Es ging schon auf zwei Uhr nach Mitternacht, sie kamen aus dem Klub von
1898 und schritten quer über die Linden der stillen Wilhelmstraße zu.
Das Wetter war umgeschlagen, der linde Vorfrühlingsabend hatte sich
plötzlich wieder in kalten Winter gewandelt.
Vor einem alten Hause mit hohem Torbogen blieb Peter Brenitz stehen und
zog den Schlüssel aus der Tasche. In sein schmales Gesicht trat ein
eigentümlicher Ausdruck, halb Mitleid, halb zornige Verachtung.
„Na, gute Nacht, Kollege Bergkem, ich bin daheim! Und was nützt alles
Reden? Morgen abend schießen Sie sich ja doch ’ne Kugel vor den Kopf!“
„Donnerwetter noch mal, Brenitz“ -- der andere fuhr jählings zusammen
und schleuderte seine Zigarette in weitem Bogen auf die Straße -- „was
fällt Ihnen ein? Sie waren doch früher nicht so bösartig! Sind Sie
vielleicht plötzlich ein bißchen verrückt geworden?“
„Durchaus nicht! Sie haben heute Ihr letztes Geld verspielt. Morgen
fallen Sie glatt im Examen durch und am Abend, schätze ich, werden Sie
aus diesen beiden Prämissen die Schlußfolgerung ziehen!“
„Und das sagen Sie mir so brutal ins Gesicht?“
„Brutal?“ Peter kniff schmerzlich die Lippen zusammen. „Brutal dürfte
nicht ganz der richtige Ausdruck sein. Vielleicht ist es Trauer und
Zorn, daß ein Mensch von Ihren glänzenden Fähigkeiten und Anlagen
rettungslos einem so unrühmlichen Ende zusteuert.“
Der lange Heino hatte seine Fassung wiedergefunden und lachte spöttisch
auf:
„Ach nee! Dann hätte ich also Ihre düstere Prophezeiung gewissermaßen
als Ausdruck einer übertriebenen Wertschätzung aufzufassen? Aber
beruhigen Sie sich, gutes Peterlein, es stimmt nicht! Erstens verfüge
ich noch immer über etliche Reserven auf der Deutschen Bank --
entschuldigen Sie, daß ich mit meinen paar Däusern zur Konkurrenz
gegangen bin, ja -- und zweitens: Was wollen Sie wetten, daß morgen
der Herr Präses der Prüfungskommission sein Tintenfaß ergreift, um auf
meine stupenden Kenntnisse einen Hochachtungssalamander zu reiben?“
„Heino!“ Peter Brenitz war ganz entrüstet -- „das ist doch geradezu
frivol! Sie haben in den letzten Monaten ja kaum ein Buch aufgemacht!“
„Woher wissen Sie das so genau? Vielleicht habe ich zuweilen herzhaft
gebüffelt. Das heißt, was ich so büffeln nenne: Der eine braucht
mehr und der andere weniger, um im entscheidenden Augenblick die
hochwohllöbliche Prüfungskommission in Embarras zu versetzen. Im
übrigen aber trinken Sie das nächste Mal nicht wieder so viel
Selterswasser, wenn Sie mir beim Kartenspielen zusehen! Es bekommt
Ihnen nicht, Sie sehen hinterher Männerchen!“
Er lüftete lässig den glänzenden Zylinderhut über dem korrekt gezogenen
Scheitel und wollte sich zum Gehen wenden, der andere aber hielt ihn
ängstlich am Rockärmel fest.
„Heino?“
„Na, was denn noch?“
„Wollen Sie mir wenigstens versprechen, morgen nachmittag, wie es auch
ausgeht, zu mir zu kommen?“
Der lange Heino war wieder stehen geblieben und lachte auf. Aber es war
nicht mehr das harmlos lustige Lachen, wie in alten Zeiten ...
„Sagen Sie mal, Kleiner, das Kinderfrauspielen können Sie wohl immer
noch nicht lassen? Und womit verdiene ich eigentlich diese rührende
Fürsorge? Das bißchen Hedderei mit den Herren der Masovia -- Gott hab’
sie selig -- die Bonzen, und der Provisor trägt’s Ihnen, glaub’ ich,
heut’ noch nach, daß Sie ihn durch Ihre plötzliche Versetzung um die
feierliche Abschiedsrede gebracht haben -- ja also, das war alles doch
so unbeträchtlich?! Und Sie haben sich doch in so festlicher Weise
revanchiert, mit der prachtvollen Doppelbüchse, mit der jetzt Brigitte
daheim die Przygorower Böcke schießt?!“ ..
„Weil ... weil ...“ Peter griff nach seinem Klemmer und geriet vor
plötzlicher Verlegenheit fast ins Stottern, „also weil ich mir
persönlich die schwersten Vorwürfe mache. Hätte ich Sie nicht in
meinen Klub eingeführt, damals nach unserem Wiedersehen und dem
heftigen Frühschoppen, hätten Sie sich nicht so maßlos angeschossen.
Wenn ich alles zusammenrechne, haben Sie in diesen paar Monaten über
vierzigtausend Mark verloren, und so weit ich Ihre Verhältnisse zu
beurteilen vermag, übersteigt dieser Betrag in jeder Hinsicht die Ihnen
gezogenen Grenzen!“
Der andere hob spöttisch die schmale Oberlippe mit dem modisch
gestutzten Schnurrbärtchen.
„Er steigt sogar über den alten Turm auf meiner heimatlichen Klitsche.
Aber haben Sie Angst, ich mache Sie vielleicht im Sinne des mit Recht
so beliebten Bürgerlichen Gesetzbuches ersatzpflichtig?“
„Herr von Bergkem?!“ Peter schrie fast auf, in sein Gesicht trat eine
dunkle Röte. Und es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder ruhig
sprechen konnte.
„Sie hatten vorhin ganz recht, weshalb zerbreche ich mir eigentlich
Ihren Kopf? Gewarnt habe ich Sie oft genug. Wer es nicht aushalten
kann, soll nicht in einer Pokerpartie mitspielen, bei der man auf einen
einzigen Sitz ein kleines Vermögen verlieren kann!“
Heino von Bergkem machte scheinbar ein ernstes Gesicht.
„Worte der Weisheit, edler Jüngling, und wahrhaftig, man soll es nicht!
Vor allem aber nicht, wenn man, wie der ergebenst Unterfertigte,
permanent schlechte Karten kriegt. Aber da unsere philosophischen
Betrachtungen über die mangelhaften Einrichtungen der irdischen
Weltordnung -- ich finde es z. B. empörend, daß man beim Kartenspielen
zuweilen auch verlieren kann -- ja also, da unsere Betrachtungen doch
irgendein praktisches Ergebnis haben müssen: Pumpen Sie mir bis morgen
nach dem Examen dreihundert Mark! Ich lasterhaftes Individuum bin
nämlich noch nicht gestimmt, schon jetzt in die Baba zu gehen. Ich
möchte noch irgendwo einen Streifen Zigeunermusik hören und einige
junge Damen mit Sekt auffüllen, bis sie nicht mehr können. Das ist
dann immer sehr gemütlich, und ich finde, nichts bereitet so gut für
geistige Anstrengungen vor, als der gänzliche Stumpfsinn. Na, und wie
ist’s nun? Wollen wir uns wieder vertragen? Und kommen Sie mit?“
Peter zog seine Brieftasche.
„Ich bedaure, ich möchte lieber schlafen gehen!“
„Ah so, pardon, ich vergaß. Noch immer „inferiore Spezies des
Menschengeschlechts“, und Sie haben’s gut! Können sich ausschlafen, so
lange Sie lustig sind. Ich armes Huhn aber muß morgen früh ins Examen
steigen!“
Der lange Heino steckte die zusammengeknüllten Banknoten lässig in die
Westentasche, hob zwei Finger der Rechten an die Hutkrempe und ging
mit hallenden Schritten die stille Straße entlang. Peter Brenitz aber
sah ihm nach, bis die hohe Gestalt sich im Dunkeln verlor, und seufzte
schwer auf.
„Sagen Sie mal, Kleiner, womit verdiene ich eigentlich all diese
rührende Fürsorge?“ So oder ähnlich hatten die hochmütigen Worte
gelautet. Er aber hatte dabei gestanden wie ein auf verbotenem Tun
ertappter Schuljunge, statt frei und frank die Augen aufzuheben: „Sie
haben recht, Herr von Bergkem, an Ihrem Schicksal liegt wenig, wer so
frivol dahinlebt, ist wert, daß er zugrunde geht. Aber da unten tief
im Ostpreußischen sitzt ein Mädel, das mir teurer ist als mein eigenes
Herzblut, und dem stehlen Sie mit Ihrem bodenlosen Leichtsinn das
bißchen Leben! Und der Teufel hat Sie mir wieder in den Weg geführt,
ich hatte mich schon leidlich zurechtgefunden ... Verrückt, verrückt,
verrückt! ...“
Er schrak zusammen, denn von der anderen Seite der leeren Straße kam
der Widerhall seiner eigenen Worte zurück wie kicherndes Lachen aus
hämischen Mäulern. Ein Frösteln zog ihm über den Rücken, er schloß die
Haustür auf und stieg hastig die Treppe zu seiner Wohnung empor. Als
er aber wieder in seinem hellen Schreibzimmer saß unter den gütigen
Augen des Vaters, die von der Wand auf ihn herabsahen, fing er an zu
grübeln und zu überlegen, wie er dem in Bedrängnis geratenen Freunde
wohl helfen könnte, ohne sein empfindliches Zartgefühl zu verletzen ...
Sechs Monate waren es ungefähr her, seit er den langen Heino zum ersten
Male wiedergesehen hatte nach dem kurzen Abschiede auf dem Amtsgericht
in Stradaunen. Eines Mittags, als er in müßiger Stunde die Linden
entlang schlenderte, legte sich ihm von hinten eine Hand auf die
Schulter: „Tag, Brenitz, und wie geht’s denn immer, alter Kampfgenosse?“
Schon an der Stimme hatte er ihn wiedererkannt und wandte sich
in freudiger Ueberraschung um. Aber es war nicht mehr der lange
Heino von damals, mit den ein wenig schlaksigen Bewegungen und dem
gutmütig-lustigen Jungengesicht, sondern ein ausgewachsener Mann,
selbstbewußt und sicher, und um die früher so schalkhaften Augen ein
müder, verdrossener Zug ...
„Herr von Bergkem! Was führt Sie denn nach Berlin?“
„Das leidige Examen! Und sehen Sie mich nicht so verwundert an, man
kommt in die Jahre, wenn man das Tempo ein bißchen beschleunigt. Sie
sind in den zwei Jahren seit Stradaunen ja auch nicht viel jünger
geworden.“
Ein paar Minuten später stießen sie auf das frohe Wiedersehen an.
„Prosit, Herr von Bergkem!“
„Prost, Brenitz! Und, wenn ich bitten darf, nicht so förmlich. Wir sind
uns in der kurzen Zeit damals doch ein bißchen näher gerückt?!“
„Allerdings. Wenn ich mir also gestatten darf: Prosit, Heino!“
„Prost! Aber jetzt sagen Sie mal, Menschenskind, weshalb haben Sie in
den ganzen Jahren nichts von sich hören lassen? Immerzu hab’ ich auf
irgend ’ne Nachricht von Ihnen gelauert, aber nichts, nicht ein Wort,
nicht ’ne Silbe, na und da verstockte sich auch mein Herz. Ich dachte
schließlich, Sie hätten irgend ’was übelgenommen.“
„Aber durchaus nicht!“ Peter spielte verlegen mit seinem Glase und
stotterte ein paar dürftige Entschuldigungen. In der ersten Zeit wäre
er zu sehr in Anspruch genommen worden, dann aber hätte er befürchtet,
mit Berichten über sein Ergehen vielleicht nur lästig zu fallen.
„Unsinn!“ sagte der lange Heino, „Sie mußten es doch gemerkt haben, daß
wir Sie alle recht gern hatten. Und meine alte Dame hat mir viele Grüße
für Sie aufgetragen!“
„Herzlichen Dank! Und wenn ich fragen darf, wie geht es Ihrer verehrten
Frau Mutter?“
„Danke, so leidlich. Plagt sich auf Przygorowen und ist noch ein
bißchen weißer und hinfälliger geworden.“
„Und Ihrer Frau Schwester? ...“ Zu der Frage hatte er sich erst ganz
besonders sammeln müssen, um sich nicht nachträglich noch zu verraten.
Und der andere schien wirklich nichts gemerkt zu haben. Er runzelte die
Stirn und nahm einen hastigen Schluck.
„Frau stimmt nicht ganz. Immer noch Fräulein!“
Das Herz drohte Peter still zu stehen vor freudigem Schreck.
„Ja, aber! ... Wenn ich mich recht entsinne, war Fräulein Brigitte
damals doch verlobt?“
„Die Verlobung ist wieder zurückgegangen!“
„Was Sie sagen!“
Der lange Heino stürzte den Rest seines Glases hinab.
„Positiv auseinander und nicht mehr zu leimen! Wissen Sie, der große
Hanns aus Hellingenau war natürlich kein Säulenheiliger, trieb’s
vielleicht ein bißchen toller als die anderen. Ein forscher Kerl war
er, kein großes Kirchenlicht, aber, Du mein lieber Gott, „Burggraf von
Hellingen“ -- na, Sie haben ihn ja damals gesehen -- die Frauenzimmer
liefen ihm nach, und mit einer gab’s ein Unglück, sie ging ins
Wasser. ’ne kleine Gouvernante, die bei seinem Oberförster die Gören
unterrichtete ... zu blöd! Also die Sache wurde ruchbar, irgend so ein
vertrackter Dorfschulmeister schrieb sie der Hartungschen Zeitung, und,
bems, war das Unglück fertig! Es gab einen großen Skandal. Fräulein
Brigitte von Bergkem heulte sich erst ein paar Tage lang gründlich
satt, dann aber schickte sie einen reitenden Boten nach Hellingenau mit
’nem Brieflein, in dem der gräfliche Verlobungsring lag, eingewickelt
in ein paar geschwollene Redensarten. Und nichts war zu machen.
Die *Mutter* redete ihr zu, *ich* sprach ein paar deutliche, der
Veranlassung angemessene Worte, und der Hellingen, der Riesenkerl,
kniete vor ihr, weinte wie ein kleines Kind, schlug sich mit der groben
Ritterfaust gegen die Brust, schwor bei Tod und Teufel, er würde sich
bessern. Alles umsonst, Fräulein Brigitte stand da wie ein Bild aus
Stein, wandte sich schließlich mit ’ner Gebärde des Ekels ab und ging
langsam auf ihr Zimmer! Na, reden wir nicht mehr davon! Die Galle
steigt mir noch heute ins Blut, wenn ich nur daran denke.“
Es bedurfte gar nicht der Aufforderung, denn Peter hatte Mühe genug,
den Sturm zu meistern, der in seinem Innern losgebrochen war. Der Tor,
der er damals gewesen war. Der feige Narr, daß er sich versteckt hatte,
um still sich einem weichlichen und weibischen Wehgefühl hinzugeben,
statt die Faust auszurecken: „Hollah, hier steh ich! Und ich bin mehr
wert als Du, denn meine Hand ist rein!“ Die gütige Vorsehung, die ihm
bis dahin den Weg gewiesen, hatte ihm auch den Sieg bereitet. Der
andere verstrickte sich selbst in seiner häßlichen Unreinheit, er aber
war dem Kampfe feig ausgewichen ...
Der lange Heino saß mit finsterem Angesicht da, stürzte ein Glas Sekt
nach dem andern hinunter, und nach einer Weile fing er wieder an zu
sprechen.
„Sehen Sie, lieber Brenitz, Sie haben ja damals einen Blick in unsere
Verhältnisse getan: es ging höllisch knapp zu, kaum das standesgemäße
Sattessen war aus Przygorowen herauszuwirtschaften; jedes schlechte
Jahr aber brachte eine neue Hypothek auf das alte Dach. Und das sollte
mit einem Schlage anders werden, denn der Hellingen wollte unsere
zweitausend Morgen, für einen Phantasiepreis natürlich, zur Abrundung
seines Besitztums ankaufen. Wie früher schon immer die Hellingen, wenn
die Bergkems schlecht gewirtschaftet hatten, aber bei ihm war es was
anderes. Denn die letzte Bergkem trat ja in sein Haus. Die Mutter war
einverstanden, ich war einverstanden, denn was konnte uns Besseres
passieren? Die auskömmlichen Zinsen wären dagewesen, und ich hätte
ein großes Tier in der Verwaltung werden können, womöglich Minister.
Und lachen Sie nicht, denn was gehört dazu? Herkunft, Ehrgeiz, heller
Kopf mit dem Blick für das Notwendige und Unabhängigkeit von dreckigen
Sorgen. Die Zähne muß man zeigen können, wenn man sich durchsetzen
will, um Gottes willen nur keinen krummen Buckel -- der ist bloß für
die kleinen Geister gut! Alles also wäre vorhanden gewesen, und da
muß das Malheur passieren! Stellt sich hin, das kleine Freifräulein,
und spielt nicht mehr mit. Ein Mädel, das auf dem Land aufgewachsen
ist, bei uns in Ostpreußen. Will barmherzige Schwester werden, weil
der Zukünftige einen Rückfall ins alte Herrenrecht gehabt -- weiß der
Teufel, was ihr den Kopf verdreht hat. Na, also aus, erledigt. Ich
lern’ jetzt wieder auf Rechtsanwalt, weil’s zur Regierung natürlich
nicht langt, und zu etwas muß das große Mundwerk doch gut sein, zum
Geldverdienen! Na, prost, Brenitz, auf vergnügte Konkurrenz!“
Er hob sein Glas, und Peter tat mit zerstreuter Miene Bescheid. Sein
Herz war schon längst wieder unterwegs, gaukelte irgendwo herum am
schmalen Wiesenrain oder in einem alten Hause unter grünen Linden
... er glaubte zu wissen, was dem „kleinen Freifräulein den Kopf
verdreht hatte“, ein paar kurze Minuten auf der Diele der armseligen
Tagelöhnerwohnung standen ihm ja noch recht gut im Gedächtnis ...
Der lange Heino hatte eine neue Flasche bestellt, der zweiten folgte
eine dritte, als sie endlich aufstanden, hatten sie heiße Köpfe.
Weil sie sich aber noch nicht trennen mochten, faßten sie den Plan,
gemeinschaftlich ein Theater zu besuchen, nur Peter hatte noch
vorher in dem Klub, in dem er zu Mittag aß und seine Zeitungen zu
lesen pflegte, eine kurze Besprechung zu erledigen. Als er aus dem
Schreibzimmer trat und sich nach seinem Freunde umsah, saß dieser an
dem runden Tische der hohen Pokerpartie und spielte mit: einer der
Jeu- und Rennleutnants, der ihn von Königsberg her kannte, hatte ihn
eingeladen! Da machte Peter sich Vorwürfe, daß er nicht an Heinos
Leidenschaft gedacht hatte, aber das Unglück war einmal geschehen
und nichts mehr daran zu ändern. Nur ging’s diesmal noch glimpflich
ab, denn Heino gewann. Gewann unaufhörlich, und als er merkte,
daß die Karte gegen ihn zu schlagen begann, hörte er auf. Aus dem
gemeinschaftlichen Theaterbesuch war natürlich nichts geworden, als sie
wieder auf der Straße standen, ging es schon auf Mitternacht.
Peter faßte seinen Freund unter den Arm.
„Ich schätze, Sie haben heute abend gegen fünftausend Mark gewonnen.“
„Ein Endchen mehr, gegen sieben.“
„Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Heino?“
„Aber mit Vergnügen!“
„Niemals mehr da oben in den Klub hinaufgehen?“
Der lange Heino lachte hell auf.
„Nee, mein Jungchen, das wär’ ja blanker Unsinn. Ich gedenke unter den
Jünglingen da oben noch öfter ein Blutbad anzurichten! Keine Ahnung
haben die Kerle vom Pokerspiel, und ich wäre ein Narr, wenn ich diese
Chance auslassen wollte!“
Da seufzte Peter nur auf, verabschiedete sich mit kurzem Gruße. Und er
sah sich mit dem langen Heino noch manch liebes Mal hier unten stehen,
nur das Blättlein hatte sich gewendet ...
Zu Hause, als er allein zwischen seinen vier Pfählen war, wollte er
sich so recht von Herzensgrund freuen, die frohe Botschaft, die ihm
der andere gebracht hatte, still für sich genießen, ehe er seine
Entschlüsse faßte, aber der erste Rausch war verflogen, und das Grübeln
setzte wieder ein. Gewiß, die blonde Brigitte war frei, aber waren der
Hindernisse, die sie voneinander trennten, drum weniger? Hatte sich in
der Zwischenzeit vielleicht seine Herkunft verbessert, oder war er mit
einem Male ein in Kraft und Schönheit prangender Jüngling geworden,
dem die Frauenherzen auf den ersten Blick zuflogen? Wie sollte er’s
überhaupt anstellen, Brigitte wiederzusehen? Er konnte doch nicht
einfach nach dem alten Hause hinausfahren: Hier bin ich!? Und bitte,
gnädige Frau, gewähren Sie mir eine Zeitlang Gastfreundschaft, ich habe
die Absicht, mich um Ihr Fräulein Tochter zu bewerben!? ...
Also was frommte ihm da die Nachricht, die der lange Heino gebracht
hatte? Es gab nur Trübsal und Pein und neue Kämpfe zwischen der kühlen
Vernunft und dem heißen Herzen. Und mit wehem Lächeln sah er den
einzigen Weg, auf dem es vielleicht glücken konnte, die blonde Brigitte
zu erringen: Wenn sie eines Tages zu ihm hier in die Stube trat:
„Da bin ich! Und weil Du nicht zu mir kamst, mußte *ich* mich wohl
aufmachen, Dich zu suchen!“ ...
* * * * *
Von dem wolkenverhangenen Himmel schwebten zarte Schneesterne
hernieder, um auf dem im Laternenschein spiegelnden Asphalt zu
vergehen, ab und zu knarrte es in dem Wipfel einer überständigen
Eiche, wenn der Frühlingswind an die trockenen Aeste rührte, und von
ferne her kam der Atem der nimmer rastenden Riesenstadt. Ein dumpfes
Brausen, das sich in bestimmtem Rhythmus hob und senkte, wie Brandung
am Meeresufer, wenn der Wind die Welle in ewiger Wiederkehr ans flache
Gestade wälzt ...
Heino von Bergkem schritt unter den Bäumen des Tiergartens dahin, und
unter dem an sein Ohr dringenden Gleichklang formten sich ihm die
Gedanken ... verspielt, verlumpt ... mach Schluß, mach Schluß ...
Mit der Absicht, den Rest der Nacht in einem sinnlosen Gelage
zu vertun, war es ihm nicht rechter Ernst gewesen. Besser schon
mit ausgeschlafenem Kopfe ins Examen gehen, obwohl es ihm nichts
verschlagen hätte, bis zu der entscheidenden Stunde wach zu bleiben und
einigen Flaschen Sekt den Hals zu brechen. Sein eiserner Körper hatte
schon mehr ausgehalten, die Prüfung selbst aber erschien ihm nicht
mehr als eine überflüssige Zeremonie, nicht wert, sich darüber Sorgen
zu machen; zu allem Ueberflusse hatte er ja zuweilen ganz gründlich
gelernt, aber wenn sie glücklich bestanden war, was dann? ... was dann?
...
Als er sich von Peter Brenitz in der Wilhelmstraße trennte, war es
ihm noch gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen, was er eigentlich
verspielt hatte. Die Erregung vom Kartentische jagte ihm das Blut durch
die Adern, allerhand abgerissene Worte schwirrten ihm ans Ohr ... ich
passe ... ich öffne ... drei Karten, bitte ... noch fünfzig besser
... und noch fünfzig ... Spielkombinationen bildeten sich in seinem
Hirn, drei, vier hohe Karten standen gegeneinander, er aber hatte die
allerhöchste und gewann ... gewann ohne Unterlaß wie damals an jenem
ersten Abend. Und die Gewinne Nacht für Nacht häuften sich zu einem
riesigen Vermögen, mit all dem mühelos erworbenen Gold aber kaufte er
alles Land zurück, auf dem einstmals die Bergkems gesessen hatten. An
dem Platze des alten Gemäuers, auf dessen moosgrünem Dache die Schulden
sich häuften, erhob sich ein schimmernder Palast, leuchtete weit in die
Lande hinaus als ein Wahrzeichen seines, im neuen Glanze aufblühenden
Geschlechts ...
So ging er mit weit ausgreifenden Schritten dahin, schlug mit dem
Stocke zuweilen einen sausenden Lufthieb, bis ihn ein unvermutetes
Geräusch unter den nachtdunkeln Bäumen zusammenfahren ließ. Ein
Waldkauz hatte im Schlafe aufgeschrien, oder das Gesindel, das
vielleicht im Buschwerk neben ihm strich, gab sich ein Zeichen. Da
blieb er stehen und sah sich um. Furcht kannte er keine, aber der aus
dem Spielertraume geborene Rausch war vorüber, die nackte Wirklichkeit
grinste ihn an. Vierzigtausend bare Mark hatte er in diesen kurzen
sechs Monaten verspielt, und das Fürchterlichste: diese vierzigtausend
Mark gehörten nicht ihm. Unter allerhand Vorspiegelungen hatte er die
Mutter dahin gebracht, ihm das sichergestellte Erbteil der Schwester
auszuliefern. Wie ein von allen guten Geistern Verlassener hatte er
in seinem Wahne gehandelt, von einem Tage zum andern gehofft, das
Verlorene wieder einzuholen, aber das Glück war eine feile Metze,
verkaufte sich denen, die den größten Geldbeutel hatten. Und als er
sich zu einem letzten Schlage sammelte, in einer Art von Aberglauben
den Tag vor dem Examen auswählte, um noch einmal sein Heil am
Spieltische zu versuchen, hatte es eine geradezu verhängnisvolle
Niederlage gegeben. Ehe er eigentlich recht zur Besinnung kam,
waren die letzten dreitausend Mark fort, über die er noch verfügen
konnte, und in nicht allzu langer Frist zweitausend dazu, die er,
unter Verpfändung seines Wortes, von dem vorsichtigen Klubkassierer
entliehen hatte. Ohne diese im Spielerwahn eingegangene Verpflichtung
wäre es vielleicht noch weiter gegangen, man hätte sich eben
eingeschränkt und unter Sorgen und Entbehrungen die ersten paar Jahre
nach dem Examen krumm gelegen, bis mit der wachsenden Praxis bessere
Zeiten kamen, aber diese eine Schuld stand wie eine unübersteigbare
Mauer vor allen guten Vorsätzen. Alle irgendwie verfügbaren
Hilfsquellen waren erschöpft, und morgen abend waren zweitausend Mark
fällig, die er zahlen mußte, wenn er nach allen landläufigen Begriffen
nicht als ein Ehrloser herumlaufen wollte.
Viel nichtswürdiger aber noch der Augenblick, wenn er mit der
Schamröte in den Wangen vor Mutter und Schwester hintreten mußte mit
dem Bekenntnis: Ich hab’ Euch hintergangen, Euer Vertrauen schmählich
getäuscht ... Also aus und erledigt. Ein Abenteurer hatte um Glück und
Ehre gewürfelt und hatte verloren, verkroch sich am Straßenrain und
machte ein rasches Ende ...
Leise Rufe und Zeichen kamen aus dem Dunkel, lichtscheues Gesindel
sammelte sich auf der Straße und zog einem Ziele zu, einem Knäuel
von Menschen, aus dessen Mitte erregtes Schreien und Kreischen und
Streiten drang. Ein elegantes Privatautomobil, dessen Steuerung
wohl versagt hatte, war über die Straßeneinfassung geraten, lag mit
zertrümmerten Scheiben halb zur Seite, und der Chauffeur zankte mit
einem langen Kerl, der drohend eine Entschädigung forderte, weil er
angeblich samt seiner Braut von dem unsinnig daherrasenden Ungetüm
beinahe überfahren worden wäre. Der lange Heino trat näher heran. Das
war ein Spektakel nach seinem Herzen, im Nu waren all seine finstern
Gedanken verflogen ...
Im Innern des Wagens kauerten ein paar Damen, halb ohnmächtig vor
Schreck und Furcht, der Chauffeur beteuerte seine Unschuld, schrie
dazwischen laut nach einem Schutzmann, das Gesindel aber johlte und
strich herum, wie eine Schar hungriger Wölfe. Die Damen da in dem Wagen
trugen kostbares Pelzwerk und darunter blitzendes Geschmeide, wenn der
aufgeregte kleine Kerl in Livree noch ein Weilchen weiter schrie, war
wirklich kein Schutzmann in der Nähe ... im Augenblick konnte alles
vorüber sein, man hatte mit gierigen Händen zugegriffen, zerstreute
sich wieder im schützenden Dunkel ...
Schon faßte einer nach dem Wagenschlag, die anderen drängten näher
heran, da stand der lange Heino plötzlich zwischen ihnen, mit den
Händen in den Paletottaschen und sagte ganz gemütlich:
„Erlauben Sie, meine Herrschaften, ich möchte auch gern von der Partie
sein! Aber, ehe wir uns weiter unterhalten, ersuche ich Sie höflichst,
ein paar Schritte zurückzutreten.“
Einen Augenblick lang gab es ein kurzes Stutzen, dann drängte sich der
Kerl vor, der angeblich beinahe überfahren worden war, ein Frauenzimmer
schrie irgendwoher aus der Menge ein gellendes Wort, das wie ein
Peitschenhieb klang, eine Klinge blitzte im Laternenschein, da schlug
der lange Heino zu, mitten zwischen ein Paar tückisch blickende Augen.
Lautlos sank der Kerl zu Boden, der nächste flog wie ein Sturmklotz
gegen den feststehenden Ring, noch ein paar gewaltige Maulschellen
sausten wahllos nieder, schreiend und kreischend stob das Gesindel
auseinander. Und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand ein
Schutzmann da, schnob mächtig gegen einen zerlumpten Strolch, der aus
der Nase blutete, schrie den anderen an, der sich am Boden krümmte,
und trillerte schließlich heftig auf einer schrillen Signalpfeife.
Da mußte Heino unwillkürlich laut auflachen. Er lüftete höflich den
Zylinder und verneigte sich:
„Verehrter Herr Wachtmeister, Ihr zielbewußtes Auftreten läßt mich
vermuten, Sie haben schon eine ganze Weile lang Gelegenheit gehabt,
sich über die Schuldfrage bei diesem Renkontre ein zuverlässiges Urteil
zu bilden. Bitte, nehmen Sie sich also auch der beiden Damen an, ich
hab’s eilig, muß wieder ins Städtchen zurück!“
Der Schutzmann hatte eine grobe Erwiderung auf der Zunge, aber der
lange Herr da im Zylinder sah ihm stark nach einem Offizier in Zivil
aus, und da war es geratener, den Mund zu halten. Ein leeres Mietsauto
kam vorübergefahren, er hielt es mit lautem Zurufe an und geleitete die
verängstigten Damen mit der beruhigenden Versicherung über die Straße,
daß ihnen unter polizeilichem Schutz nun nichts mehr geschehen könnte.
Die kleinere der beiden Damen, ein junges Mädchen mit blassem Gesicht
und dunklem Haar, blieb an dem Schlage des Mietsautos stehen und sah
sich suchend um, aber von dem mannhaften Retter, der im Augenblicke
der höchsten Gefahr furchtlos eine ganze Horde von Strolchen in die
Flucht gejagt hatte, war nichts mehr zu erblicken.
Nachdem Heino gesehen hatte, daß auf den schrillen Ruf der Signalpfeife
vom Großen Stern her ein paar blinkende Schutzmannshelme auftauchten,
wandte er sich ab und ging rasch den Weg zurück, den er gekommen
war. Dafür, daß die beiden Damen ungefährdet ihr Heim erreichten,
war gesorgt, und mit allen Weiterungen wie Zeugenvernehmungen oder
gar einer Gerichtsverhandlung mochte er nichts zu tun haben. Am
allerwenigsten aber mit gerührten Danksagungen, nachfolgender Einladung
zum Mittagessen und vielsagendem Händedruck des Herrn Papas: „Herr
Baron, meine Frau hat mir alles erzählt, meine Tochter träumt bei Tag
und Nacht von ihrem heldenmütigen Lebensretter, falls wir uns also
irgendwie revanchieren können, bitte ich voll und ganz über uns zu
verfügen ...“ Und er darauf: „Sie haben ganz recht, Herr Kommerzienrat,
es war schon lange mein Wunsch, Ihr Fräulein Tochter kennen zu lernen,
und eigens zu diesem Zwecke hab ich ihr gestern nacht im Tiergarten
aufgelauert. Also pumpen Sie mir mal vorläufig zweitausenddreihundert
Mark, die ich heute abend auf _Parole d’honneur_ zurückzahlen muß. Das
übrige, was ich sonst noch schuldig bin, können wir ja später von der
Mitgift abziehen.“
Er lachte grimmig auf und schob den Hut aus der erhitzten Stirn.
So hätte es kommen können, ohne allzu ausschweifende Phantasie. Er
hätte vielleicht nur an den Wagenschlag zu treten brauchen: „Gestatten
Sie, meine Damen, Freiherr von Bergkem! Und darf ich mir erlauben,
Sie zu Ihrer Wohnung zu begleiten?“ Alles übrige entwickelte sich
dann von selbst, wie in dem Programm, das ihm vor Monaten einmal
eine würdige Frau unterbreitet hatte, die ihn nachmittags in seiner
Wohnung überfiel. „Wirklich und wahrhaftigen Gott, Herr Baron, die
junge Dame ist rasend in Sie verliebt. Sie brauchen sich auf dem
Donnerstagskränzchen nur vorstellen lassen, durch mich natürlich, und
alles übrige ist Formsache. Fünfmalhunderttausend bar, die Terrains
von dem seligen Vater her -- wissen Sie, Herr Baron, er war bloß ein
einfacher Rixdorfer Oekonom, aber sonst ein ganz anständiger Mensch,
und wo er glücklich tot ist, kann er ja überhaupt nicht mehr störend
wirken -- ja also, die Terrains gar nicht gerechnet.“
Da hatte er scheinbar ganz ernsthaft zugehört und mit dem Kopfe
genickt: „Hochverehrte gnädige Frau, es schmeichelt mir ungemein, daß
ich der unbewußte Gegenstand einer so plötzlichen und heftigen Liebe
bin. Leider liegt mir aber schon von anderer Seite ein ernsthaftes
Kaufangebot vor, von dem hiesigen Anatomischen Institut, dessen Leiter
durchaus und für siebenundzwanzig Mark fünfzig meinen Kopf von innen
studieren will. Sie werden einsehen, daß ich diesem Offert den Vorzug
geben muß, denn einmal handelt sich’s dabei nur um meinen Leichnam,
und zweitens interessiert es mich lebhaft, ob ich zu Lebzeiten nicht
vielleicht ein bißchen verrückt gewesen bin. Bitte, empfehlen Sie mich
Ihrer scharmanten Rixdorferin, und es täte mir leid, wenn ihr nun das
Herz brechen sollte. Aber Gottes Wege sind wunderbar, vielleicht wird
sie wieder gesund und findet einen anderen Baron, der sich schon bei
lebendigem Leibe verkauft“ ...
So hatte er damals gesprochen und, als die würdige Dame an der
scherzhaften Abweisung nicht genug hatte, seiner Wirtin geklingelt. So
niedergebrochen war er denn doch noch nicht, damals nicht und heute
nicht, daß er sich verschachern ließ, nur um das Leben zu fristen.
Selbst und mit eigener Hand gedachte er sich Schicksal und Glück zu
schmieden. Was war denn Großes geschehen, daß er sich mit allerhand
finsteren Gedanken trug? Er hatte kein Geld und sollte morgen abend
zweitausend Mark zurückzahlen, die er heute auf Ehrenwort entliehen
hatte! Nach dem Examen sah die Welt ganz anders aus. Wozu gab es denn
Wucherer in Berlin, die auf Nimbus und Namen Tausende borgten? Oder
noch besser, man erschlug den filzigen Onkel Reineke mit einem größeren
Pumpe, trotzdem man mit ihm in arger Feindschaft lebte. Setzte ihm so
lange zu mit gleißnerischen Worten, spielte wohl auch den reumütigen
Sünder, bis er widerstrebend und laut jammernd den Geldbeutel auftat.
Dann aber zog man unter das wilde Leben einen dicken Schlußstrich,
verlegte sich auf die Arbeit und zeigte all dem mittelmäßigen Volk, das
an den Berliner Gerichten sein Wesen trieb, den Herrn und Meister.
Warmer Brodem schlug ihm entgegen, Zigarettenqualm, Lärm und fiedelnde
Musik; der dicke Wirt des Nachtlokals in der Jägerstraße begrüßte ihn
mit vertraulicher Freundlichkeit auf der Schwelle. „Hab’ die Ehre, Herr
Baron, ein feines Platzerl ist noch frei in der Lauben, und alles ist
da, nicht wie bei armen Leuten!“ Ein schlankes Mädel in Balltoilette
und riesigem Federhut schrie auf: „Der lange Heino ist da, Kinder,
jetzt gibt’s Schampus,“ die Musik, mit der näselnden Ziehharmonika an
der Spitze, schwenkte aus dem neuesten Operettenschlager mit kurzem
Uebergang in seine Lieblingsmelodie, die schmachtende Weise der Paloma.
Er aber stand da, den Zylinder im Genick und lachte. Kein Mensch sah
ihm an, daß er vor einer knappen Stunde drauf und dran gewesen war,
Schluß zu machen ... Blödsinn! Dazu war es immer noch Zeit, wenn alle
Straßen, die nach oben führten, verrammelt waren. Heute lebte er
noch. Wie ein Stück Borstenvieh, das sich im Schlamm wälzte, aber er
lebte, und aus der mit lärmendem Leichtsinn erfüllten Luft wehte ihn
etwas Aufreizendes an. Nicht umsonst floß ihm polnisches Blut in den
Adern von jenem Grafen Przygorowski her, der in der Nacht vor seiner
Hinrichtung auf dem Marktplatze von Thorn sich die Marketenderin
ausgebeten hatte und den Stückpfeifer des Regiments ..
Der Sekt perlte in den Gläsern. Drei, vier Mädel drängten sich an
Heinos Tisch. Er griff in die Westentasche und warf die letzten blauen
Scheine auf den Tisch: „Da, Kinder! Zwei sind für Euch, teilt sie
schwesterlich, der dritte wird vertrunken!“
„Heino,“ schrie die eine, „hast Du einen totgeschlagen?“
„Beinahe,“ sagte er lachend, „und hätte nicht viel gefehlt, mich
selber! Aber trinkt, Kinder, es gilt einen Abschied, so oder so ...
Nach unten oder oben, das wird sich morgen erweisen!“
Die anderen Mädchen taten fröhlich Bescheid, aber eine Blondine mit
sanften Augen zog ihr Glas zurück.
„Lacht nicht, der hat etwas vor. Ich hab’ schon mal mit einem
zusammengesessen, der sein letztes Geld verteilte. Fünf Minuten darauf
zog er einen Revolver ’raus und schoß sich, bums, vor den Kopf!“
„Beruhigen Sie sich, meine Gnädigste,“ erwiderte Heino mit einem
trockenen Auflachen, „ich bin viel zu edel veranlagt, um Euch, arme
Würmer, im Vergnügen zu stören. Ich pflege mich immer im Tiergarten
totzuschießen, möglichst zur Nachtzeit und ohne Beunruhigung
harmloser Spaziergänger. Bei meinem fünfundzwanzigsten Jubiläum hoffe
ich sehr stark auf eine öffentliche Belobigung von seiten des Herrn
Polizeipräsidenten. Kellner, zahlen!“
Er ließ sich in der Garderobe Hut und Mantel reichen und ging auf die
Straße. Ein jäher Ekel war ihm aufgestiegen und stand ihm wie ein
Knäuel im Halse. Er drückte den Hut ins Gesicht und schritt hastig
durch das schwärzliche Gewimmel der Friedrichstraße seiner Wohnung zu.
Es war wirklich an der Zeit, mit diesem Luderleben ein Ende zu machen,
so oder so ...