VI.

Heino von Bergkem kam geschlagen aus dem Examen zurück. Wie zu einer

überflüssigen und bedeutungslosen Feier war er in die Prüfung gegangen,

und als ein schmählich Durchgefallener kehrte er heim: ganz als wenn’s

ihm einer verwünscht und berufen hätte, war es gegangen. Gleich die

erste Frage hatte er verfehlt, und da wurde er unsicher, die Ruhe

verließ ihn und die Kaltblütigkeit; bei dem mündlichen Vortrage aber,

der seinem Schicksal vielleicht noch eine günstige Wendung hätte geben

können, passierte ihm das Mißgeschick, daß er in der Vorbereitung eine

Entscheidung des Reichsgerichtes übersehen hatte. Und da half ihm

alle Beredsamkeit nichts, keine noch so elegante Verteidigung seines

Standpunktes, denn dieses Uebersehen war ein Verbrechen, für das es

keine andere Sühne gab als einen glatten Durchfall. Ganz gleichmütig

verkündete der Vorsitzende das Ergebnis der Prüfung, alle anderen

hatten bestanden, nur der Freiherr Heino von Bergkem war durchgefallen.

Auf sechs Monate zurückgestellt, um die bei dem mündlichen Examen

zutage getretenen Lücken seines Wissens auszufüllen, denn die

schriftlichen Arbeiten wären leidlich zufriedenstellend gewesen. Die

anderen stürmten die breite Treppe hinab, begrüßten freudig die draußen

wartenden Freunde. Er allein ging ganz langsam hinterdrein, es eilte

ihm nicht ..

Auf der anderen Seite der Straße stand der kleine Brenitz, spähte

mit besorgter Miene zu dem hohen Portal hinüber. Da blieb Heino im

Hausgange stehen, bis er sah, daß der andere nach einer Erkundigung

bei einem der glücklich durchgekommenen Kollegen langsam weiter ging.

Mit betrübtem Gesichte und nachdem er noch einmal zögernd nach dem

Ausgange des Ministeriums hinübergeblickt hatte. War ja sehr rührend,

daß der Kleine für einen schließlich doch Fremden so viel Interesse

zeigte, aber jetzt war es ihm wohl klar geworden, daß es nichts zum

Gratulieren gab. Und Mitleid brauchte er nicht, auch keine gutgemeinten

Predigten, wie bei einigem Wohlverhalten das betrübende Ereignis

zu vermeiden gewesen wäre. Außerdem aber gab es in der plötzlich

so veränderten Lage gar manches zu bedenken. Es war nicht gerade

anzunehmen, daß die Wucherer, an die er sich zu wenden gedachte, sich

zur Hergabe eines erheblichen Darlehns besonders willfährig zeigen

sollten, und auch der Gang zu Onkel Reineke erschien ihm heute in

anderem Lichte. Mit dem glücklich bestandenen Examen in der Tasche

hätte er sich’s schon zugetraut, dem hartgesottenen alten Fuchs ein

ordentliches Stück Geld abzujagen. Wenn er aber mit der demütigen Miene

eines kläglich Durchgefallenen antreten mußte, war das Spiel schon von

vornherein verloren, ganz abgesehen von dem schweren Zerwürfnisse, das

ihm monatelang den Weg in das Haus seines nächsten Verwandten verlegt

hatte ..

Einen hätte es ja gegeben, dem er nur ein Wort zu sagen brauchte, um

aller Bedrängnis und Not ein Ende zu machen, aber ehe er dieses Wort

sprach, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen vor Stolz. Sich mal

von einem Tag zum andern mit einer Kleinigkeit aushelfen zu lassen,

ging an, aber sich vor dem Freunde bis aufs Hemd auszuziehen und zu

sagen: „Da sieh her, so ein erbärmlicher Kerl bin ich, daß ich im

Spielerwahnsinn mein Wort verpfände, ohne zu wissen, ob ich’s am andern

Tag auch einlösen kann“ ... ah, pfui Deuwel, das war nicht zu machen!

Und noch etwas anderes war dabei, was er mehr fühlte, als daß er dafür

einen bündigen Beweis gehabt hätte; eine Art von Schuldbewußtsein, daß

er mit derb zufassender, plumper Faust einst in zwei Menschenschicksale

gegriffen hatte, die in voller Freiheit des Gewährlassens vielleicht

zueinander gefunden hätten ....

Auf der roten Plüschdecke des Sofatisches in seiner Wohnung lag ein

Brief. Die mit Bleistift geschriebene Adresse zeigte eine merkwürdig

zittrige Hand, die er noch niemals gesehen zu haben glaubte, und fast

achtlos erbrach er den zerknitterten Umschlag. Nachdem er den Brief

aber gelesen hatte, brach er zusammen ...

„Mein lieber Junge, mein Einzigster!

Ich schreibe Dir von meinem Krankenbette aus und möchte Dir manches

sagen, was ich sonst wohl nicht herausgebracht hätte. Du bist nach

dem Hinscheiden Deines Vaters das Oberhaupt der Familie, ich habe

Dir Respekt zu erweisen, obwohl ich Dich unter dem Herzen trug, und

vielleicht ist es deshalb besser, ich schreibe Dir. Wenn Du vor mir

stehst mit den blauen Augen Deines Vaters, die ich so sehr geliebt

habe, würde ich mir wohl nicht die rechten Worte zutrauen. Worte der

Ermahnung und des Vorwurfs.

Ich wollte Dich in den Vorbereitungen zum Examen nicht ablenken noch

beunruhigen, aber jetzt, wo der schwere Tag hinter Dir liegt, möchte

ich einiges mit Dir besprechen. Vielleicht, daß Du Veranlassung nimmst,

manches zu ändern. Ich setze voraus, daß Du das Examen bestanden hast,

denn Du hast mir ja immer gesagt, es würde Dir nicht schwer fallen,

weil Du Dich gewissenhaft vorbereitet hättest. Und ich hätte gewartet,

bis Deine Nachricht kam, aber seit Wochen liege ich zu Bett, ich weiß

nicht, wie lange das kärgliche Flämmchen noch flackern wird. Außerdem

muß ich heimlich schreiben, denn Brigitte ist eine strenge Aufpasserin.

Sie teilt meine Furcht, aber sie will nicht, daß wir uns gegen Dich

auflehnen. Das will ich ja auch nicht, nur bitten möchte ich Dich, Du

sollst daran denken, daß Du eine Schwester hast. Du hast ihr Vermögen

eingefordert, um es in nutzbringenden Spekulationen anzulegen, aber

mir zog sich schon bei Deinem ersten Briefe das Herz zusammen. Es

waren unwahre Worte darin, wie ich sie vor Zeiten schon einmal gehört

hatte, wenn einen anderen die unselige Leidenschaft gefaßt hatte. Einen

herrlichen Mann, der sonst mehr tat als seine Pflicht, der in allen

Tugenden eines Herrn ein nacheifernswertes Beispiel sein durfte, mit

sehenden Augen aber die Früchte einer Jahresarbeit vernichtete, wenn

die Leidenschaft über ihn kam. Wieviel Nächte habe ich durchweint,

wieviel Tage verhärmt, aber es half nichts, ich mußte ihn gewähren

lassen. Jedesmal, wenn im Herbst die Treibjagden kamen, fing es an. Er

selbst wehrte sich dagegen, drei-, viermal sagte er ab, aber es riß

und zerrte an ihm, so daß ich schließlich ihm selbst zuredete: „Geh’

und versuch’ es!“ denn mit der Zeit hatte sich in mir ein Aberglaube

gebildet. Wenn ich ihm gut war, kam er ungeschlagen zurück, wenn ich

ihm aber zürnte, verlor er ...

Ihr Kinder habt ihn nicht anders gekannt als einen gewissenhaften und

treu sorgenden Vater, und ich komme mir wie eine Verbrecherin vor, wenn

ich sein Andenken vor Dir entblöße, aber Gott helfe mir, ich kann nicht

anders, denn Du, mein Sohn, spielst auch!

Ich mache Dir keine Vorwürfe, denn ich habe gesehen, wie diese unselige

Leidenschaft alle edlen Gefühle niederwerfen kann, wie ein verheerendes

Unwetter, Unglück und Reue läßt sie auf ihrem Weg. Nur bitten möchte

ich Dich, gib Deiner Schwester zurück, was ich ihr in einer glücklichen

Stunde gerettet habe, Deinem und ihrem Vater abgeschmeichelt, als er

eines Morgens mit großem Gewinn heimkehrte und frohlockend vor mir auf

und ab ging. Ein paar Tage danach war das übrige wieder verloren, aber

das einmal Hergegebene war ihm ein Heiligtum, er rührte nicht daran.

Du hast mich vor langen Jahren, als Du einmal in der Dämmerstunde zu

meinen Füßen saßest, gefragt: Mutti, woher hast Du nur Deine grauen

Haare? Jetzt weißt Du’s, mein Sohn, und es tut mir leid, daß ich’s

Dir offenbaren mußte, aber die Angst um Deine Schwester frißt mir

am Herzen: Ich möchte wenigstens den einen Trost mitnehmen, daß sie

nicht in Sorgen und Entbehrungen zurückbleibt. Seit der Lösung ihres

Verlöbnisses hat sie einen schweren Stand, man spottet über sie und

verdreht ihren Entschluß, der doch aus einem reinen Herzen geboren war,

ins Lächerliche. Die Freier meiden unser Haus, und was soll aus ihr

werden, wenn sie keinen Schutz mehr hat?

Meine Kräfte gehen zu Ende, der Brief muß noch heute zur Post, wenn ich

hoffen soll, Deine Antwort zu sehen. Ich küsse und umarme Dich in Liebe

als Deine treue Mutter ...“

Ganz vernichtet starrte Heino auf die von den Tränen seiner Mutter

verwischten Zeilen, unfähig einen Gedanken zu fassen. Nur von Zeit zu

Zeit stöhnte er auf, wenn Reue und Scham gar zu heftig brannten. Hätte

die Mutter gezürnt und gescholten, wäre es vielleicht nicht so schwer

zu tragen gewesen, so aber fraß es wie ätzende Säure, und jedes Wort

der nachsichtigen Liebe bohrte sich wie ein Stachel in schwärende

Wunden. Seit Wochen lag sie krank, keine Klage kam über ihre Lippen,

sie sorgte nur, daß er’s nicht erführe, um ihm nicht die Ruhe zur

Arbeit zu rauben, zur Arbeit! Erst, als sie zu fürchten begann, sie

könnte ihn vielleicht nicht mehr sehen, entschloß sie sich zu einer

mahnenden Bitte. Bat ihn, die Schwester nicht zu verlassen, deren

Vermögen er vertan hatte ...

Und jählings sprang ihn eine Erinnerung an: Er sah sich als

halbwüchsigen Knaben vor einem Bette knien, eine schwere Hand lag auf

seinem Scheitel und eine Stimme, der sich nur mühsam noch die Worte

formten, kam wie aus der Ferne zu ihm. „Es hat Rest gegeben, Heino,

ich muß von Euch gehen, viel zu früh. Halt’ Dich aufrecht, mein Junge,

und werd’ ein ganzer Mann! Du sollst einmal Mutter und Schwester die

einzige Stütze sein“ ... Er hatte aufgeschrien: „Vater, bleib’ bei

uns, lieber Vater!“ und, als die Hand von seinem Scheitel sank, unter

Schluchzen einen Eid geschworen, er würde der empfangenen Mahnung

immerdar eingedenk sein ...

Also irgend etwas mußte geschehen, nur durfte er natürlich hier nicht

so untätig herumsitzen und jammern. Für sechs kurze Monate galt es

Rat zu schaffen, sechs Monate nur, in denen er sich gewissenhaft

vorbereiten mußte, um das Examen zu bestehen und Geld zu verdienen ...

Er hatte sich in fieberhafter Hast umgezogen. Als er auf die Straße

trat, kam ein leeres Auto vorüber. Er sprang hinein: „Joachimsthaler

39“, und während der Chauffeur in kurzem Bogen wandte, um den Weg übers

Schöneberger Ufer zu nehmen, überlegte er, was Onkel Reineke wohl sagen

würde, wenn er nach mehr als einem Vierteljahr so plötzlich vor ihn

hinträte. Damals nämlich hatte es einen vollkommenen Bruch gegeben,

und heftige Worte waren gefallen zwischen ihm und dem Stiefbruder

seiner Mutter, dem Oberverwaltungsgerichtsrate von Hegelingen, dem der

Familienwitz den Beinamen Onkel Reineke angehängt hatte. Wegen der

fuchsigen Perücke und seines hinterhältig-schlauen Wesens, das ihn

überall seinen Vorteil finden ließ, bei seinen Vorgesetzten sowohl wie

bei kleinen Spekulationen an der Börse oder auf dem Grundstücksmarkte,

mit denen er sein Vermögen im Laufe der Jahre recht ansehnlich

vergrößert hatte.

Und der Grund zu dem Zerwürfnisse hatte rein äußerlich darin gelegen,

daß Heino sich eines Tages die salbungsvollen Vorwürfe verbat, zu denen

Onkel Reineke sich jedesmal verpflichtet fühlte, wenn er dem Neffen

mit einem kleinen Darlehen aushelfen mußte. Der wirkliche Grund aber

lag tiefer, und zwar in der einfachen Tatsache, daß Heino keine Lust

verspürte, sich von seiner Kusine Adelheid an den Traualtar führen zu

lassen. Die nicht mehr ganz jugendliche Dame nämlich, die ungefähr

im fünfzehnten Lawn-Tennis-Semester stand und seit ebensovielen

Wintern jedes Wohltätigkeitsfest unsicher machte, hatte sich’s in den

Kopf gesetzt, ihren Vetter Bergkem zu heiraten. Und als Heino ihren

deutlichen Annäherungsversuchen hartnäckig auswich, hatte es eine wenig

erquickliche Szene gegeben. Onkel Reineke sprach von schnödem Undank

und dergleichen. Heino fragte, ob er’s von seinen anderen Geschäften

her gewöhnt wäre, so hohe Wucherzinsen zu nehmen. Der Onkel gab zur

Antwort, ein derartig verbummelter Mensch müßte überhaupt froh sein, in

einer anständigen Familie unterzukommen, und der Bruch war fertig. Ein

Bruch, wie er nur unter nahen Verwandten eintreten konnte. Denn fremde

Menschen sagen einander die letzten Wahrheiten nicht so schonungslos

ins Gesicht ...

Danach kostete es also ein großes Stück Selbstüberwindung, den Weg nach

der Joachimsthaler Straße noch einmal einzuschlagen, aber es ging nicht

anders, und auch Onkel Reineke mußte einsehen, daß in diesem Falle

jeder kleinliche Groll zu schweigen hatte. So rachsüchtig war er denn

doch wohl nicht, daß er ihn in der Not ein paar scharfe Worte entgelten

ließ, die in der Erregung gefallen waren ...

Und zu Anfang ging es ganz leidlich. Die Kusine Adelheid war allein

zu Hause, erzählte von ihren Balltriumphen in den letzten Monaten und

machte ihre süßesten Augen, und nach einigen Minuten kam der Onkel aus

dem Nebenzimmer. Verzog das faltige Gesicht mit den leicht geäderten

Rotweinäuglein zu einer erstaunten Grimasse.

„Ei, sieh da, der Herr Neffe!“

Und als Heino aufstand, er bäte um die Erlaubnis, ihn ein paar Minuten

lang allein sprechen zu dürfen, rieb er sich die Hände.

„So, so, ganz allein? Na, denn geh’ nur, mein Töchterchen, und hast Du

dem Vetter schon Dein Geheimnis verraten?“ ...

„Noch nicht, Papa,“ erwiderte Fräulein Adelheid und verließ mit

verschämtem Erröten das Zimmer.

Onkel Reineke aber ging erst ein Weilchen auf und ab und blieb

schließlich stehen, die Hände auf dem sanft gerundeten Bäuchlein

gefaltet.

„Also, lieber Heino, falls Du nach Deinem Mißgeschick im Examen --

der Kollege Breidtschwert hat’s mir schon vor mehr als ’ner Stunde

telephonisch nach dem Amte gemeldet, und Du erinnerst Dich vielleicht,

daß er in Deiner Prüfungskommission saß -- ja also, wenn Du vielleicht

jetzt bezüglich meiner Tochter Deinen Sinn plötzlich geändert haben

solltest, so bedaure ich, Dir mitteilen zu müssen, daß es dafür zu

spät ist. Ein jüngerer, in mein Amt versetzter Kollege bewirbt sich

ernsthaft um ihre Hand. Ich bin geneigt, diesem Liebesbunde meinen

väterlichen Segen zu geben.“

Heino griff sich nach dem Halse, ein Ekel stieg ihm auf, aber er

bezwang sich.

„Lieber Onkel, ich gratuliere. Aber Du irrst Dich, ich bin nicht

hergekommen, um mir bei Adelheid einen Korb zu holen, ich brauche

Deine Hilfe. Für heute handelt sich’s nur um eine verhältnismäßig

geringfügige Summe, aber ich habe eine schwere Zeit vor mir, in der

ich selbst noch nichts verdienen kann, und da wäre es mir eine rechte

Beruhigung, wenn ich auf Deinen Beistand zählen könnte.“

Onkel Reineke zog die Augenbrauen in die Höhe, so daß die fuchsige

Perücke sich an der Stirn leicht anhob.

„Ach, sieh mal an! Und ich hatte immer geglaubt, Du machtest in den

Spekulationen mit dem Vermögen Deiner Schwester geradezu glänzende

Geschäfte?!“

Da stöhnte Heino auf. Jetzt wußte er, wer bei seiner Mutter den

heimtückischen Angeber gespielt hatte, aber er bekämpfte wacker den

aufsteigenden Zorn.

„Onkel, höhn’ mich nicht noch dazu, Du weißt nicht, wie es in mir

aussieht! Und sag’ ja oder nein. Mit Vorwürfen bin ich von mir selbst

aus schon reichlich versehen!“

„Also denn nein!“ Der Oberverwaltungsgerichtsrat von Hegelingen

richtete sich auf und schob den Zeigefinger mit dem Wappenring in die

Weste. „Wer so ruchlos und freventlich ...“

Weiter kam er nicht, denn Heino fiel ihm mit einem bittern Auflachen

ins Wort.

„Lieber Onkel, laß sein! Zum Wüstenprediger fehlt Dir jeder Beruf!

Spielen tust Du auch, Deine patentierte Frömmigkeit hält Dich nicht

davon ab, zuweilen ein leckeres Früchtchen von dem verruchten Giftbaum

der Börse zu pflücken, und das übrige, der sogenannte lasterhafte

Lebenswandel? Lieber Onkel Reineke, mancher treibt ihn noch in seinem

hohen Alter, aber selbstredend nur zu Studienzwecken und um sich

hinterher sittlich über das wohlgefällig Gesehene zu entrüsten! Und

nun gehab’ Dich wohl, mehr haben wir uns in diesem Leben wohl nicht zu

sagen!“

Onkel Reineke sprang erst zur Tür des Nebenzimmers, um sich zu

vergewissern, daß seine Tochter wieder einmal gelauscht hatte, dann

hob er die Hand mit dem Wappenring und donnerte so laut wie es sein

Asthma zuließ: „Hinaus! Hinaus! Du schnöder Verleumder, der sich nicht

entblödet, ernsten Männern unsittliche Motive unterzuschieben, wenn sie

in den Höhlen des Lasters ...“

„Sich auch mal amüsieren wollen,“ vollendete Heino, als dem andern der

Luftmangel die Stimme abschnitt, „und streng Dich nicht an! Pathos

unter zweien, die sich gut kennen, ist unnütze Kraftverschwendung. Ich

wünsche Dir herzlich, Du sollst auch mal irgendwo eine Viertelstunde

lang um Dein Leben betteln, aber hab’ keine Angst, dieser Wunsch geht,

wie alle frommen Wünsche, nicht in Erfüllung. Du bist ein braver Mann

und wirst mal im Herrn sterben!“

Draußen vor der Tür spie er heftig aus, und es war ihm ordentlich

leicht zumute, daß er nach der heimtückisch vorbereiteten Ablehnung

sich nicht noch weiter in nutzlosen Bitten gedemütigt hatte. Lieber zu

einem Wucherer gehen und Blutzinsen zahlen, als jeden Hundertmarkschein

mit einer Erniedrigung zu erkaufen ...

Es dunkelte schon, als Heino die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg.

Müde und zerschlagen und in einer Art gleichgültigen Stumpfsinns, denn

alle Versuche, wenigstens die Summe aufzutreiben, die er am Abend

zurückerstatten mußte, waren vergebens gewesen. Den einen der in der

Lebewelt bekannten Wucherer hatte er nicht zu Hause getroffen, der

zweite mußte erst Erkundigungen einziehen, und der dritte wollte

das Geld in emaillierten Kochgeschirren und einem fehlerfreien

Damenreitpferd beschaffen, falls der Herr Baron für den Wechsel noch

eine zweite, einigermaßen sichere Unterschrift beibrächte.

Damit war ihm nicht gedient, denn der Klubkassierer hatte ihm ja keine

Kochgeschirre geliehen, sondern bare zweitausend Mark, und die waren

gegen zehn Uhr abends, der üblichen Klubstunde, fällig auf Ehrenwort.

Also blieb nichts anderes übrig, als mit einer plausiblen Ausrede einen

Aufschub zu erbitten, um morgen früh die Jagd nach den paar tausend

Mark von neuem zu beginnen. Der bequeme Weg aus allen Sorgen und Nöten,

an den er noch vor wenigen Stunden leichtfertig gedacht hatte, war

jetzt ja, nach dem Briefe der Mutter, verriegelt für alle Zeiten ...

In dem halbdunkeln Zimmer stand einer vom Sofa auf, der dort wohl auf

ihn gewartet hatte. Er mußte erst näher hinzutreten, um das Gesicht zu

erkennen: der Kollege Brenitz! Er drehte das Licht auf und sagte in

einem Tone, der scherzhaft klingen sollte: „Na, Kollege, wollen Sie

mir kondolieren? Und entschuldigen Sie mich gütigst, daß ich Ihnen

die dreihundert Mark nicht zurückgeben kann, aber ich bin nach meinem

Desastre vor der hohen Prüfungskommission noch nicht recht zu mir

gekommen.“

Peter trat ein wenig näher.

„Verzeihen Sie, ich hätte Sie heute nicht mehr belästigt, aber ich habe

einen Auftrag.“

Heino hob den Kopf.

„Nanu? Sollte ich vielleicht unwissentlich einen gekränkt haben, und

Sie wollen’s wieder einrenken?“

Peter Brenitz faßte nach seinem ins Rutschen geratenen Klemmer.

„Es handelt sich nicht um solche Unbeträchtlichkeiten. Vielleicht

entsinnen Sie sich, daß Sie einmal vor Wochen aus meiner Wohnung

und auf einem meiner Briefbogen nach Hause schrieben. Daher hat Ihr

Fräulein Schwester wohl meine Adresse, und daher mag der Auftrag

stammen, mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen.“

Heino griff in die Tasche und steckte sich eine Zigarette an.

„Verbindlichsten Dank, lieber Kollege, aber haben Sie Gnade! Mir

ist schon ganz elend vor lauter Selbstvorwürfen, und alle irgendwie

erdenklichen Beleidigungen habe ich mir bereits eigenhändig zugefügt.

Wenn Sie mir also nichts anderes zu sagen haben?!“

„O doch! Nur sollte ich Sie meinem Auftrage gemäß erst schonend

vorbereiten. Und jetzt nehmen Sie Ihr Herz in beide Hände, Heino ...“

Bruder Leichtfuß und Stein am Bein · 第 7 / 10 题