Giovanni muß ein sehr frühreifes Talent gewesen sein, da sein Vater den

etwa fünfzehnjährigen Jüngling 1265 im Kontrakt über die Kanzel für den

Dom von Siena schon als Gehülfen mit namhaft machen durfte; bei dem

jugendlichen Alter können wir hier aber die Bethätigung einer

eigenartigen Richtung bei der Arbeit nicht annehmen. Anders ist dies bei

der Ausführung des Brunnens in Perugia, bei welcher Giovanni 1278 neben

dem Vater beschäftigt war. Hier läßt sich eine Reihe der Bildwerke,

namentlich verschiedene weibliche Gestalten durch die Kühnheit der

Bewegung, den Ernst des Ausdrucks und die malerische Gewandbehandlung

unschwer als Arbeiten Giovanni's herauserkennen, der dieselben mit

besonderer Sorgfalt ausführte. Als Jugendarbeit Giovanni's darf wohl

auch das ihm in S. Giovanni fuorcivitas zu Pistoja zugeschriebene

Weihwasserbecken gelten, an dem die Gestalten der Tugenden noch ganz die

Großartigkeit der Formen und Haltung haben, die Niccolo eigentümlich

ist. Im Jahre 1278 wurde Giovanni zum Bau des Campo Santo nach Pisa

gerufen; damals entstanden wohl die groß empfundenen Madonnenstatuen,

von denen die eine über einem Portal des Baptisteriums; die andere, eine

Halbfigur, jetzt im Campo Santo steht. Wieder neue architektonische

Aufgaben zogen den Künstler von Pisa nach Siena, wo er als Dombaumeister

zwischen den Jahren 1290 bis 1295 erwähnt wird. Hier gehen die alten

Figuren an der Fassade teilweise noch auf Giovanni zurück, sind aber,

mit Ausnahme der großartigen Gestalt einer Sibylle an der Ecke des

Seitenschiffs, derbe und selbst rohe Arbeiten seiner Werkstatt.

Von Siena scheint der Künstler sich nach Pistoja gewandt zu haben, wo er

1301 die Kanzel in S. Andrea vollendete. Sie bezeichnet den Höhepunkt

von Giovanni's Kunst; was zur Charakteristik derselben im Allgemeinen

gesagt ist, gilt daher ganz besonders von diesem Werke: die

Kompositionen sind von außerordentlich dramatischer Gewalt, die

Einzelfiguren, namentlich die Gestalten der Sibyllen, erscheinen in der

die innere Begeisterung aussprechenden Bewegung als Vorahnung der

Sibyllen Michelangelo's an der Decke der Sixtina. Gleich nach Vollendung

dieser Kanzel erhielt Giovanni den Auftrag auf eine ähnliche, noch

reichere Kanzel für seine Heimatstadt, deren einzelne Teile jetzt im Dom

und im Campo Santo zerstreut aufgestellt sind; sie wurde erst 1311

vollendet. Den Bildwerken der Kanzel in S. Andrea nahe verwandt, sind

hier die Reliefs und Freifiguren womöglich noch dramatischer und

bewegter, noch mannigfaltiger in den Motiven, stärker in den

Verkürzungen und reicher in genrehaften Nebenbeziehungen, aber auch noch

flüchtiger in der Ausführung und willkürlicher in den Proportionen. Der

architektonische Aufbau wird stark beeinträchtigt durch die großen

tragenden Figuren, deren Sockel zum Teil wieder mit Statuen geschmückt

sind.

[Abbildung: 23. Madonnenstatuette von Giovanni Pisano.]

Von dieser Kanzel in Pisa stammt ein kleines Lesepult im Berliner Museum

(No. 24), das an der Unterseite zwei Engel mit dem Brustbild Christi

zwischen sich trägt; eine charakteristische Arbeit in der Art der

übrigen Reliefs an der Pisaner Kanzel. Ein zweites Werk des Künstlers in

der Berliner Sammlung, die Marmorstatuette der Madonna (unter halber

Lebensgröße, No. 23), scheint zur Zeit, als er an der Kanzel in Pistoja

arbeitete, gemeißelt zu sein. Wenigstens zeigt sie die nächste

Verwandtschaft zu der Silberstatuette im Dom zu Prato, deren Entstehung

auf die Zeit seiner Thätigkeit hier als Architekt im Jahre 1300

zurückgeführt wird. Im Berliner Privatbesitz befinden sich außerdem (im

Besitz des Herrn A. von Beckerath) ein Paar ebenso wertvolle Bruchstücke

einer anscheinend für Florenz gearbeiteten Kanzel: zwei sitzende

Sibyllen, deren schlichtere Haltung und große Gewandbehandlung die

Entstehung jener Kanzel noch vor die Kanzel in Pistoja verweist.

In Norditalien war Giovanni anscheinend im Anfange des XIV. Jahrh.

thätig; die große Madonnenstatue in der Madonna dell' Arena zu Padua und

vielleicht auch die Statue des Stifters Enrico Scrovegno sind plastische

Zeugnisse dieses seines Aufenthalts in der Nähe Venedigs. Spuren seiner

Thätigkeit lassen sich auch sonst noch über Mittel- und Oberitalien

verfolgen: Teile einer Auferstehung im Museum zu Perugia, die Giganten

am Portal der Kirche von San Quirico (um 1298), die Bruchstücke vom

Grabmal der Gemahlin Kaiser Heinrichs VII. (nach 1313) im Pal. Bianchi

zu Genua und angeblich auch das Taufbecken in S. Pietro vor Pisa.

Dagegen sind mehrere große Grabmonumente, die auch jetzt noch auf seinen

Namen zu gehen pflegen, namentlich das Monument Papst Benedicts XI.

({~DAGGER~} 1304) in S. Domenico zu Perugia und das Grabmal der hl. Margherita in

S. Margherita zu Cortona, sicher nicht von Giovanni, sondern schon aus

einer vorgerückteren Zeit des Trecento und erscheinen der sienischen

Kunst verwandt.

* * * * *

Giovanni Pisano gilt mit vollem Recht als der einflußreichste Künstler

seiner Zeit: er ist der wahre Lehrer von Giotto; seine Stellung zur

plastischen Kunst des Trecento, zur italienischen Gotik, entspricht der

Stellung Donatello's zum Quattrocento und der Michelangelo's zum

Cinquecento und Barock. Mit beiden zählt er zu den bahnbrechenden

Meistern auf dem Gebiete der bildnerischen Kunst in Italien.

Trotz dieser außerordentlichen Wirkung der Kunst des Giovanni hat

derselbe keine treuen Nachfolger seiner eigenen Richtung gehabt; denn

die dekorativen Skulpturen an der Madonna della Spina in Pisa (seit

1321), am Dom zu Siena u. s. f., welche noch ganz den Charakter des

Künstlers tragen, sind in seiner Werkstatt ausgeführt. Die Kunst des

Giovanni war eine zu subjektive, um einen Nachfolger in derselben

Richtung zu gestatten; die Nachahmung hätte hier, wie manche Arbeiten

der Werkstatt beweisen, zur ärgsten Manier und Roheit führen müssen. Es

war daher von besonderem Glück für die Entwickelung der italienischen

Kunst, daß ein so verschieden und eigenartig veranlagtes Genie, wie das

des Malers Giotto, die Erbschaft des großen Pisaner Bildhauers antrat.

Giotto ist auch für die Plastik der Vermittler zwischen Giovanni Pisano

und der Frührenaissance. Von seinem allgemeinen Einfluß als Maler

abgesehen, hat er in seinen Entwürfen zu den Reliefs an dem von ihm

(1334) begonnenen Bau des Campanile in Florenz auch unmittelbar in die

bildnerische Kunst eingegriffen; ja angeblich hat er auch selbst bei der

Ausführung desselben mit Hand angelegt. Gegenüber der ungezügelten

Gewalt seines Vorgängers macht sich bei ihm ein mäßigender,

ausgleichender Einfluß, ein Streben nach abgeschlossener Komposition,

nach tiefer, aber gehaltener Empfindung in Ausdruck und Bewegung, nach

schlichter Wiedergabe der Natur recht deutlich geltend.

Der Bildhauer, dem die Ausführung dieser Kompositionen im Wesentlichen

zufiel, war _Andrea Pisano_ aus Pontedera (um 1273 bis 1319). In der

Werkstatt des Giovanni Pisano großgezogen, erscheint er doch weit mehr

durch Giotto beeinflußt. Durch ihn erhielt Florenz auch in der Plastik

die Stellung als Vorort Italiens, die bisher fast ein Jahrhundert lang

Pisa eingenommen hatte. Sein bekanntes Meisterwerk ist die Bronzethür

von S. Giovanni zu Florenz (1330 bis 1336 ausgeführt). Die kleinen

Felder von zierlicher gotischer Form enthalten unten acht Tugenden,

darüber Darstellungen aus dem Leben des Schutzheiligen von Florenz,

Johannes d. T. Mit Giotto hat hier der Künstler die knappe, klare Art

der Darstellung, den schlichten Ernst und die Wahrheit der Empfindung,

die Beschränkung auf wenige Hauptfiguren, die vornehme Ruhe in Haltung

und Bewegung gemein, während er im Verständnis der menschlichen Gestalt,

in der Richtigkeit der Verhältnisse, im Studium der Gewandung schon über

ihn hinausgeht. Neben den herben Figuren Giotto's erscheinen Andrea's

Gestalten schön und anmutig im Ausdruck; neben Giovanni's überfüllten

Kompositionen mit tieferregten Scenen sind diese Darstellungen des

Johanneslebens auf den ersten Blick fast nüchtern und unbelebt, bei

näherer Betrachtung erscheinen sie wahrhaft klassisch in ihrem einfachen

Hochrelief, dem knappen, ausdrucksvollen Stil der Komposition wie

Erzählung und in der Meisterschaft der Durchbildung. Durch die gleichen

Eigenschaften lassen sich auch mehrere Einzelfiguren auf Andrea

zurückführen: die Marmorstatuetten von Christus und der hl. Reparata im

Museum von Sa. Maria del Fiore zu Florenz, die große Madonna über dem

Hauptportal des Domes zu Orvieto (wo Andrea 1347 bis 1349 als

Dombaumeister beschäftigt war) und ein bemalter Krucifixus in der

Berliner Sammlung (No. 25); letzterer eine besonders edle, fein

empfundene Arbeit des Künstlers, deren Wirkung noch durch die gute

Erhaltung der alten Bemalung erhöht wird.

[Abbildung: 26. Madonnenstatuette von Nino Pisano.]

Andrea's Richtung auf das Schlichte und Anmutige erscheint in seinem

Sohne _Nino Pisano_ ({~DAGGER~} 1368), der nach des Vaters Tode sich in Pisa

niederließ (das jetzt schon von Florenz seine Künstler empfangen mußte),

in das Genrehafte weiter entwickelt. Wie sich dies in besonders

vorteilhafter Weise in seinen Madonnen bekundet, zeigt eine

Marmorstatuette der Berliner Sammlung (No. 26), welche mit größeren

bezeichneten Statuen der Madonna (in S. Maria Novella zu Florenz, auf

dem Hochaltar der Madonna della Spina und am Grabmal Salterello in

S. Caterina zu Pisa) die engste Verwandtschaft hat. Die einzige

beglaubigte Arbeit seines Bruders _Tommaso_, ein Altar in Campo Santo zu

Pisa, zeigt dagegen einen sehr gering veranlagten Künstler.

Eine Weiterbildung in naturalistischer Richtung erhält die florentiner

Plastik wieder durch einen Maler, durch _Andrea Orcagna_ (Andrea di

Cione, genannt Orcagna, {~DAGGER~} 1368), der als Baumeister von Or San Michele

hier 1359 das Tabernakel vollendete. Als dekoratives Schmuckstück steht

dasselbe wohl unübertroffen in der italienischen Gotik da, und durch

seinen reichen Figuren- und Reliefschmuck kommt es in plastischer

Bedeutung der Bronzethür des Andrea Pisano nahe. Dem Giotto verwandt in

der Größe der Auffassung, in der Sauberkeit der Durchbildung dem Andrea

Pisano nahe, ist Orcagna beiden überlegen durch die feine

naturalistische Empfindung und Durchführung; ganz eigen ist ihm die

malerische Behandlung des Reliefs.

Die große Darstellung des Todes Mariä mit der Gürtelspende an der

Rückseite von Andrea's Tabernakel bleibt bis zum Ausgang des Trecento

die hervorragendste Leistung. Arbeiten, wie die Reliefs der Tugenden an

der Loggia de' Lanzi (1383 bis 1387), sind recht tüchtige Werke unter

dem Einfluß des Orcagna; im Großen und Ganzen verliert sich aber die

bildnerische Kunst dieser Zeit in Florenz in nüchterne und meist sogar

starre oder kleinliche Nachahmung der großen vorangegangenen Meister;

die Statuen am Campanile aus dieser Zeit, die verschiedenen Figuren an

den südlichen Portalen des Domes, der Altar des _Alberto di Arnoldo_ im

Bigallo (1364), der Taufstein in S. Giovanni (1371), verschiedene

Grabdenkmäler in S. Croce u. s. f. sind ebenso viele sprechende Beispiele

für diese Erstarrung der plastischen Kunst. Ein Werk dieser Art, ein

Madonnenrelief Alberto's am Campanile, ist in einer bemalten

Stucknachbildung (wohl der frühesten Arbeit dieser Art, die bisher

bekannt ist) im Berliner Museum vertreten (No. 32A).

* * * * *

Für die florentiner Bildnerschule dieser Zeit ist es charakteristisch,

daß ihre Thätigkeit fast ausschließlich auf ihre Vaterstadt beschränkt

bleibt, wo sich große und kleine Aufgaben in reichem Maße für die

Künstler darboten. Anders die _Bildhauerschule Siena's_, welche sich an

die Thätigkeit von Niccolo und Giovanni Pisano in Siena anschließt und,

Dank dem politischen Aufschwunge der Stadt seit dem Ende des XIII.

Jahrh., eine ebenso reiche Entwickelung aufzuweisen hat, wie die

gleichzeitige florentiner Schule: in der Heimat fast gar nicht

beschäftigt, wenden sich die Sieneser Künstler nach außen und sind in

Mittel- und Süditalien in umfangreicher und mannigfaltiger Weise thätig

gewesen. Ihren Charakter behalten sie aber auch hier im Wesentlichen

bei.

Die sienische Plastik des Trecento hat die hervorragenden

Eigentümlichkeiten mit der sienischen Malerei gemein, zeigt aber gerade

die Schwächen der letzteren in besonders starkem Maße. Da den Bildwerken

die malerische Wirkung der Gemälde durch den glänzenden, zierlich

gearbeiteten Goldgrund, zumal bei ihrer jetzigen Farblosigkeit, abgeht,

so machen sich hier der Mangel an Größe der Auffassung wie an

Monumentalität in Aufbau und Anordnung, die eigentümliche Breite und

Redseligkeit in der Erzählung der Reliefs, die weiche, knochenlose

Wiedergabe der menschlichen Gestalt meist in störender Weise geltend und

lassen die gemütvolle, weiche Empfindung und die saubere Ausführung als

Gemeingut so vieler sienischen Kunstwerke nur selten oder doch nicht

voll zur Geltung kommen.

Unter den zahlreichen Bildhauern Siena's in dieser Zeit ist keiner --

und auch das ist ein charakteristisches Kennzeichen dieser Schule --,

der sich aus der Mittelmäßigkeit der anderen wesentlich heraushöbe.

Schon die unmittelbaren Nachfolger des Giovanni Pisano in Siena, soweit

wir beglaubigte Arbeiten von ihnen kennen: die Tino, Maestro Gano, Goro

di Gregorio, Agostino di Giovanni, Cellino u. a. m. haben den gleichen

Charakter. Meister _Gano_ verfertigt bereits im Anfange des XIV. Jahrh.

ein Paar Grabmonumente im Dom von Casale bei Volterra. _Goro di

Gregorio_ arbeitet 1323 die Reliefs und Statuetten an der Arca di S.

Cerbone im Dom zu Massa Maritima. _Tino di Camaino_ ({~DAGGER~} 1339), hat als

Grabbildner eine ausgedehnte Thätigkeit enfaltet: von seiner Hand sind

in Pisa das Monument Kaiser Heinrichs VII. (1315), in Florenz das

Monument des Bischofs Ant. d'Orso im Dom, in Neapel (seit 1323)

verschiedene Grabmonumente in S. Maria Domna Regina und in Corpus

Domini. _Cellino di Nese_ errichtet das Grabmal des Cino de' Sinibaldi

im Dom zu Pistoja (1337); als das früheste Professorengrab von Bedeutung

für diese namentlich in der Universitätsstadt Bologna entwickelte

Gattung von Monumenten. Verschiedene, nach ihrem Urheber nicht zu

benennende Monumente in Cortona, Perugia, Assisi tragen ähnlichen

Charakter. Das reichste Monument unter allen sienischen Grabdenkmalen

dieser Zeit, das des Bischofs Tarlati im Dom zu Arezzo von _Agostino di

Giovanni_ und _Agnolo di Ventura_ (1330), zeigt die Schwächen der

Bildnerschule Siena's und den völlig unmonumentalen, kleinlichen Aufbau

in der Häufung von zahlreichen kleinen Reliefs und Statuetten, wie in

der puppenhaften Größe und übertriebenen Zierlichkeit der Figuren. Die

Reliefs mit Motiven aus der Zeitgeschichte besitzen dabei aber eine

gewisse einfache Anschaulichkeit und genrehafte Lebendigkeit, welche bei

näherer Betrachtung wenigstens teilweise für jene Mängel entschädigen.

Vorteilhafter noch zeigt sich die sienische Plastik an einem Monumente,

an dem sie sich am umfangreichsten und einheitlichsten bethätigt hat, am

Fassadenschmuck des Domes von Orvieto. Die vier breiten Pfeilerflächen

zwischen den Portalen sind hier nach einheitlichem Entwurf und unter

einheitlicher Leitung vollständig überzogen mit Bildwerken in mäßigem

Hochrelief, welche die Schöpfung und den Sündenfall, die Verheißung des

Alten Testaments, das Leben des Erlösers und das Jüngste Gericht

darstellen. Die alte Zuweisung derselben an Giovanni und Andrea Pisano

ist als unhaltbar aufgegeben. Diese Skulpturen zeigen vielmehr alle

charakteristischen Eigenschaften der sienischen Kunst und werden wohl

mit Recht, wenigstens in ihrem Entwurf, dem Baumeister der Fassade, dem

Sienesen _Lorenzo Maitani_, zugewiesen. Völlig unarchitektonisch in der

Anordnung der einzelnen Scenen, die nach Art der mittelalterlichen

Miniaturen nur durch mageres Geäst getrennt sind, ohne Größe oder

Energie der Auffassung, ohne besondere Mannigfaltigkeit, in der

Behandlung der Körper wie im Ausdruck wenig individuell und weichlich,

geben diese Skulpturen durch den glücklichen Reliefstil und die saubere

Durchführung, durch den ausgesprochenen Schönheitssinn, die Lieblichkeit

der Typen, das feine Naturgefühl, selbst in der Behandlung des Nackten,

durch die schlichte und klare, wenn auch etwas breite Erzählungsweise,

durch die gemütliche, genrehafte Auffassung die vorteilhafteste

Vorstellung von dem Können der sienischen Bildhauer dieser Zeit. Ihre

treffliche Erhaltung macht sie besonders wirkungsvoll.

* * * * *

Über Toskana hinaus verbreitete sich mit dem Ruhm der Pisaner

Bildhauerschule auch alsbald das Bedürfnis, der Kunst derselben

teilhaftig zu werden. Schon die Schüler des Niccolo Pisano wandern nach

allen Teilen Italiens und legen fast überall den Grund zu reicher

plastischer Thätigkeit. Selbst in Rom und Süditalien erwacht die Freude

an figürlicher Plastik. In Rom verbindet sie sich mit der alten

Mosaikdekoration der Cosmaten (nach einem Meister Cosmas genannt, in

dessen Familie die künstlerische Laufbahn lange erblich blieb)

gelegentlich zu recht glücklicher Gesamtwirkung, wenn auch die

eigentlich plastischen Teile regelmäßig von geringer Bedeutung sind. Die

Grabmonumente haben hier in der Regel den Vorzug vor den Tabernakeln und

Altären. Auf Wandpilastern erhebt sich der spitzbogige Bau, dessen Bogen

ursprünglich ein Mosaikgemälde zu schmücken pflegte; darunter ruht auf

dem Paradebett der Tote, hinter dem von anmutigen Engeln ein Vorhang

gehalten wird; am Sockel sind die Wappen des Verstorbenen zwischen

zierlichen Mosaikornamenten angebracht. In der monumentalen Wirkung des

einfachen architektonischen Aufbaus, in der würdevollen Auffassung der

Gestalt des Verstorbenen und in der reichen harmonischen Farbenwirkung

sind diese Grabdenkmäler denen der toskanischen Meister überlegen. Dies

gilt namentlich für die Monumente des Cosmaten _Johannes_: das Grabmal

Gonsalvo in S. Maria Maggiore (vom Jahre 1299), das des Stephanus in

S. Balbina und das Monument Durante in der Minerva (1296); teilweise

auch für die zahlreichen ähnlichen Grabmäler in S. M. in Araceli, meist

der Familie Savelli angehörig. Wie wenig trotzdem die römische Kunst im

Stande war, aus sich heraus zu einer frischen, stetigen Entwickelung zu

gelangen, beweist der Umstand, daß mehr als ein Jahrhundert später die

Grabdenkmäler noch fast ganz in derselben Weise gestaltet wurden, nur

unter allmählicher Verdrängung des musivischen Schmuckes.

Reicher noch, namentlich auch an rein plastischem Schmuck, dagegen

künstlerisch weit geringwertiger sind die Monumente Süditaliens während

des Trecento. Insbesondere die Kirchen Neapels werden durch die

Prunksucht der Anjou und der großen Barone Süditaliens mit reichen

Grabmonumenten förmlich überladen, für welche die Monumente der nach

Neapel berufenen toskanischen Künstler, namentlich des Sienesen _Tino di

Camaino_, die Vorbilder wurden: unter einem Baldachin auf hohen

gewundenen Säulen steht der von drei oder vier Tugenden getragene und

mit Reliefs geschmückte Sarkophag, auf dem hinter einem von Engeln

zurückgezogenen Vorhange die ruhende Figur des Verstorbenen sichtbar

wird; über ihm ein Dach mit Statuetten. Die einförmige, gedankenlose

Wiederholung dieser Motive, die Überladung, die plumpen Formen und

Verhältnisse, der Mangel an koloristischem Sinn in der Bemalung, die

empfindungslose Auffassung und Behandlung der Figuren lassen auch bei

den besten dieser Grabdenkmäler, wie sie namentlich im Dom, in

S. Chiara, S. Domenico und S. M. Domna Regina besonders zahlreich sind,

den Beschauer zu keinem künstlerischen Genusse kommen.

Für den Einfluß französischer Gotik, der sich in diesen Monumenten

Süditaliens unter der Herrschaft der Anjou gelegentlich geltend macht,

sind ein Paar Marmorstatuetten der Berliner Sammlung, die aus Neapel

stammen (No. 29 und 30), charakteristische Beispiele. Von ungewöhnlich

feiner Empfindung, erscheinen sie den Leidtragenden an gleichzeitigen

französischen und burgundischen Sarkophagen in Ausdruck, Haltung und

selbst in der Tracht nahe verwandt. Wie lange sich hier im Süden,

namentlich in Sicilien und Calabrien, diese Mischung französischer und

Pisaner Gotik erhält, dafür ist die reich bemalte Alabasterfigur der

Madonna (No. 206) ein charakteristisches Beispiel; sie kann nach den

Ornamenten wie nach der Behandlung kaum vor 1500 entstanden sein.

* * * * *

Auch Norditalien, selbst die Lombardei, welche mit ihren Steinmetzen und

Bildhauern noch bis zur Mitte des XIII. Jahrhunderts das übrige Italien

und namentlich gerade Toskana versorgt hatte, kommt seit dem Anfange des

Trecento völlig unter den Einfluß der Pisaner Schule und bezieht aus

dieser die Künstler für die wichtigen plastischen Aufgaben, die jetzt

allmählich in größerer Zahl gestellt wurden. Für Mailand wird die

Thätigkeit eines Pisaner Künstlers, _Giovanni di Balduccio_, bestimmend,

der in seiner Heimat ein Grabmal in Sarzana (1322) und eine Kanzel in

S. Casciano bei Florenz gearbeitet hatte. Sein berühmter Marmorsarkophag

des Petrus Martyr in S. Eustorgio zu Mailand ist zwar unbedeutend in der

Erzählung und teilweise linkisch in der Bewegung, aber von größter

Delikatesse der Durchführung und in den großen Statuen der Tugenden an

den Säulen von besonders glücklichen Verhältnissen, geschmackvoller

Gewandung und lieblichem Ausdruck. Die Reliefs des Hochaltars in

S. Eustorgio, verschiedene Grabmäler in S. Marco, S. Eustorgio, im Museo

Lapidario und andere Mailänder Arbeiten des Trecento sind offenbar unter

dem Einflusse dieser Monumente entstanden. Eine Arbeit Balduccio's ist

auch das Grabmal des Azzo Visconti im Palast Trivulzio zu Mailand.

Dagegen erscheint das Grabmal des Kardinals Luca Fieschi ({~DAGGER~} 1336) im Dom

zu Genua unter allen Monumenten dieser Zeit am stärksten von Giovanni

Pisano beeinflußt. Die Komposition des Thomasreliefs am Sarkophag ist in

der Belebung der Figuren, in Bewegung und Gewandung wohl die

bedeutendste Arbeit der Lombardei.

Die reiche Arca di S. Agostino im Dom zu Pavia (begonnen seit 1362) und

andere einfachere Monumente in den lombardischen Städten zeigen den

unter der Einwirkung solcher Pisaner Vorbilder allmählich entwickelten

Stil der lombardischen Plastik der zweiten Hälfte des Trecento, der mehr

durch Sauberkeit der Arbeit und Schlichtheit der Auffassung als durch

Größe oder feine Belebung sich auszeichnet. Wie weit die französische

Kunst schon ein Jahrhundert früher dieser Kunst überlegen war, beweist

der berühmte Bronzeleuchter des Mailänder Domes, das Beutestück eines

Trivulzio in einem Kriege gegen Frankreich.

Noch auf einem anderen Wege kommt die toskanische Kunst nach der

Lombardei: durch die Lombarden, die in Venedig arbeiteten und Aufträge

für ihre Heimat bekamen. Solche Arbeiten sind namentlich die

verschiedenen Reitermonumente der Lombardei, in erster Linie die

berühmten Monumente der Tyrannen von Verona, die Scaligerdenkmäler auf

dem kleinen Platz neben S. Maria Antica. Im Figürlichen sämtlich mehr

oder weniger untergeordnet, sind sie von Bedeutung als die ersten

künstlerischen Äußerungen trotziger Ruhmessucht, die hier von vornherein

losgelöst von der Kirche erscheint. Dem reichsten dieser Monumente, dem

des Can Signorio von _Bonino da Campiglione_ (von 1375), ist das

früheste, dem Can Grande I. errichtete Grabdenkmal (1329) in seinem

einfach monumentalen Aufbau und der trefflich heraldisch stilisierten

Reiterfigur auf der Spitze wesentlich überlegen. Die Monumente des

Barnabo Visconti (1384) und der Regina della Scala (1385), in der Brera

zu Mailand, sind von diesen Arbeiten abhängig.

Die Italienische Plastik · 第 2 / 16 段