigen. Dagegen galten die Überreste der

antiken Kunst, welche mit größtem Eifer aufgesucht und gesammelt wurden,

den Bildhauern des Quattrocento in solchem Maße als unübertreffliche

Vorbilder, daß sie ihnen nicht nur fast sämtliche Motive der Dekoration

entlehnten, sondern sogar, wo es irgend anging, auch ihre figürlichen

Kompositionen sich zum Vorbild nahmen. Die mythologischen und zum Teil

auch die allegorischen Gestalten und Motive in den Bildwerken des XV.

Jahrh. sind fast regelmäßig der Antike, namentlich den Sarkophagen,

geschnittenen Steinen und Münzen entlehnt. Gerade der Künstler, der

durch seinen rücksichtslosen Realismus die Richtung des Quattrocento am

schärfsten ausgeprägt und die ganze italienische Kunst der Folgezeit am

stärksten beeinflußt hat, dessen schöpferische Gestaltungskraft, dessen

eigenartige Phantasie von wenigen Künstlern erreicht worden ist: gerade

Donatello entlehnt, ja kopiert mit größter Vorliebe aus der Antike.

Seine Reliefs im Hof des Palazzo Riccardi sind als Nachbildungen antiker

Gemmen und Kameen bekannt; als solche lassen sich aber auch

verschiedene Plaketten nachweisen, und selbst seine zahlreichen

Puttendarstellungen an den Sockeln der Statuen, an den Kapitellen und

Einrahmungen, an den Rüstungen seiner Krieger und an den Friesen seiner

Kanzeln sind fast regelmäßig nichts anderes, als mehr oder weniger freie

Umbildungen antiker Amorettendarstellungen auf Sarkophagen oder

geschnittenen Steinen. Selbst in den biblischen Motiven Donatello's läßt

sich die Benutzung verwandter antiker Darstellungen verfolgen; so ist in

seinen großartigen Kompositionen der Beweinung Christi bald die eine,

bald die andere Figur antiken Sarkophagreliefs mit der Klage um den Tod

der Alceste oder ähnlichen Scenen frei entlehnt. Freilich ist es für

Donatello und für die ganze Richtung der Plastik des Quattrocento

bezeichnend, wie der Künstler auch diesen Nachbildungen der Antike

seinen Geist, seinen Stil aufprägt, so daß sie als eigenste Erfindungen

des Künstlers erscheinen.

Der _Ort der Bestimmung für die plastischen Kunstwerke_ bleibt im

Wesentlichen der gleiche wie in der vorausgegangenen Zeit: die Kirchen

vereinigen, nach wie vor, als Schmuck der Außenseite wie des Innern die

große Mehrzahl aller Skulpturen; vereinzelt kommt daneben, wie im

Trecento, der plastische Schmuck von Gemeindebauten und selbst von

Plätzen vor. Aber die Auftraggeber, wie die Gesinnung und Absicht der

Bestellung sind wesentlich andere geworden. Obgleich für die Kirche

bestimmt, sind diese Bildwerke doch keineswegs immer im kirchlichen oder

gar frommen Sinne gestiftet oder geschaffen; die Auffassung ist vielmehr

meist eine rein menschliche, auf treue Wiedergabe des Wirklichen

gerichtet. Der Kultus des Individuums, aus der Erkenntnis des eigenen

Wertes und der allseitigen Ausbildung der Individualität hervorgegangen,

hatte zur demokratischen Umbildung der italienischen Gemeinwesen oder

zur Unterwerfung derselben unter Tyrannen geführt; er erhielt einen

charakteristischen Ausdruck in der schrankenlosen Ruhmsucht, welche in

der Kunst, vor Allem in der Plastik, ein hervorragendes Mittel zu seiner

Bethätigung fand. Der Platz für die bildnerische Thätigkeit zur

Verherrlichung der einzelnen Persönlichkeit wurden aber nicht das

Privathaus, nicht der Palast, wie man erwarten sollte, auch nur in

beschränktem Maße die städtischen Bauten, die öffentlichen Plätze und

Straßen: dieser Platz war oder blieb recht eigentlich die Kirche. Denn

in der Umwälzung, welche die moderne Zeit heraufführte, hatte zwar

Selbstsucht und Selbstüberhebung den Glauben aufs tiefste erschüttert,

aber die Kirche hatte ihre Stellung zu behaupten gewußt. Die

Wiedergeburt des ganzen Lebens hatte nicht zu einer inneren Reform der

kirchlichen Institutionen geführt, sondern hatte dieselben mit in ihre

Kreise gezogen: die Päpste und die hohe Geistlichkeit wetteiferten in

der monumentalen Bethätigung ihres Ruhmes und beschäftigten zahlreiche

Künstler zu ihrer Verherrlichung; sie haben dadurch zur Kräftigung der

Kirche bei der großen Menge nicht wenig beigetragen. Die Geistlichen

nahmen nicht den geringsten Anstand, das Gotteshaus zum Tummelplatz der

Ruhmsucht des Einzelnen zu machen; wurde doch dadurch zugleich die

Kirche geschmückt und verherrlicht. Die Päpste und ihre Nepoten gingen

im Luxus der Monumente allen Anderen voran; Roms Kirchen übertrafen in

Pracht und Menge der Denkmäler selbst die Grabkirchen der reichsten

Tyrannen. Wenn die Kirchen von Venedig an Zahl und Pracht der

Grabmonumente sich mit den Kirchen Roms beinahe messen können, wenn

diese Denkmäler in Florenz durch ihre Schönheit allen anderen überlegen

sind, so haben dieselben doch an beiden Orten einen eigentümlichen

Charakter, der ihnen schon durch die Vornehmheit der Gesinnung vor den

römischen Monumenten den Vorzug giebt: in beiden Republiken dienten

diese Denkmäler in erster Reihe nicht der Verherrlichung des Einzelnen,

sondern dem Ruhme des Staats. In Venedig durfte nur dem Dogen, als dem

Repräsentanten der stolzen Republik, die Ehre eines Prachtmonuments in

der Kirche zu Teil werden in Florenz wurden den berühmten

Staatssekretären, den vornehmen Wohlthätern und Freunden der Stadt,

selbst den großen Künstlern prächtige Denkmäler gesetzt, während die

vornehmen Familien, die Mediceer nicht ausgenommen, sich in dieser Zeit

mit einfachen oder doch mit bildlosen Grabmälern begnügen.

Dadurch, daß der Mittelpunkt für die Thätigkeit der Bildhauer auch im

Quattrocento nach wie vor die Kirche ist, bleiben auch die _Aufgaben_

der Plastik im Wesentlichen dieselben wie vorher. Der Schmuck der

Fassaden, die monumentalen Ausstattungsstücke des Innern: Altar, Kanzel,

Sängertribüne, Tabernakel, Sakristeibrunnen, Kandelaber, Chorschranken

werden, wo es immer angeht, einem Bildhauer zur Ausführung übergeben.

Aber Auffassung und Formenbehandlung sind ganz neu; nicht nur durch die

Aufnahme antiker Dekorationsformen, vor Allem sind die Künstler ihren

Vorgängern durch ihr Stilgefühl und den monumentalen Sinn überlegen,

indem sie jene Gegenstände regelmäßig architektonisch gestalten und

figürliche Bildwerke nur zur Hebung der Form und als sinnige Erklärung

ihrer Bedeutung anbringen. Die Grabmonumente, die jetzt eine so

außerordentliche Bedeutung gewinnen und nicht selten fast die ganzen

Wände der Kirchen bedecken, waren allerdings auch schon im Trecento an

demselben Platze; aber an die Stelle des Heiligengrabes, das nur noch

ausnahmsweise einen Stifter findet, tritt das Privatgrab und das

Staatsdenkmal, und der von Säulen getragene, mit einem Baldachin

überdachte Sarkophag des Trecento wird durch das geschmackvolle, der

Architektur sich einfügende Nischengrab verdrängt. Über dem Sarkophag

ist auf dem Paradebett der Verstorbene in seiner Amtstracht feierlich

ausgestellt; den oberen Abschluß der meist sehr fein gegliederten und

zierlich dekorierten Nische pflegt ein Relief mit der Madonna zu bilden,

zu deren Seiten anbetende Engel.

Wenn derart das Innere der Kirchen zu einer Ruhmeshalle persönlichen und

nationalen Stolzes wird, so sind die Außenseiten nicht selten der Platz

für den Wetteifer individueller Meisterschaft unter den Bildhauern des

Quattrocento geworden: die Wände von Or San Michele und des Campanile

wie (freilich nie vollendet) die Fassade des Domes in Florenz sind die

klassischen Beispiele dafür; sie galten schon dem Cinquecento

gewissermaßen als Sammelplätze der Meisterschaft der vorausgegangenen

großen Zeit.

Wie die Plastik des Quattrocento ihre Vorwürfe dem Trecento oder der

Antike entlehnt, so ist es auch charakteristisch für dieselbe, daß sie

in ihren Motiven äußerst bescheiden und selbst beschränkt ist und jedes

Suchen nach neuen Motiven vermeidet: ihr Ziel liegt vielmehr gerade

darin, das Alte in neuer Form zu geben. In den heiligen Motiven ist

kaum eine wesentliche Änderung gegen die vorausgehende Zeit namhaft zu

machen. Die Gestalten Christi und der Maria, die Apostel und

Evangelisten, die einzelnen Heiligen werden in dem Charakter und den

Formen übernommen und festgehalten, in denen sie die Zeit der

absterbenden antiken Kunst für den neuen Glauben festgestellt und wie

sie das Trecento, namentlich Giotto, weiter entwickelt hatte. Wenn ein

Künstler, wenn insbesondere ein Bildhauer sich eine Abweichung erlaubt,

geschieht es regelmäßig aus rein künstlerischen Rücksichten. Wo, wie in

Florenz, das lokale Bewußtsein besonders stark ausgeprägt ist, werden

einzelne Heilige oder biblische Heroen mit Vorliebe dargestellt und

gewissermaßen als Verkörperung des Staates zu Nationalhelden

umgeschaffen; so in Florenz Johannes d. T., welcher den alten

Stadtheiligen S. Zenobius ganz verdrängt, der heilige Georg und David,

sowie die Freiheitsheldin Judith. Im Allgemeinen überwiegen das

Festhalten am Hergebrachten und religiöse Scheu so sehr den Naturalismus

der Zeit, daß die Darstellung des Nackten aus den heiligen Motiven fast

verbannt bleibt. Wo ausnahmsweise, wie beim Täufer oder der Magdalena,

der Gegenstand die Wiedergabe der nackten Figur nahe legte, zogen die

Künstler doch vor, eine herbe Charakterfigur zu schaffen, deren Blößen

von Tierfellen oder vom eigenen Haar verhüllt sind. Nur die

Jünglingsfigur des hl. Sebastian und, ganz vereinzelt, auch die

Gestalten von Adam und Eva sind von einigen Künstlern zur Schaustellung

jugendlich schöner Körper benutzt worden. Die einzige allgemeine

Ausnahme ist gerade der stärkste Beweis für die keusche Auffassungsweise

dieser realistischen Kunst: die nackte Bildung des Kindes. Das

Christkind pflegt regelmäßig unbekleidet dargestellt zu werden, ebenso

die Kinderengel. In der Darstellung des Kindes, in der sich die Kunst

der Zeit, und ganz besonders die Plastik, mit aller Naivetät und

Lebensfrische ergeht, hat das Quattrocento, unter eigentümlicher

Zusammenwirkung älterer christlicher und antiker Vorbilder,

ausnahmsweise einen eigenen Typus geschaffen, den _Putto_. Im Alter, wo

im Kinde sich zuerst das Bewußtsein der eigenen Kraft und

Persönlichkeit regt, ist der Putto ein eigentümliches Gemisch von

christlichem Engel und antikem Genius, ein gutherziger Kinderkobold, der

als Schutzengel den Menschen auf seinem Lebenswege begleitet und an

seinem Grabe Wache hält, der als guter Werkstattsgeist dem Künstler

überall helfend und schmückend zur Seite steht, der neckend und

scherzend sein harmloses Spiel treibt; selbst in den ernstesten Motiven

der Heiligengeschichte, in denen sie, wenn auch untergeordnet -- in der

Einrahmung -- gewissermaßen zur Aussöhnung mit dem tragischen Inhalt

dienen sollen.

Neben den religiösen und biblischen Motiven findet die _Allegorie_, die

in der kirchlichen Kunst des Mittelalters unter dem Einflüsse der

Scholastik einen bedeutenden Platz einnahm, in der Plastik des

Quattrocento beschränktere Anwendung und zugleich eine freiere

künstlerische Ausbildung. Diese verdankt sie neben der naturalistischen

Auffassung der Zeit vor Allem dem Anschluß an die Allegorie der Antike

und der Weiterbildung derselben. Zu den kirchlichen Tugenden: Glaube,

Liebe, Hoffnung, gesellen sich die weltlichen Tugenden: Stärke,

Vorsicht, Mäßigung, und mit diesen werden gelegentlich schon die

Wissenschaften in gleichen Rang gestellt. Wie diese, so werden auch die

der Antike entlehnten allegorischen Figuren, wie der Ruhm, das Glück,

der Frühling u. a. m., als schöne jugendliche Frauengestalten gebildet,

die nur an ihren Attributen kenntlich sind; die monströsen Bildungen,

welche die scholastische Deutelsucht des Trecento der Kunst aufdrängte,

waren dem gesunden und plastischen Sinne des Quattrocento zuwider.

Die Verehrung der Antike und das Studium derselben weckte auch in den

Bildhauern das Interesse an den Stoffen aus der _antiken Mythologie_ und

_Geschichte_. Da die große Kunst fast ausschließlich auf kirchliche

Aufgaben beschränkt blieb, so war es die für die Privaten beschäftigte

Kleinkunst, in welcher die Freude an solchen Stoffen volle Bethätigung

finden konnte; in der Plastik insbesondere der bildnerische Schmuck der

kleinen Hausgeräte, wie Tintefässer, Leuchter, Schwertgriffe, Agraffen,

Kästchen u. s. f., die uns heute meist nur in ihren einzelnen Teilen, den

sogenannten Plaketten, erhalten sind, ferner die Rückseiten der

Medaillen und die Kameen. Die Motive sind zumeist den bekanntesten

römischen Klassikern, namentlich Ovid und Livius entlehnt und je nach

der Bestimmung des Gegenstandes mit feiner Beziehung ausgewählt: an den

Schwertgriffen finden wir regelmäßig Thaten der mythischen römischen

Helden, die Herkulesarbeiten oder ähnliche Darstellungen, an den

Agraffen Venus und Amor, die Liebschaften der Götter u. dergl.

Die ausgeprägt naturalistische Auffassung des Quattrocento ließe von

vornherein auf die Ausbildung des _Genre_ auch in der Plastik schließen;

so naturwahr und selbst genrehaft manche Motive aber auch aufgefaßt

sind, so haben doch religiöse Scheu und monumentaler Sinn eine

Entwickelung der Plastik nach dieser Richtung fast ganz zurückgehalten.

Nur in der Darstellung des Kindes, im »Putto«, hat das XV. Jahrh. in

Italien eine wirkliche Genrefigur geschaffen, und gerade diese Ausnahme

ist ein Beweis für den Geschmack und das Stilgefühl dieser Zeit, worauf

oben (vergl. S. 39) schon hingewiesen ist. Ein dem Namen nach noch

unbekannter Nachfolger Donatello's modelliert sogar Gruppen von Kindern,

die in der derben Gestaltung und Auffassung dem Bauerngenre der späteren

Niederländer kaum etwas nachgeben. Nur ein Künstler Italiens, Guido

Mazzoni in Modena, abseits von den großen Kunststätten, geht in seinem

Realismus so weit, daß er regelmäßig seine biblischen Motive zu derben

Volksscenen aus seiner Umgebung umgestaltet; seine bekannten farbigen

Thongruppen der Anbetung des Kindes und der Beweinung Christi sind

offenbar Nachahmungen der religiösen Volksschauspiele der Zeit. Gerade

solche Ausnahmen lassen den Geschmack und den großen Sinn der

italienischen Kunst im Allgemeinen in um so schärferem Licht erscheinen.

Die Italienische Plastik · 第 3 / 16 段