Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht
den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger
Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler
machen.
Und doch ging er weiter.
Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und
zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten
sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz.
Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war
verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne.
„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner
Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte
sich. Er war ihr fremd.
„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen
müssen,“ sagte sie dankbar.
„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum
Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft.
„Auf mich?“ fragte er noch einmal.
Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. -- Da lag sie.
Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie,
sie mit glühenden Küssen zu bedecken.
„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich.
Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei
einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun --
matt und verlassen -- zwischen ihm und ihr.
Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau
ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem
Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich.
„Ich muß fort.“
„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe
Traurigkeit. Da blieb er neben ihr.
Und plötzlich. -- Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre
beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz
gepreßt.
„Hörst du das schlagen? Für dich! -- Für dich!“
Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte.
„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“
„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“
Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das
brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie.
„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein
Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. --
Nun geht’s nicht mehr. -- Werde mein Weib!“
Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter,
ohne ihre Antwort abzuwarten.
„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das
nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem -- das Nähern seiner Lippen und
wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen. -- --
„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“
Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach
ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll
vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in
ihren Augen -- taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas.
Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging.
Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt!
[Illustration]
[Illustration]
10.
Ein ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten
Daseinszweck verfehlend -- nichts anderes in ihren Augen als eine Beute
wahnwitziger Lächerlichkeit!
Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest.
Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die
Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr
durch das herabgelassene Schalterfenster zu.
„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich
nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem
Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“
Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer
kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse.
Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren
elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel
leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich,
dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln
ihr wie freundschaftlich entgegen streckten.
„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“
Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu
heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen
hätte,“ entgegnete sie kühl.
Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden.
Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an.
„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter
Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net
wahr?“
„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich
kurz.“
„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab
nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber.
Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“
„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene
Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern
passen wollte.
„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“
Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern
oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der
Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit
aus.
„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre
Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich
schon ausreichend.“
Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt.
„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“
„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell
überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten
durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen
zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher
gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu
freuen.
„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig
ist.“
Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen
Ausstattung der Dutzendräume gegenüber.
„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem
nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten --“
„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“
„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho.
Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus.
„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch
erfüllt.“
„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg,
mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften
und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits
kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s
halt!“
„Nein, das genügt mir nicht.“
„Schauens -- schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen.
Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl
raten würde.
„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr
Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff
sie nicht sofort zu? -- Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den
Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich
und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende
gekommen war.
„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“
Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein.
„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’
besser!“
„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts
dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell
einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche
Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er
ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden
sich lauter gute, bekannte Künstlernamen.
Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen.
„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder
tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die
Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen
Tintenfleck fort und schrieb weiter.
„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber.
Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“
„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N--eu--n--ten --“
Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er
faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern.
„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“
„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“
Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht
voll aus, sondern lachte tonlos.
„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der
Kurtzig war auch dabei. Schaun’s -- München ist net Berlin. Koane
G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug.
Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund
hat.“
Sie begriff endlich.
„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“
„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte
auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was
die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und
Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen.
„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“
Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten
Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen
sollte.
„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“
Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider
zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und
reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem
Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa
aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken.
„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“
Endlich war er fertig.
„S--o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für
heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi--it! I muß ja noch a Depesch’n
geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie
sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a
Minut vor ihr aufg’wacht. -- Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie
sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“
Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß
von mir. Dann pumpt’s halt gern.“
Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr
er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen.
„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’
die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“
-- -- Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach
oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes
stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer
ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies
sie das Pflichtgefühl, sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin
und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie
zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? --
Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die
Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur
Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts
weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume
des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die
Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.
Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich
von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es
deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem
geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das
Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden
peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger
Freund gewesen war.
Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im
Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung,
von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht
ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein
einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie
sie...
Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße
Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.
Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es
ihm zu beichten.
Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu
belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem
Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres
Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab,
durfte kein Geheimnis walten.
Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner
Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung,
gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte
es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand
plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben
stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.
Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was
würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn
nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie
die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.
Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie
selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte
sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit.
Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der
Erschöpfung und des Zornes flossen.
Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle.
„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von
Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“
„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt.
„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn
schon überall gesucht haben.“
„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“
„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen,
daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und
zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten
Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger
Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“
„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“
„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem
Parkhotel.“
„Bei wem machte er die Bestellung?“
„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er
herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“
„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen
sprach.“
Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich.
„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher
Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die
roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf
Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt
sind.“
„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch.
„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“
„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch
schmelzen --“
„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der
ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können
doch nicht leben beim toten Ofen.“
„Der tote Ofen -- was meinen Sie damit?“
„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind
halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase
weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“
„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte
vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat
ihr wohl.
„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts
mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug.
Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll
dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht
weiter. Die machen Schluß.“
Schluß -- Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von
Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit
schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus.
„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die
ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich
einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal
auf.“
Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie
noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte.
-- Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen.
Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin
hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während
sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da
trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein
Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber
freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis
ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen -- Ihr. Das ist
Euern Stimmen zuträglicher.“
Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur
entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen.
„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt -- dageblieben? Rede und Antwort
gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“
„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie
hatte sich das bisher nicht zugestanden.
„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan
gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Das geht leider nicht.“
„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein
Liebling?“
„Wer sagt Ihnen das?“
„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“
„Sie scherzen.“
„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend
Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe,
immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler!
Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“
Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr.
„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel!
Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich
auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“
„Ja,“ nickte sie.
„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“
„Auch dann!“
„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden
hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das
Allerschönste aus seinem Leben.“
Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste.
„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel
besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir
das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“
„Was haben Sie vor?“
„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute
wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen
werden wir also nicht ansingen.“
„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie,
nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den
Kleidern.
Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an:
Geschmolzen ist der Winterschnee,
Der Hornung wandelt sich zum See.
Nun kam er also!
Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und
Reden und Laufen hörte sie herein.