Dein Walter.
Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den
Tisch.
„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt?
Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit
dies verhindert wurde?“
Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich
der andere schon hinzu.
„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“
„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.
„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“
[Illustration]
[Illustration]
9.
Das Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten
Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es
strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf
den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig
eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit
zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach:
„Selig im Glauben.“
Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen
geblieben und sahen zu ihr hinüber.
„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“
sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“
„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen
Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“
Der alternde Meister schüttelte den Kopf.
„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“
„So -- tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem
Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn
einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der
Hauptsache als erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich
nur selten zu einer Konzertreise versteht.“
„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und
muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend
erscheint.“
„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat,
Baron.“
„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der
willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“
„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben
Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte
bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“
„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“
„Ungefähr fünf Jahre.“
„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin
verschwiegen. Was käme da in Betracht?“
„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“
„Vielleicht erblich belastet?“
„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit!
Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als
Schulden und den alten Namen hinterließ.“
„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es
dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein
Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“
„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als
Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von
unserer Bekanntschaft.“
„Na nu!“
„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals
anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die
Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der
Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst,
zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“
„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel.
Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der
Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht
auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran
ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas
Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken
vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und
entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum
erbrausten.“
Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier
Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte,
in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die
Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie
es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers.
Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das
Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit
jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.
Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken,
indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie
nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die
Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen
als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum
Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren
Gedanken zwingen.
Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin
verließ? -- Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in
guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet
für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt
nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. -- Die allerersten.
Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr
ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen
Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals
zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig
einst zurückzuerstatten, was -- --
Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es
wollte aber immer noch nichts damit werden.
Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte
hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage
in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm
merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie
berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit
seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser
Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie
Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte
sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten
Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen
mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme
vorläufig noch nicht bezeichnen.
Und danach?
Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit
Huldigungen und Beifall danken würde. -- Ob sich aber auch in gleichem
Maße die Gagen einstellen würden? -- Toiletten würden nötig werden, die
erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.
Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen,
der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge
leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva
von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut
ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf
der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern
erwarten durfte.
Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes.
Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für
unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang
sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!
Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde
weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge
-- die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?
Und wiederum danach? -- Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren --
Jahrzehnten?
In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse
Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und
wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß
jene eine Gottbegnadete war. -- Fast weinend vor Verlegenheit und
Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.
„Helfen zum Aufstieg!“ -- Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße
netzte.
Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die
Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich
aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht
auch beständig.
Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents
geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie
überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten
allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese
wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall
alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch
erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben,
die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als
deren Förderin und Schleiferin.
„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!
Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend,
sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand,
fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es
nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen
den Entschluß bekannt gab -- an jedem Blicke offenkundiger Huldigung,
der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers.
Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der
leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der
Gewissensangst verbrennen!
Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die
Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?
Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen
hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds
Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem
brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond
köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden
Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und
feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es
reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen.
Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich
schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.
Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für
kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! -- Und ihr Begleiter? Denn
immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken
Nachbar hinüber. -- Paul Karlsen!
Ein Wort von ihm -- nahe an ihrem Ohr geflüstert -- ließ sie
zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt
oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas
unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.
Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde
erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die
Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen
Treue machen wollte? --
Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male
spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem
allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten
würde.
-- -- Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und
Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei
heilig!
Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen.
Die Andacht war vollendet!
Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder
Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang
starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand
nach der ihren tastete.
„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“
„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen.
„Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“
Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau
dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich
neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.
„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen
zu nennen. -- Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei.
Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise
aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.
„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der
Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest
dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges
Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die
Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“
Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.
„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“
Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd?
Mir sind Sie eine liebe Bekannte -- seit vorgestern und gestern her.
Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren
eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere
Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am
künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das
Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und
der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal
gehören.“
Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er
sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf
die Künstlerseele.
„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den
Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies
nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen,
zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu -- trotzig
und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die
einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das
liebe Publikum vor Wonne rasen machend.
„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“
fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die
drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen
Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die
Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“
„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried,
„das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“
„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem
knabenhaft fröhlichen Blick.
„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr
Baron. -- Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem
Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst
ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s
mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die
Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“
Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried
früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer
abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.
„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“
sagte Alvensleben entrüstet.
„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr
Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“
sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der
Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide
mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden.
Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“
*
„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie
sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen
doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr
noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie
irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“
„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf
Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.
„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu?
Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler -- oder gar
beides vereint -- das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren
Geschmack besser kennen.“
„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so
sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den
Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das
gefüllte Glas empor.
„Wenn Sie das genau wissen -- und Sie waren ja stets ein sehr sicherer
Beobachter -- ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“
Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.
„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen
Scherz.“
„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu
spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer
Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“
„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister
war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.
„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem
guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine
gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie
durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott,
was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt?
Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und
seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r
Stadttheaters.“
„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie -- genau wie meine andern Leute --
zittert und bebt.“ Es klang schon milder.
„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern
und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“
„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung -- Freude an ihrer Kunst und
Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“
„Na, sehen Sie wohl.“
„Mehr aber nicht!“
„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham
kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat
das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben
nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der
doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer.
Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn
dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. -- Und nun die Hand
her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das
Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich
streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen
Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn
wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der
Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre
Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen
an den Hildebrand-Brunnen?“ -- -- --
Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der
Wein war gut. Und schließlich -- der Alvensleben ein anständiger Kerl,
von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen
konnte.
War’s denn überhaupt eine?
Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron
schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam
zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den
Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.
„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte
ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die
Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen
glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete
er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber
Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon
gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um
den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke
war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr.
Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der
schwere Oberungar den Löwenanteil.
„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die
Augen schärfer in die Ferne spähen.
Bereitwillig erhob sich der Baron.
„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses
Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“
Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte
Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen
fort. Erst nach einigen Minuten blieb er stehen, riß den Hut herunter
und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.
Was hatte er vor?
Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte
emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.
Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen -- hatte
auch wohl seine Hand gehalten -- Rat erteilt -- gescholten -- und jetzt
plötzlich? Der Wein war schuld!
Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt
besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen
hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin,
später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.
Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!
Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der
Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein
rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.