Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter...
Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen.
Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre
Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes
Haar.
„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater...
unser Vater... weiß er schon?“
Er machte eine verneinende Bewegung.
„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor
dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr
lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“
Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager
geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen
machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so
unendlich viel wissen.
„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann
sie in bebender Scham.
„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem
Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“
„Laß mir deine Hände, Walter.“
Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er
daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise,
daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu
verstehen.
„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“
„Das hast du geglaubt?“
„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen
Augenblick von mir glauben, Bruder?“
Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war.
„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner
Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen
Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich
ihn.“
„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“
„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst
du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in
ein Nachtkaffee wollte ich nicht! -- Dein Name, Walter, hat mich vor
vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der
Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half
mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war,
fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit
Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders.
Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches
und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte
er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es
verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr
gebracht ...“
„Wie lange schon,“ fragte er heiser.
„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr
verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich wieder anständige Kleider und
eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war
wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt
hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese
Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit
nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich
geopfert hat. Woher sie das konnte? -- Walterle, ich weiß es nicht,
wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er
bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das
erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt
nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht
verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher -- -- das andere
-- -- daß alles aus sei -- -- hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu
-- -- sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer
bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß -- frage nichts -- --
fluche ihm auch nicht. Er ist tot -- -- Vielleicht tat sie es, weil sie
auch um sich litt -- -- Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre
heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“