Nun war es entschieden! --

Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg,

Fräuleinchen?“

„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl,

Pauline.“

„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“

„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer

Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal,

beste Pauline.“

[Illustration]

[Illustration]

8.

Amtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger

Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem

Sohne, eintreffen.

Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn

ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte

dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im

Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete

Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so

unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen

konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn

zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden

Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.

Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof

abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren

Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des

Wagens verraten sollte.

Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen

über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und

Sauberkeit. Auf den kalt- und steifwirkenden Möbeln aus hellster

Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur

einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber

schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu

finden.

Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie

schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste

der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie

gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen,

blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen

ihnen saß.

„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor

sein, nicht wahr?“

Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines

reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt

voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.

„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang

weniger klar, wie bisher.

„Nun -- und --“

„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich

den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich

meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand.

Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in

einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“

„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat.

„Da hast du alles. Alltäglich machst du in Straf-, Zivil- und

Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der

Glanzdecke.“

Der Major a. D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich

jetzt ins Gespräch.

„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung

am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen

Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht

gänzlich verkomme.“

In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er

blieb ruhig.

„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen

könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze

für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit.

„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als

Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“

„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe

mich nie mehr zu etwas zwingen.“

Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin.

„Was soll das heißen, bitte?“

„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf,

ausersehen habe.“

„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“

„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn

man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“

„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer

Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“

Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf.

„Ueber dieselbe Ansicht wäre es -- vor ungefähr zwölf Jahren -- beinahe

zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen.

Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als

sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht

und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als

ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde

hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich

aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund

dazu käme.“

Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften

der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war

der Ton zu scharf.

„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe

keine, Vater.“

Das Mahl war beendet.

„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der

Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am

ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor.

Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und

stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen

Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit

Zündstoff angefüllt.

„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder,

„hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension

auskommen kann?“

Der Assessor wechselte die Farbe.

„Was soll das heißen, Vater?“

„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein

klar geworden ist.“

„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“

„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein.

Kurz -- ich mag nicht länger rumhocken und entbehren -- stillhalten und

abstreichen.“

Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte

ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd

gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern

ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut

empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern

eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein,

als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig!

„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder.

Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen.

Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du

bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen

Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du

ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich

sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl -- meinetwegen auch noch das

kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den

Jungen laß endlich von der Leine!“

„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig.

„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“

„In meiner jetzigen -- vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert

werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn

er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine

Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder

einigermaßen anständig.“

„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich

faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“

„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll

zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein

guter Rechenmeister warst du immer.“

„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“

„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“

„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte,

darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht.

Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel

mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum

nehme ich heute und später seine Partei.“

„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und

ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“

„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der

Amtsrat gemütlich.

„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen

Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus

sieben Köpfen bestehende Familie durchgebracht. Neben der seinen,

erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter.

Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt

ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt,

vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder

gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns

allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere

Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe

die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl

kaum noch sehr lange.“

Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der

Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen,

daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.

„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen

beherrscht.

„Gott -- ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins

Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit

freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich

ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis

davonmache.“

Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch

jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß

sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese

bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den

Blick.

Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen

Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein

ohnehin sprunghaft wechselndes Benehmen in letzter Zeit nicht noch

unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft

zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.

„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der

Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind

und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor

einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem

Vielbeschäftigten eigentlich Wunder -- ich wollte dich auch fragen --

vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm

gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt.

Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden

Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“

Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen,

mißlang.

„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd

und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch

bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du

es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen.

„Kinder, nur keinen Streit!“

„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du

hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung

ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“

„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe

wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus

einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“

Ein langer strenger Blick streifte ihn.

„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also

dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe

an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir

nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits,

ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur

um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet,

aufgeben.“

„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“

„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“

„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt

vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“

„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“

„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an

meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“

„Versündige dich nicht, Bruder.“

„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir

alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und

Antwort stehen.“

Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie

war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem

er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben.

Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine

Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung

des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges,

leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß

plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als

der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des

Majors und Walters Schwester!

Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen

war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne

besondere Einladung, wieder gekommen.

„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich

will schlafen gehen.“ -- --

Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann

tippte er dem Neffen auf die Schulter.

„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die

mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du

irgend etwas über sie erfahren können?“

„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. -- Du weißt, Vater war

stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er

berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher

Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach

ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die

Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz

entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm

bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir.

Ich durfte ihr daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie

ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht,

daß sie verloren gehen sollte. -- Sie fügte sich dem Vater also willig,

bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf

der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine

Stimme entdeckt zu haben. -- In Berlin selbst lebte er nicht dauernd,

und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall

umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab -- las ihn

und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen

hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem

Schlage Komödiantin geworden.“

„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“

„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen,

wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten

Schachzug fertig überlegt. -- Ein Millionär hatte die Lieselotte auf

einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des

älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß

gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie

zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte

ihn nicht. -- Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem

abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von

denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine

Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. -- Lieselotte hat nicht

an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen

müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig,

leidenschaftlich und lebenshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite

kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind.

Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften

Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre

der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte -- nicht

immer wieder dazwischen getreten. -- Ein Lump, Onkel, in der Maske

eines bildhübschen Schlingels. -- Sie blieb taub und blind. Ich habe

in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich

in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem

Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. --

Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters

und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich

gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. -- Du

kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt

herauszubringen, habe ich versucht.“

„Und der Millionär, Walter?“

„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“

„Pfui Teufel.“

„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“

„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“

„Es ging schon!“

„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“

„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest,

wenn ich dich darum gebeten hätte.“

„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch

zugegangen ist.“

„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft

setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht

abgehen.“

„Das verstehe ich nicht, Junge.“

„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir

hundertmal zugesichert hätte.“

„Darum also hast +du+ es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht

richtig gekannt.“

„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles

mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie

sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters

beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“

„Das wäre dir wirklich gelungen?“

„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“

„Aus eigener Kraft?“

„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium

wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend

Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer

so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es

zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer

größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte,

mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus

anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache

verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im

Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen

eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist

eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“

„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem

Seinen auszukommen?“

„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können.

Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich

allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er

an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“

„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“

„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich

einschließt und nachher trinkt.“

„Und das ist nun deine Jugend!“

„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute

Zukunft.“

„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“

„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.

Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich

trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur

Erfüllung aller Pflichten.“

„Sonderbarer Heiliger.“

„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“

„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun

jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt,

als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich

allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig

vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich

ja schon erwähnte. -- Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als

die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel

Freude ist nie in meinem Leben gewesen. Nicht mal das Ziel, das du

dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag.

Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen

ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem

Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder

mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen,

damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die

Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. -- Ich hab’ bloß

immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn

für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß.

Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“

Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein

Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.

„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in

seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht

angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung

sieht. -- --

Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten

Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung

getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen

Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich

daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen

sang zuweilen eine klirrende Kette.

Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich

dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief

wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen

Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne -- wider Willen -- und

erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach

sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.

„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“

Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte

das nicht länger aus.“

„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“

„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“

„Was hast du, Vater?“

„Du mußt mir helfen, Walter!“

„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte

Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas

vermöge.

„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“

„Ich bin ja bei dir!“

„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“

Und Walter Wullenweber las:

„Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes

Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent

Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für

ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst

im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender

Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß erteilt. Denn wenn

einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein

Schuft. -- -- --“

„Ist das wahr, was hier steht?“

Hart und fast mitleidslos klang die Frage.

„Ja, es ist wahr! Aber --“

Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der

irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung

für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.

„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.

„Du willst mich nicht -- retten?“

„Nein.“

„Ich soll also --?“

„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet

hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“

„Es ist auch dein Name.“

„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von

dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht

erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“

„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“

„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals,

ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern

Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich

betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“

„Soll das heißen, daß du heute -- nicht mehr?“

„Ja! Das wollte ich damit sagen!“

„Walter sei barmherzig.“

„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen,

Wunsch, Jugend, Zukunft?“

„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“

„Das bildest du dir nur ein.“

„Du bist nicht Offizier!“

„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“

„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“

„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“

Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine

bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit

vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.

„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei

dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig

mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“

Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten

Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte.

Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich

voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.

Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am

nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu

haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.

„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte

der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast

du mir nichts zu sagen, Junge?“

„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“

„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“

„Ich stehe eben im Begriff.“

„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“

Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem

Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“

dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.

„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um

sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.

„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir

nicht die Hand reichen, Walter.“

Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde

gesund, Vater!“

Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm

das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.

Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.

Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner

Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald

er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich

bereits einig bin, einzutreten.

Der Uebel grösstes ... · 第 11 / 25 题