Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück.
Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei
reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die
Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei.
„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich
der Amtsrat und erhob sich.
Da langte auch der Major nach seinen Stöcken.
-- -- Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille
zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte
herhalten.
„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also --
los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“
So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der
Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald
wieder ein Mensch werden!
Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer
noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines
Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen
Treueid geschworen hatte.
Als sein Sohn mit ihm redete -- jawohl, so stimmte es. Der mit ihm,
denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer -- war die Wand noch
leer gewesen.
Damals wurde auch ein Treueid geschworen.
Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn
nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere?
Die verlorene Tochter -- seines Lebens Lust und Stolz.
Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern.
„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach
Berlin zurückkehren sollte!“
Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst.
-- An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er
stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener
Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das
Jungvieh unter sich hatte. -- --
Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die
Schulter.
„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer
für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“
Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein.
„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt
ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen
Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das
Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“
-- Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst
zusammen.
Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun
entschieden war.
[Illustration]
[Illustration]
15.
„Du bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen
meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat
Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe
Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen
zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes
mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau
Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark.
Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und
zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen
Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter
in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie
gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter
sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr
gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über
ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest
Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner
Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung
setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid,
sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen
Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.
Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig
nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich
mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir
die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze
Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust
Deinen
getreuen alten
Wilhelm Wullenweber.“
Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im
Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig
machte.
Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer
Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung
und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen,
woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen
haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter
Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals
gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat
ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten -- den Glanz ihrer
großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der
seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach
üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!
Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid
zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen
Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem
Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf
hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders
wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur
postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages -- bezüglich
des strittigen neunten Novembers -- verstanden. Somit war diese
Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung
der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat
Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu
lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war
damit zerrissen.
Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich
an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr
einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine
Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach
dem Leben.
Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig
im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.
„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein
geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der
Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als
könne sie sonst seine Gedanken lesen.
„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“
„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder
bei Ihnen habe.“
„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person
anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos
auf den Brief.
„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch
so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach,
Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt?
Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest
eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich
hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem
ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“
Sie stockte und sah von ihm weg.
„Wann war das ungefähr, Pauline?“
„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“
„Warum verschwiegen Sie mir das?“
„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“
„War sie unfreundlich zu Ihnen?“
„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“
„Das verstehe ich nicht!“
„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen.
Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“
„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich
darum.“
„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben,
Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“
„Nun, dann erzählen Sie einmal!“
„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte
mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich
erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie
gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie
wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“
„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte
die Angst vor den nächsten Minuten.
„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld
gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er
plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben
hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei
ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß
sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß
auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat
sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr
der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz
und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht
ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie
gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein
hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres
davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’,
weil er eben tot wäre. -- Aber irgend eine andere Person aus ihrem
Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar
sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als
eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht
hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. -- Bestimmtes wisse man ja
wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen
Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein
Hund rumkröche -- denn könnte man sich schon allerlei denken. Der
Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll
zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht
mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt
und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet,
erzählt, denn wüßte man schon genug.“
„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun
gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach
der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“
„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem
Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“
„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch
Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“
Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.
„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“
„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein
von Ostried noch zu besuchen.“
Sie stieß einen leisen Schrei aus.
„Bei Gott, das war’s nicht!“
„Was könnte es anders gewesen sein?“
Sie suchte nach den rechten Worten.
„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht
alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen
tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und
Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der
lügnerischen Person an den Hals. -- Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen
sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen
kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß
etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen
gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles --
aber auch alles -- rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln
können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s
hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm
Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins -- zwei -- drei wieder die
Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig
ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang
bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“
Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden
vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer
enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu
erraten und wer dürfte darum verurteilen?
„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“
„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“
„Und die Antwort?“
Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!
„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“
„Hm?!“
„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“
„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer
langen Pause.
„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr
gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“
„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt
nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“
Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem
immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die
fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.
Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler,
der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr
brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.
Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die
Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte
sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein
erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein
minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm
das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte
sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt
gebliebenen Auftraggeber.
In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen
Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen
mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung
verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen
könne.
Vergangenheit! -- Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in
Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen
seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu
schenken?
Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich
vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten
haben.
Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.
Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über,
was ihm leicht von der Feder ging.
„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes
da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten
alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich
das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig
und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite
Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten
unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut
gesucht, der Ihnen mehr verriet.
Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie
widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.
Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden
Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie.
Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.
Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin
auf ihn -- sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten -- sinnlos
eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für
Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur
Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr.
Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir
gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden.
Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig
gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe
Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.
Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf
Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!
Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie
alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad
und Geliebter werden darf.
Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle,
die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte
ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!