Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“

„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“

„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein

Fingerhut voll war es.“

Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.

Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.

„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den

Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer

Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.

„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen

Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“

„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte

alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos

und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte.

„Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam

wie eine kleine Musterschülerin.“

„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja,

da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot

hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm

und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch

er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht

hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten

gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama -- der

Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn

sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres

großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl

reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.

Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ

sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise,

geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den

sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie

nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen

zu sehr beschäftigt.

Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.

„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.

„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich

mich denn doch nicht --“

Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit

Zigarren hervorgeholt.

„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere

Havanna von ihr entzünden.

„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“

„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“

„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.

„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle

ablegen?“

„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in

deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“

Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie

sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.

Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte

zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach

mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O--o! Der alte

treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in

allen Fällen das Gleiche.

„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst --“

Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle,

die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie

noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen

hatte.

Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und

dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit.

Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer

Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?

Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all

das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und

beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die

ewige Bevormundung sei!

Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren

Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der

Luft.

Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie

ersticken.

„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.

Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den

eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte

eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein

Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust -- atemlos von

der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.

Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte

sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde

sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer

und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück.

Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.

„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde

nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit

unserm Goethe.“

Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit

sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche,

schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter

machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie

eingeschlafen war.

Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit

seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er

ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber

er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das

Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem.

Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.

„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er

großmütig an ihr Lager und küßte sie.

„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“

Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte,

nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske.

Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.

Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des

matten Herzens -- merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen,

erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn

der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein

könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort

-- ins Esplanade.

Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe

er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem

Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein

mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte

Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf

zurückwendend, zu:

„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie

herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock

zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“

Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den

Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül

eine heimliche Träne stahl!

[Illustration]

[Illustration]

17.

Auf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs,

dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem

Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile

auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie

mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.

Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches

Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht

gleich voll begreifen:

„Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die

eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft

in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem

zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns

von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes

„Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen

Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn

P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine

auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß

den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse,

den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte

sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene

Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sängers

festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem

heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die

das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der

Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen,

weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte.

Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu

erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren

wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch

bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer

leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald

einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei

Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende

Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr

nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden

älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft

wurden....“

Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar

Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner

Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf:

„Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest

„aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand

sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der

heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.

Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar

unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende

Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und

führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe

Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.

„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern,

durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher.

„Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und

wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt -- -- ich weiß aber, wie

nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“

„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. -- -- Das ist lange, lange her...“

„Und jetzt...“

„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“

„Sie wissen bereits?“

„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.

Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet -- ihm geflucht --

und doch -- im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein

muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm

küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich

löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch

immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst

sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als

daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei

war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren

dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete;

denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie

aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen

noch ein eigenes Leben hatte.“

„So ist sie wohl gewesen?“

„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines

Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel

gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“

„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben,

Gretchen.“

„Glauben Sie an ihr Glück?“

„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie

die junge zarte Frau kennen gelernt.

„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“

„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die

vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“

„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“

„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie

ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben -- hätte sie

im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein

fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre

Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“

„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille,

vertrauensselige Frau gelitten habe?“

„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“

„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“

„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. -- Ich muß heute noch meine

Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem,

ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich

ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach

München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht

leichter entschließen?“

„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand

Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit

bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“

„So elend fühlen Sie sich wieder?“

„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt

könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der

gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“

„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt

lange Zeit nicht befragte.“

„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte.

Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden

Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in

Kirchen besitzen.

„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“

Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu

erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte

sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen

Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.

Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die

schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust

zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte

bedeutend höhere Honorare....

Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen

gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt.

Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos

Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie

nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung

des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das

Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß

es ihr -- leider -- nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien

ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie

hing an dem stillen scheuen Wesen.

München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher

Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es

brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art

zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte.

Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen

würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr

war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie

auf die Einnahmen angekommen.

Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins,

wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die

heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte

hinausschreien mögen.

Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte,

meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen

Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte

nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!

Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?

Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit

kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer

nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte

es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf

ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins

fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor

Stunden angekommene Post.

Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen

Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das

brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer

fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und

Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie

zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste

Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz

bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das

Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie

hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die

wachsenden Ausgaben getan.

Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr

fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als

wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des

Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur

Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.

Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige

Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen,

daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert

habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die

ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden

steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der

elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines

Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten

Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso

blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.

Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand

küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein

heftiger Widerwille geschüttelt hatte.

Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren

Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß

sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten

hätten.

Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten

Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus

Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr

die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur

wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung.

„Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“

Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der

Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede

persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung

nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den

bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der

Anwesenden gefaßten Beschluß.

Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es

ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen.

Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu

bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld

auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung

ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen

ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.

[Illustration]

[Illustration]

18.

Der Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum

dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die

mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr

genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.

„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich

hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an

dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng

zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener

des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül

zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine

Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er

nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.

„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried

nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer

Exzellenz?“

„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen

Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“

„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft

Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte

seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu.

„Los... hopp!“

Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach

gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf

den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal

die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen.

„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung

festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr

die Exzellenz entgegen.

„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht

an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf

wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie.

„Hören Sie, bitte.“

Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem

nicht.

„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit

einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen

hatte.

„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh

verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“

Er warf einen flüchtigen Blick darauf.

„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich

darf Sie vorstellen.“

Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu

geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß.

Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und

Formlosigkeit empfand sie aber als Beleidigung. Vielleicht hätte sie

stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur --

und blieb!

„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell.

Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und

sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch

jünglingsklar.

„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob

dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du

erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an

seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst

Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel

reinklemmen kann“.

So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus

Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder

durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle.

„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“

Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter

beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.

Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen

Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern

Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die

weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur

die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte

verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die

knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen

leuchteten aus dem sanften Elfenbeinton der weichen Haut und in dem

Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.

Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend

auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders

vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter

neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein....

diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur

gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine

Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich

keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur

Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine

Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher

hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner

weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach

er sie jetzt an.

„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an

Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“

Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht

eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken

seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit

sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie

ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr

möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters

Schuldkonto.

„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie

anzuhören.“

Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher

Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das

Wort!“

Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer

Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen

zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres

Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir

gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das

fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens

ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch

einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine

Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten

sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten

verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu

uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des

privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit

zuträglicher war.“

„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf

der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und

die Exzellenz fuhr fort:

„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts

neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter,

zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller

und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst

noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama

zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab. Jedenfalls

befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den

Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234

Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person

hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit

erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe

sind möglichst kurz vorzutragen.“

Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und

herausfordernd auf.

„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler.

Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres

Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem

seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen

sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich

ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht,

einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner

Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir

ihn doch sozusagen.“

Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter

bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung

wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte

freundlich.

„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr

höflich, als eine kurze Pause entstand.

„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört

über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.

„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“

warf der Generalleutnant ungeduldig hin.

„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich

meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer

Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.

„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer

der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber

meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“

etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an

dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich

regte.

„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher.

Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und

errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie

anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den

starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige,

ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf,

auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.

Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch

schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres

Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers

erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu

bitten.

Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den

Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen

schlotternd. Seine Hände waren wie vertrocknet. Aber in seinen

dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem

Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in

diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und

längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er

schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden

Mädchen.

Nun war die Hauptsache erledigt!

„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“.....

Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd

zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine

Kante!“

In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins

Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier

mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab

gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer

niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte

Gleichgültigkeit.

Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte

erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen

Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen

galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie

keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht

mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die

Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.

Deshalb erhob sie sich jetzt doch.

„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des

Angegriffenen gegen die Mißachtung des freien Künstlers wehren,“

sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst

dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der

Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“

„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.

„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich

dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht

werden,“ entschied der Generalleutnant.

„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen

wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs

klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn

Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“

„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und

scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg,

pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam.

Eine kleine Pause entstand.

„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der

Regierungsassessor lässig vor.

„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der

Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:

„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler

gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch

der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in

sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich

vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächtlichmachung

des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der

Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die

Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin

auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit

ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen

nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen

Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege

veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun,

an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz

meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines

Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender

Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet

starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine

Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen

als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind

vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers.

Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“

Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem

Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen

Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem

würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden

wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu

verlieren.

„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und

ich, die inzwischen mündig Gewordene, beschloß, endlich meinen

sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“

„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere

Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.

Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der

dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des

Gewissens glühte -- die Angst bis an’s Lebensende unter dieser

heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache

verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm,

den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie

sprach weiter:

„Das Geld -- ganz recht. -- Das war eine böse Geschichte. Denn mein

mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald

vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut

meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch

nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne

ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben

finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut -- das Erbe meines Vaters also

-- war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt

durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal

in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen.

In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern

erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24.

Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe

ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch

schutzlos ausgesetzt. Das Andenken an meine Mutter verbietet mir, mich

verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu

gehen.

Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch

herum auf sie zu und hielt die Hand hin.

„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um

die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht

unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch

unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“

Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine.

„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren

Kreis drängen möchte.“

Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen

Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen.

„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt.

„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin,

Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor

Ihnen.“

Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas

verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem

Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach.

„Ich muß nun fort, Exzellenz.“

Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter,

du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine

gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch

Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“

„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge

verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich.

„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt?

Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir

zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein

vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist

steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des

Denkens nennt, auf.“

Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In

zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“

Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch

keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher.

„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die

gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die

brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft.

Allein darum lohnt es sich schon.“

„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe

dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“

„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit

uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton

für sie ab.

Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin

flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien.

„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte

Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich

an diesem Vergnügen.“

Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu

drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er.

„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd.

„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“

„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“

Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie

sind.“

„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört -- ich

bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“

„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen

lassen.“

„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“

„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem

Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch

das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt.

-- Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch.

„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das

erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein

bißchen aussprechen.“

Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft.

„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist

es für alles zu spät.“

Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der

Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im

übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah.

„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“

„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei

Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir,

abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich

damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich

sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische

Bahn.“

„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt

dir, mit andern Worten.“

„Ja, das tut es!“

„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“

„Aber nicht darum.“

„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“

Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem

Augenblick zu ihr hin.

„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“

„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“

Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß

danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er

derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies.

„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter

Möbel.“

„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“

„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig

grenzen noch immer.“

„Das hatte ich beinahe vergessen.“

„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“

„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott.

Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle,

unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer

abweisenden Antwort zu veranlassen.

„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine

Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler,

ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um

sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“

Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim

kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen

genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken.

Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt

haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert

für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot

ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin

lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die

Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich

begegnete.

„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort.

„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“

„Es würde mich nicht umstimmen.“

Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine

kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem

Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers

versuchte dennoch ein Letztes:

„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht

geändert haben?“

Sie zuckte die Achseln. -- In demselben Augenblick hatte er

blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser

unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch

noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich.

„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des

Rechtsanwalts gemeldet wird.“

„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu

telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart

zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf.

Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort.

Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher

er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze

zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das

wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte.

„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte

der Kummersbacher vergnügt.

„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko

ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und

Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben

dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die

Wahl des Anwalts zu.“

Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte,

um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte

Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten

wirklich zutreffe.

„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte

er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen

gegeben haben.“

„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor

Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat

Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte

er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den

beiden andern zu.

Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste

fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen

Vorhänge kroch, ihr Aussehen?

„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich

der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren.

„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu

antworten.

Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen,

was sie soeben gehört.

„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“

Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen.

„Ich blieb schon viel zu lange.“

„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich

sehe keinen Anlaß.“

Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei.

„Aergern, nein, wirklich nicht!“

„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und

anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“

„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise.

„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“

Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel

Friedrich Wilhelm.“

„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines

deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im

Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du

zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“

Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm.

„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“

Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind.

„Ja -- ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“

„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich.

„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu

bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“

„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“

Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und

zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt!

-- Trotzdem --“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund.

„Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher

wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr

zufrieden!“

-- -- Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen

herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los

von ihm. Und es mußte doch geschehen.

„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite --“ Ihr Kopf fuhr

herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem

Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der

Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf.

„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“

sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter.

[Illustration]

[Illustration]

19.

„Sie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein

Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen

Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von

Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen

mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der

langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen

Logierzimmer Platz genommen hatte.

Walter Wullenweber verneigte sich bejahend.

„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen

Gesetzbuches -- selbst in dieser Form als Familiengesetz -- anfechtbar

geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu

formulieren.“

„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis

nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. -- Willst du mir mal

gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“

Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin.

„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. -- So bitte,

Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht

und erstrebt wird. Vor allen Dingen muß das lächerliche Befragen des

gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine

neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt

wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten

bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich

sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht

erfahren Sie nebenstehend.“

Walter Wullenweber las aufmerksam.

„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und

zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt

die rechtswirksame Form, wie z. B. hier bei einer hypothekarischen

Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine

Kleinigkeit.“

Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen

Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher

Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas

Feindliches.

„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle

älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen --

also vor dem bisherigen Anwärter -- als Waldesruher Majoratsherr

in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen

verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die

Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum

meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser

neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt

ist.“

Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein.

„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum

sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer.

Sollte ich eine neue Heirat schließen.“

Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu -- das ist

mir ganz neu.“

„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig.

„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“

„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein

solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht

käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin

besteht ein Zwang für sie.“

„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles

Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu

können.“

„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die

Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld,

sonst werden Sie bestimmt nervös!“

„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz

wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her,

bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist

die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine

Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und

wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der

Familiensitzung zugegen war -- ist Künstlerin und es wird ein unserer

Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur

Bedingung gemacht --“

„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das

andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein.

Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies

zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei

Nebensachen aufhalten.“

„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr

fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig

unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf

entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde

lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden

sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen

mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß

zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen,

daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß.

Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die

erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“

„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich

mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“

„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift

hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist

brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem

hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer

Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung

an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar

unleserlichen Stellen zu helfen.“

Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten.

Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen

bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine

spitze Schrift zu enträtseln.

Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an

gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“

Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament

und sah auf:

„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht

mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich

die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde,

kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige

Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“

„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran

wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung

dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei

feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen

lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in

dem Kampfe zu dienen.“

„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“

Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie

ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein

Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden,

gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich

wach machen.“

„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr

Rechtsanwalt.“

„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“

„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im

Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk

ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die

zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren

interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie

ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den

Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich

nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir

oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe

ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn

nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem

Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“

Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter

Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann

er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig,

überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör

brachte.

„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften

wieder zusammentrommeln lassen.“

„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die

Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten

Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr

Rechtsanwalt?“

-- Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange

feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von

Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während

Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.

Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den

unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis

gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder

minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des

alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte

absichtlich davon geschwiegen.

Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht,

daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte

herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur

von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung

lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei

diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die

jene, lockende Schönheit vergafft habe?

Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren

mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die

Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern.

Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des

Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen.

Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann

war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von Ostried das Geringste von

all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde

er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine

Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre

Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen

den sommermüden alten Linden!

Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen

ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn

Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu

weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in

Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille,

endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch

den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden!

Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants.

Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und

Zorn gellende Stimme.

„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt

hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen

nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch

verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“

Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein

lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie

unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß

die Köpfe verdreht hat.“

Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war

die Sprache des Kummersbacher.

Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner

Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr

zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten,

schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die

alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede

vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt,

leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an

den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte

verlieh.

„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein

Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir

gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald

schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken

kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre.

Was hat sie Euch getan? -- Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt

und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu

bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern

besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich,

Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr

gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren

Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“

„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat

ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“

„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt

brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Verschwiegenheit. Herunter

muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage

ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst

nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen

wäre...“

„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer

unsauberen.“

„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst

wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“

„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“

„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen.

Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und

wenn du sie noch durch ein einziges Wort -- gleichviel ob offen oder

versteckt -- herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht

sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen.

Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst

bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird

schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“

Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus

guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern

erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz

Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und

ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten

sein, die ihr unser Haus öffnen.“

Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt

Ihr über sie gehört?“

Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu

seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein

echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“

Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das

Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der

Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher

Unverständliches.

„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte.

Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte

jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge

verzerrt hatte.

„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“

sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung.

Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die

Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“

Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund

dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du

der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite

später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach

Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals

hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich

dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich

kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm

mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht,

selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben

würde.“

Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns

überhaupt damit kommt.“

„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene

Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein

Ton war wie eine Fanfare.

Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe,

ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a. D. und seine Gattin sanken

mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde

aschgrau.

„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich

entlarve Euch schon...“

Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die

Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht

in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten

auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern

Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach

ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab.

„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben.

Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im

Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse

wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache

von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg

zu verweisen.“

Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen

Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat,

als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder

aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig:

„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig

werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern

wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch

dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück

nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“

Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es

ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte

Walter Wullenweber.

„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen,

Herr Rechtsanwalt.“

Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für

den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine

hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger,

wie der junge Jurist es anfaßte.

„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als

der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte,

ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie

auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde

sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie

findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und

erstreckt sich -- ihrem Wortlaut und Sinn nach -- auf sämtliche im

Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis

geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht

genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch

einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:

„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden

sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich

Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen

bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt

haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche

Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist

nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben,

sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und

Pfennig durch den Seniorenkonvent -- das sind die drei ältesten

männlichen Ostrieds grader Linie -- abzuschätzen und zu ihren

Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines

männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel,

der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und

ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert

und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger

beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit

zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln,

soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten

des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist

anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch

schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht.

Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch

herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem

Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art

sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden

und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen

laufend Gelder verdienen.“

Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich

im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche

Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend

und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben

Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet

sich in keiner Ahnengalerie vor.“

Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins

das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm

lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um

eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt

jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut

verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß

der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen

Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend

bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je -- -- und er

hätte sie schützen dürfen....

Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der

Kummersbacher auf ihn zu:

„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts

Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu

trennen ist.“

So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher

begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden

aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein

Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich

gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher

rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der

sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie

flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann

steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der

auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter

dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen

Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! -- Ich habe Eva von

Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt.

Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert.

Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt,

abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten.

Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man

offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir

nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen

zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr

eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne

Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell

herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun

ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und

irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt

sein?!“

„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen

ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden

vervollkommnen zu lassen.“

„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“

„Einer unserer Schreiber.“

„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein

fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“

Der Uebel grösstes ... · 第 18 / 25 题