Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen
Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches
blieb es ihm in der Seele zurück.
-- Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde
Wolken.
Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten
ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die
Abendmahlzeit gerichtet.
Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen
ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen
pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte
dabei nach der Küche hinüber.
Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur
mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter
Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline
nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist,
der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen
konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus
rotgetöntem Holz.
Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.
„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er
obenhin.
Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das
ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht,
in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb
sorgenvoll.
„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr
Rechtsanwalt!“
„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“
„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“
„S--o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“
Sie wurde ärgerlich.
„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich
oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“
„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu
gemacht.“
„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“
„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer
noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“
widersprach er.
„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe
ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten
auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und
guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser
Fräulein gewesen ist.“
„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig
Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“
„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie
hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz
matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal
hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so
recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein
war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“
„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals
mißbilligte?“
„So denke ich’s mir!“
„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“
„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig
war’s. Aber schlecht und verworfen -- -- Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche
sehen anders aus.“
„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“
„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner
Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die
Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline
war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“
„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch
mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere,
erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder,
sollte ich mich verhört haben?“
Sie erzählte es noch einmal kurz.
„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren
ganzen Reichtum?“
„Ja, so war’s!“
„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es
sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“
„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe
das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen
und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit
ihrem Herzen in Ordnung war.“
„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark
und kein Pfennig mehr!“
„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“
„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“
„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich
keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich
auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf
Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“
„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren
Widerspruch.
Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes
dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein
wie ein Engel.“
Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers
Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh
tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an
sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser
Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu
der alten Pauline hinaus.
„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“
„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“
„Ja, wo ist er?“
„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich
wieder zu Haus war!“
[Illustration]
[Illustration]
16.
Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und
Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht
getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend,
hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie
ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte,
erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche
Mahnerin an einen begangenen Treubruch...
Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach
geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst
zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie
ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich
vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von
höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.
Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles
bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und
Bußbereitschaft.
Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er
wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so
viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon
beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu
verwehren.
Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.
Dann kam Walter Wullenwebers Brief.
Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit
lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich
ihre Lippen auf die Buchstaben.
Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte
nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß
sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal
wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines
in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“
Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten
Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare
Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte
bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In
seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.
Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt
nach einem barmherzigen Ausweg.
Er würde sie verachten! -- Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß
er sie dennoch zu seinem Weibe machte?
Ja, und deshalb sollte er dies wissen!
Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu
verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine
glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten,
würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten
einer Haushaltungsführung aus dem Nichts -- von der Notwendigkeit
aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von
jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das
Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die
vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein
Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr
unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.
Das ging aus seinem Briefe hervor.
Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre!
Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?
Wieder las sie seine Zeilen.
Dann verriegelte sie ihre Tür.
Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie
hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:
„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als
einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis
dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.
Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben.
Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern
kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß
ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme
ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für Sie wie für einen
lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden
jedes Wiedersehen zu ersparen.
Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.
Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch
jemals gehören wird....“
* * * * *
In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.
Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr.
Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine
Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte
damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen
und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen
Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das
schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch
die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den
ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.
Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem
Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte
sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht
gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem
Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.
In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen
-- das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht --
hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres
Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein
zur Nachfeier fortzustürmen.
Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus
Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie
inwendig, daß sie +einmal+ von ihm als Gesunde betrachtet wurde.
Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als
er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie
mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu
schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur
ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders
im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib
und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in
das bunte Leben.
Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen!
Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich
sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange
verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die
sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine
Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. --
Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit
dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu
verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen
Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte,
war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.
Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt,
ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch
nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie
widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der
Spielleitung zu klagen begann. --
Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur
Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre
Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter
endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St.
Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene
Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die
junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.
Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten
das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie
brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die
Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.
Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf
den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul
Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die
Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte
Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb
auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein
Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen
auf der Glaseinlage des Nachttisches.
Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und
flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von
schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten
alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.
Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen
abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag --
ein klagendes Wort, -- ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in
den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles
entgegenstrahlen wie zu einem Feste.
Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer
Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die
Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden
Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden
Farbe von unbeschreiblichem Reiz.
Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit
dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten
wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu
bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das
Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem
sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch
erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.
Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die
ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel,
und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen
Streifzügen begleiten.
Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte
des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer
Tür erklang.
Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das
Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens --
tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter
in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.
„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“
Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz
nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich
glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein
zweites breites Ruhebett deckte.
„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast
du’s gemacht!“
„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“
„Es ist -- nee -- stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte
mal --“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit
überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch
nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.
Die feine, gepflegte Hand sank herab.
„So -- jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen
wir mal -- verliebt --“
„Das bin ich aber gar nicht in dich.“
„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“
„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.
Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm
überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen
wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn
gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit
und Anbetung dabei doch.
„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir
eine Extrabelohnung.“
„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“
„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.
„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht
hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme
erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit
unvergleichlichem Glanz.“
Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber -- ihr vorlesen -- gräßlich
langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht
heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre
grenzenlose Bewunderung -- sah förmlich, wie sie, überwältigt von
seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen
Hals schmiegen wollte.
Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die
junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern
gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und
zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und
sei es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war
sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte,
gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu
gewähren.
„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken
fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch
vor Tisch naschen!“
Sie nickte mit leuchtenden Augen -- und wartete.
Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden
beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit
fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück.
Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit
den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.
„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er
begann träumerisch und weich das Dritte:
Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,
Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke
nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte,
beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte
Geständnis -- auch seiner Liebe -- entschädigte sie für vieles, um das
sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür
nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?
Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern
hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit
fernblieb.
Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half
nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen,
die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam
strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische
Frische fort.
Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend
verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag
möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!
„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.
Er war aufgestanden und zu ihr getreten.
„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser
unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“
„Du willst doch nicht sagen --“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.
„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch
den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein
freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“
„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die
große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“
„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da
bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten
Pflicht gemacht.“
„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre
nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“
Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen!
Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden
insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein
ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister
Goethe.“
„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte
sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht
hergebe.“
„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“
Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.
„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das
mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.
„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber
-- Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise!
Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde
ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange
auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen
Bärenhunger.“
Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden
zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner
Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger
Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er
liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn
eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er
bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der
schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.
Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.
Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner
Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil
emporhielt.
„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir -- nach den Herrn
Aerzten -- möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht
überarbeiten.“
Sie zog ein Schmollmäulchen.
„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen
Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“
„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es
eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte
wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“
Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den
Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.
„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“