Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“

Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die

Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder

erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem

weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.

Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll

angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva

von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an,

und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten

deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden

hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.

In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise,

wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre

Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit

zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder

frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war gefesselt. Gewaltsam

riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt.

Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie

den Kopf zur Seite.

Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und

töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den

Prinzen gesagt hatte -- „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch

höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich

Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das

kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München

gesungen:

Ich hatt’ eine weiße Rose

Auf meinem Blumenbrett...

Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der

Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich

plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte

ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.

Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte

doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er

zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen

solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem

gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend

einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich

fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung

der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten

sein. Es war alles still und tot um sie her.

Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter

Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er

wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun

zwang ihn etwas zu ihr.

„Woher kennen Sie das kleine Lied?“

„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.

„Mein Lied.“

„Das von der weißen Rose? -- Es ist das Ihre?“

„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen

Schwester.“

„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir.

Seitdem habe ich es oft gesungen.“

„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid,

Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.

Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten

auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort.

Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich -- weiter über

alles.“

Da gab sie den Kampf auf.

„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.

Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte

sie an seinem Herzen.

„Ich war immer bei dir, Eva.“

„Und ließest mich doch ganz allein.“

„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den

schrecklichen kalten Brief?“

„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.

„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“

„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“

„Was ist das? Sprich es aus!“

„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“

Seine Arme umfaßten sie -- trugen sie beinahe, und mit geschlossenen

Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not

eine Ende!“

Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir

sprechen. Morgen, ja?“

Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur

Grenze des Ertragenkönnens gelitten -- da war es wieder. Und dennoch

nichts mehr von alledem.

„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“

Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.

„Niemand! Das schwöre ich dir!“

Nun war alles -- alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen

rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und

preßte seine Lippen darauf.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die

ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem

Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit

draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren

würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon

diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!

Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich

und ihrer Zukunft.

„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst

du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein

Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine

Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“

Fest schmiegte sie sich an ihn.

„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß,

rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“

Er sah sie erschrocken an.

„Anders darf es nicht sein, Eva!“

„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe

volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir

schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“

„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir

das schon jetzt.“

„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. -- An ihrem Zaudern merkte er, wie

schwer ihr die Zusage wurde.

„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir

es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben

sollte, dann sagst du es mir!“

Sie nickte.

„Wie du mir überhaupt alles -- alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber

das ist ja selbstverständlich!“

„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie

mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.

„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich

will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon

bestanden hat, ehe du mein Weib wärst. Siehst du, das müßte ich

kennen. Oder?“ Er stockte.

„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“

„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.

„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug

eins,“ klagte sie.

Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal

erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von

dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:

„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen,

wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß

es nichts in mir änderte -- das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar

nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum

Verschweigen ein.“

„Also in keinem andern Fall?“

„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte,

dennoch verzeihen.“

„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch

nicht völlig.“

„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich

durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in

mir vernichten.“

„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.

„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“

Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine

Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.

Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte

sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und

verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag

lang, und dann -- --

Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig

vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.

Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu

setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer

ihr wußte darum!

„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und

lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.

Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er

sich alle Schatten nur eingebildet hatte!

Sie wurde sprühend ausgelassen.

„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.

„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“

„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“

„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder,

das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“

„Worin könnte das wohl noch bestehen?“

„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet -- verzeih’

mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben -- eines Tages ein

Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere

allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken

können.“

„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur

auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“

„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte

Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“

„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“

„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“

Es klang schelmisch und übermütig.

„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst

verbieten mußte.“

„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“

„Aufs Wort.“

„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“

„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“

„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen

bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und

nimmer beschert worden.“

„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es

anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried

aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam

zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus

einem schattenlos fröhlichen Herzen.

„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr

entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt

kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage

nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so --

ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung

heimbegleiten -- aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn

fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch

lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“

„Richtig Huld hat er geschrieben?“

„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir

allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe,

um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen

er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich

freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die

geringste Beachtung.“

„Was hast du ihm geantwortet?“

„Geantwortet? Aber, Liebster?“

„Nun ja --“

„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz

klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich

sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken,

daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden

Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig

gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht

minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen

Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht

ist.“

„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden

können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im

reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur

Wiedervermählung zu haben.“

Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein

seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“

„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist

ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte

er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten

einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt

hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht

anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“

„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen

Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar.

Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der

mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“

„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung

gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen

Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein

soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.

„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst

mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen --

nicht wahr?“

„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem

Liebsten zu schaffen hat, nicht!“

„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit

deine Braut heiße.“

„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“

„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“

„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz,

Liebste?“

„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“

Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den

silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten

Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig

berichten solle.

Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch

diese Regung überwunden.

[Illustration]

[Illustration]

22.

Sie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin

vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr

erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis

enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln,

sie zu gewähren war ihm unmöglich!

Der Uebel grösstes ... · 第 20 / 25 题