Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit
umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte:
„Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es
war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der
wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“
-- Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit
großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren
nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. --
Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte
seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren
getan hatte. Und +er+ wehrte ihr nicht.
Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war
still -- für immer.
[Illustration]
[Illustration]
11.
Nach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des
Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer
Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste
Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei
gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.
Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben
und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die
letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne
den Rest des andern Geldes anzugreifen.
Freilich, was war das für ein Leben gewesen.
Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid
getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens
vier Wochen zu beschäftigen gewesen.
Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte.
Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer
schleichenden Krankheit.
Und +schön+!
Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie
ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde sie endlich alles
notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.
War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt,
fortan -- selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern
sollten -- den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern
Zurückgezahlten nicht zu öffnen.
Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor,
ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen
+einen+ Schein! Er würde genügen.
Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr
Gesicht war sehr blaß geworden.
Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen,
um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser
Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.
Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie
nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler
mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und
vertiefte sich darin.
Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?
Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers
Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte
sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich,
um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere
Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene
Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.
„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte,
Fräulein. Es war nur nichts mehr im Hause. Und wieder um Geld bitten
und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein
kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl
was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“
Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.
„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich
hingebe, genügt für uns beide völlig.“
„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen
belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände
in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle
Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“
„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre
Empörung.
„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem
leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu
abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie
ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat,
die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“
„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die
neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.
„Ich hätt’ noch was zu sagen.“
„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“
„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir
mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht
ordentlich gewirtschaftet, nich?“
Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten
zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.
„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen
können,“ stellte sie fest.
„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß
hat aufgehört. So klappt’s.“
„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“
„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was
geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich
auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld
gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“
„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“
„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund
hielt.“
„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in
allen Gliedern.
„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade
gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein
bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das
Fräulein viel zu sehr verehrt.“
Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen.
Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die
Bestürzung der jungen Herrin.
„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag
abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten,
Fräulein.“
„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der
Hand nach der Tür.
„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen
was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“
„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung
kommen.“
-- -- In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das
bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen.
Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort
sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.
Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging
sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie
sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und
regungslos auf ihrem Platze.
Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das
jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht
geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung
gabst?
Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch.
Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen
unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein
edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.
Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer
Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude,
daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.
Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet
zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois
Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt
zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte
November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt
hatte, längst vergeben.
Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren
Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.
Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war,
drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.
Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen,
im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der
drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe
festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten
Winterkonzerte übersteigen.
Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.
Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte
sie wenigstens an.
„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen
werden,“ sagte er großartig.
Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem
mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein.
Das lag ihr im Gefühl.
„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß
ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.
Darauf schien er kein Gewicht zu legen.
„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“
„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.
„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen
wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück.
Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“
Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte
sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie
lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!
Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat
hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr
Justizrat -- --
Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte
ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied
auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren
seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher
sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber
beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers
Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn
aufzusuchen.
[Illustration]
[Illustration]
12.
Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber
an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen.
Alles Vergangene wurde wieder lebendig!
Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse
auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene
Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr
einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht,
war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der
zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und
jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das
Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.
Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.
Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher
keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die
Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an
alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat
Weißgerber.
Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.
Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort
Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm
gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war
tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne
durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des
alten erfahrenen Juristen, unsicher.
Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er
wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie
endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß
er -- wider Willen -- ihrer Schönheit huldigen mußte.
Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche
warme Freude darüber.
Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht
mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den
er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.
„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den
strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit
diesem -- so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“
„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und
hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die
Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm
bezeichnete Zeile erforderte.
„Doch -- doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück.
„Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern
Moldenhauer mit der Namhaftmachung des Datums, an welchem die
Abmachung geschah, besorgen.“
„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß,
befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine
Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“
„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“
„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf
aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“
In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.
„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige
Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“
„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er
erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“
Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.
„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im
gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre
friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller,
wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur
Einsicht brächte.“
„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“
„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist
bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und
Jasmin.“
Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch
immer in seiner Hand.
„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“
„Und dann,“ fragte sie schnell.
„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“
Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein
Schuljunge.
„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause:
„All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa
erteilen?“
Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.
„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“
„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“
„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr
verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.
Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.
„Ich stehe ganz allein.“
Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine
feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös.
Warum saß sie noch hier?
Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.
„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach
Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“
„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung,
daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen
müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl
auszulösen.
Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.
„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.
Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß
gelangt?
„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges
Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ
mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“
„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“
Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.
„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. -- Bestimmt! Es ist kein Irrtum
möglich.“
„Wer könnte ihn genannt haben?“
„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.
„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich
heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“
„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder
mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als
Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu
ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“
„Fehlgeschossen. Bitte -- weiter raten!“
„Dann gebe ich den Kampf auf.“
„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“
Alles Blut drängte ihr zum Herzen.
Wie war das möglich? Wußte er?
Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. -- Er merkte auch
nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.
„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat
Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich
gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen
Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in
ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten
Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als
er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht
mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte
Art.“
Eva von Ostried wollte etwas erwidern -- ebenfalls eine Freundlichkeit
über sie anfügen -- eine Frage nach ihrem Ergehen tun -- Ihre Kehle
blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus
der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend
gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.
„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“
„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.
„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“
Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben
war.
„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.
„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.
„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes
erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht,
wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“
Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?
Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden
Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr
Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?
„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt
dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis
vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht
3.“
Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen
Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen.
Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen
scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen
zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug
erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.
Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte,
erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und
die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das
jetzige Dasein möglich geworden war?
Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr
rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick
ertragen.
Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? -- Sie
wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der
ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!
An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den
ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag
ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt
Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.
Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche
Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.
„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz
der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr
Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht
von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten
Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von
Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine
Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.
Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten,
die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen
daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf
gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns
Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen
Sie oben...“
Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten
Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre
Denkkraft für Augenblicke.
Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug:
„Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend
berechnet!“
Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine
Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten
überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois
Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm
geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit,
sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.
Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen
hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.
Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens.
Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder
Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige
Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen
erwecken wollte?
Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können?
Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung
gehen.
Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre
schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell
einsehen!
Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe
durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und
lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß
entgegenstreckte, übersehend.
„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr
eilig, Herr Rechtsanwalt!“
Er sah sie erschrocken an.
„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“
Jetzt lachte sie hell auf.
„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre
private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“
„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in
Anspruch genommen habe.“
„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie
Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“
Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr
ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.
„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten
wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“
Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und
vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei
scharf.
Es währte sehr lange.
Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen.
„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich.
„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz.
„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das
erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen.
„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“
„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir
verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur
sein.“
Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah.
Sie hatte kein Wort begriffen.
„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das
andere soll mir gleich sein.“
Sie stand hastig auf.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen
Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“
Sie lächelte krampfhaft.
„Was ich habe? -- Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“
Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei.
„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal
mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“
„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich
vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“
Er sah sie fest und lange an.
„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß
wir beide uns voll verstanden hätten.“
„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen
bisweilen geschehen können.“
Wieder war er an ihrer Seite.
„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr
unglücklich machen.“
Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas
Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um
keinen Preis sehen durfte.
Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“
„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das
Private.“
Er begriff nicht sogleich.
„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:
„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich
nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“
Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!
„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor
Scham.
„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu.
-- Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig
ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats,
nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach
gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur
Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu,
nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe.
Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab
ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt der
Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt
sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem
richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum
dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet,
sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber,
der sie in das betreffende Aktenstück einheftet -- denn auch Sie haben
bereits ein solches erhalten --“
„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.
„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den
Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist
ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind.
Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue
Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht
lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in
den Umschlag zu befördern -- nun -- warum soll er nicht das gleiche
durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort
hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“
Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte
sie sich verzweifelt.
„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“
„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können -- seitdem!“
[Illustration]
[Illustration]
13.
Eva von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer
Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit
aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen
Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien.
Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine
Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen,
rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt.
Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann
pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer
sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach
mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden
Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.
Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel
lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!
Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders!
Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die
Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.
Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie
sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von einer wichtigen Nachricht
gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.
Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre
Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen.
Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat
fast lautlos herein.
„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in
einem freundlichen Unterhaltungston.
„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder --“
„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum
mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“
„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich
herauskommen.“
„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch
sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten
Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“
„Woher weißt du auch dies?“
„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur
Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit
allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb
Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“
„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“
„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“
„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr
fürchte.“
„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest
Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame
aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir
und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach,
ein schlechter.“
„Du bist ein Teufel!“
„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich,
hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“
Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen.
Er wich geschickt aus und zischte leise:
„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel
lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr
Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber --“
„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“
„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß
jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich
derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn,
ob du es auch als das deine fühlst -- je nun? Sei doch ehrlich. Denke
daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten
Pfiff“ gefolgt bist.“
„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war.
Wie konnte ich das ahnen?“
„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann
wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“
„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt
von mir?“
„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst!
Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden
Ton mit mir verhandelst.“
„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur
nicht erkennen.“
„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“
„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie.
„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch
um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten
bereitet hast.“
„Was hast du mit mir vor?“
Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr
mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte
streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing
sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen
Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit.
„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr.
„Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor.
Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“
„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das
wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“
„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir
täglich deine Not geklagt hast. Angeblich littest du doch unerträglich
unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir
schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette
gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch
endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit -- war er nicht
fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten
unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter
ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen
Stunden besser allein. Also -- Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen.
Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“
„Ich habe dir vertraut.“
„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest
du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so
wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein
behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für
deine Bequemlichkeit darin?“
„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden
warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst
du mir jetzt bestätigen.“
„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich
bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel
Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine
mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche
Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann
stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen.
Das verstehst du nicht. -- Ich verdiente dazumal noch wenig. Die
Kommerzienrätin, auf deren einer Abendgesellschaft ich dich nach der
bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst --
Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“
„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“
„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“
„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr
unwissend geraubt habe.“
„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt,
laß meine Sorge sein. Im übrigen -- ich muß endlich deine Frage
beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor
allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du
magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst
du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich
verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen
nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle,
ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir
verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei
sich behalten, wüßte sie -- -- Sage ihr in diesem Fall, was du willst.
Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel
triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“
Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht!
Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe
ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“
„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir,
Lieselotte.“
„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“
„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird
alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich
will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in
deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“
„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“
„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin -- besteht der Wunsch bei
deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen
lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit
nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe
daraus würde.“
„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die
zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht.
Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich
mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und
Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen
leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“
„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert.
Diese entzückende Lebendigkeit -- nicht nur in der Auffassung, sondern
auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und
Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause
kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest,
das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine
Macht über Dich wurde unbegrenzt. Ich hätte dich zur Verbrecherin
machen können, wenn ich gewollt.“
„+Das+ hast du gefühlt?“
„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir
standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach
ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie
diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der
Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das
ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“
„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.
„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz
zusammenfassen. Auch um meinetwillen. -- Sieh mal, als ich dich dann
einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir
bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen
Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben
Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut
nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar
ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen.
So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause
der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte
die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht,
dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den
fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen:
die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte
den schweren Kerl ausstechen. Daneben dich natürlich auch von einem
Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“
„Daneben -- wirklich.“
„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest
Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem
einzigen Freund und so weiter. Und zurück -- verzeihe mir, daß ich dies
ausdrücklich feststelle -- wolltest du unter keinen Umständen.“
„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut
hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“
„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind
aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal
da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu
deiner lieben Familie zurück.“
„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“
„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich
fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes
kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“
„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest -- mir den festen
Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch
vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren
Verpflichtungen sagtest.“
„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan?
Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins
Wasser gegangen oder hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben
Folgen verübt.“
„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“
„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“
„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß
sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg
stellten.“
„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“
„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit
gesagt?“
„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du
wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich
fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die
Höhe kommen.“
„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du
hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert
hätte.“
„Man hat auch seine -- Anständigkeit.“
„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß
brennt.“
„Woher kennst du Eva von Ostried?“
„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit -- vielleicht auch nicht. Laß dir
genügen, daß ich sie kenne.“
„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu
rein, als daß du --“
„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich
diesmal nicht getäuscht.“
„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“
„Gleich -- gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von
Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die
bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer
Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u.
Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du -- übrigens würden sie
dich da gar nicht wieder einstellen.“
„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“
„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich.
Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden.
Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe
ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will
ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher
zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst.
Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre
dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten
versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den
Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch
sonst siehst du -- verzeih’ diesen Ausdruck -- etwas abgewirtschaftet
aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es
nichts aus.“
Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt
verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte.
Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß.
Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu.
„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“
Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld.
Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter
seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem
altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal.
Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie
in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten
ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er
sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf
rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene
Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die
bebende Mädchenhand herunter. --
-- -- Dann war sie allein.
Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer
Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte
nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh!
Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte
erdrücken wollen -- nach dem Vater selbst -- vor allem aber nach dem
Bruder.
Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen
Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die
unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige
Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht.
Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst
zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer einschlafen,
ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde
liebreich ihre Hände halten -- wohl gar ihren Kopf auf das im letzten
Kampf wildschlagende Herz betten -- sie vielleicht sogar in die Arme
nehmen. Dann war alles aus und überwunden.
Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!
Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals
möglich? -- --
„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“
sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen
Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.
„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von
den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir
lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“
„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne
hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten
uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen
Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster
Linie frische, gute Luft.““
„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“
„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir
ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich
Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets
neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage
Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir
anstellen werden? Die elektrischen Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern
ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“
Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß
sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen
Müller empfand es aber doch.
Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte,
mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht
von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen
und erkannt zu werden.
„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva
von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung
wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald
hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen.
Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die
Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“
„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder
Stimme.
Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem
Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort
hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine
vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So
begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:
Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land
Von Freund und Feinden unerkannt..
Juvivallera -- Juvivallera -- --
„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.
Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung
angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an.
„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es
geht dann doch.“
„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“
Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie
leise und schwermütig:
„Doch, das weiß ich wohl.“
„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“
„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“
„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief
gesunken, als ich es bin.“
Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser
Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön
sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche,
überwand sie und sagte frisch und froh:
„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar,
seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also
begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“
„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“
„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen
wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr
Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf
und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder sollte es
einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem
Namen sehen.“
Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf
stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die
müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker
sinken.
„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der
es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried
ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder -- wollen Sie es tun?“
Scham und Angst schüttelten den elenden Körper.
„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen.
„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun.
Nicht wahr, Paul Karlsen war hier -- bei Ihnen?“
Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und
umklammerte ihre Knie.
„Muß ich jetzt fort?“