Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer -- --

Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume

emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich

zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon

erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das

gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere

entsprach ja der Wahrheit!

Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes

und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und

rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder

ruhig.

Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.

Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus.

Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:

Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines

Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen

ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf

morgen also...

Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß

zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.

Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden

Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.

Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine

einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief

geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit

Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu

sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. Was

ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in +ihm+. Mechanisch

nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte es vor sich

hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen Fingern zog sie

endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch zwei Scheine. Die

letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. Wenn sie die laufenden

hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen haben würde, mußte sie von

neuem einen dieser Scheine wechseln. Die letzte unbezahlte Arztrechnung

für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es waren wiederum dreihundert Mark,

trotzdem sie selten genug nach dem Sanitätsrat gesandt hatte.

Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte

ein Hochzeitskleid -- einen Schleier und den grünen Myrthenkranz.

Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von

diesem Gelde?

Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde -- im

wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst --

Verbrecherin!

Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich

niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig --“

Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein

würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit

mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.

Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da

sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich

gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar

empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien

es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine

Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken

eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen

Aussprache sein.

Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern

konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. -- Dann ging sie ihren

Tag weiter! -- --

Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte,

glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.

Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der

ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage

packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme?

-- Das währte aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals

sterben können.

Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage

ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte

sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“

und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine

juristischen Sprechstunden abhalte.

Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig.

Sonst hätte sie aber schreien müssen -- immer nur schreien -- das ganze

Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster

waren weit geöffnet.

Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?

Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor

der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und

Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.

Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan.

Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht

alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein

eigenes Herz zu Tode zu foltern.

„Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich

war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag

Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen

sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch

hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen.

Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl

noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine

andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines

Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott

gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich

grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts

ändern.

Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen

Schrecken, der mich nicht loslassen will.“

Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf

das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.

„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen

Müller.

Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich

vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten

könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich

durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben

ließen.“

Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß,

wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab:

„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind

pfeift.“

„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva.

„Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“

„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu

vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu

reden.“

„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“

„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie

ihn nicht vorließen.“

„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“

„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“

„Seien Sie nicht kindisch.“

„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“

Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken.

Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten

wollte. Sollte sie etwas ahnen?

Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf

seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil

war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der

Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen

Sprechstunden ab.

Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt?

Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen

sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm

anwerben lassen, wohin er sie haben wollte.

Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle

Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine

große Sünderin ziemte.

Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls

schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte!

Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und

rot lockten die Lippen.

Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen,

trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich

alles um sie herum.

„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben

ihr, der ihren Willen band.

Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte.

„Wasser -- einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.

Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust

stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer

das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als

sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine

Liebe möglich,“ sagte er -- --

Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen

stürzten aus ihren Augen.

Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts.

Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine

blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch

die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt

sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen

Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als

Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut

vor Scham in die Wangen trieben -- die Liebe zu dem Unwürdigen, die

nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der

nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in ihrem

Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben

von sich zu werfen.

Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.

Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders.

Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich

weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch

ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer

hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden

reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle

Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das

tun?“

Mehr brauchte sie kaum zu sagen.

Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit

jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem

Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie

liebte, hier freiwillig entsagte.

„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch

nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens.

-- -- Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße,

von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich

blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu:

Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen

Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden

Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche

eheliche Kind eines ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen

Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt,

als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit

dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit

allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen

soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung

einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach

Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt

und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich

beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite

56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen

Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie

auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der

grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist.

Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und

mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor

von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst

umgehend.

Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried:

Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit

ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu

verschonen.

Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über

alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das

eine:

Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem

Namen decken können, weil sie in seinen Augen nicht dasjenige

„untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter

eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie

nicht mehr auf!

Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als

sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich

letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine

Fremde:

„Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein

sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein

Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist

es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen.

Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für

Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis,

wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“

Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag

und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm

erst heute geschrieben hatte.

Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich

so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war

es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?

Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte

endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt

bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die

zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als

sie zu der Eintretenden sagte:

„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist

wieder gelöst. Und zwar endgültig!“

Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von

gleichgültigen Dingen.

-- -- Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige

Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen

Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht.

Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort

erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig

nicht.

Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher

Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten

Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die

Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem

Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.

Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig

gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal -- eine vor Tagen

stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die

von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie

zum Nachdenken bringen müssen.

Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen.

Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr

ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte

sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren

unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge.

An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter

Javelingen wieder.

Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt

es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen

Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er

sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm

bitteren Trank.

„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich.

„Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es

klang hilflos.

„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“

mahnte sie sanft.

„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“

„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich

nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der

Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste

gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt

plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in

einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher

allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“

„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er.

„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung

gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch

nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für

das liebe, kranke Mädchen, das ihrer dringender bedarf als ich, die

körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie

wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird,

lausche ich Ihnen herzlich gern.“

Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das

wohl auch tun würde, wenn er wüßte.

„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern.

Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt

Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“

„Nein... wirklich nicht! Aber -- wissen Sie schon davon?“

„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung

jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat

er mir geschrieben!“

„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte

Stimme schärfer als sonst werden.

„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese

Offenheit.“

„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“

„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“

„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich.

„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“

„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt....

Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“

„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde

es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier -- mein Büchlein ist

voller Pflichten. In nächster Woche singe ich zweimal in Dresden.

Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin

will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß

der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr

anstrengend.“

„Ich könnte es nicht.“

„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“

„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er.

„Ja, das tue ich!“

Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich

ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren

Millionen...“

„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht

wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich

zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da

übernommen haben.“

„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es

sich einrichten läßt.“

„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate

täglich voll besetzt bin?“

„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“

„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des

hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich

von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch

mal.“

„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er.

„Vielleicht! -- Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man

lachen können. Hören Sie?“

Sie wurde ihm unheimlich.

„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen

Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen

Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis

April...“

„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die

Nachberatungen in Berlin.“

„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich

bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf

Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie,

von keinem Einzigen ...“

„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck.

„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie

begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann

ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder

arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“

-- -- -- Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang!

Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf,

es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile

dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille

kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind,

müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage

auftut...“

[Illustration]

[Illustration]

23.

Es kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der

Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm

festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen

Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines

weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert

und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte.

Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige

Base sprechen zu dürfen.

Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über

das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und

herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch

eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche

handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser

solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren

Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte.

„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“

„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken.

„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“

Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte

ihm nicht die Hand entgegen. Nur den feinen Kopf neigte sie und

deutete höflich auf einen Polsterstuhl.

„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“

„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“

„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan.

Sie haben gehört, daß ich nicht will...“

„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“

„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“

„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend,

„oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung

hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden

Erbfolge vorgesehen.“

„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“

wandte sie kühl ein.

„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle

uns beugen müssen.“

„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig.

„In der Hauptsache... das Gesetz...“

„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir

beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben.

„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder.

„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen

Verachtung.“

„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“

„Ich lege auch keinen Wert darauf.“

„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas

Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus der Schmiede der Ehre! Wie

es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind

unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der

jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches

unsichtbares Ehrenzeichen.“

„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht

zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer.

„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“

„Nicht anders wie zuvor.“

„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“

„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich

will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr

wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und

verstummte.

Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden

hinkroch, zu zählen.

„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich.

Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von

Ostried?“

Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit

diesem... steifen Namen?“

„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und,

wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir

stets heilig gewesen.“

„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“

„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke

Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der

-- wie nennen Sie ihn doch? -- Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“

„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut.

Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen

Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich.

„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und

makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das

noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen

etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit

dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem

Familientag bereits auffallend genug übersehen.“

Jetzt mußte sie lachen.

„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder

Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“

„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung

angeboten.“

„Und Sie?“

„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze

zu kennen, eben tut...“

„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“

„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“

„Aber mir liegt daran!“

Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt

geworden war.

„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen

gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag

machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten

Namen Ostried führe. Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin

Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit

ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“

„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie

nicht verächtlich machen.“

Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die

Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten.

„Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber

gewesen, als das andere...“

„Was ist das?“ fragte er.

„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber

schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in

das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen

Brief.

„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung

über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden

hatte.“

Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen.

„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte.

„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind,

freut mich doppelt...“

„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn

mitteilen?“

„Nein... das möchte ich nicht.“

„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“

„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine

Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“

Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da.

„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut:

„Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich

liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“

„Lassen Sie es!“ bat er.

Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann

sie unruhig zu machen.

„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er.

Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.

„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus

tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander

gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung

verstehen müssen.

„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange

nicht adelt...“

Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben

anvertrauen,“ fragte er.

„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“

„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch

ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie

respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl

gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“

„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich

wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“

„Um eine Handhabe zu besitzen.“

„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese

Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“

„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas

anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten.

Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich

aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal,

der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas

erfahren und mir wieder erzählen?“

„Warum grade Ihnen?“

„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher.

Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es

verdient hat....“

„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.

„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“

„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah

dann wieder und diesmal -- bewußt -- zu ihm hinüber. Seine kalten

farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff

nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute

Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte,

dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“

Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die

Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten

erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:

„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie

sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie

gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat

vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin

ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite

gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß

ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als

kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten

hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“

Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter

sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor

kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur

Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!

Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte,

verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung

-- Sühne -- Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres

Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große,

Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo

irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.

Und vor allem -- den Raub könnte sie zurückzahlen.

Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen

gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen

anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß

sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen,

bis sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an

die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen

vermochte...

Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst

begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt,

weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.

„Haben Sie sich bereits gebunden -- dann allerdings,“ sagte er

undeutlich, wie ihr schien.

„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.

„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.

„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden

und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“

In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken.

Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze

Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie

nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.

Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.

Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter.

Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte

zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und

den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht.

Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine

einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene

oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie zu dieser Vorsicht an.

Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit

eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes,

jammervolles Schluchzen.

* * * * *

Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd

in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von

aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an

das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm,

weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng

untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte

ganz abscheulich.

Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger

Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen

zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der

Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war.

Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem

Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über

die Pfützen sprangen.

Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann,

der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los:

„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“

„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte

vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“

Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen.

„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens

Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und

kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben.

„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos --

und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“

Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof

durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn

von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter.

„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“

„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen

faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind

noch viel dreckiger...“

Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener

vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus.

Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges.

Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte

den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch

gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses

Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter

zu schleppen vermocht hatte.

„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch

verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn

stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte.

Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte

leise:

„Ich bin doch Klausine von Ostried...“

Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm

durchgefunden hatte.

„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer

ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“

Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit

einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte

kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren

Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen

und sagte zu dem Diener gewandt:

„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum

Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die

Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich

zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ...

Hoppla!“

Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre

triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges

Feuer prasselte.

„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der

Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“

„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die

mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.

Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf

die Schulter und fragte langsam:

„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast,

Klausine?“

Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch.

Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich

die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte

sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und

meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben.

Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten

Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen

bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen

könne?

„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich.

Sie nickte nur und saß dann weiter -- hilflos und ängstlich -- neben

der Glut.

„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem,

geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern.

„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses.

Da ging der Kummersbacher selbst -- an dem verdutzten alten Melchers

vorüber -- in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite

eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die

angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das

Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen

Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange.

„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser,

das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht.

Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und

trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel,

obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig

zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite.

„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was

also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am

Arm.

„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht

überwinden.“

„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du

Genaueres darüber?“

„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen

zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir

mitgebracht.“

Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und

schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers.

„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“

„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier

Tagen. Danach hat sie es getan...“

Er las auch diesen.

„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit,

daß ihr auf Grundstück soundso -- im Grundbuch Blatt soundso --

eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung

ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“

„So habe ich es auch aufgefaßt.“

Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also

hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“

„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte

ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon

ahnen.“

„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt

erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder.

„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere

besondere,“ erzählte sie wichtig.

„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf.

„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und

begann schon wieder zu zittern.

„Was ist geschehen? -- Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du

schon vorhin...“

„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen

bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ.

Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem

überall die Fenster offen standen...“

Nun begriff er! -- Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden

können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben

stehlen.

„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.

„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine

Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“

„Sie lebt also...“

„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“

„Und der Auftrag?“

Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose

zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen

und finden kann,“ bettelte sie...

„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“

„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie

gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr

Letztes, läßt sie sagen...“

Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel

eingenäht, zweiundachtzig Mark.

Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte

er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo

umherstand.

Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht

mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe.

„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen.

„Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete

in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird

dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen.

Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die

Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen

nachkommen. Ich veranlasse das schon.“

Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf

und schritt lange ruhelos auf und ab.

Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine:

Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und

gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb zweier Wochen bereit

halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen,

wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig --

auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann

ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe

auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast.

Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt,

an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich.

Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester

treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach

kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau

gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch

einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof.

Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben,

die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen

Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50

Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin

ich, nach Prüfung zu weiterem bereit.

Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß

anzufügen.

Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem

Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur

einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte.

[Illustration]

[Illustration]

24.

Gretchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre

seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der

Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und

Süßigkeiten überschüttete -- dem sie zuweilen noch am späten Abend

einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft

an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte

ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über

ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich

zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und

leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von

ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.

Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen.

Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen.

Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern

nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für

sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung

sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken

müssen.

Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie

schließlich dem Verführer in die Arme getrieben, nur immer verwöhnte

und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch

seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.

Und jetzt sollte sie -- vielleicht sehr bald -- sterben, ohne dem

Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf

die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher

gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter

Erlöser empfunden werde.

Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn

sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu

kommen.

Da klopfte es. -- Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat

sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des

Hausmeisters.

„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und

enttäuscht.

„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von

Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage

raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so

viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“

Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von

Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um

sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller

empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.

„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die

Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben

dem Schreibtisch zeigte. „Da in der Ecke stände was ganz Feines für

Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“

Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar

andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt,

das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen,

damit ich sie frisch und wohl wiederfinde.

Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die

Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können!

In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an,

wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue

Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung,

daß es eine große Summe sein müsse.

Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle

Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem

Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der

letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und

überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen

als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die

Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und

vertiefte sich von neuem.

Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen

Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die

Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen

für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die

einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen:

Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon?

Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann

ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich

hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß

Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte!

Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie

um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt!

Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle

Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles

zurückgezahlt hatte.

Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr,

gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte,

war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls

traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des

Novembersturms wachheulen mußte.

Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.

„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich

auf, um etwas zu genießen.

Aber plötzlich -- sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges

Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens;

dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!

Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie

mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der

Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das

ungehört verklang.

In höchster Angst begann sie zu beten.

Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben,

schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum

Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige

Zeilen:

Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und

muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du

wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von

Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden.

Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß

ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.

Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich

vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.

„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“

„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser

Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“

„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“

„Wie alt ist er?“

„Ostern wird er acht.“

„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie -- für Ihre Tochter.“

Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran.

-- -- -- Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres

einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzenden Augen verfolgten

gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich

schlief sie vor Schwäche ein.

* * * * *

Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter

Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag

betroffen hatte.

„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett

geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden.

Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun

heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist

ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist

wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere

Frau Präsident gestorben ist...“

„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber.

„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die

ganze Wohnung ausgeräuchert...“

„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs --“

„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab.

Ihr Geburtstag is...“

„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie

das nicht soeben?“

Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das

ist mir heilig. Nein, nein....“

„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört

hätte..“

„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch

alle Trostlosigkeit.

„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem

Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann

ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“

„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“

„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für

Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid

-- dies Heiligtum in Ihren Augen -- mitverbrannt wäre.“

„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“

„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. -- Vielleicht hat Ihre

Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt,

damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in

Seide rauscht.“

„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“

„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen

und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem

Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen

Sturm läutet.“

Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte.

„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über

die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien

entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren

plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln.

„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken

Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.

„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.

„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“

„Hm --“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“

erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten

sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein

bißchen kränklich ...“

* * * * *

Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein,

es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von

Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.

„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen

Stimme.

Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds

Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der

Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben

konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher

kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen,

einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der

sommermüden Bäume zeigte...

Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt.

Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres

Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.

Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine

Lieselotte!“

Der Uebel grösstes ... · 第 21 / 25 题