Maria Wunsch.“

Dann sagte sie eilig und fest:

„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie

Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das

weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen

Ankunftsbestimmung fertig habe.“

Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.

„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich

Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. --

Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten

ärgern sollen -- wenn ich selbst auf der Reise und während unseres

Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will -- so würde es doch zu

viel für Sie werden.“

„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal

allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“

Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck.

„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht

liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche

Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“

„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu

schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der

mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern.

Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und

mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich

mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen

bleiben. Und im Hotel? -- Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von

Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil

sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein

-- nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht,

habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich

sogleich fest. -- Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu

schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu

machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“

„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried.

„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige

Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand, sagt mir, daß ich

recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht -- fühle ich mich ohne Ihre

kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu

matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich

Ihnen.“

Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung.

„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich

könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“

„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum

letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim

Einlegen der Früchte -- schreiben mir fleißig und singen und studieren

in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“

Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und

widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief,

hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas

Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.

„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin

frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes,

schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug,

weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in

der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es

natürlich längst nicht mehr. Gleichviel -- ich will ihr die Freude

machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird

daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste

aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“

Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.

Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen,

ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung

zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr

selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr

ausrichten. -- Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in

hastigen Worten das Nötige mitteilte.

„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte

sie bedrückt.

„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von

Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen --

ihr gedient -- sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod

ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller

als ich zu bitten.“

Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.

„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran

glauben. Ja -- käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise

zur bloßen Erholung. -- Eigensinnig war sie nie und für ordentliche

Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein

einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie

gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie

nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben

Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“

Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht

freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil

sie hoffte, ihre Gedanken dadurch abzulenken. Allein auch dies Mittel

versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen

zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen

Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen:

Am Abend, wenn die Sternlein all

Zum güldnen Tanz antreten,

Dann falt’ ich fromm die Hände mein

Um für Dein Glück zu beten..

Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme.

Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten.

„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken.

„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich

zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und

der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen

auf unser Schloß fürchteten.“

„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“

„Ja -- wie durch ein Wunder!“

„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich

wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige

Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut

mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende

führen konnten.“

Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.

„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll

vergeben,“ fragte sie leise.

„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe.

Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie

mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja -- Eva, daran denken Sie stets.

Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst

ohne mich wandern müssen. -- Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir

wollen uns nicht unnötig weich machen.“

Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und

jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte

lächelnd und dachte:

„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. --

Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne

Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon

das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. -- Schwere Aufgaben sind

allemal die lohnendsten.“

Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von

Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit

etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der

Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in

dieser Stunde.

*

Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt.

Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr

der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen

zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu

befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.

„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried

der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß Frau Präsidentin möglichst

ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“

„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“

Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht

eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben

sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber

die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig.

„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen,

um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“

Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen.

„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten

Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich

verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in

Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still

liegen.“

„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken,

daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß

Freude.“

„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes

Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein

heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“

Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim

Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein.

„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen

wieder oder -- schreiben Sie an Frau Präsident, wenn Sie mich durchaus

nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“

„Schreiben -- schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben

wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber

mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund -- von Hand zu

Hand -- ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin

unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen

aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann.

Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld --“

„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht

verstehe?“ forschte Eva von Ostried.

Da riß die Geduld des Bauern vollends.

„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von

Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s

immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’

ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes

Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’.

Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt,

nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen

Aerger haben wollen.“

Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich.

Die Präsidentin erhob sich sofort.

„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann

mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen.

Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn

ohne vorherige Aufkündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war

die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und

ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“

Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen.

„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß

die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich

sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich

ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie

werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“

„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau

Präsident.“

„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt.

Aber -- ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die

gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. -- Ich

will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also

nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“

Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor.

„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe

fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich

mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die

Lippen.

„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut

geworden.“

„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch

noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben

wollte.“

„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte

eigensinnig bei seinem Thema.

„Nee -- bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’

sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter

Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen

wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und

hätt’s bekannt getan. -- Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt

und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer

getröstet. -- Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche

und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“

„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“

„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen

das mal so richtig klar machen, -- Sie haben mir viel Geld gegeben

und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für --

weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. -- Das hat mir erst

richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen.

-- Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! -- Auf Heller und

Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“

Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu

zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung.

„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im

Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim

im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher

vor Dieben bewahrt geblieben bin.“

Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes

Geld unwillkommen sein konnte.

„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie

es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich

Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“

Er schüttelte energisch den Kopf.

„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so

ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo

es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“

Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um

ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen.

„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und

zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld

schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal

ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen

Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es

Ihnen einfach geschenkt.“

In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham.

„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein

sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. -- Die

Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der

Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist

nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in

der Wirtschaft. -- Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“

Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein,

deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:

„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus

bleiben. -- Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie

es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an

der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche

Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die

leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne

daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang

hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern.

Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde

ich mir schwer vergeben.“

Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.

„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine

Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. -- Im Laufschritt eilte sie

durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen

Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben

der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine

Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:

Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand

sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt

schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die

Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche

umklammert haltend, eilte sie zurück.

Was sollte nun mit dem Geld geschehen? -- Durfte sie zugeben, daß sich

die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das -- daß sie bei ihrem stark

entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von

dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein

würde. Immerhin -- es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst

sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar

einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern

etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte

sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam

ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche

Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht,

der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich

durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die

Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.

„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte

als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und

ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen

Erwiderung herbei.

„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen

an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin

erwartete sie -- fertig zum Einsteigen -- bereits voller Ungeduld.

„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die

lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.

Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden

Blick nicht stand. Ein jäher Widerwille gegen die beabsichtigte Lüge

stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete

ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja

doch alles in Ordnung...

„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar

empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen

Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten,

weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt -- halt -- halt -- Mann

-- wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie

davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?

Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin

fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig

mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den

Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand

unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.

-- -- Schön war’s doch, dies Alleinsein!

An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom

Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie

streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne

warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich

hin.

War die Präsidentin auch engelgut -- empfand sie selbst eine nie

verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über

ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten

diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich,

wie heiß ihr Sehnen -- nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der

Selbstbestimmung -- die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer

des Entsetzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie,

nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte

ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis

geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn

sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber

der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack

eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl

und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern

Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten

Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen -- hatte

etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer

anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft

quälen -- bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte

und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser

erging.

Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche

längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der

edelsten aller Herrinnen und dennoch -- -- War sie ehrlich mit sich,

mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer

auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine

Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen,

wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle

geworden. -- Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten

hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß -- es würde viel

Arbeit -- Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben,

an denen sie am eigenen Können verzweifelte.

Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! --

Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen.

Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen

den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die

ihrer in der goldenen Ferne harrten!

-- Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig,

der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther

Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit,

fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch

im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende.

Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des

Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims

verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft,

denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte

er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor

sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn -- tief versteckt und von ihm

selbst noch nicht erkannt -- ein spätes, leidenschaftliches Feuer.

-- Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um

ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt

hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich

-- bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die

Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen

Konzert wieder sah.

So kams, daß er -- eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam

erscheinende Pläne -- ihr Lehrer wurde.

Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er.

Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn

wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. -- Heute lief ihm Eva wie ein

ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen

Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das

sofort und freute sich heimlich daran.

Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.

„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle

Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie

gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn

diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere

Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote

Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das

Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in

dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:

„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses

Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von

Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“

Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.

„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.

„So --“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“

„Seit gestern.“

„Schade -- sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit

einem Augenzwinkern, als blende ihn immer noch der rote Schein, setzte

er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“

„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden

sein.“

„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“

„Sie müssen mir etwas vorsingen.“

„So -- das muß ich?“ -- In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach

seiner schlanken, weißen Rechte.

„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“

„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“

„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene

zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische

Leben wäre.“

„Ja -- was soll es denn sein?“

„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der

Sehnsucht in Augen und Stimme:

Auf Ewigkeit

Wärst Du verdammt mit mir

Für eine Stunde

Vergessen meiner Sendung

In Deines Arms Umfangen.

Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm

viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten.

„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es

fleißig sein. Beginnen Sie also --“

Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang

weich und voll, aus jedem Ton der Uebung. Trotzdem war er nicht

zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen.

Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein

erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben

einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß

bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches

Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte

sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich

geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein

sich von ihm abwende. --

Sie tat es nicht.

Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die

eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon -- mit gänzlich

verändertem Ausdruck -- an die Erfüllung seines Versprechens mahnte.

„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“

sagte sie und lächelte schalkhaft.

Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe!

Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten

Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das

höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute

sich auch dessen. -- Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt

hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von

Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen.

Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag

seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam

aus ihrem Winkel heraus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben

verlassen und sang ihm den Dank.

Ich will wiegen Dich, ich will wachen....

Knabe saß auf der Mutter Schoß

Spielten zusammen, bis er groß....

Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden

Sturmgesellen endlich erlöst!

Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit.

Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte

sein Auferstehen.

Ich will wiegen Dich und wachen

Schlaf und träume, Du Knabe mein

-- -- Die Wirklichkeit regierte wieder! --

„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich

Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als

sie verstummt war. -- Und das war sein Dank. -- „Es wird heute Carmen

gegeben -- mit der Olitava als Gast.“

Eva von Ostried jubelte hell auf.

„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn -- im Vertrauen --

eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und -- gestern -- war -- ja --

mein Geburtstag.“

-- -- Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem

Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in

das Herz des Einen -- Und das war nicht das junge -- Die heiße

Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle,

scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte

verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in Evas Gesicht

-- machten sie einen Herzschlag lang verwirrt -- erinnerten aber im

nächsten Augenblick an zwei andere -- -- damals in Oeynhausen. Sie

mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die

sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht

hatte. -- Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht.

Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich

in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller

gespielten Leidenschaft -- und verurteilte diese Regung doch, ohne sich

davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.

Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?

Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. -- Angst und Zorn

verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und

fühlte sich bald wunschlos glücklich -- --

Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem

aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten:

„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage

waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“

„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine

Gedanken springen zu wild.“

„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“

Die Alte nickte kummervoll.

„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus,

als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. -- Wir hätten sie doch nicht

weglassen dürfen.“

„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede

Gegenmaßregel für umsonst.“

„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“

„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“

„Schreiben hätte er ihr wohl können.“

„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben,

die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder -- vielleicht

telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“

„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“

„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden

können.“

Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand

furchtbare Möglichkeiten aus.

„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte,

wer sie wäre und wohin sie gehörte.“

„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue

Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede

Mitteilung an mich zu richten wäre.“

„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“

„Natürlich. -- Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“

„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. -- Sie hat gewiß schon

irgend eine schwere Ahnung gehabt.“

„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas

nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher

aufzuschreiben.“

„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste

Unglück gewartet. -- Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“

„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“

„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause

den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase,

weil wir uns fürchteten. -- Wenns doch bloß erst morgen wär.“

Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das

Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am

nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte

Form zu gewinnen.

„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde.

Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem

schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“

Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und

betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit:

Alle Menschen groß und klein

Sollen Dir befohlen sein!

Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf

sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau

Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei

aus dem unruhigen Schlaf empor.

-- -- Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen

sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in dem Schlummer

beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem

anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das

Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.

Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und

sie riß -- nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt -- die

blaue Verschlußmarke in der Mitte durch -- --

[Illustration]

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4.

Der Uebel grösstes ... · 第 7 / 25 题