Heino von Bergkem kam geschlagen aus dem Examen zurück. Wie zu einer
überflüssigen und bedeutungslosen Feier war er in die Prüfung gegangen,
und als ein schmählich Durchgefallener kehrte er heim: ganz als wenn’s
ihm einer verwünscht und berufen hätte, war es gegangen. Gleich die
erste Frage hatte er verfehlt, und da wurde er unsicher, die Ruhe
verließ ihn und die Kaltblütigkeit; bei dem mündlichen Vortrage aber,
der seinem Schicksal vielleicht noch eine günstige Wendung hätte geben
können, passierte ihm das Mißgeschick, daß er in der Vorbereitung eine
Entscheidung des Reichsgerichtes übersehen hatte. Und da half ihm
alle Beredsamkeit nichts, keine noch so elegante Verteidigung seines
Standpunktes, denn dieses Uebersehen war ein Verbrechen, für das es
keine andere Sühne gab als einen glatten Durchfall. Ganz gleichmütig
verkündete der Vorsitzende das Ergebnis der Prüfung, alle anderen
hatten bestanden, nur der Freiherr Heino von Bergkem war durchgefallen.
Auf sechs Monate zurückgestellt, um die bei dem mündlichen Examen
zutage getretenen Lücken seines Wissens auszufüllen, denn die
schriftlichen Arbeiten wären leidlich zufriedenstellend gewesen. Die
anderen stürmten die breite Treppe hinab, begrüßten freudig die draußen
wartenden Freunde. Er allein ging ganz langsam hinterdrein, es eilte
ihm nicht ..
Auf der anderen Seite der Straße stand der kleine Brenitz, spähte
mit besorgter Miene zu dem hohen Portal hinüber. Da blieb Heino im
Hausgange stehen, bis er sah, daß der andere nach einer Erkundigung
bei einem der glücklich durchgekommenen Kollegen langsam weiter ging.
Mit betrübtem Gesichte und nachdem er noch einmal zögernd nach dem
Ausgange des Ministeriums hinübergeblickt hatte. War ja sehr rührend,
daß der Kleine für einen schließlich doch Fremden so viel Interesse
zeigte, aber jetzt war es ihm wohl klar geworden, daß es nichts zum
Gratulieren gab. Und Mitleid brauchte er nicht, auch keine gutgemeinten
Predigten, wie bei einigem Wohlverhalten das betrübende Ereignis
zu vermeiden gewesen wäre. Außerdem aber gab es in der plötzlich
so veränderten Lage gar manches zu bedenken. Es war nicht gerade
anzunehmen, daß die Wucherer, an die er sich zu wenden gedachte, sich
zur Hergabe eines erheblichen Darlehns besonders willfährig zeigen
sollten, und auch der Gang zu Onkel Reineke erschien ihm heute in
anderem Lichte. Mit dem glücklich bestandenen Examen in der Tasche
hätte er sich’s schon zugetraut, dem hartgesottenen alten Fuchs ein
ordentliches Stück Geld abzujagen. Wenn er aber mit der demütigen Miene
eines kläglich Durchgefallenen antreten mußte, war das Spiel schon von
vornherein verloren, ganz abgesehen von dem schweren Zerwürfnisse, das
ihm monatelang den Weg in das Haus seines nächsten Verwandten verlegt
hatte ..
Einen hätte es ja gegeben, dem er nur ein Wort zu sagen brauchte, um
aller Bedrängnis und Not ein Ende zu machen, aber ehe er dieses Wort
sprach, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen vor Stolz. Sich mal
von einem Tag zum andern mit einer Kleinigkeit aushelfen zu lassen,
ging an, aber sich vor dem Freunde bis aufs Hemd auszuziehen und zu
sagen: „Da sieh her, so ein erbärmlicher Kerl bin ich, daß ich im
Spielerwahnsinn mein Wort verpfände, ohne zu wissen, ob ich’s am andern
Tag auch einlösen kann“ ... ah, pfui Deuwel, das war nicht zu machen!
Und noch etwas anderes war dabei, was er mehr fühlte, als daß er dafür
einen bündigen Beweis gehabt hätte; eine Art von Schuldbewußtsein, daß
er mit derb zufassender, plumper Faust einst in zwei Menschenschicksale
gegriffen hatte, die in voller Freiheit des Gewährlassens vielleicht
zueinander gefunden hätten ....
Auf der roten Plüschdecke des Sofatisches in seiner Wohnung lag ein
Brief. Die mit Bleistift geschriebene Adresse zeigte eine merkwürdig
zittrige Hand, die er noch niemals gesehen zu haben glaubte, und fast
achtlos erbrach er den zerknitterten Umschlag. Nachdem er den Brief
aber gelesen hatte, brach er zusammen ...
„Mein lieber Junge, mein Einzigster!
Ich schreibe Dir von meinem Krankenbette aus und möchte Dir manches
sagen, was ich sonst wohl nicht herausgebracht hätte. Du bist nach
dem Hinscheiden Deines Vaters das Oberhaupt der Familie, ich habe
Dir Respekt zu erweisen, obwohl ich Dich unter dem Herzen trug, und
vielleicht ist es deshalb besser, ich schreibe Dir. Wenn Du vor mir
stehst mit den blauen Augen Deines Vaters, die ich so sehr geliebt
habe, würde ich mir wohl nicht die rechten Worte zutrauen. Worte der
Ermahnung und des Vorwurfs.
Ich wollte Dich in den Vorbereitungen zum Examen nicht ablenken noch
beunruhigen, aber jetzt, wo der schwere Tag hinter Dir liegt, möchte
ich einiges mit Dir besprechen. Vielleicht, daß Du Veranlassung nimmst,
manches zu ändern. Ich setze voraus, daß Du das Examen bestanden hast,
denn Du hast mir ja immer gesagt, es würde Dir nicht schwer fallen,
weil Du Dich gewissenhaft vorbereitet hättest. Und ich hätte gewartet,
bis Deine Nachricht kam, aber seit Wochen liege ich zu Bett, ich weiß
nicht, wie lange das kärgliche Flämmchen noch flackern wird. Außerdem
muß ich heimlich schreiben, denn Brigitte ist eine strenge Aufpasserin.
Sie teilt meine Furcht, aber sie will nicht, daß wir uns gegen Dich
auflehnen. Das will ich ja auch nicht, nur bitten möchte ich Dich, Du
sollst daran denken, daß Du eine Schwester hast. Du hast ihr Vermögen
eingefordert, um es in nutzbringenden Spekulationen anzulegen, aber
mir zog sich schon bei Deinem ersten Briefe das Herz zusammen. Es
waren unwahre Worte darin, wie ich sie vor Zeiten schon einmal gehört
hatte, wenn einen anderen die unselige Leidenschaft gefaßt hatte. Einen
herrlichen Mann, der sonst mehr tat als seine Pflicht, der in allen
Tugenden eines Herrn ein nacheifernswertes Beispiel sein durfte, mit
sehenden Augen aber die Früchte einer Jahresarbeit vernichtete, wenn
die Leidenschaft über ihn kam. Wieviel Nächte habe ich durchweint,
wieviel Tage verhärmt, aber es half nichts, ich mußte ihn gewähren
lassen. Jedesmal, wenn im Herbst die Treibjagden kamen, fing es an. Er
selbst wehrte sich dagegen, drei-, viermal sagte er ab, aber es riß
und zerrte an ihm, so daß ich schließlich ihm selbst zuredete: „Geh’
und versuch’ es!“ denn mit der Zeit hatte sich in mir ein Aberglaube
gebildet. Wenn ich ihm gut war, kam er ungeschlagen zurück, wenn ich
ihm aber zürnte, verlor er ...
Ihr Kinder habt ihn nicht anders gekannt als einen gewissenhaften und
treu sorgenden Vater, und ich komme mir wie eine Verbrecherin vor, wenn
ich sein Andenken vor Dir entblöße, aber Gott helfe mir, ich kann nicht
anders, denn Du, mein Sohn, spielst auch!
Ich mache Dir keine Vorwürfe, denn ich habe gesehen, wie diese unselige
Leidenschaft alle edlen Gefühle niederwerfen kann, wie ein verheerendes
Unwetter, Unglück und Reue läßt sie auf ihrem Weg. Nur bitten möchte
ich Dich, gib Deiner Schwester zurück, was ich ihr in einer glücklichen
Stunde gerettet habe, Deinem und ihrem Vater abgeschmeichelt, als er
eines Morgens mit großem Gewinn heimkehrte und frohlockend vor mir auf
und ab ging. Ein paar Tage danach war das übrige wieder verloren, aber
das einmal Hergegebene war ihm ein Heiligtum, er rührte nicht daran.
Du hast mich vor langen Jahren, als Du einmal in der Dämmerstunde zu
meinen Füßen saßest, gefragt: Mutti, woher hast Du nur Deine grauen
Haare? Jetzt weißt Du’s, mein Sohn, und es tut mir leid, daß ich’s
Dir offenbaren mußte, aber die Angst um Deine Schwester frißt mir
am Herzen: Ich möchte wenigstens den einen Trost mitnehmen, daß sie
nicht in Sorgen und Entbehrungen zurückbleibt. Seit der Lösung ihres
Verlöbnisses hat sie einen schweren Stand, man spottet über sie und
verdreht ihren Entschluß, der doch aus einem reinen Herzen geboren war,
ins Lächerliche. Die Freier meiden unser Haus, und was soll aus ihr
werden, wenn sie keinen Schutz mehr hat?
Meine Kräfte gehen zu Ende, der Brief muß noch heute zur Post, wenn ich
hoffen soll, Deine Antwort zu sehen. Ich küsse und umarme Dich in Liebe
als Deine treue Mutter ...“
Ganz vernichtet starrte Heino auf die von den Tränen seiner Mutter
verwischten Zeilen, unfähig einen Gedanken zu fassen. Nur von Zeit zu
Zeit stöhnte er auf, wenn Reue und Scham gar zu heftig brannten. Hätte
die Mutter gezürnt und gescholten, wäre es vielleicht nicht so schwer
zu tragen gewesen, so aber fraß es wie ätzende Säure, und jedes Wort
der nachsichtigen Liebe bohrte sich wie ein Stachel in schwärende
Wunden. Seit Wochen lag sie krank, keine Klage kam über ihre Lippen,
sie sorgte nur, daß er’s nicht erführe, um ihm nicht die Ruhe zur
Arbeit zu rauben, zur Arbeit! Erst, als sie zu fürchten begann, sie
könnte ihn vielleicht nicht mehr sehen, entschloß sie sich zu einer
mahnenden Bitte. Bat ihn, die Schwester nicht zu verlassen, deren
Vermögen er vertan hatte ...
Und jählings sprang ihn eine Erinnerung an: Er sah sich als
halbwüchsigen Knaben vor einem Bette knien, eine schwere Hand lag auf
seinem Scheitel und eine Stimme, der sich nur mühsam noch die Worte
formten, kam wie aus der Ferne zu ihm. „Es hat Rest gegeben, Heino,
ich muß von Euch gehen, viel zu früh. Halt’ Dich aufrecht, mein Junge,
und werd’ ein ganzer Mann! Du sollst einmal Mutter und Schwester die
einzige Stütze sein“ ... Er hatte aufgeschrien: „Vater, bleib’ bei
uns, lieber Vater!“ und, als die Hand von seinem Scheitel sank, unter
Schluchzen einen Eid geschworen, er würde der empfangenen Mahnung
immerdar eingedenk sein ...
Also irgend etwas mußte geschehen, nur durfte er natürlich hier nicht
so untätig herumsitzen und jammern. Für sechs kurze Monate galt es
Rat zu schaffen, sechs Monate nur, in denen er sich gewissenhaft
vorbereiten mußte, um das Examen zu bestehen und Geld zu verdienen ...
Er hatte sich in fieberhafter Hast umgezogen. Als er auf die Straße
trat, kam ein leeres Auto vorüber. Er sprang hinein: „Joachimsthaler
39“, und während der Chauffeur in kurzem Bogen wandte, um den Weg übers
Schöneberger Ufer zu nehmen, überlegte er, was Onkel Reineke wohl sagen
würde, wenn er nach mehr als einem Vierteljahr so plötzlich vor ihn
hinträte. Damals nämlich hatte es einen vollkommenen Bruch gegeben,
und heftige Worte waren gefallen zwischen ihm und dem Stiefbruder
seiner Mutter, dem Oberverwaltungsgerichtsrate von Hegelingen, dem der
Familienwitz den Beinamen Onkel Reineke angehängt hatte. Wegen der
fuchsigen Perücke und seines hinterhältig-schlauen Wesens, das ihn
überall seinen Vorteil finden ließ, bei seinen Vorgesetzten sowohl wie
bei kleinen Spekulationen an der Börse oder auf dem Grundstücksmarkte,
mit denen er sein Vermögen im Laufe der Jahre recht ansehnlich
vergrößert hatte.
Und der Grund zu dem Zerwürfnisse hatte rein äußerlich darin gelegen,
daß Heino sich eines Tages die salbungsvollen Vorwürfe verbat, zu denen
Onkel Reineke sich jedesmal verpflichtet fühlte, wenn er dem Neffen
mit einem kleinen Darlehen aushelfen mußte. Der wirkliche Grund aber
lag tiefer, und zwar in der einfachen Tatsache, daß Heino keine Lust
verspürte, sich von seiner Kusine Adelheid an den Traualtar führen zu
lassen. Die nicht mehr ganz jugendliche Dame nämlich, die ungefähr
im fünfzehnten Lawn-Tennis-Semester stand und seit ebensovielen
Wintern jedes Wohltätigkeitsfest unsicher machte, hatte sich’s in den
Kopf gesetzt, ihren Vetter Bergkem zu heiraten. Und als Heino ihren
deutlichen Annäherungsversuchen hartnäckig auswich, hatte es eine wenig
erquickliche Szene gegeben. Onkel Reineke sprach von schnödem Undank
und dergleichen. Heino fragte, ob er’s von seinen anderen Geschäften
her gewöhnt wäre, so hohe Wucherzinsen zu nehmen. Der Onkel gab zur
Antwort, ein derartig verbummelter Mensch müßte überhaupt froh sein, in
einer anständigen Familie unterzukommen, und der Bruch war fertig. Ein
Bruch, wie er nur unter nahen Verwandten eintreten konnte. Denn fremde
Menschen sagen einander die letzten Wahrheiten nicht so schonungslos
ins Gesicht ...
Danach kostete es also ein großes Stück Selbstüberwindung, den Weg nach
der Joachimsthaler Straße noch einmal einzuschlagen, aber es ging nicht
anders, und auch Onkel Reineke mußte einsehen, daß in diesem Falle
jeder kleinliche Groll zu schweigen hatte. So rachsüchtig war er denn
doch wohl nicht, daß er ihn in der Not ein paar scharfe Worte entgelten
ließ, die in der Erregung gefallen waren ...
Und zu Anfang ging es ganz leidlich. Die Kusine Adelheid war allein
zu Hause, erzählte von ihren Balltriumphen in den letzten Monaten und
machte ihre süßesten Augen, und nach einigen Minuten kam der Onkel aus
dem Nebenzimmer. Verzog das faltige Gesicht mit den leicht geäderten
Rotweinäuglein zu einer erstaunten Grimasse.
„Ei, sieh da, der Herr Neffe!“
Und als Heino aufstand, er bäte um die Erlaubnis, ihn ein paar Minuten
lang allein sprechen zu dürfen, rieb er sich die Hände.
„So, so, ganz allein? Na, denn geh’ nur, mein Töchterchen, und hast Du
dem Vetter schon Dein Geheimnis verraten?“ ...
„Noch nicht, Papa,“ erwiderte Fräulein Adelheid und verließ mit
verschämtem Erröten das Zimmer.
Onkel Reineke aber ging erst ein Weilchen auf und ab und blieb
schließlich stehen, die Hände auf dem sanft gerundeten Bäuchlein
gefaltet.
„Also, lieber Heino, falls Du nach Deinem Mißgeschick im Examen --
der Kollege Breidtschwert hat’s mir schon vor mehr als ’ner Stunde
telephonisch nach dem Amte gemeldet, und Du erinnerst Dich vielleicht,
daß er in Deiner Prüfungskommission saß -- ja also, wenn Du vielleicht
jetzt bezüglich meiner Tochter Deinen Sinn plötzlich geändert haben
solltest, so bedaure ich, Dir mitteilen zu müssen, daß es dafür zu
spät ist. Ein jüngerer, in mein Amt versetzter Kollege bewirbt sich
ernsthaft um ihre Hand. Ich bin geneigt, diesem Liebesbunde meinen
väterlichen Segen zu geben.“
Heino griff sich nach dem Halse, ein Ekel stieg ihm auf, aber er
bezwang sich.
„Lieber Onkel, ich gratuliere. Aber Du irrst Dich, ich bin nicht
hergekommen, um mir bei Adelheid einen Korb zu holen, ich brauche
Deine Hilfe. Für heute handelt sich’s nur um eine verhältnismäßig
geringfügige Summe, aber ich habe eine schwere Zeit vor mir, in der
ich selbst noch nichts verdienen kann, und da wäre es mir eine rechte
Beruhigung, wenn ich auf Deinen Beistand zählen könnte.“
Onkel Reineke zog die Augenbrauen in die Höhe, so daß die fuchsige
Perücke sich an der Stirn leicht anhob.
„Ach, sieh mal an! Und ich hatte immer geglaubt, Du machtest in den
Spekulationen mit dem Vermögen Deiner Schwester geradezu glänzende
Geschäfte?!“
Da stöhnte Heino auf. Jetzt wußte er, wer bei seiner Mutter den
heimtückischen Angeber gespielt hatte, aber er bekämpfte wacker den
aufsteigenden Zorn.
„Onkel, höhn’ mich nicht noch dazu, Du weißt nicht, wie es in mir
aussieht! Und sag’ ja oder nein. Mit Vorwürfen bin ich von mir selbst
aus schon reichlich versehen!“
„Also denn nein!“ Der Oberverwaltungsgerichtsrat von Hegelingen
richtete sich auf und schob den Zeigefinger mit dem Wappenring in die
Weste. „Wer so ruchlos und freventlich ...“
Weiter kam er nicht, denn Heino fiel ihm mit einem bittern Auflachen
ins Wort.
„Lieber Onkel, laß sein! Zum Wüstenprediger fehlt Dir jeder Beruf!
Spielen tust Du auch, Deine patentierte Frömmigkeit hält Dich nicht
davon ab, zuweilen ein leckeres Früchtchen von dem verruchten Giftbaum
der Börse zu pflücken, und das übrige, der sogenannte lasterhafte
Lebenswandel? Lieber Onkel Reineke, mancher treibt ihn noch in seinem
hohen Alter, aber selbstredend nur zu Studienzwecken und um sich
hinterher sittlich über das wohlgefällig Gesehene zu entrüsten! Und
nun gehab’ Dich wohl, mehr haben wir uns in diesem Leben wohl nicht zu
sagen!“
Onkel Reineke sprang erst zur Tür des Nebenzimmers, um sich zu
vergewissern, daß seine Tochter wieder einmal gelauscht hatte, dann
hob er die Hand mit dem Wappenring und donnerte so laut wie es sein
Asthma zuließ: „Hinaus! Hinaus! Du schnöder Verleumder, der sich nicht
entblödet, ernsten Männern unsittliche Motive unterzuschieben, wenn sie
in den Höhlen des Lasters ...“
„Sich auch mal amüsieren wollen,“ vollendete Heino, als dem andern der
Luftmangel die Stimme abschnitt, „und streng Dich nicht an! Pathos
unter zweien, die sich gut kennen, ist unnütze Kraftverschwendung. Ich
wünsche Dir herzlich, Du sollst auch mal irgendwo eine Viertelstunde
lang um Dein Leben betteln, aber hab’ keine Angst, dieser Wunsch geht,
wie alle frommen Wünsche, nicht in Erfüllung. Du bist ein braver Mann
und wirst mal im Herrn sterben!“
Draußen vor der Tür spie er heftig aus, und es war ihm ordentlich
leicht zumute, daß er nach der heimtückisch vorbereiteten Ablehnung
sich nicht noch weiter in nutzlosen Bitten gedemütigt hatte. Lieber zu
einem Wucherer gehen und Blutzinsen zahlen, als jeden Hundertmarkschein
mit einer Erniedrigung zu erkaufen ...
Es dunkelte schon, als Heino die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg.
Müde und zerschlagen und in einer Art gleichgültigen Stumpfsinns, denn
alle Versuche, wenigstens die Summe aufzutreiben, die er am Abend
zurückerstatten mußte, waren vergebens gewesen. Den einen der in der
Lebewelt bekannten Wucherer hatte er nicht zu Hause getroffen, der
zweite mußte erst Erkundigungen einziehen, und der dritte wollte
das Geld in emaillierten Kochgeschirren und einem fehlerfreien
Damenreitpferd beschaffen, falls der Herr Baron für den Wechsel noch
eine zweite, einigermaßen sichere Unterschrift beibrächte.
Damit war ihm nicht gedient, denn der Klubkassierer hatte ihm ja keine
Kochgeschirre geliehen, sondern bare zweitausend Mark, und die waren
gegen zehn Uhr abends, der üblichen Klubstunde, fällig auf Ehrenwort.
Also blieb nichts anderes übrig, als mit einer plausiblen Ausrede einen
Aufschub zu erbitten, um morgen früh die Jagd nach den paar tausend
Mark von neuem zu beginnen. Der bequeme Weg aus allen Sorgen und Nöten,
an den er noch vor wenigen Stunden leichtfertig gedacht hatte, war
jetzt ja, nach dem Briefe der Mutter, verriegelt für alle Zeiten ...
In dem halbdunkeln Zimmer stand einer vom Sofa auf, der dort wohl auf
ihn gewartet hatte. Er mußte erst näher hinzutreten, um das Gesicht zu
erkennen: der Kollege Brenitz! Er drehte das Licht auf und sagte in
einem Tone, der scherzhaft klingen sollte: „Na, Kollege, wollen Sie
mir kondolieren? Und entschuldigen Sie mich gütigst, daß ich Ihnen
die dreihundert Mark nicht zurückgeben kann, aber ich bin nach meinem
Desastre vor der hohen Prüfungskommission noch nicht recht zu mir
gekommen.“
Peter trat ein wenig näher.
„Verzeihen Sie, ich hätte Sie heute nicht mehr belästigt, aber ich habe
einen Auftrag.“
Heino hob den Kopf.
„Nanu? Sollte ich vielleicht unwissentlich einen gekränkt haben, und
Sie wollen’s wieder einrenken?“
Peter Brenitz faßte nach seinem ins Rutschen geratenen Klemmer.
„Es handelt sich nicht um solche Unbeträchtlichkeiten. Vielleicht
entsinnen Sie sich, daß Sie einmal vor Wochen aus meiner Wohnung
und auf einem meiner Briefbogen nach Hause schrieben. Daher hat Ihr
Fräulein Schwester wohl meine Adresse, und daher mag der Auftrag
stammen, mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen.“
Heino griff in die Tasche und steckte sich eine Zigarette an.
„Verbindlichsten Dank, lieber Kollege, aber haben Sie Gnade! Mir
ist schon ganz elend vor lauter Selbstvorwürfen, und alle irgendwie
erdenklichen Beleidigungen habe ich mir bereits eigenhändig zugefügt.
Wenn Sie mir also nichts anderes zu sagen haben?!“
„O doch! Nur sollte ich Sie meinem Auftrage gemäß erst schonend
vorbereiten. Und jetzt nehmen Sie Ihr Herz in beide Hände, Heino ...“