Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer.
Im Herzen -- am Halse -- in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche
Angst. Ein Name klang gellend -- in Todesfurcht herausgeschrien --
durch das Zimmer.
„Mutter -- Mutter -- hilf mir doch!“
Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem
Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des
scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen!
Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht
für sie bereitet.
Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch
erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern
gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß
jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall
segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm
untertauchen -- wenn auch nur für kurze Zeit? -- Aufnahme würde sie
finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich
angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen eines
Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu
beherbergen.
Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon!
Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst
ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte
sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen
Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt
werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger
Entbehrungen zu verkommen.
Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul
Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus
jedem seiner Worte hervorging.
Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher,
fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm
gehen und wie eine Königin Gnaden spenden.
Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des
Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe
der seidenen Zierdecke.
„Nie -- nie -- nie kann ich das tun!“
Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders
mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens
Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr
Emporstrebenden?
Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch
zu seinem Recht. -- Ohne Liebe sich verkaufen -- das war noch härter
wie die Fron des Alltags.
Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen
wollte.
Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem
alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der
aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber
auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst
aufzugeben. Ja -- es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. --
Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners
hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. --
Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett
herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“
Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die
wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut
hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen.
Sie überlegte nicht länger.
Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh
packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern
zwingen lassen könnte.
Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das
schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur
Eisenacherstraße führte.
Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes
Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die
Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit
nicht. Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten
vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum
drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:
Geschmolzen ist der Winter Schnee
Ganz stumm und still verfalln dem Grabe..