Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter. --

Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt,

lauschte sie gierig.

Herr Tristan hob vom heißen Pfühle

Sein mattes Haupt und sprach -- -- --

Nicht länger trage ich die Scham,

So bloß zu stehn mit meinem Gram....

Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert.

Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes.

„Kleine Mignon!“

Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen.

„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf.

„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und

begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande.

-- Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht,

wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen,

erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst,

die von den Wänden herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd

auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre

Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich.

Jedoch auch nichts weiter.

Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist

es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den

Blick frei zu dem seinen.

„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens -- war ich nicht auf

dem Wege zu Ihnen.“

„Ah,“ machte er.

Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie

ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur

verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen.

Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie,

in ehrlicher Bewunderung umherschauend:

„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie

sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden.

„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin

und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich

freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“

Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen

her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt.

Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu

gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich

in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen

gekommen war.

Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner

Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.

„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied

vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer

an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz

natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel

bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre,

wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? -- Er glaubte

weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden,

um sie hören zu dürfen. Man bedenke -- der Onkel aus Thule war in

seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte

in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen

können. -- In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel

antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er

pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich

überraschend leicht finden ließen. -- Und der Onkel von Thule kam --

zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer

ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er

gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher,

sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu

ihm ins Hotel begeben möchte. -- Daß er ihn zuvor ein paar mal aus

sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen

Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte,

nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt von

mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben.

-- Also -- der Bengel erschien und nun machte sich das weitere

ganz von selbst. -- Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die

Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und -- na ja

-- da wären wir nun.“

Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.

„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie

und kämpfte gegen allen Neid.

„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie

das von einem -- nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen!

Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg

vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“

„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.

„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach

er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich

einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“

„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“

„Was wollen Sie nicht, bitte? -- Nicht mehr singen? Einfach

abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm

eigentlichen Thema angelangt. -- Nachdem Sie sich umgesehen und meine

Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder

nicht mehr knapp sind.“

„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu

erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger

entbehren mögen.“

„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von

denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn -- eine

Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. -- Nur der alte

Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der

Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also

nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif --

stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in

jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich

will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist

mein fester Monatswechsel blendend.“

„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag

drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht

etwa selbst --?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als

dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit

der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.

Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte,

nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen

irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.

„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr

Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren

Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf

sie herab -- immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das

brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand

reichen oder -- grußlos entfliehen.

„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben

sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal

Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte -- irgendwie werde ich mich

ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze

ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um

den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. -- Als ich Ihnen von

dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen

würde -- stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. --

Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige

Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“

Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch

die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre

Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen

Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten --

gedankenlos -- umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch.

Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die

Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen

Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine

auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast

übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken -- zu

sehen -- zu empfinden.

Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit

leuchtenden Blutstropfen. --

Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah,

erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen Wesens darin,

die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der

volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In

seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten,

das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund

viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken

zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem

Mädchenstolz verschwende.

Endlich kam er zurück. -- Hochrot! Zornig!

„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich!

Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun -- was ist das?“

„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“

„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich -- etwa

vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl

nicht mehr zu erteilen. -- Sie nehmen dies an sich und füllen einfach

mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden

Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie

streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung

ab.

„Um Gottes willen, nur das nicht!“

„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten

Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten,

ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“

„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“

„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings -- verlange ich.“

Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger.

„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an.

„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“

Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er

nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er

ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen.

„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung.

Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das

Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich

jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und

nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern

um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es

nicht ankommen. Und dann -- ergibt sich das Schönste wie von selbst.

Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft

wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten

Kollegenschaft -- aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau

wie die meine, zur Andacht niederreißen wird -- mag die Menge willig

sein oder nicht.“

Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein

Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte.

Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie

auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen,

erschien ihr unnatürlich. Ja -- unmöglich, je länger sie über seinen

Vorschlag nachdachte.

„Die Zinsen -- wie hoch?“ fragte sie nur noch.

Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel

hinein.

„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich

nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen

möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“

Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung

zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn:

„Bin ich jetzt seine Braut? -- Und muß ich nun auch sein Weib werden?“

Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und

setzte sich ihr gegenüber.

„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein

unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein.

-- Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren.

Ihre Not für ein Weilchen überwunden.

Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück.

„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und

glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne.

[Illustration]

[Illustration]

7.

Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der

Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im

Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken,

bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig

dieser Müdigkeit hin.

Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten,

anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur

diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!

Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.

Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch

nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie

umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke

Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.

Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte

zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden

Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und

doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend

unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An

dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die

Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe

dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.

Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder

Zärtlichkeit binden?

Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte.

Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um

einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu

bringen.

Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der

Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein.

Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich

eine Bedenkzeit zu sichern.

Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen

Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte.

Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend

versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem

gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der

Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder -- wenn auch nur

für kurze Zeit -- bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand

jede Trauer und Auflehnung.

Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette

und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter

verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin

nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine

Notwendigkeit hingestellt.

„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir --“

„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen

bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du

grübelst zu viel.“

„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag

alle Treue und Zärtlichkeit darin.

„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell

nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei

sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“

Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau

Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut.

„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn

in seiner Entwicklung hemme? -- Das aber kann unmöglich deine wahre

Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften

Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“

„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich,

wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte

endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei

einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder

leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“

„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“

Die Kommerzienrätin lachte bitter auf.

„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht

die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche, wie mich, in seine Empfindungen

einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug

ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein

geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“

„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält.

Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes

auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben

schöpfte.

„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie

früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“

Elfriede Karlsen seufzte tief auf.

„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“

Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann.

Etwas wie Neugier klang aus der Frage.

„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch

und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast

niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens

plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der

Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest -- Spaziergänge

macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein

vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher

erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend

aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich

selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon

sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft

ist. Das Geringste kann ihn verstimmen; eine Kleinigkeit kann ihn aber

zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“

„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte

Elfriede.

„Höre nur weiter, Friedchen! -- Indem du nicht länger mit dieser

deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest -- nicht

mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar

geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst

du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm

wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher

der Fall gewesen ist.“

Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter

hinüber.

„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran

glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich

mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des

Beisammenseins das Beste wegnimmt?“

„Kind, du bist die +Frau+ eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du sie

auch +bleibst+!“

Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden.

„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“

„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn

Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber

ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme.

Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel,

das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen.

Nicht wahr, das wäre doch schön, mein Kind? Jetzt geh einen Augenblick

ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin

besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich

dich.“

Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen

der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie

zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu

warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in

einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz

und klar deren Fragen.

„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend,

Fräulein von Ostried.“

„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die

erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten

Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“

„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend -- die Jahre vorher, meine

ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg

zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin.

„Gern! -- Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise

Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß

Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse

waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter

meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters

blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber,

wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere

Sachen hatte ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des

Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“

„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen

doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem

Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf

ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“

„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig

zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in

seinem Hause bleiben.“

„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie

sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern

gehört haben, sondern selbst genau wissen.“

Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer

Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu

widersprechen.

„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau

Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war

ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und

liebevoller zu mir hätte sein können.“

„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried?

Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“

„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während

einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen.

Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem

langjährigen Freund und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin,

erkundigen.“

„Wann ist er daheim? -- Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese

Sache nicht gern tragen.“

„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er

schon zurückgekehrt ist.“

Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß

auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten

Rücksprache hätte machen sollen. -- Der Kommerzienrätin war das

Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich

über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. --

Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht

möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten

musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen

geschwiegen.

Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft,

trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte

und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. -- Der

Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und

klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen

drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von

ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter

geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin

fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu

stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der

schnelle Tod gehindert.

Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.

„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch

haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit

einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte

ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben

haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich

noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre

Pflichten werden sich leicht gestalten. -- Sind Sie musikalisch?“

„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“

„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines

Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen

Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen

können?“

Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das

alles. Aber sie nickte bereitwillig.

„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es

kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine

Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein.

Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können

Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“

„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“

„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder

Versuchung?“

„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“

„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. --

Treu der Herrin. Was das heißt -- hm -- eine Erklärung ist nach Ihren

Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. -- Mein

Schwiegersohn ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon

erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und

Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders

reich bedacht.“

„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“

„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. -- Meine Erfahrung mag Ihnen

wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das

Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel

größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter

den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder

bestätigt gefunden. -- Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig

-- sehr schwesterlich behandeln wird. -- Treu aber auch mir. -- So

selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar

wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich

gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn,

das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen

Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir

zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. -- Wollen Sie, im Fall

Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen

Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“

„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt.

„Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden

zwischen Eheleute streute.“

„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter

verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“

Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der

sie vorläufig -- vor der Not des Lebens schützte -- an dem sie sich,

fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich

fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. -- Die innere

Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.

„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“

Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte

sie Eva von Ostried die Rechte hin.

„Also gut. -- Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. --

Vergessen Sie das andere. -- Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich

beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie

damit zufrieden?“

„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“

dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte.

„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig.

„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter

benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“ -- --

„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die

junge Frau.

Eva lächelte.

„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu

erheitern, gnädige Frau.“

Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen

Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch

sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich

erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb

das Gespräch wieder an sich.

„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht,

Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr?

-- Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“

„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue

Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige

allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau

Tochter genannt.“

Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer

aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu

bekennen.

„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben

es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am

Gittertore steht Paul Karlsen. -- Das ist mein Mann.“

Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen

grellerleuchteten Raum gestoßen.

Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß

er die -- eheliche Treue halte?

Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann

zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet

hatte.

„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu

ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde

sie von heftigen Schmerzen gepeinigt?

Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck

eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich.

„Verzeihen Sie -- ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle,

mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“

Frau Eßlings Stimme klang erregt.

„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“

„Gott -- man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“

„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau

bittend.

Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig.

„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher

ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter

passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen

Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch.

„Vollkommen, gnädige Frau.“

Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin

unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam.

„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“

fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf

gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein

vernünftiges Mädchen.“

Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine

Huldigung. -- Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte

maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.

„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch

und herzlich, „aber wenn Mama nicht will, muß ich mich stets fügen.

Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen

Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie

mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und

7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“

Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück.

Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.

„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über

die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“

„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich

werde nicht fallen!“

Hatte sie sich verneigt oder -- war sie grußlos geschieden? Die

ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie

wohl übersehen haben.

„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf

das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt

gestanden hatte.

Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen

Fünfzigmarkschein getan hatte.

* * * * *

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon

wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch

die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche.

Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte

eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und

sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse gefüllten Gläser an.

Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.

„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte

der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den

ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau

Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer

kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse,

finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur

Zeit befindet?“

„Eine kleine schwarze Kiste? -- Jawohl! Die habe ich selbst auf der

Bodenkammer in eine größere gestellt.“

„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“

„Wozu denn, Herr Justizrat?“

„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns

fehlt doch etwas, nicht wahr?“

In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung.

„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden

lassen muß. Ach -- Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen

sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen,

das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden

müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’

ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches

in ihrem Kopfkissen versteckt. -- Aber alles umsonst. Wie vor einem

Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte,

war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht

rausfinden.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch

zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber

würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber

mehr wissen. Oder doch nicht? -- Ich glaube, daß sie wieder in Stellung

zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche

Auskunft über sie.“

„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt.

Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls

nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“

„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie

leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz,

auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß

sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“

„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“

„Und über das „Wohin“ kein Wort?“

„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor.

Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen

gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“

Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die

Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung

und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung

zu gehen.

„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste

durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir

uns bescheiden!“

Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende

Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester

Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich

einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten

würde, durchsuchte er -- eine Viertelstunde später -- umständlich jedes

noch so kleine Blättchen.

Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und

seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu

wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe.

„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“

sagte er vor sich hin.

„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von

Stein geworden. -- Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe,

war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’

ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein

Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber,

was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz

vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß

wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat

sie mich dabei aber nicht. -- Seitdem war ich nicht wieder bei ihr

drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint

hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar

verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese

drei Worte sind’s gewesen.“

„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst

mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“

„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein

Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts

mehr zu sagen hat.“

„Besitzt sie denn keine Freundin. -- Niemand, der einigen Einfluß auf

sie ausüben könnte, Pauline?“

„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in

meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem

oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das

hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“

„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie

ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“

„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die

Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe

zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und

Nachgegucke. -- Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. -- Fremdes junges

Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“

„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“

„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz

aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit

seiner Bewunderung trieb.“

Der Justizrat mußte lächeln.

„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den

Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“

„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht,

aufpassen auf sie. -- Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr

Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“

Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten

vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie

hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen,

unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen

Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas

Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte

sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem

bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die

bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine

gebildete Stütze im Osten Berlins.

Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster

erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim.

Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung

erregte ihr Uebelkeit. -- Das im dritten Stock auf ihr Klingeln

öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu:

„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“

Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf

ihrem Schemel zur Seite.

„Wir werden uns schon vertragen.“

Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem

Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt.

Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die

aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten

sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von

Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene

Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und

wandte sich zum Gehen.

-- -- Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem

Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf

sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche

waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit.

Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den

zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach

aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen

zusammen und riß sie an sich. --

Der Uebel grösstes ... · 第 10 / 25 题