Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“

„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde -- na, sagen wir mal --

zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu

lassen.“

Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde

tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum

noch Zeit übrig bleiben.“

„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich

fühlt.“

„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres

weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie

interessieren.“

„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich

alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“

Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von

Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist

unnötig. Ich kenne sie.“

„So darf ich wissen, woher?“

„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer

Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“

„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“

„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten

erledigt.“

Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er

rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:

„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer,

die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“

Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ

seine Kraft nach.

Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.

„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“

„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.

Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar

mal.

„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht

drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“

Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine

Ausrede zu.

„Ich -- wollte sie zum Weibe. Aber -- sie kam nicht...!“

Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen

Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort

mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte

er:

„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht

wahr, das Gefühl haben Sie auch?“

[Illustration]

[Illustration]

20.

Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den

kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still

stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun

gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der

Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher

der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich,

um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.

Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll

schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in

einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken:

„... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später

als zwei Uhr morgens.

Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte

alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.

Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken

freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...

Ihre klaren, sprechenden Augen -- die ganze Schönheit der jungen

stolzen Gestalt -- vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm

verheißungsvoll zärtlich erschienen war.

Kurz! Er kam nicht von ihr frei.

Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der

immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm

zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt

dich, wie du sie liebst...“

Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm +um eines Geheimnisses

halber+ versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den

Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen

brauner Scheine in der Handtasche -- die einwandfreie Feststellung

ihrer eigenen Vermögenslosigkeit -- dazu das Lockmittel ihrer

bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten

Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das

Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran

glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich

zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.

Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es

ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch

geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft

auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen

nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der

geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.

Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner

Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um

diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen.

Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis

zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster

Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn

die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts,

sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. -- Es war aber das

Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.

Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur

angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie

zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.

„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr

Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn

ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es

ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld

mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es

für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“

Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber

es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches

Empfinden regte sich nicht.

Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein

noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran

mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten

Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die

Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.

„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“

Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke

einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las

mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren

ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm

vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu

legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten

beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler

Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige

unter sich begraben und zermalmen werde.

Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch

dieser Unangenehmen gegenüber!

„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“

„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel

förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“

Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei

kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen

Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit

hunderttausend Mark.

„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.

„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei

Auskunft über ihn eingezogen?“

„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes

war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls

anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“

So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er

dennoch an sie richten.

„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen

Verlust -- noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche

Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu

bereit erklären.“

„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain

ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen

noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen.

Denken Sie -- also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“

Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr

und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen

nach ihrer eigenen Veranlagung.

„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir

dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende

Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr

dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade

eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil

sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm

gekommen war.

„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“

„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur

Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz

ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten

Besucher vorlassen.“

„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr

Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.

„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von

ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.

„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe

sie seine Worte nicht vernommen.

Das entwaffnete ihn!

„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt.

Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren

Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es

ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen,

in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material

zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall

Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier

ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache

an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen,

erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie

als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“

„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem

Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“

Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch

einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf

der Schwelle stehend. --

Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in

diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm

Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er

war auch einer...“

Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser

Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!

An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline

war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen

verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle.

Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte,

saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was

sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß

längst auf ihn.

„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie

verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf

und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“

Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.

„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt

aufs Haar.“

„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“

meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den

Ofen gelegt.“

„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“

Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch

stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde.

Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.

„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“

„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz

vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen

Schlückchen -- macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s

sonst auch noch so lange dauern muß.“

„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also -- nachher noch eins!

Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“

Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu

erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal

seltsam wankend nach Hause gekommen.

Auch dies zweite leerte er sehr schnell.

„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“

„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben

klatscht.“

„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten

Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie

sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.

„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen.

Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das

nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht

aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber

vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so.

Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“

Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.

„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber

-- nein -- es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“

Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles.

Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der

Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.

„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“

„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“

-- -- -- -- Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat

ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte

seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem

fiel es ihm nicht ein, umzukehren -- oder das, was er vor hatte, als

etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer

klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!

Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen

Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er --

eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den

Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.

In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die

trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar

abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm

herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging

das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte

er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und

zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des

Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte

er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken

gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm

die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich

an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am

Königsweg begrenzte.

Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die

alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte,

ausführlich und häufig genug beschrieben.

Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern

hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür,

die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer

rotumhangenen Lampe --, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht

nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern

herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.

Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch

sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer

Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.

Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen

des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem

Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.

Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger

Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.

Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein

des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen

mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich

einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe

sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch

Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu

eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er

machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das

verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.

Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere

Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige

Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann

gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen

Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen

brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es

wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal.

Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf

eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen

Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es

ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.

Er mußte nun heim!

Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und

eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen

Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.

Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern -- -- ging

neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....

Das war doch -- --. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung,

die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.

„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die

selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.

Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt

zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft

klingenden Erklärung.

„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des

Weges daherkommende Droschke.“

Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von

Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach

den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise

auf:

„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat.

Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte

Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um

später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu

gehen. Ist Ihnen das recht?“

Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie

nebeneinander wie zwei alte Freunde.

Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.

„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann

der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“

„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der

Anwalt der Ostrieds...“

„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß

ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“

„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch

ein.

„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst

leider nicht zu Hause war.“

„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“

„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu

singen.“

Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen

können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte

er die Daten genau.

„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener

Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter

und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum

Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres

herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise.

Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht

wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“

Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs

wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht.

Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem

offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu

formen.

„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.

„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und

Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre

Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe

ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang

lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht,

Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“

„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten

voll überzeugt!“

„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“

„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“

„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie

neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein

starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum

Ausdruck bringen konnten.“

„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“

„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“

„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht

an.“

„Wie sonderbar und hart! -- Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten

keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“

„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt

auf, wir lernten uns dabei kennen -- verhandelten --“

„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen

Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr

schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich

mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper -- meine

armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch

noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt

in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das

Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt

mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen

nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“

„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn

so göttlich an ihr?“

„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort

davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr

einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares,

unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. -- Sie hat ein junges, sicher

dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen

und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam

und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten,

während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht

zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche

Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. --

Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr.

Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die

Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten.

Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder

Monate gezählt sind -- daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen

aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte

die letzte Stunde leicht...“

„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“

Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot

der Scham oder Empörung.

„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und

will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden?

Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem

Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich

hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im

Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide

Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich.

Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei

jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn,

ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen

durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem

Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat

oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage

Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried

das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“

„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll

befriedigt?“

„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch,

der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu

Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in

Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber

den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner

Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht.

Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und

leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“

„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“

„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal

äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre

guten Gründe dafür haben.“

„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage.

Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen

gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“

„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder

Erklärung bereit halten.“

„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein

Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch

arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und

Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten,

geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und

berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch

aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts.

Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut,

dann irrt mein Gefühl nicht.“

„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“

Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren

ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken

Versunkenen heraus.

„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr

schüchtern.

„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“

Er nannte eine Straße im hohen Osten.

„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“

Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört.

Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.

„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.

Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern

vergessen.

„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den

Kopf.“

„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die

Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie

Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können.

Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum

schützen. Wollen Sie?“

Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte

sie voller Kraft.

„Ich will es versuchen!“

Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden

und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei

dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war

heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!

[Illustration]

[Illustration]

21.

Der geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine

halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem

Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute

sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin.

Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen

sich die Türen und es wurde ganz still.

Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski.

Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein

wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden

müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot

das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung

und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose

Ergriffenheit aus.

Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von

Ostried und ging suchend -- die Platzkarte in der Hand -- die

vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter

einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.

Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die

dazu gehörenden braunen Haarschnecken vertrieben hatte, war es gerade

der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr

schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium

erschien.

„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter

seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen

Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.

Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.

„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die

tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst

kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin

aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“

„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es

sich um sie handelt, Papa.“

„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt,

Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der

musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure

Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen,

um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt.

Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer

Konzertsängerin begnügt.“

„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten,

Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“

Er lachte leise.

„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“

„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“

„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste

Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder

Glanz zu erkaufen gibt.“

Es klang bitter.

„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte

sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das

wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.

Der Uebel grösstes ... · 第 19 / 25 题