Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner
Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich
in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts,
als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte.
Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen
Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline
zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.
Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten
war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen
Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den
unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll,
um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.
Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in
einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom
Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:
Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer
Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche
zur hiesigen Halle überführt.
Belgard a. Persante.
Bahnhofsdirektion.
-- -- Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen
wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch,
das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es
war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.
Und man mußte doch zu ihr!
Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die
alte Pauline:
„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß
sicher mit allem Bescheid.“
Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen
Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. -- Sobald
im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte
Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In
seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.
„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von
Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar -- warten Sie
mal -- so -- ich hab’s schon -- mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles
weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“
Eva wagte eine Einrede.
„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt
erlauben?“
Kurz und klar tönte seine Erwiderung:
„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten
Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit
Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ --
Nun galt es wiederum zu warten!
Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin
deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das
Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die
Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.
Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur
Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie
nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit --
und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. -- Sie dachte innig an
die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde -- schöne Leben
fühlen.
Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. -- Die Zukunft war rosenrot.
-- Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein.
-- Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und
frei von allem Irdischen. -- Sie wurde davon vor dem Bild, das die
Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. --
Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und
Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die
mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen
Augenblicken!
Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen
aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte -- fern ab von
der grausamen Not, die der Alltag bringen kann -- das war das Werk
der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen
Kenntnis erhielt. -- Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte
sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte.
Und ahnte nicht, wie sehr sie -- mit diesem Ausdruck der Reinheit und
Entrücktheit -- ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit
ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis
verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm
fieberte.
-- -- Die Schrecken des Todes waren überwunden. -- Der goldene Traum
vom Leben war zu schön. -- Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin,
neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes
schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige
Feier, von welcher -- ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen
ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte,
war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum
überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und
hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er -- nach ihrer
Bitte -- zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.
„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören,
Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich
gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. -- Sie wissen,
daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen
pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir
übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das
auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit.
Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise
bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die
Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch
das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt
soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie
einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr
beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten.
Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr
hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat
bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen
Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon
sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich
der Anfall wiederholt. -- Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren
Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“
Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:
„Ob sie wohl noch -- sehr -- gelitten hat.“ -- Das Staunen über das,
was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.
Der Justizrat schüttelte den Kopf.
„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem
Gesicht lag.“ -- Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von
Neugier:
„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier
noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn
einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“
Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.
„Ich habe meinen toten Vater gesehen --“ Es klang wie das Geständnis
von schwer überwundenem Grausen.
„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen
Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.
„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“
„Ja -- das bin ich voll und ganz!“
„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld --
zusammengedrängt -- in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“
sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen
Qual nicht zu Ende hatte kommen können.
Er zuckte mitleidslos die Schultern.
„Einmal rächt sich eben alles! -- Das ist der Trost von uns Juristen,
wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten
können. -- Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist
verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“
Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen
brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.
„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode
möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu
stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe
ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“
„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich
mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu
ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag
durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür
meinen Rat nicht brauchte. -- Jedenfalls -- machen Sie sich keinerlei
Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft
Ihre Studien fortsetzen?“
„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun -- denn auch mir hat
sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“
„Wohin Sie sich zunächst wenden -- ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch
in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat -- nun,
wir werden ja bald alles hören. -- Jedenfalls schon heute das eine,
jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und
Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese
edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte. -- --
Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben
zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen
Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte.
„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht
ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“
Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu.
„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“
Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß
sie heraus:
„Mir ist so angst. -- Nein, nein, Fräuleinchen -- ich glaube nicht --“
„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt
es wahrscheinlicher.“
Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried.
In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau
Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die
folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben:
„Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer
Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten
Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe
von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach
Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles
dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert
erscheint.
Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber,
möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden
Tage zugegen sein --“
Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und
ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie
nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine
bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. -- Schwerfällig
buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:
-- Meine gute Pauline Müller --
-- Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war
erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen Post ebenfalls die amtliche
Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu
Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber -- schon zum
Ausgehen bereit -- empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die
Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart
verurteilt. -- Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen?
Der nächste Tag -- ja, vielleicht bereits die kommende Stunde -- würden
auch sie beglücken.
Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer.
Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr
sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei
dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.
In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. -- Der
Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.
Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?
Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen
sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die
Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.
Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht
vergeben hätte -- wenn sie erst noch abwarten wollte -- und wartete --
bis -- es -- nun -- zu spät geworden?
Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am
Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.
-- Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden -- ohne Berechtigung. Ja
mehr. -- Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals
etwas Beschlossenes versäumt hatte. --
Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis
Pauline sie weckte.
„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will
mit Ihnen reden.“
Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit,
als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.
„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich
zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit
bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und
wollte es nicht glauben.“
In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.
„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.
„Das Testament, wissen Sie --“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm
die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht
genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau
Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht
dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag -- in Form eines Zettels oder
meinetwegen eines Briefes. -- Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim
zuständigen Amtsgericht. -- Ich fand nichts. -- Kurz -- Sie sind darin
nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig
auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die starke Empfindung, daß
er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.
„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde
weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat
mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht
mehr dazu imstande wäre. -- Was anders kann sie gemeint haben, als
daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? --
Meine Erkrankung -- die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit
zugegen zu sein. -- Vielleicht ihre Reise. -- Ja, das alles kann
dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein
Aufschieben. -- Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. -- Ich müßte
es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall -- sie an der Ausführung
gehindert hat. -- Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht.
Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch
entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte
--“
Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz
griff, lag darin.
„Und Sie -- fanden -- es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.
All diese Tausende und Abertausende -- Heime und Stiftungen bekamen
sie -- gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier
-- die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte -- die sollte leer
ausgehen?
Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.
„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“
Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich
veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft
starr, als sähe sie ein Gespenst. -- Es war die Zeit, der sie
entgegenging. -- Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder
und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen
versank mit diesem Schlag. --
Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen.
Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. --
Er tat sehr weh. -- Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.
Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es
ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.
„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.
„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als
ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton,
als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote.
-- Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur
Fortführung ihres kinderreichen Haushalts -- sonst --“
Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu
können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte
er das nicht zu sagen gewagt. -- Ihre Muskeln spannten sich langsam an.
Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen
der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.
„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau
Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie hochmütig. Eine Last glitt von
seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren
Stolz so willig glaubte. --
„Gottlob -- dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“
„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“
„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat
gebrauchen sollten.“
„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen
gerate --“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln
wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle
Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr
zu wählenden Sachen verhandeln --“
Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen
Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. -- Und gerade das unmodernste
und älteste, worin sie gestorben war.
„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend,
„denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern --“
-- -- Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte
ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in
einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld,
möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.
Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe
begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr
Blick auf das, was ihr gehörte. Eine glühende Röte überzog ihr
Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie
besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht
deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten
Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig
Verzicht leistete? -- Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser
Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung
-- Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn
was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?
Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen,
freundlichen Mädchenstübchen. -- Die Tränen schossen ihr in die
Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. -- Und dennoch -- es
fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?
Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung,
sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.
Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und -- zu
Ende gelaufen werden! -- Ohne die geliebte Kunst!
War das überhaupt auszudenken? -- Täglich fremden Launen zu dienen,
stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war?
Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? -- Es
war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. -- Auch Ralf
Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch
die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals
aufzuspeichern verstanden hatte. Und ihr Studium war teuer. -- Die
ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs
durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. -- Gute und
nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein -- -- Sie hatte
erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. -- --
Sie wollte alles begraben! -- Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz
das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer
so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...
Und doch -- wenn nur der erste Schritt getan war!
Sie wurde nachdenklich -- vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut
vom Haken und drückte ihn auf das Haar. -- Wenn sie hier fort wollte,
mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. -- Und fort wollte sie.
Je früher, desto besser. -- Im Laufschritt eilte sie die breite, stille
Straße hinunter. -- Wollte zu der Zweigniederlassung der von der
Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung
aufzugeben -- vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte
gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an
denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.
Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen
die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren
Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in
dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva
von Ostried. Sie wußte sich Niemand!
Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden.
Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig, um schon zu wissen, daß
sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten
Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.
Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens
gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden
können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre
Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt -- an den lauten Huldigungen
vorbei -- nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe
führen.
Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des
Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.
Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der
Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor
aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die
jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?
Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,
Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.
In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine
Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.
Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte
weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf
bezwungen, wie gebannt still.
Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.
„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“
Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung
spüren. -- Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein
Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig
seines Kusses.
Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin.
„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt
und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung.
„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie
aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran.
„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie
oft genug -- zähneknirschend -- sehen mußte?“
Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam
zu.
„Gottlob -- also der Kunst endlich zurückgegeben! -- Wird das schön
werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“
Sie mied seinen bittenden Blick.
„Ich gehe fort von Berlin.“
„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten
Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als
sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht.
-- Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. --
Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos -- Meister Heinrich und
die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender
Numerierung sind tot und feierlich begraben. -- Vor Ihnen steht der
künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid,
schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:
„Wie ist das möglich geworden?“
„Tja --“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die
Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden
lassen.“
Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen,
leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine
Rolle ausgezeichnet -- hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch
bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.
„Und Sie -- wie weit sind Sie gekommen? -- Ihnen fehlte nicht mehr viel
zur künstlerischen Reife!“
Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte
etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer
Armut.
„Ich? -- Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich
kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“
Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der
vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm
plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch
sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft
genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt
hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und
zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er
wollte sie ein wenig quälen.
„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer
Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit
knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein,
Fräulein von Ostried.“
Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre
Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich
gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre
Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte.
Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er
sich von neuem ihrer Hände:
„Sie können mir vertrauen. Wirklich -- Herrgott -- wer machte mal keine
Dummheit -- Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht -- nein
-- es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen
Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und
Bruder --“
Da sagte sie ihm alles!
Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er
sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein
schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung
verderben wollte.
„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen
denn sonst heute in den Weg gelaufen? -- Sie dachten auch nur einen
Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn
nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. -- Und -- sündigen
dürfen Sie nicht! -- Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der
Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie
wollen.“
Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln.
„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich
selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig.
„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich
nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine
glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des
Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. -- Als sie
jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den
Kopf zurückwarf, reizte sie -- wie einst -- sein Mannesempfinden. Der
Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen -- den roten,
lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so
ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung.
Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den
zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als
habe er keine Antwort von ihr erwartet:
„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen -- Ihnen zeigen, daß Sie im
Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher.
„Sie widersprechen sich ja.“
„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das
halte ich aufrecht! -- Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie,
mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen
festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich
mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre
Unerfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“
Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte.
„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen
Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“
„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen
Dingen. -- Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die
kein Paragraph gewachsen ist.“
„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“
„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“
„Sie wollten mir wirklich helfen?“
„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die
nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu -- nun -- nennen wir
ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen
Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so
lange und genau kennt, wie ich. -- Mir hat er jedenfalls vor Jahren
rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten
Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich -- aus purer Vergeßlichkeit --
immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn
längst befriedigen können. -- Also -- wollen Sie?“
Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze
Zaudern.
„Er kennt mich doch nicht?“
„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau,
was ich kann und noch leisten werde. -- Passen Sie auf, wir schaffen
es mit Leichtigkeit. Ein paar tausend Mark gewährt er unter durchaus
annehmbaren Bedingungen zweifellos.“
Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu
einer Haltestelle herüberquerte.
Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank
und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt
zu haben meinte, trieb grüne Keime. -- --
Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und
war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei
kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht.
„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn
mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu
Buch.“
„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“
„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es
sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“
„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert
angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. -- Heute will ich
nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die
schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon
gesungen hat. -- Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“
Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt
über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit
körperlichem Schmerz.
„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig.
„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“
„Und die Sicherheit?“
„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu
regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“
Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf.
„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“
Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag
angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu
scheiden. -- Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach
ihr aus.
„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. -- Und ich könnte
Ihnen schon helfen!“
Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen
hinüber. Sie wurde unsicher.
„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander
verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen
wir doch. -- Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was
Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an.
Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist
bei Ihnen vorhanden. -- Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“
Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die
ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.
Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.
„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine
Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus, damit er die Tränen ihrer
Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.
„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte
er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen -- das
andere -- nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr
Gesicht zu.
„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem
zweiten Versuch zustimmte?“
„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. -- Sie
brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“
„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.
„Morgen werden Sie anders denken.“
„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“
„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen
werden wir beide -- gleich ausgelassenen Kindern -- der Zukunft
entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.
„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“
Er hielt Ihre Hand fest.
„Fräulein von Ostried -- ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? --
Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit.
-- Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der
Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“
„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“
„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich
jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein und sonstige Versprechungen
alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. -- Es ist kein Scherz dabei.
Sehen Sie mich an.“
Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.
„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“
„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch -- faul und meinetwegen
sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes
Versprechen habe ich noch nie gebrochen. -- Hören Sie. Mein Ehrenwort,
daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als
Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“
Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der
seinen und setzte ihren Weg allein fort.
Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.
Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides
zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.
[Illustration]
[Illustration]
5.
Paul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen
Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber
dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte
er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe
nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele
führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas
eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der
Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem
Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.
„Na -- bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.
Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang
vorwurfsvoll.
„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“
Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.
„Verdammter Zwang,“ hieß es. --
In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei
Gedecke. -- Dieser Raum wirkte pomphaft und erdrückend. Die Bespannung
der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel
spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll
bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends
von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend
weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.
Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke
Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu.
Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf
hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die
natürliche Rundung genommen.
Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner
Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:
„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine
Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du
ebenfalls angelegt.“
Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein --
daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber -- daß er nicht -- daran
dachte.
„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen,
„kennst du es wirklich nicht, Paul?“
Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang
zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.
„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“
„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“
Er lachte verlegen auf.
„Richtig! -- Natürlich! -- Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch
höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der
geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“
„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte
nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand
fiel. -- Er zog ungeduldig die Stirn empor.
„Schön -- also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren,
die hoffentlich noch vor uns liegen. -- Also, ich habe dieses hohe Fest
verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr
Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“
„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“
Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“,
das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur
Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.
„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es
geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine
kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.
„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in
Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.
„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede.
Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst
für wenige Tage deine zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter,
besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen -- welchen
Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn
dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat -- sondern ich werde zu
meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du,
kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben -- kann mich nicht mehr
an eine feste Tischzeit binden -- vertrage überhaupt zu solchen Zeiten
vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“
Sie legte die Hand auf seinen Arm.
„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes
Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade
jetzt haben.“
„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine
Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt
und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos.
Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge,
liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann -- wenn auch nur
vorübergehend -- verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.
„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in
diesem Lichte hinstellen würde?“
„Na, na, Kleines -- wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem
Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“
Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.
„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des
Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natürlich hatte er nicht die
geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.
„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“
„Hältst du mich für eifersüchtig?“
„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“
„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“
„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“
„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“
„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“
Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine
schlanke Hand.
„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest,
ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber
zuletzt ein Hüsteln daraus.
„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre
einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.
„Verzeih -- ich vergesse das so oft neben dir!“
Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und
seufzte leicht auf.
„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja -- so stand
es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! --
Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff
gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“
Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die
funkelnde Schale zu füllen.
„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an
das ihre klingen.
„Herrlich! -- Ueberhaupt -- das muß ich immer wieder anerkennen, du
bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“
Strahlend sah sie zu ihm auf.
„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“
Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er
unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:
„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“
„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.
„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa
andeuten, daß ich --“
Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen
Mund.
„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir
noch eine Kleinigkeit.“
„Was denn, Kleines?“
„Den Besuch bei meiner Mutter.“
„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“
„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß
Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“
„Wie wolltest du das anstellen?“
„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich
doch herübergegangen. Da werde ich also ausnehmend blaß aussehen
müssen. -- Lache nicht -- ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich
wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren
Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand
überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“
„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du
bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“
„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“
„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein
bis zwei Stunden.“
„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre
weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst
schließlich in aller Form deine Erlaubnis. -- Dann wird sie hitzig
werden und unter allen Umständen darauf bestehen. -- Ich kenne sie
doch.“
„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“
Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die
Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.
„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“
„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid
geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art
Gefühlsausbruch war.“
„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir
die Notwendigkeit und nachher -- wird es um so schöner sein.“
„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“
„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.
„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“
Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen,
der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.
„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens
durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben
Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein
rebellisches Herzlein in Frage gestellt -- wer weiß, wer dann heute an
meiner Stelle neben dir säße --“
„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht,
daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“
Er nickte ihr zu.
„Kleines Treues -- du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener
Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste
Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das
schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu
einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.
Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des
Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! -- --
„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer
alten Freundin und Vertrauten, die -- wie seit Jahren -- als Erste
zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja.
Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt -- allwissend ist
doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht
ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“
Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser
überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig
kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen,
brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie,
wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur
um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in
aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die
eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.
Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst
leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie
der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als
dauerndes anzusehen.
„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich
nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine
Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.
„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen.
Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher
kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen -- -- Auch die andern
Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an
den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb,
gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab.
Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. -- Wie habe ich damals
gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen -- so
hart.“
In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch
ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte
es.
„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“
„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon
reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. -- Seitdem
ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß
niemand im Haus um diese Sachen.“
„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin.
„Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage
nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“
„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach
den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß
noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich
konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein
sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen
Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht
hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen
Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die
armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht
wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten
Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man
nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn
er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut
zeigt. Im Gegenteil, man freut sich noch gar darüber, und kommt
sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche
Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen
Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken
Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn
behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall
aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn
jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im
nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich,
vorsichtig und streng. -- Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer
behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. -- Es war für
alles zu spät. -- Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich
mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den
Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart.
Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an
den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig
sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar
gekräftigt. -- Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten
reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach
Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet.
Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten --
merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich
doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine
kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen
aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglichkeit einer
Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich
ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. -- Einmal hat
der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch
empfangen. -- Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war
deutlich gewesen. -- Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt
von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz
gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe
es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“
Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der
Kommerzienrätin.
„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde,
prachtvolle Mutter gewesen sind.“
„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten
Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind
geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den
Bildhauer unentwegt zu betteln. -- Als sie einsah, daß ich nicht
nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde
es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche
meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick,
an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die
stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr
Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß
es nun endlich aufhören dürfe. -- Als die Sonne aufging, war sie tot.
Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht
und mir gelobt, wenigstens an den andern beiden gutzumachen, wenn es
mir vergönnt wäre. -- Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe
gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen.
Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch
nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart
und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen
Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen
Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. -- Und ich wollte und will sie
behalten. -- Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah,
mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen
Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen
herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte
ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte -- auch
sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch
einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben
ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch
als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell.
Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause
stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich
niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein
Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er
aber noch etwas anderes --“
„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“
„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man
es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen voraus. In
ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht
zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn
gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der
Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus -- je nun --
so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu
bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet -- hat
er überhaupt schon vorher eins ergattert -- kein neues oder doch nur
ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt
schließlich bis zur Schmiere herab.“
„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“
„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch
wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott.
-- Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht
trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und
treulos.“
„Haben Sie dafür schon Beweise?“
„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders.
Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann.
Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält
-- ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen
zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich
geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut
gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer
saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz -- denn den hat er in
hervorragendem Maße -- sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme
weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“
„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen
andeuten, Frau Eßling.“
„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt
und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die
eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“
„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie
Glas -- unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt
ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein
von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte
sogar herzhaft.“
„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält.
„Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich
bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar
wohl erlernen. Und sehen Sie -- da bin ich endlich bei meinem Plan
angekommen. So nahe sie mir wohnt -- so mühelos ich jederzeit herüber
kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir
unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie
mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten
Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von
ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt.
Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir -- hier in diesem Hause --
in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist,
haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur
vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“
„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“
„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber -- ja,
wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden,
wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.
Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für
die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren
lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“
„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen
Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder
öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht
es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr
gut tun.“
„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es
bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung
versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet,
sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den
Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand
anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen
Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige
Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben
mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“
„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe.
Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes
längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“
„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch
nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten
Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine
Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen
und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich
sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen.
Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen
nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen
schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte
ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“
„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres
Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und
an den Familientisch zu bringen?“
„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem
gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem -- müssen sich alle
Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten
-- ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung
untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“
„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die
gütige Vorsehung zu spielen?“
„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar
bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person
keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits
aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was
will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der
feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits
unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. -- Ihm wird
diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal
mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch
aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat,
glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“
„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“
„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln,
deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von
meinem Kinde abzuwenden. -- Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein
-- ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber -- was ist
das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres
Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ --
Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der
schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante
begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte
sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell
empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen
Männerstimme.
„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees
bitten, verehrte Schwiegermama?“
Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben
dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.
„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“
„Ausgezeichnet, Mama.“
„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich -- sie sind
ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort
an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe
ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit
sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“
„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den
Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“
Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon
den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu
erteilen.
Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte
nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen
Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern
er nickte seiner Frau beruhigend zu.
„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“
Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die
Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie
unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken
ein leerer Platz.
„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen.
Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast.
Widersprich nicht. Ich erlaube auf keinen Fall, daß du heute Abend in
dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“
Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß
die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau
sah scheu zu ihrer Mutter herüber.
„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein
einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat.
Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“
Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr
ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den
lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte,
bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit -- niemals ernsthaft von
ihr bekämpft -- brach sich Bahn.
„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf
zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich
aufzuregen?“
„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher
löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“
„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“
„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen
wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“
Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und
ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß
sie im Einverständnis mit ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis
haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:
„Ja -- das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul
es ausdrücklich wünscht.“
Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und
empört zu der Konsulin gewandt:
„Was sagen Sie dazu? -- Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe
gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich
mich nicht zu genieren.“
Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit.
Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu
sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als
langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr
Hang zur Gerechtigkeit bei.
„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu
besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.
Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie
erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:
„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern
Sinnes machen können.“
Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante
Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.
„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung.
Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der
männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht -- genau wie zu
jener Zeit Ihrer Jugend -- den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen,
sofern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen
verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. -- Ich würde Ihnen ja herzlich
gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen -- nee --
wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“
Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick
stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er
nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg
also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange
aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um
vieles leiser. Fast bittend.
„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir -- um
drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“
Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame
Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete,
sondern -- wie um Beherrschung ringend -- mit gesenktem Blick auf seine
wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin
ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:
„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und
hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese
Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen.
Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch
beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O
nein -- aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen.
Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. -- Nicht so
schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge
geduldig ertragen. Aber -- letzten Endes ist man doch nur ein schwacher
Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern
Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr -- so schätzen Sie mich
doch ein?“
Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.
„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama
und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu
sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen
Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen
errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel
zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie
Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte,
sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider
ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung
und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo -- meinetwegen im
hohen Norden Berlins -- unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen
bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich
bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter
gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte,
bescheidene Frau gewesen ist -- sie war ebenso stolz auf mich und hing
mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und
nur darum, das betone ich ausdrücklich -- gebe ich meine Erlaubnis zu
dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern
Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen
Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig
sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich
durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. -- Der Komödiant -- in mir
sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann,
je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. -- Aber diesen
Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu
lernen. Einen Augenblick -- ich komme gleich zu Ende. -- Elfriede mag
getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt
entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine
vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also -- nicht wahr,
Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der
edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig
seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt --“
Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches
Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie
gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte
vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er.
Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.
„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine
Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den
Wachsfiguren.“
Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:
„Paulchen -- mir ist ganz wirr. -- Lange halte ich die Trennung von dir
doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:
„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“
Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte
sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen
glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf,
den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen?
-- Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm
ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten
bewunderten Frau schenken sollte.
[Illustration]
[Illustration]
6.
Eva von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr
hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der
großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer
riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel.
Die Töne ließen sie auflauschen.
Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus.
Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft.
Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein
Vorwurf empor.
„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er
mir angetan hatte.“
Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu
zerstören, tat ihr wohl.
Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau
nach ihr.
„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau
Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen.
„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter.
„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“
„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“
„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie
wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“
„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte
verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav
herauszahlen.“
Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt
vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen,
das unordentlich und zerwühlt aussah.
„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll
kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines
ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden
wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald
damit losginge. -- Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das
verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das
Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir
beide noch darin bleiben.“
„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr
zu suchen.“
„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht,
was Sie wollen. -- Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie
sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung
und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug
Möbel -- darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon
ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen. Dann ist es, als
wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“
„Gute Pauline -- ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme
ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“
„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich
sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“
„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und
ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme.
Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme
ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“
Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache.
„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau
Präsident bedacht, Fräuleinchen?“
„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr
erhalten, als ich jemals verdient habe.“
„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt
zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der
Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was
vorfinden, sage ich.“
„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“
„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und
ich und die andern haben so viel!“
„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! --“
„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe.
Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben.
Wie mache ich das? Ich spars doch bloß wieder zusammen und das hätte
keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es
würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und
nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie,
geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“
Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte
deutlich ein heiseres Lachen gehört.
„Ach -- Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein
früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident
in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will
ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“
Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie
mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber
spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe,
glaube ich Ihnen das nicht!“
Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war
verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie
Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche.
„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben
gehabt?“
„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“
Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten
unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.
„Schauen Sie nur -- wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.
„Wirklich!“ machte sie unsicher.
„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline.
Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. -- Meine
Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch
noch.“ --
Dann war sie allein! -- Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz
vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in
ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie
hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde
aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln
und ihm davon Mitteilung machen. --
Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie
ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise,
von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es
bis zum nächsten Tage aufschieben.
Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen
des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in
dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie
nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung
es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der
alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu
essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen
nachgegeben haben würde.
Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre
Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie war
ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die
frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der
billige Trunk mundete.
Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch
das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem
goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas.
Das viele -- viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende.
Was könnte es alles schenken?
Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen
Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte -- auch zu dem Flügel
hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen
und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.
Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser
Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie
an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin
teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin
nun aber mit all diesem Tand?
Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie
vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen
blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück:
Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete
Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben
guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis
10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.
Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die
Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.
Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater
betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der
Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen
Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken.
Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich,
unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner
vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten
sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen
-- der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der
eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und
nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und
Lebensdurst -- verdient wäre.
Und nie -- nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht
denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und
frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr
als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war.
Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!
Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut.
Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum
für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte
Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem Besitz
für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war
unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und
rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!
Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein
niemand ahnte -- denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt --
wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.
Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie
tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß
die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei
sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen
Geburtstagsgaben geheftet hatte.
„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“
Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte
die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und
festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der
vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der
Schenkung nicht schon damals vollzogen? -- Wen träfe das Verschwinden
dieses Geldes? -- Es wäre ja gar kein Raub.
Aber was wäre es denn? -- Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine
zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der
Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die
Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich
zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie
ihnen zu schlecht gewesen.
Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht
das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen
zurückzustehen.
Jener Ring! Ach -- das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin
gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas
leisten konnte.