Wenig später, aber unter anderen Bedingungen, entstand und e

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HANDBÜCHER

DER KÖNIGLICHEN MUSEEN ZU BERLIN

MIT ABBILDUNGEN

DIE

ITALIENISCHE PLASTIK

VON

WILHELM BODE

MIT 86 ABBILDUNGEN IM TEXT

ZWEITE AUFLAGE

BERLIN

W. SPEMANN

1893

Altchristliche Plastik

(um 300 bis 600 n. Ch.).

[Abbildung: 1. Bronzestatuette des hl. Petrus]

Das Auftreten und der schließliche Sieg des Christentums, welches die

alte Welt zertrümmerte und eine neue Kultur an seine Stelle setzte, hat

zur Belebung der Kunst zunächst nicht beigetragen. Die künstlerische

Schöpfungskraft war im weströmischen Reiche zur Zeit Konstantin's schon

völlig erloschen; die Kunst, zumal die bildnerische, die recht

eigentlich die Kunst der Antike gewesen war, zehrte von Traditionen,

welche mehr und mehr verblaßten; und in den immer roheren und

empfindungsloseren, immer spärlicheren Nachbildungen verlor sich

allmählich auch die handwerksmäßige Fertigkeit. Für den Bronzeguß fehlte

es, von Werken der Kleinkunst abgesehen, an Ausdauer und technischem

Können, für die Ausführung von Freifiguren überhaupt an künstlerischem

Vermögen; die bildnerische Thätigkeit wurde daher bald auf das Relief

beschränkt, und auch dieses wurde vorwiegend im Kleinen ausgeführt.

Die christliche Religion war schon an sich für die plastische Gestaltung

ihrer Ideen und Personen wenig geeignet, sie war ihr auch durch ihren

Zusammenhang mit dem mosaischen Gesetz abgeneigt; in Folge dessen wurde

die Plastik von den großen monumentalen Werken, welche die Anerkennung

des Christentums als Staatsreligion notwendig machte, so gut wie ganz

ausgeschlossen. Aber auch der greisenhafte Zustand der Zeit, das Fehlen

jeder erfinderischen Kraft für die neuen künstlerischen Aufgaben, welche

durch das Christentum und die christliche Staatskirche erwuchsen, machte

ein Zurückgehen auf antike Vorbilder und teilweise selbst auf antike

Motive, ja eine knechtische Entlehnung derselben notwendig. Selbst die

Aufgaben blieben im Grunde die alten; man erfüllte sie nur mit neuem

Geist.

[Abbildung: 427. Elfenbeinpyxis]

In erster Linie steht, als Ausfluß des tiefgewurzelten altitalienisch

Totenkultus, der Schmuck der Sarkophage; daneben die kleine Plastik,

namentlich die Elfenbeinschnitzerei und der Schmuck der Lampen, die in

den Katakomben eine reiche Verwendung zu heiligen Zwecken fanden. Bei

der Ausführung dieser Bildwerke schlössen sich die Künstler den

heidnischen Vorbildern unmittelbar an; Stil und Technik blieben

dieselben, verloren aber schließlich auch den letzten Zusammenhang mit

der Natur. Zur Schöpfung heiliger Typen, wie sie der neue Glaube

erfordert hätte, war eine solche Plastik nicht mehr befähigt. Für

Christus und einige der vornehmsten Apostel, namentlich Petrus, hatte

die historische Tradition in der vorausgegangenen Zeit die Vorbilder

festgestellt; im Übrigen sind fast alle anderen Gestalten schemenhafte

Nachbildungen heidnischer Vorbilder. Die Einzelfigur trat zurück; das

erzählende Relief, von der Malerei abhängig und ein notdürftiger Ersatz

derselben, wurde fast ausschließlich, wie in den Anfängen der Kunst,

eine bildliche Erläuterung des neuen Glaubens.

Diese aus spätrömischer Tradition herausgewachsene und in römischer Form

und Auffassungsweise in die Erscheinung tretende Kunstübung, die als

altchristliche Kunst bezeichnet wird, starb langsam ab unter den Stürmen

der Völkerwanderung, in denen das weströmische Reich durch deutsche

Völkerschaften zertrümmert wurde, die nicht im Stande waren, dauerhafte

Zustände an die Stelle zu setzen.

[Abbildung: 429. Elfenbeintafel.]

Die Werke italienischer Plastik aus dieser Zeit, die überhaupt spärlich

sind, haben nur selten ihren Weg aus Italien herausgefunden; was sich im

Auslande findet, gehört fast ausnahmslos der Kleinkunst an; vorwiegend

sind es Werke der Elfenbeinplastik. Die Berliner Sammlung besitzt, als

große Seltenheit, die kleine Freifigur eines Petrus aus Bronze (No. 1);

eine Arbeit des IV. Jahrh., die durch ihren unmittelbaren Anschluß an

eine antike Rednerstatue, trotz der rohen Bildung der Extremitäten, noch

eine gewisse Lebendigkeit in der Haltung und im Ausdruck besitzt. Ebenso

rein antik erscheint die gleichzeitig entstandene Elfenbeinpyxis mit der

Darstellung Christi zwischen den Aposteln und dem Opfer Abrahams (No.

427), die, Dank der leichteren Bearbeitung des Materials, feiner in der

Durchbildung ist; sie ist eines der besten Beispiele altchristlicher

Elfenbeinplastik. Die Ausartung derselben in flüchtige Roheit zeigt das

Bruchstück einer anderen Pyxis (No. 430) mit einer Darstellung des

kleinen Joseph zwischen seinen Brüdern, die wohl erst dem VI. Jahrh.

angehört. Für den Einfluß, den die allmählich aus der Antike sich

eigenartig entwickelnde byzantinische Kunst schon damals von Ravenna aus

auf einzelne Teile von Italien ausübte, ist das große Diptychon mit dem

thronenden Christus zwischen Petrus und Paulus und mit Maria zwischen

zwei Engeln (No. 428 und 429) ein besonders charakteristisches,

vorzügliches Beispiel. Die Arbeit stimmt mit den Elfenbeinreliefs am

Throne des Maximian ({~DAGGER~} 556) in Ravenna überein und darf daher als

gleichzeitige Arbeit eines Künstlers in Ravenna gelten.

Die romanische Epoche

(um 600 bis 1250).

[Abbildung: 4. Sarkophag aus Venedig.]

Nach den furchtbaren Verheerungen und Plagen, mit welchen Italien seit

der Zertrümmerung des weströmischen Reiches in verstärktem Maße

heimgesucht wurde, war die Begründung des Longobardenreiches eine erste,

wenn auch nur schwache und kurze Erholung für das verwüstete,

menschenleere Land. In solchen Nöten hatten die Künste keine Pflege

finden können, waren selbst die Keime erstickt, aus denen sich Neues

hätte entwickeln können. Aber auch nach der Aufrichtung des

Longobardenreiches verging fast ein halbes Jahrtausend unter

fortwährendem politischen Elend, bis in Italien der Boden für eine

nationale Kunstentwickelung wieder bestellt war. Freilich war das

Bedürfnis zu künstlerischer Ausgestaltung und Ausschmückung der

Umgebung, namentlich der Gotteshäuser, selbst in dieser kunstarmen,

unkünstlerischen Zeit nicht erloschen; und wo höhere Anforderungen

gestellt wurden, mußte man sich an das Ausland wenden. Schon die ersten

unter den Longobardenkönigen zogen daher byzantinische Künstler an ihren

Hof, und später sehen wir wiederholt in den verschiedensten Teilen von

Italien, namentlich in Venedig und Süditalien, byzantinische Künstler

eine hervorragende Thätigkeit entfalten. Regelmäßig wiederholt sich

dabei dieselbe Erscheinung: die Vorbilder, welche diese fremden

Künstler schufen, wurden barbarisch nachgeahmt, ohne daß sich daran eine

eigenartige lebensfähige Kunstthätigkeit anzuschließen im Stande war.

Besonders tief ist in diesem langen Zeitraume der Stand der

bildnerischen Kunst. Hier wirkte noch der Umstand sehr ungünstig ein,

daß die der figürlichen Plastik abholden Byzantiner fast nur nach der

ornamentalen Seite Vorbilder lieferten. Diese byzantinische und

byzantinisierende Dekorationsweise trägt den Charakter einer

teppichartigen Flächendekoration, welche Wandfüllungen, Ballustraden,

Kapitelle u. s. f. vollständig bedeckt. Gewinde von Weintrauben oder

Epheu, Akanthusblätter und Akanthusranken umgeben Krucifixe, Rosetten

oder Tiere mit symbolischer Beziehung, oder bilden den Grund, auf dem

sich dieselben abheben. Auch das aus dem Norden Europa's stammende

Bandgewinde, phantastisch und oft sehr zierlich verschlungen, hat sich

hier eingefunden. Wo diese Ornamente rein und gut gearbeitet sind,

dürfen wir, nach dem Vergleich mit erhaltenen Arbeiten im Gebiete des

alten byzantinischen Reiches, auf die Hand von byzantinischen Künstlern

schließen. Besonders reiche und gute Beispiele der Art bieten Rom,

Brescia und namentlich Venedig und Torcello. Von letzteren besitzt auch

die Berliner Sammlung, aus der 1841 erworbenen Sammlung Pajaro, eine

Anzahl interessanter Stücke, welche teils noch von dem alten Markusdom

(aus dem Jahre 829, so das Fenster No. 2 und die Muscheldekoration No.

6), teils von dem Umbau nach einem Brande im Jahre 976 herrühren; von

letzterem ein Paar Kapitelle (No. 8 und 9) u. a. m. Die Pfauen am Brunnen

(No. 7) aus frühester byzantinischer Zeit. Auch die seltenen feineren

Arbeiten der kleinen Plastik: Altarvorsätze in edlen Metallen,

Elfenbeinarbeiten, namentlich die Kästchen mit Einzelfiguren von

Kämpfern u. dergl., sind regelmäßig Arbeiten byzantinischer Künstler,

die im IX. und X. Jahrh. in Italien beschäftigt waren.

Weit zahlreicher und über ganz Italien zerstreut sind die italienischen

Nachbildungen solcher byzantinischer Vorbilder in Stein, die durch den

Mangel an Originalität der Erfindung und an dekorativem Sinn, wie durch

auffallende Roheit der Ausführung sich unschwer als Arbeiten

einheimischer Steinmetzen kennzeichnen. Neben Venedig und seinen

Nachbarorten sind Cividale, Ancona, Rom mit Bauten, an denen dekorative

Bildwerke dieser Art ursprünglich oder von älteren Monumenten angebracht

sind, besonders reich; sie finden sich aber auch bis nach Sicilien

hinein. Das Berliner Museum hat von solchen Arbeiten namentlich ein Paar

interessanter Sarkophage (No. 3 und 4) und einen Thürbogen (No. 5)

aufzuweisen, die dem VIII. und IX. Jahrh. anzugehören scheinen.

Erst im XI. Jahrh. beginnt langsam aber stetig und fast gleichzeitig in

verschiedenen Teilen Italiens eine nationale Kunst wieder einzusetzen;

zunächst in der Architektur, welche allmählich auch die Plastik zu ihrer

Beihülfe heranzieht. Dieselbe erstarkt während des XII. Jahrh. im

gesunden Anschluß an die Baukunst und gelangt um die Mitte des XIII.

Jahrh. zu einer selbständigen künstlerischen Entfaltung. Für den Verlauf

dieser Entwickelung in den einzelnen Teilen Italiens ist namentlich der

verschiedene Einfluß maßgebend, der von außen auf die bildnerische

Thätigkeit einwirkt. In Venedig und seiner Nachbarschaft bleiben für

lange Zeit noch die Vorbilder der byzantinischen Bildwerke der

Ausgangspunkt für die einheimische Plastik. In Süditalien und Sicilien

sind gleichfalls byzantinische Künstler noch bis in das XII. Jahrh.

thätig; neben ihnen macht sich aber auch arabischer Einfluß in

eigentümlicher Weise geltend. Unabhängiger von der östlichen Kunst zeigt

sich die Plastik in Mittel- und Oberitalien. In Mittelitalien, in Rom

wie in Toskana in eigener Weise, bilden die zahlreichen Überreste

spätrömischer und etrurischer Plastik den Anhalt für die ersten

unbeholfenen Versuche in der eigenen Kunstübung. Am selbständigsten und

bedeutsamsten entwickelt sich die plastische Kunst von vornherein in der

Lombardei, zuerst in Mailand und Verona, dann namentlich in Parma und

Modena; lombardische Steinmetzen und Bildhauer verbreiten sich weiter

über Ober- und Mittelitalien und tragen auch hier zu einer freieren,

selbständigen Entwickelung der Plastik wesentlich bei.

[Abbildung: 454. Elfenbeinrelief der Kreuzigung.]

Süditalien war als Bestandteil des oströmischen Kaiserreichs auch in

künstlerischer Beziehung von Byzanz abhängig geblieben und diese

Abhängigkeit bekundete sich auch noch, nachdem ganz Sicilien in die

Hände der Araber fiel und Ende des XI. Jahrh. Süditalien samt Sicilien

von den Normannen erobert wurde. Der bildnerische Schmuck der

kirchlichen Monumente hat entweder rein ornamentalen Charakter oder die

Bildwerke tragen auch im Großen den Stil der Kleinkunst. Dies gilt

namentlich für die Bronzethüren, welche aus einer Reihe kleiner Platten

mit winzigen figürlichen Darstellungen zusammengesetzt sind. Diese

wurden anfangs in einer Art Niellotechnik hergestellt, später, seit der

Mitte des XII. Jahrh. in einzelnen Platten mit Reliefs gegossen. Sie

erscheinen im Stil von den Elfenbeinreliefs abhängig; erstere sind

durchweg byzantinische Arbeiten, letztere wurden meist schon von

Italienern ausgeführt, bekunden aber noch stark byzantinischen Einfluß.

Unter diesem Einfluß entwickelte sich Ende des XI. und im XII. Jahrh.

eine regere und in ihrer Art recht tüchtige Kleinplastik mit lebendig

erzählendem, wenn auch kindlich naivem Charakter; zumeist in Elfenbein,

worin der bekannte Altarvorsatz im Dom von Salerno das Hauptstück ist;

vereinzelt auch in Stein, wie in den zierlich gearbeiteten Marmortafeln

im Dom zu Neapel, die durchaus im Stil der Elfenbeinreliefs behandelt

sind. Die Berliner Sammlung besitzt verschiedene Elfenbeinreliefs, die

denen in Salerno nahe verwandt sind (No. 436, 453 u. 454) und offenbar

den gleichen Ursprung haben; und für jene Marmorreliefs erscheinen die

Darstellungen aus der Schöpfung auf einer Elfenbeintafel der Sammlung

(No. 455) wie die unbeholfenen, altertümlichen Vorbilder.

[Abbildung: 28. Büste einer süditalienischen Fürstin.]

In der kurzen Zeit des Friedens und äußeren Gedeihens der

süditalienischen Provinzen unter der Herrschaft Friedrichs II. brachten

die Cosmaten aus Rom ein neues Element in die Dekoration. Aus

dergleichen Zeit oder wenig später sind aber auch einige Stücke großer

Plastik erhalten: verschiedene Porträtbüsten, die sich bisher schwer in

Zusammenhang mit der übrigen Entwickelung der Plastik in Süditalien

bringen ließen. Zwar scheinen die Büsten im Museum zu Capua vielmehr

Arbeiten aus der letzten Verfallzeit römischer Kunst zu sein; aber es

bleiben als zweifellose Arbeiten dieser Zeit ein paar Frauenbüsten, die

der Sigilgaïta Rufolo an der Kanzel im Dom zu Ravello und zwei

verwandte, aber flüchtiger behandelte Reliefköpfe an derselben Kanzel

(vom Jahre 1272), sowie die aus der unmittelbaren Nachbarschaft von

Ravello stammende Büste einer jungen Fürstin in Berlin (No. 28). Beide

Büsten, obgleich unter sich nicht unwesentlich verschieden, stimmen in

dem Streben nach möglichstem Anschluß an spätrömische Arbeiten, selbst

in der technischen Behandlung überein. Bei der Vereinzelung dieser

Bildwerke liegt es näher, dieselben auf Einflüsse der Kunst der Pisaner

Meister (s. S. 16) zurückzuführen, als umgekehrt daraus auf Süditalien

als die Heimat der Kunst des Niccolo Pisano zu schließen. Wie roh die

große Plastik in Süditalien damals noch war, dafür giebt die Statue

Karls von Anjou, die jetzt an der Treppe des Conservatorenpalastes zu

Rom steht, augenfälligen Beweis.

In Venedig und seiner Umgebung finden wir gleichzeitig eine der

süditalienischen verwandte Entwickelung der Plastik: auch hier

verhindert der byzantinische Einfluß eine freie eigenartige Gestaltung;

auch hier sind noch lange Zeit byzantinische Künstler hervorragend

thätig und liefern auch später durch ihre Arbeiten die Vorbilder für die

flüchtigen Nachbildungen der einheimischen Künstler. Mehr noch als in

Süditalien bleibt in Venedig der bildnerische Schmuck auf ornamentale

Verzierungen beschränkt, die mit Tierdarstellungen in phantastischer

Weise verquickt sind. Ein charakteristisches Zeichen für die Scheu vor

freier Skulptur ist der Umstand, daß noch um die Mitte des XIII. Jahrh.

für die Monumente der Dogen antike Sarkophage benutzt wurden. Wo uns an

den Bauten dieser Zeit plastischer Schmuck begegnet, ist er entweder aus

dem Orient herübergeholt oder orientalischen Vorbildern nachgeahmt.

Ausnahmen, wie die Säulen des Tabernakels in San Marco, (wenn nicht zum

Teil früh-christlich), bestätigen nur die Regel: sie sind ganz nach Art

der Elfenbeinschnitzwerke und der Goldschmiedearbeiten eingeteilt und

mit ganz kleinen Reliefdarstellungen wie übersponnen, Arbeiten, die in

ihrer sauberen, ängstlichen Ausführung jeden größeren bildnerischen Sinn

vermissen lassen. Das Berliner Museum besitzt eine ganze Sammlung

charakteristischer venezianischer Dekorationsstücke, wie sie noch heute

das Äußere und Innere der romanischen Kirchen und die Fassaden der

gleichzeitigen Paläste Venedigs und der Nachbarorte auf den Inseln in

reicher musivischer Anordnung bedecken. (No. 11ff.).

Noch ausschließlicher als in Süditalien und Venedig bleibt in Rom die

Thätigkeit der Bildhauer auf rein dekorative Arbeiten beschränkt; ja

diese verzichtet selbst auf eigentlich plastische Ornamentik und bildet

dafür ein zierliches und farbenreiches musivisches Schmucksystem aus,

welches mit Anlehnung an antike Vorbilder aus dem unerschöpflichen

Vorrat an römischen Baustücken in wertvollen Steinen aller Art sein

Material herbeiholt und gerade durch die Fülle und den Wert desselben

zur Ausbildung dieser Dekorationsweise angeregt wurde; als

Cosmatenarbeit benannt, weil namentlich der Marmorarius _Cosmas_ und

seine Familie dieselbe ausübte. Ein Beispiel dafür, doch schon aus

späterer Zeit, bietet die Aschenurne (No. 31).

[Abbildung: 28A. Marmorbüste aus Rom.]

Zwischen diesen Arbeiten steht das Bruchstück eines großen plastischen

Werkes, welches in Rom ausgegraben wurde und das sich jetzt im Berliner

Museum befindet, bisher vereinzelt und unerklärt da: der kolossale

Marmorkopf eines bärtigen Mannes, den der Reif im lockigen Haar wohl als

Fürsten charakterisiert (No. 28A). Neben den oben genannten, etwa

gleichzeitigen süditalienischen Büsten fällt in diesem Marmorwerke der

enge Anschluß an antike Büsten archaischen Stils, sowie die

außerordentlich saubere Ausführung und teilweise schon individuelle

Empfindung auf, wie sie sich z. B. in der Behandlung des Ohres bekundet.

Die eigentümlich stilisierte Behandlung des flach anliegenden lockigen

Barthaares findet sich ganz übereinstimmend im Haar der Bronzewölfin im

Kapitol, die auch sonst in ihrer Auffassung und Behandlung mehr

mittelalterlichen als antiken Charakter hat. Wir werden daher auch

dieses Werk der römischen Plastik des XIII. Jahrh. zuzuschreiben haben,

die uns in ihrer Entwickelung und im Zusammenhang mit der Plastik des

übrigen Italien noch manches zu raten giebt.

Eine klare und stetige Entwickelung und eine reichere Entfaltung zeigt

die Skulptur nur in Norditalien und Toskana. Von vornherein, seit dem

Anfang des XII. Jahrh., tritt sie hier in gesunder Verbindung mit der

Architektur zur Hebung und Belebung ihrer Glieder auf; auch geht sie

denselben Weg, den sich hier die selbständige Entwickelung der

Architektur bahnt: vom Mittelpunkt des alten Longobardenreiches, von

Mailand und seiner Umgebung, wird sie durch Marmorarbeiter dieser Orte

(namentlich aus Como) nach Mittelitalien übertragen und lange Zeit

vorwiegend durch diese »Comasken« ausgeübt. Die Lombardei selbst hat nur

dürftige Reste aufzuweisen; die großen Reliefs am Tabernakel über dem

Hochaltar in S. Ambrogio zu Mailand sind in ihrer starren

Regelmäßigkeit, wenn nicht von byzantinischer Herkunft, doch erst aus

dem XIII. Jahrh.; das beweisen die rohen Skulpturen der Porta Romana vom

Meister _Anselmus_, die aus den Jahren 1167 bis 1171 datieren. Sehr

bedeutend sind dagegen die Überreste, welche heute noch in Verona

erhalten sind: das Portal des Domes (1135) und namentlich die Fassade

von S. Zeno sind hier mit reichstem Skulpturenschmuck verziert. Beide

Arbeiten gehen wenigstens teilweise auf Meister _Nicolaus_ zurück, der

an S. Zeno mit dem Meister _Wilhelm_ zusammen arbeitet, dann am Dom von

Modena thätig ist und 1139 auch das Portal des Domes zu Ferrara mit

reichem plastischen Schmuck versieht. Neben diesen Steinarbeiten bieten

die aus vielen ehernen Platten bestehenden Thürflügel von San Zeno das

Bild einer äußersten Barbarei in allen körperlichen Bildungen dar. Die

einzelnen Tafeln könnten auch verschiedenen Ursprungs und Alters sein.

Mit einigen älteren deutschen Bronzearbeiten haben sie gemein, daß die

Figürchen in ihrem starken Hochrelief wie aufgenietet erscheinen.

Teppichartig bedecken die Marmorreliefs die Wände und zeigen eine

kindlich naive, unbeholfene und derbe, ja selbst rohe, aber eigenartige

Erzählungs- und Darstellungsweise. Das Relief springt hier durchweg

kräftig über den Rahmen hinaus, der ganz flach bleibt; doch sind die

Figuren, selbst die Extremitäten dabei gleichmäßig in der Fläche

gehalten. Die viel lebendigeren und besser verstandenen Figuren an dem

Taufbecken in S. Giovanni in Fonte zu Verona gehören schon einer

vorgeschritteneren Zeit an und verraten, wie die gleichzeitigen

venezianischen Bildwerke, die Schulung durch byzantinische Künstler und

Vorbilder.

Den Arbeiten in Verona und Ferrara sind die noch umfangreicheren

Skulpturen in Parma und dem benachbarten San Donino schon wesentlich

überlegen. An beiden Orten ist _Benedetto Antelami_, der sich in

bezeichneten Arbeiten zwischen den Jahren 1178 und 1196 nachweisen läßt,

der maßgebende Künstler. Hier wie an den vorgenannten Orten sind die

Portale Mittelpunkt des Reliefschmuckes, welcher das Bogenfeld, den

Bogen, Sturz und Pfosten, vielfach auch die Wandflächen zu den Seiten

und den Baldachin vor der Thür bedeckt, und dessen Motive Scenen aus dem

alten und neuen Testament, namentlich aus der Schöpfungsgeschichte und

der Passion, dann Folgen genreartiger Darstellungen der Monate, sowie

(an den Einrahmungen, als Säulenträger u. s. f.) phantastische Tierbilder

und gelegentlich Darstellungen lokaler Beziehung zeigen. Im Innern ist

der plastische Schmuck weit spärlicher; die Kapitelle der Säulen,

Kanzeln, Lettner, Taufbecken, Weihwasserbecken und einzelne

Architekturteile sind mit Reliefs geschmückt, die sich aber leider meist

nicht mehr an ihrem Platze befinden. Die Arbeiten Antelami's zeichnen

sich vor den älteren lombardischen Bildwerken aus durch glückliche

architektonische Verteilung, klare Anordnung, saubere und gleichmäßige

Ausführung, durch ausgebildete Reliefbehandlung, bessere

Naturbeobachtung und namentlich durch feinere innere Beziehungen ihres

Ideengehaltes. Dies gilt in höherem Maße noch von einigen jetzt aus

ihrem Zusammenhange gerissenen Skulpturen im Innern des Baptisteriums,

die schon dem XIII. Jahrh. angehören. Ungeschickter und flüchtiger in

der Arbeit, aber durch den reineren Reliefstil, der die Figuren schon

fast frei gerundet vor den Grund stellt, sind von Interesse die

Monatsdarstellungen am Dome von Ferrara und die von derselben Hand

herrührende Anbetung der Könige über der Thür von S. Mercuriale zu

Forlì; wahrscheinlich schon aus der Mitte des XIII. Jahrhunderts. --

Wenig später, aber unter anderen Bedingungen, entstand und entwickelte

sich die Skulptur in Toskana, wenn sie auch mit der lombardischen Kunst

Beziehungen hat und aus der Lombardei sogar eine Reihe ihrer Künstler

bezog. In höherem Maße als in der Lombardei war in Toskana die Plastik

abhängig von der Architektur, welche dort bald nach der Mitte des XI.

Jahrh. an den Formen der Antike in sehr eigenartiger Weise sich als

Basilikenbau entwickelt hatte. Die innere Gestaltung erhielt in der

Fassade einen reichen organischen Ausdruck; teils in einer Art farbiger

Steinmosaik, wie an San Miniato vor Florenz, teils in Säulenarkaden, wie

zuerst am Dom zu Pisa. Der feine architektonische Sinn ließ hier nur

eine beschränkte Mitwirkung der freien Plastik zu; auch machte sich

diese erst nach Verlauf eines vollen Jahrhunderts, nach der Mitte des

XII. Jahrh. geltend. Außen blieb sie im Wesentlichen auf den Thürsturz

und die Thürflügel beschränkt, im Innern wurde ihr der Schmuck der

Kapitelle, des Taufbeckens und namentlich der Kanzel überwiesen, welche

gerade damals durch die Predigerorden, die Dominikaner und Franziskaner,

eine besondere Bedeutung erhielt.

Die frühesten dieser Bildwerke besitzt Pistoja. Ein Meister _Gruamons_

fertigte 1162 am Thürsturz des Hauptportals von S. Giovanni Fuorcivitas

das Abendmahl und 1166 für San Andrea an derselben Stelle die Anbetung

der Könige. Als Verfertiger der Kapitelle dieser Thür nennt sich der

Meister _Enrigus_. Ein Jahr später entstand das Relief am

Architravbalken der Thür von S. Bartolommeo in Pantano. Den gleichen

Charakter tragen die jüngeren, aber trotzdem roheren Bildwerke an der

Kanzel in Groppoli vor Pistoja, sowie der Erzengel Michael ebenda (vom

Jahre 1194), letzterer interessant als Freifigur. Gleichzeitige Arbeiten

derselben Richtung sind (von zahlreichen, überall im nordwestlichen

Toskana zerstreuten skulptierten Kapitellen, Säulenbasen u. dergl.

abgesehen): in Pisa die Architravskulpturen an S. Casciano und das

Relief mit Christus zwischen den Apostelsymbolen von einem Meister

_Bonusamicus_ (jetzt im Campo Santo), in Lucca der Portalschmuck des

Meisters _Biduinus_ an S. Salvatore und die Reliefs des Taufbeckens vom

Meister _Robertus_ in S. Frediano, letztere wohl die tüchtigsten von

allen diesen Arbeiten. Zu den spätesten, aber trotzdem noch fast rohen

Arbeiten dieser Art zählen die Bildwerke am Dom zu Arezzo, der zweiten

Hälfte des XII. und dem Anfang des XIII. Jahrh. angehörend. Dasselbe

gilt auch noch von den Arbeiten des _Marchionne_ (vom Jahre 1216).

[Abbildung: 21D. Bemalte Madonnenstatue des Presbyter Martin.]

Alle diese Werke halten sich auf dem Niveau der Arbeiten von

Steinmetzen, welche die Ornamente an den Kirchenbauten auszuführen

gewohnt sind. Sie behandeln daher ihre Reliefs in der Komposition und in

der Wiedergabe der menschlichen Gestalt genau wie ihre Ornamente: die

Figuren sind ganz in der Fläche gehalten und möglichst zur Ausfüllung

des Raumes benutzt, so daß der Grund ringsum ausgehoben erscheint und

die Gestalten in der Regel mit den Füßen den unteren, mit den Köpfen den

oberen Rand berühren. In den Verhältnissen, in Bewegung und Ausdruck der

Figuren noch völlig kindlich und in der Ausführung mehr oder weniger

roh, konnten dennoch diese Arbeiten durch die Selbständigkeit und die

Naivetät der Empfindung und durch den Ernst des Strebens den Grund zu

einer wirklich künstlerischen Entwickelung der Plastik legen.

Wie weit damals diese einheimische Skulptur noch hinter der

byzantinischen zurückstand, beweist am deutlichsten eine Anzahl

Arbeiten, die gleichzeitig in Toskana unter byzantinischem Einfluß

ausgeführt worden sind; namentlich in Pisa, das durch seinen blühenden

Handel auf dem Mittelmeere zu dem halb byzantinischen Süden von Italien

und zu Byzanz selbst in nahe Beziehung gebracht war. Schon die

Bronzethür am Dom zu Pisa, wahrscheinlich die Arbeit des Pisaners

_Bonannus_ (1180), der einige Jahre später in Monreale die sehr

verwandte Thür goß, erscheint ganz unter dem Einfluß gleichzeitiger

byzantinischer Goldschmiedearbeiten. Noch stärker und vorteilhafter

macht sich diese Einwirkung in den Skulpturen an den Architraven von

zwei Thüren des Battistero geltend; an der östlichen Thür auch in den

Laibungen. Hier haben die Figuren die volle Schönheit, die schlanken

Körperformen, die zierlichen Falten der klassischen Gewänder, die

vornehme Ruhe und die feine Rundung echt byzantinischer Arbeiten dieser

Zeit. Diesen kommen sie ferner in der Sauberkeit der Arbeit gleich und

besitzen dabei auch die charakteristische Fülle, die einfach schlichte

Erzählungsart, die kräftige Ausarbeitung, den in seiner Gebundenheit

feinen Ausdruck solcher Arbeiten. Die Berliner Sammlung, die von älteren

romanischen Bildwerken aus Toskana nur ein mit Köpfen und Tieren

dekoriertes Kapitell aufzuweisen hat (No. 27, aus Lucca stammend, etwa

vom Jahre 1200), besitzt eine in ihrer Art hervorragende große

Madonnenstatue aus jener von byzantinischen Vorbildern beeinflußten

Richtung: die thronende Maria mit dem segnenden Christkind von der Hand

des _Presbyter Martin_ von Borgo San Sepolcro, aus d. J. 1199 (No. 21D):

lebensgroße Figuren aus Holz mit ihrer ursprünglichen, trefflich

erhaltenen Bemalung; herbe im Ausdruck, gebunden in Haltung und

regelmäßiger Faltenbildung, aber von einer eigentümlich strengen Größe

der Erscheinung.

Ihren eigenen plastischen Stil bilden sodann die Marmorarbeiter aus,

welche die wirkungsvollen zierlichen Inkrustationsarbeiten der

toskanischen Fassaden und der Innendekoration in weißem Marmor und

tiefgrünem Serpentin auszuführen hatten. Während gleichzeitig die

römischen Cosmaten nicht einmal den Versuch zu figürlicher Darstellung

machten, wurden diese toskanischen Marmorarbeiter durch die allgemeine

Richtung auf figurale Skulptur und den Wunsch, dieselbe als Erklärung

des Dogmas für die gläubige Gemeinde zu benutzen, bald zu einer

Einbeziehung figürlicher Darstellungen in ihre Steinmosaiken gebracht;

namentlich an den Kanzeln. Schon die Kanzel in San Miniato (wohl nicht

viel früher als der von 1207 datierte Fußboden der Kirche) zeigt an

passender Stelle wenigstens eine Figur. In der etwas jüngeren Kanzel in

San Lionardo vor Florenz sind die figürlichen Kompositionen schon die

Hauptsache. Während sie aber hier noch auf dem inkrustierten Grunde wie

aufgeleimt erscheinen, sind sie in der Kanzel des Domes zu Volterra wie

in Meister Guido's Kanzel in S. Bartolommeo in Pantano zu Pistoja (vom

Jahre 1250) und in der ähnlichen, noch jüngeren Kanzel in Barga frei aus

dem Grunde gearbeitet, so daß die Steinintarsia auf die Einrahmung

beschränkt oder ganz verdrängt ist. Man merkt diesen Bildwerken, selbst

noch denen des Meisters der Kanzel in Pistoja, _Guido Bigarelli_ aus

Como, die Hand des Ornamentisten an, der auch die menschliche Gestalt

mit schematischer Regelmäßigkeit und zierlicher Sauberkeit behandelt,

statt sie frisch nach dem Leben zu schaffen. Der Komposition kommt aber

diese Regelmäßigkeit und der Geschmack in der Anordnung und Ausfüllung

des Raumes entschieden zu gute, und ebenso ist die saubere Durchbildung

ein Vorzug gegenüber jenen älteren romanischen Bildwerken.

Auf Meister Guido geht in Pistoja noch die gedrungene Gestalt des

Erzengels Michael am Oratorio S. Giuseppe zurück; in Pisa hat er 1246

das prachtvolle, mit reicher Marmorintarsia geschmückte Taufbecken

vollendet, und in seiner Art sind auch schon die Skulpturen am

Hauptportal des Domes zu Lucca: Christus im Limbus und am Architrav die

Apostel und Maria, vom Meister _Guidetto_ (in dem man neuerdings den

jungen Guido Bigarelli hat erblicken wollen). Diese Arbeiten in Lucca

sind seit 1204 ausgeführt; die Fortsetzung derselben an der Fassade seit

dem Jahre 1233 fiel Kräften zu, die bei aller Verwandtschaft mehr

plastischen Sinn hatten als Meister Guido. Der Monatscyklus und die

Darstellungen aus der Geschichte des hl. Martin stehen dem Guido noch am

nächsten, die Skulpturen der Reguluspforte haben schon eine über ihn

hinausgehende Vornehmheit der Erscheinung, Freiheit der Bewegung und

Feinheit der Empfindung. Das große Reiterstandbild des hl. Martin, der

mit dem Bettler seinen Mantel teilt, ist die letzte und zugleich die

schwierigste Aufgabe, welche diese lombardisch-toskanische

Steinmetzen- und Bildnerschule in Lucca zu lösen hatte. Einer der ersten

Versuche, eine Freifigur zu geben, und seit dem Altertum das erste

Reiterbild, ist dieses Bildwerk ausgezeichnet durch die vornehme Ruhe

der schönen Gestalten, durch die feine Empfindung für Proportionen und

teilweise selbst durch naturalistische Wahrheit: aber zu freier

Bewegung, zu naturalistischer Durchbildung, zu einer Auffassung der

Figuren als Gruppe oder nur als richtige Freifiguren vermag sich der

Künstler noch nicht zu erheben. In der Anlehnung an die Kirchenwand, in

der Einhaltung der äußeren Fläche verrät sich vielmehr der an die

Reliefdarstellung gewöhnte Künstler.

Niccolo Pisano und die Protorenaissance

(um 1250 bis 1300).

Die Bildwerke, in denen der plastische Schmuck der Portale des Domes zu

Lucca seinen Abschluß erhielt: die Kreuzabnahme in der Lünette, die

Geburt Christi und die Anbetung der Könige am Architrav des linken

Seitenportals, verraten einen Künstler ganz anderer, ganz neuer Art.

Hier herrscht echt plastischer Sinn und große, ja in der Kreuzabnahme

eine fast gewaltige Auffassung; daneben erscheinen selbst die wenig

älteren Skulpturen des anderen Seitenportals nur als befangene

Leistungen fleißiger Steinmetzen. Vasari bezeichnet als Künstler dieser

Arbeiten den _Niccolo Pisano_ (um 1206 bis nach 1280); mit vollem Recht,

wie der Vergleich mit seinen beglaubigten Arbeiten, namentlich mit der

1260 vollendeten Kanzel im Baptisterium zu Pisa beweist.

[Abbildung: Kanzel des Niccolo Pisano im Baptisterium zu Pisa.]

Der Bildhauer Niccolo di Piero, der sich nach seinem Geburtsort Pisano

nennt, steht auf den Schultern jener älteren lombardisch-toskanischen

Bildnerschule: speziell hat er in den Arbeiten an der Domfassade zu

Lucca seine unmittelbaren Vorläufer. Dies gilt sowohl für die plastische

Gestaltung wie für den geistigen Inhalt seiner Kunstwerke, während die

dekorative, an byzantinischen Vorbildern großgezogene Plastik

Süditaliens, mit der man den Niccolo (wegen der fragwürdigen Herkunft

seines Vaters aus Apulien) hat in Verbindung bringen wollen, im vollen

Gegensatze zu Niccolo's Kunst steht. Aber auch gegenüber jener älteren

Plastik, aus der er hervorgeht, erscheint der Künstler recht eigentlich

als Reformator. Niccolo Pisano ist kein Naturalist wie die Meister des

Quattrocento; er steht den Künstlern des Cinquecento weit näher, denn

sein höchstes Streben ist klassische Schönheit, der er durch das Studium

und gelegentlich selbst durch unmittelbare Nachbildung der Antike nahe

zu kommen sucht. Freilich waren in Italien die antiken Reste schon

früher, ja regelmäßig im Mittelalter das Vorbild für die bildnerische

Thätigkeit gewesen; aber diese hatte aus eigenem Unvermögen in halb

unbewußter, sklavischer Weise die alten Vorbilder nachzuahmen gestrebt.

Bei Niccolo Pisano ist der Anschluß an die Antike, deren Schönheit er

zuerst wieder klar erfaßte, ein völlig bewußter; erwählt die Vorbilder

aus den antiken Monumenten und bildet ihre Gewandung, ihre Technik nach,

wie er sie für seine Zwecke verwenden zu können glaubt. Der Weg zum

Verständnis und zur Wiedergabe der Natur geht bei Niccolo durch die

Antike; die Abhängigkeit von derselben verhindert ihn, sich zu

wirklichem Naturverständnis durchzuarbeiten; daher die Erscheinung, daß

der Künstler im ersten Ergreifen seiner Aufgabe am größten und freiesten

erscheint, in seinen späteren Arbeiten zum Teil handwerksmäßiger und

manierierter wird. Verhängnisvoll war ihm in seinem Streben der Umstand,

daß seine klassischen Vorbilder, zumeist Sarkophagreliefs, die heute

noch im Campo Santo zu Pisa erhalten sind, schon der Zeit des tiefen

Verfalls der antiken Kunst angehören, daß sie handwerksmäßige

Nachbildungen aus dritter und vierter Hand nach schlecht verstandenen

Originalen sind. Die Eigentümlichkeiten dieser antiken Vorbilder finden

sich daher auch bei Niccolo: das starke Hochrelief, die Überfüllung der

Kompositionen, die ungleichen Verhältnisse der Figuren unter einander

wie die derbe, untersetzte Bildung derselben, die dicken gleichmäßigen

Stoffe der Gewänder mit antikem Schnitt und der einförmige brüchige

Faltenwurf, die starke Anwendung des Bohrers und die Vorliebe für das

Stehenlassen der Bohrlöcher, namentlich in den Haaren. Mit jenen

Vorbildern hat der Künstler dafür auch die Schönheit der Formen und die

Größe der Erscheinung gemein; seine Madonna ist eine thronende Juno,

seine Könige in der »Anbetung« erscheinen wie antike Göttergestalten,

sein Priester in der »Darstellung im Tempel« ist die Gestalt des

indischen Bacchus, und unter den Tugenden finden wir, als Stärke, einen

nackten Herkules. Je mehr sich der Künstler der Antike nähern kann, je

direkter er aus ihr seine Gestalten entnimmt, desto größer und tüchtiger

erscheint er; je mehr sich dagegen das Motiv von der Antike entfernt,

desto geringer sind regelmäßig seine Leistungen. Dies zeigt sich

namentlich in den Darstellungen der Passion Christi. In solchen

Kompositionen macht sich auch der Mangel an dramatischem Sinn und die

Leere in Ausdruck und Empfindung als Folge jenes engen Anschlusses an

die Antike am stärksten geltend.

Urkundlich begegnen wir Niccolo Pisano zuerst an der Kanzel im

Baptisterium zu Pisa, die er 1260 vollendete; nach dem Charakter der

Arbeit und dem Gange seiner späteren Beschäftigung ist es aber sehr

wahrscheinlich, daß die Skulpturen am Domportal in Lucca der Pisaner

Kanzel vorausgehen, also etwa um die Mitte des Jahrhunderts entstanden.

Am Architrav sind (leider sehr zerstört) die Verkündigung, die Anbetung

der Hirten und die Könige aus dem Morgenlande vereinigt; Kompositionen

so klar und ausdrucksvoll wie keines dieser Motive in seiner späteren

Zeit wiederkehrt. Die Abnahme vom Kreuz im Tympanon ist in der Anordnung

im Raum, in den Proportionen, in der großen, teilweise selbst fein

empfundenen Auffassung die bedeutendste Schöpfung des Niccolo.

In der Kanzel zu Pisa fällt diesen Arbeiten gegenüber der engere

Anschluß an die antiken Vorbilder in seinen Vorzügen und Nachteilen ins

Auge. Was über den Künstler im Allgemeinen gesagt ist, gilt für dieses

sein Hauptwerk im Besonderen. Wenn ihm Mangel an Innerlichkeit in den

einzelnen Darstellungen vorgeworfen werden muß und dadurch die

Auffassung als eine wenig kirchliche erscheint, so ist dafür die Kanzel

in dem Zusammenhang der Darstellungen, in dem Ideengehalt ihres

Bilderschmuckes um so mehr durchdacht, um so tiefer und gewaltiger. Das

Evangelium von der Erlösung ist der Grundgedanke, der in allen seinen

Teilen hier zum ersten Mal völlig klar durchgeführt ist, von den

Verheißungen durch die Propheten an, dann in den einzelnen

geschichtlichen Thatsachen bis zu den Wirkungen, die in den Gestalten

der christlichen Tugenden verkörpert sind und in den Tieren als Träger

der Säulen und Lesepulte ihren symbolischen Ausdruck erhalten. Der

Inhalt der Predigt, für welche die Kanzel geschaffen ist, ist wohl nie

wieder so eindringlich der gläubigen Gemeinde bildnerisch zur Anschauung

gebracht worden.

Der Kanzel in Pisa soll der Figurenschmuck am Marmorschrein des hl.

Dominicus in S. Domenico zu Bologna gefolgt sein; die Reliefs mit

Darstellungen aus dem Leben des Heiligen wurden bis 1267 fertig

gestellt. Auf die Besichtigung aus der Nähe berechnet, sind sie

gleichmäßiger, ja fast zu zierlich durchgeführt und glücklicher in den

Verhältnissen; sie bleiben auch einfacher in der Auffassung, was wohl

die Aufgabe von Darstellungen aus der Zeitgeschichte mit sich brachte.

Niccolo stand bei der Arbeit ein junger Schüler, Fra Guglielmo, zur

Seite; der abweichende Charakter der Bildwerke macht es sogar nicht

unwahrscheinlich, daß Guglielmo dieselben allein ausführte.

Noch vor Beendigung dieses Monuments übernahm Niccolo wieder die

Ausführung einer Kanzel: die für den Dom von Siena, welche er in der

außerordentlich kurzen Zeit zwischen dem März 1266 und dem November 1268

fertigstellte. Als Gehülfen Niccolo's werden Arnolfo, Lapo und Donato

schon im Kontrakt namhaft gemacht und die Beschäftigung seines noch

nicht erwachsenen Sohnes Giovanni wurde ihm freigestellt. Der

architektonische Aufbau wie der Ideengang in den Darstellungen (die hier

um zwei Relieftafeln bereichert sind, weil die Kanzel achteckig ist)

bleibt im Wesentlichen der gleiche wie in Pisa; doch macht sich in

diesen Kompositionen die Überfüllung mit Figuren, der Mangel an Klarheit

im Aufbau und eine ungleichmäßigere Durcharbeitung empfindlich geltend,

und es fehlt den Gestalten meist die klassische Größe der Erscheinung,

welche in jener ersten Kanzel so überraschend wirkt. Dafür sind die

Köpfe hier jedoch ausdrucksvoller, die Figuren richtiger in den

Verhältnissen und naturwahrer, die Scenen lebendiger und bewegter als in

Pisa.

Wenn hier schon der abweichende Charakter durch die verschiedenen

Mitarbeiter Niccolo's wesentlich mit bedingt sein wird, so läßt sich

dies um so mehr für die letzte beglaubigte Arbeit des bejahrten

Künstlers, für die Skulpturen am großen Brunnen in Perugia, annehmen,

welche um 1280 unter Beihülfe von Arnolfo und Giovanni Pisano vollendet

wurden: am unteren Becken fünfzig Tafeln mit Einzelgestalten und kleinen

Kompositionen in ziemlich flachem Relief, am oberen Becken

vierundzwanzig Statuetten der Sibyllen, Tugenden u. s. f.; zumeist

ausgezeichnet durch gute Verhältnisse und saubere Arbeit, einzelne auch

durch tiefere dramatische Auffassung. Diese besten Arbeiten lassen sich

leicht als Werke Giovanni's erkennen.

[Abbildung: 22. Relief eines Lesepultes von Niccolo Pisano.]

Die Berliner Sammlung besitzt ein aus Pistoja stammendes Marmorrelief,

das den Anspruch auf eine Arbeit des Niccolo erheben darf: zwei Engel,

welche das Brustbild des Bischofs Beato Buonacorso von Pistoja in einem

Tuche zwischen sich emporhalten (No. 22); ursprünglich wohl die

Unterseite eines Lesepultes, welches vielleicht während der Restauration

eines Altars in Pistoja, die Niccolo 1272 übernahm, entstanden ist. Die

vollen Gestalten, die Typen, die Faltenbildung, sogar so auffallende

Eigentümlichkeiten, wie die flatternden Zipfel des Tuches, stimmen mit

den beglaubigten Arbeiten des Künstlers, namentlich mit der Verkündigung

an der Kanzel zu Pisa so sehr überein, daß wohl nur auf Niccolo als

Urheber dieser Arbeit geschlossen werden kann.

* * * * *

Der enge Anschluß des Niccolo Pisano an die Antike sollte eine weitere

Entwickelung der italienischen Plastik im Sinne der Renaissance erwarten

lassen. Gerade das Gegenteil ist der Fall: schon seine Schüler wenden

sich vom Studium der Antike ab, und sein eigener Sohn Giovanni schlägt

eine Richtung ein, welche von der des Vaters wesentlich verschieden ist.

Sie beherrscht die italienische Plastik ein volles Jahrhundert; offenbar

weil Niccolo's Nachahmung der Antike ohne tieferes Naturstudium eine

äußerliche blieb und einer tieferen Auffassung, wie sie die christlichen

Stoffe verlangten, entbehrte.

Unter den Schülern und Mitarbeitern des Niccolo sind uns zwei in eigenen

Werken bezeugt, welche ohne höhere Eigenart die Pfade ihres Meisters

wandern, Fra Guglielmo und Arnolfo di Cambio; beide namentlich dadurch

von Bedeutung, daß sie die Kunstweise ihres Lehrers über Italien

verbreiteten. Der Dominikaner _Fra Guglielmo d'Agnolo_ aus Pisa (um 1238

bis nach 1313) war Niccolo's Mitarbeiter an der Arca des hl. Dominicus

in Bologna gewesen, an deren Reliefs ihm außer der Ausführung vielleicht

sogar die Erfindung mit gebührt. Nach der Verwandtschaft dieser Arbeiten

mit den Reliefs an der von einem Meister Guglielmo ausgeführten Kanzel

in S. Giovanni fuorcivitas in Pistoja hat man diese mit Recht ebenfalls

als ein Werk des Dominikaners Fra Guglielmo in Anspruch genommen.

Einfacher und dadurch klarer in der Komposition wie Niccolo, zeigt er in

seinen Gestalten den ähnlichen klassischen Zug in den Typen, in der

Gewandung und Bewegung; freilich kaum aus direktem Studium der Antike,

sondern nach den Vorbildern seines Lehrers. Wenn er diesen in der

Eigenartigkeit wie in der Größe der Erscheinung lange nicht erreicht, so

hat er doch feinere Empfindung und eine gewisse Innigkeit im Ausdruck

vor ihm voraus, die sich gelegentlich (wie in der Beweinung Christi)

selbst auf die Bewegung und ganze Komposition ausdehnt.

Der Florentiner _Arnolfo di Cambio_ (1232 bis 1315), Niccolo's Gehülfe

an der Kanzel in Siena wie am Brunnen zu Perugia und, wie Guglielmo, in

seiner späteren Zeit namentlich als Architekt hervorragend thätig, steht

in den beiden von ihm bekannten plastischen Monumenten gleichfalls ganz

unter des Meisters Einfluß, ist aber noch weniger selbständig als Fra

Guglielmo. Die Statuetten und kleinen Reliefs am Grabmal des Kardinals

de Braye ({~DAGGER~} 1280) in S. Domenico zu Orvieto sowie an dem gemeinsam mit

einem Künstler Paulus ausgeführten Tabernakel in S. Paolo fuori le mura

in Rom sind gut in den Verhältnissen, einfach und ernst in Ausdruck und

Haltung, in der Gewandung sogar geschmackvoller und naturwahrer als bei

Niccolo, aber sie erscheinen unbedeutend und werden durch den

architektonischen Aufbau unterdrückt. Sowohl in jenem Tabernakel wie

namentlich in dem Grabmal hat Arnolfo, soweit bisher bekannt, das

Vorbild für den Aufbau ähnlicher Monumente gegeben, welches für die

plastische Entwickelung im Trecento, namentlich in Siena, verhängnisvoll

wurde.

Giovanni Pisano und die Kunst des Trecento

(um 1300 bis 1400).

Der einzige völlig eigenartige Künstler, den Niccolo großgezogen hat,

ist sein Sohn _Giovanni Pisano_ (um 1250 bis nach 1320), dem Vater

mindestens ebenbürtig an Talent und auf die Entwickelung der

italienischen Kunst noch von bedeutenderem, nachhaltigerem Einfluß. Ja

obgleich Giovanni der Schüler und langjährige Gehülfe seines Vaters war,

erscheint seine Richtung als die unmittelbare, energische Reaktion gegen

die Kunstweise des Niccolo Pisano. Statt der klassischen Ruhe des

Niccolo sehen wir bei ihm hochgradige Erregung, statt Schönheit der Form

die Bethätigung des seelischen Lebens in Verbindung mit einem

entschieden naturalistischen Streben. Freilich reicht sein Können,

reicht seine Kenntnis der Natur nicht aus, um bei der Fülle großer und

neuer Gedanken, bei dem großartigen dramatischen Sinn wirklich volle

naturalistische Durchbildung zu erzielen; Giovanni begnügt sich damit,

die Natur in großen Zügen anzudeuten, um desto frischer und

überwältigender das innere Leben zum Ausdruck zu bringen. Daher sind die

Proportionen oft sehr vernachlässigt und selbst falsch, die Körper und

Gesichter nicht selten häßlich und verzerrt, die Ausführung meist

flüchtig und zuweilen sogar roh. Freilich kommt dies zum guten Teil auf

Rechnung der Gehülfen, deren sich der Künstler zur Ausführung der

zahlreichen und umfangreichen Arbeiten, zu denen er in seiner langen

Künstlerlaufbahn in ganz Italien berufen wurde, in großem Umfange

bedienen mußte.

Giovanni's Reliefstil ist der seines Vaters: das Hochrelief, welches der

Künstler noch weit malerischer behandelt als sein Vorgänger; freilich

unter Beeinträchtigung der architektonischen Wirkung. Auch im Inhalt

seiner Darstellungen folgt er im Wesentlichen dem Niccolo; nur in der

Auffassung und Wiedergabe ist er grundverschieden von ihm.

Die Italienische Plastik · 第 1 / 16 段