„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie
wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. -- Nicht um mich
-- -- nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“
„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein.
„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum
wird sie es auch vielleicht tun.“
„Wovon sprichst du?“
„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr -- ein
Majoratsherr -- der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“
„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“
„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten
hat, sind bald verstrichen...“
„Wann sind sie vorüber?“
„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf.
„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen
kann?“
„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur,
daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“
„Und ich sie ebenfalls --!“
„Also wirst du sie aufsuchen?“
„Es wird mich zwingen...“
„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe
ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“
„Und warum willst du nicht selbst -- --?“
Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir
diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein
lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du
heimgehen...“
Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet.
„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er.
„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt
und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater -- --“
Er tat es, und sie nickte zuweilen.
„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“
„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“
„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh -- hier -- hier
-- --“ und sie zeigte auf die Brust.
Fest bettete er sie in seinen Armen.
„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen
hätte -- mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum
ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe -- --“
„Hör’ auf!“ flehte er gequält.
„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du
ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“
„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“
„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh,
ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter
Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“
„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf.
Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht
veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem
setzte aus. -- Es ging aber wieder vorüber.
„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“
Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter,
bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde
ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die
Gedanken waren weit -- weit weg.
„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir
doch!“
Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil
sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit
darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe.
„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd.
Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und
sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte.
Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen
glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart...
Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte.
Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle...
Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom
sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten,
-- nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten
des allmächtigen Vaters!
[Illustration]
[Illustration]
Schluß.
Eva von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus
Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung
abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe
machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos
Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten
im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und
Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor -- -- Walter Wullenweber -- --
Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter
Abwehr aus. -- Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere
wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen,
und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer
letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte.
Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja -- so
war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft!
„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und
es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun
wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert
abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“
Er war dicht neben ihr.
„Eva!“
Sie hob nur die Hand.
„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“
Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist
meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir
schrieb... damals -- --“
„Deine -- Schwester -- die du so lange vergeblich gesucht hast?“
„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“
Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine
Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder.
„Nicht wahr, das ändert alles!“
Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das
bleiche, lächelnde Gesicht der Toten.
„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir
wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein
Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies
Opfer gebracht.“
„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer
über alles.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei
und überwunden.“
„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich
zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte.
„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“
„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“
„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst,
mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz
um sie -- -- ein wenig wohl auch die Reue -- haben dich, den sonst
unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und
will -- vergessen -- --“
„Du sollst nicht, Eva!“
„Wenn ich schon -- -- vorher vergessen hätte -- --?“
Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des
Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden
Wochen für ihn entschieden haben?“
„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber -- -- nun wird es wohl
doch nicht gehen.“
„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung.
„Warum? Ach -- -- das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich
mich auch seiner nicht wert fühle.“