Peter Brenitz fuhr allein nach Hause, denn Heino hatte ihm erklärt,
er müßte seines geplanten Finanzgeschäftes wegen mit der Gräfinmutter
von Hellingen noch ein kräftiges Wörtlein im Vertrauen reden. Herr
Meltzer drehte den Motor an, noch ein Winken und Grüßen, und der schöne
Nachmittag in dem gastlichen Hause unter den grünen Lindenwipfeln
war zu Ende. Als Peter im Hoftor sich noch einmal umwandte, war die
Freitreppe leer, nur an einem Fenster der weiten Halle leuchtete noch
ein bläulicher Schimmer ...
Aber das mochte vielleicht nur eine Einbildung sein, die ihm seine
kurzsichtigen Augen vorspiegelten, oder sein von Glückseligkeit
übervolles Herz ...
Da legte er sich im Wagensitze zurück und kostete in der Erinnerung
alles noch einmal durch, was sich an diesem gesegneten Nachmittage
zugetragen, von dem Augenblicke an, da er sie dort drüben auf dem
schmalen Wiesenraine erblickt hatte, bis zu der flüchtigen Sekunde, in
der sie ihm die kleine Hand zum Abschiede reichte. „Kommen Sie recht
bald wieder, lieber Herr Brenitz,“ hatte sie gesagt und ihn freundlich
angesehen, die blonde Brigitte. Nun wohl, das sollte geschehen, denn
jede Minute, die er fern von ihr verbringen mußte, erschien ihm ein
Raub an dem ihm zukommenden Glücke.
So träumte er glückselig vor sich hin, indes ihn der rasche Wagen
den Weg zurückführte, den er am Nachmittag an der Seite des Freundes
gegangen war. Himmelhoch ragten die grauen Stämme der Tannen empor,
zwischen sandigen Hügeln wuchs dürftiges Wacholdergestrüpp, und über
dem blauen Spiegel des Sees stand die abendliche Sonne, nur schien
ihm das Bild der Landschaft gegen sonst ganz eigentümlich verändert.
Alles rings um ihn her war viel farbiger und bunter geworden, noch nie
glaubte er ein so prächtiges Blau, ein so leuchtendes Grün gesehen zu
haben, als hier auf Schilf und Wasser, und noch niemals war es ihm
aufgefallen, welche verschwenderische Pracht von Glanz und Gold die
liebe alte Sonne über Wald und See zu streuen vermochte. Wohin ihr
Strahl auch traf, überall ergleißte es von Purpur und Gold, bis ihm mit
einem glücklichen Lächeln einfiel, daß diese Veränderung vielleicht
an seinen Augen läge ... Und grüßend flogen seine Gedanken zu der
Einzigen, Herrlichen zurück, die ihn zu neuem Leben erweckt hatte ...
Als er vor der Veranda des Grand Hotel de Russie ausstieg, um sich für
den „gemütlichen Familienabend“ bei Amtsgerichtsrats in den schwarzen
Rock zu werfen, gab er seinem braven Wagenlenker einen übermütigen
Klaps auf die Schulter.
„Na, Meltzer, wie gefällt’s Ihnen hier im Städtchen?“
„Bedeutend, Herr Doktor! So ’ne Station ha’ck mir schon lange immer
jewünscht. Stullen, wie Holzpantinen so jroß, un det Fleesch scheint
hier ooch mächtig billig zu sein!“
„Na und sonst? Haben Sie auch schon wieder ’ne Braut?“
„Ick schwanke noch, Herr Doktor! De Mächen sind alle hier durch de Bank
so sauber und appetitlich, det ick mir for ’ne einzelne noch nich hab
entschließen können. Immer jefällt mir ’ne andere besser, und vorläufig
lieb ick se alle mitenander!“
„Dann beeilen Sie sich aber, Ihre Wahl zu treffen,“ sagte Peter
lächelnd. „Denn wie steht’s geschrieben? Es ist nicht gut, daß der
Mensch allein sei!“
Damit begab er sich ins Haus, Herr Meltzer aber blickte ihm mit einiger
Verwunderung nach. So aufgeräumt und lustig hatte er seinen Herrn
noch niemals gesehen. Und mit einem Male kniff er das rechte Auge ein
und pfiff vergnügt vor sich hin: „Hast’s endlich auch gemerkt, daß
zweierlei Menschen auf der Erde wohnen?“ Nur wußte er nicht recht,
an welcher der beiden jungen Damen, die er so behutsam hatte fahren
sollen, sein Herr Feuer gefangen hatte, an der schlanken Zierlichen
im hellblauen Kleid oder der Großen mit dem weißblonden Haar. Eins
aber schien ihm auf jeden Fall sicher, daß er ihn noch manch liebes
Mal von diesem Gutshofe abholen würde, dessen vertrackten Namen kein
anständiger Christenmensch richtig aussprechen konnte ...
* * * * *
Bei Amtsgerichtsrats ging es hoch her. Die beiden Vorderzimmer
erstrahlten im festlichen Lichte mehrerer Lampen, die Frau Rätin, eine
stattliche Dame mit einem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und dunkeln
Augen, hatte ihre vollen Formen in das Schwarzseidene eingezwängt,
Fräulein Trudchen aber prangte in Rosa, weil ihrem brünetten Teint
diese Farbe bei Abendbeleuchtung am besten zu Gesichte stand. Die sechs
jüngeren Geschwister aber mußten in den Hinterzimmern bleiben, um
den Gast nicht durch ihre große Zahl zu erschrecken und der ältesten
Schwester keine unziemliche Konkurrenz zu bereiten.
Als Peter gegen halb neun in Gehrock und Zylinder erschien, empfing
er den wohltätigen Eindruck eines wenn auch bürgerlich-einfachen, so
doch harmonischen Familienlebens, und auch hier war die Begrüßung eine
ausnehmend herzliche. Die Frau Rätin, die zur Erklärung ihrer harten
Aussprache des Deutschen bemerkt hatte, sie wäre eine geborene von
Zuchopolska aus dem alten Woiwodengeschlechte derer von Zuchopolski aus
der Gegend von Grajewo, lud Peter neben sich aufs Sofa, und als sie in
der üblichen Pause vor Tisch auf Befragen erfahren hatte, er besäße
weder Vater noch Mutter mehr, schlug sie bedauernd die fleischigen
Hände ineinander.
„Arrmer Herr Brenitz! Wie tun Sie mir leid, namentlich weggen Ihrer
Frau Muter! Nun denn kommen Sie nurr recht oft, auch onne Einladung,
und wenn Ihnen zumute ist, Ihr Cherz auszuschüten, hier ist iemer
Platz!“ Dabei legte sie ihre Rechte auf den umfangreichen Busen und
sah ihn mitleidig an, Fräulein Trudchen aber schüttelte ihm mit einem
gefühlvollen Aufleuchten ihrer braunen Augen die Hand.
Und Peter bedankte sich herzlich, versprach, von der gütigen
Aufforderung ausgiebigen Gebrauch zu machen. Am liebsten hätte er’s
gleich schon getan, denn während des Umkleidens hatte er es als einen
schmerzlichen Mangel empfunden, daß er es bisher verabsäumt hatte,
sich darüber zu unterrichten, wie ein junger Mann in seiner Lage sich
zu der Angebeteten seines Herzens wohl zu verhalten hätte; ob es zum
Beispiel angängig wäre, der Baronesse Bergkem am nächsten Morgen einen
schönen Blumenstrauß zu schicken, oder ob ihm diese Sendung als eine
unziemliche Voreiligkeit ausgelegt werden könnte. Für die Entscheidung
solcher und ähnlicher Fragen besaß er ja jetzt, Gott sei Dank, eine
Stelle von sicherem Taktgefühl. Nur schien es ihm schicklich, die
Erkundung erst nach Tisch vorzunehmen.
Die Köchin erschien in der Tür des Eßzimmers: „Frau Amtsgerichtsrat,
es is angerichtet“, und Peter durfte der alten Dame den Arm bieten,
während Fräulein Trudchen mit ihrem „lieben Papichen“ den Beschluß
machte.
Bei Tisch fragte sie ihr Gegenüber, was er in all diesen langen
Tagen seit ihrer ersten Begegnung getrieben hätte, und jetzt wurde
Peter mit einem Male beredsam. Von den ungemütlichen Stunden seiner
Erkältung sprach er aus naheliegenden Gründen nur wenig. Denn über
das Duell hatten alle Beteiligten strengstes Stillschweigen gelobt,
um so länger aber verweilte er bei der Schilderung seines Besuches
im Schlosse Przygorowen. Er rühmte die gastliche Aufnahme, die er
dort gefunden hätte, erzählte von dem Besuche der Familie Hellingen,
dem von Brigitte erlegten Rehbocke und dem kleinen Bübchen, das er
ins Haus getragen. Alles bunt durcheinander, aber für jeden schärfer
Aufmerkenden wand sich ein leuchtender Faden hindurch, an dem sich all
seine Schilderungen aufreihten: der Name Brigitte!
Als er endlich aufhörte, war die bis dahin so gemütliche Stimmung
entschwunden. Die Frau Rätin bemerkte mit einer gewissen Schärfe, sie
legten auf den Verkehr mit den adligen Häusern der Umgegend keinen
Wert, wegen allzugroßer Verschiedenheit der geistigen Interessen,
und Fräulein Trudchen fragte spitz: „Finden Sie die Baroneß Bergkem
wirklich so blendend?“ Nur der Herr Rat hatte ihm freundlich zugehört,
und wenn er seine Gattin anblickte, huschte über sein müdes Amtsgesicht
ein ironisches Lächeln ... Da wandte Peter mit seiner Antwort sich
natürlich an ihn.
„Nun, „blendend“ dürfte wohl kaum der richtige Ausdruck sein für dieses
herrliche, mit allen äußeren und inneren Vorzügen geschmückte junge
Mädchen! Ihren eigentlichen Reiz, ihr anmutiges und sanftes Wesen
entfaltet sie doch erst bei näherer Bekanntschaft.“
„Darüber habe ich leider kein Urteil, Herr Kollege,“ sagte der Herr
Amtsgerichtsrat, und mit einem Blicke auf seine Tochter fügte er
hinzu: „Na also! Nun spielt noch Euren Chopin, und na ja ...“ Der Rest
erstarb in einem unverständlichen Brummen. Fräulein Trudchen aber bat
um Entschuldigung, sie hätte mit einem Male Kopfweh bekommen, wäre für
Chopin auch heute nicht in der Stimmung.
Da fragte sich Peter, ob er wohl die Ursache dieses plötzlichen
Umschlages wäre, und nicht ohne Beschämung mußte er sich eingestehen,
daß er sich recht unschicklich benommen hätte, als er vor den Ohren
dieses liebenswürdigen, aber häßlichen Mädchens die Schönheit einer
anderen pries. Er hätte sie gerne um Verzeihung gebeten, aber die
rechten Worte wollten sich nicht einstellen. Schließlich gab er’s
auf. Vielleicht bot sich in den nächsten Tagen dazu noch einmal die
Gelegenheit.
Von nun an schleppte sich die Unterhaltung nur recht langsam hin, und
als der Herr Amtsgerichtsrat erklärte, er hätte am heutigen Tage eine
zwar sehr interessante, aber recht anstrengende Sitzung gehabt, hielt
Peter die Zeit für gekommen, sich mit kurzem Abschiede zu empfehlen.
Fräulein Trudchen leuchtete ihm die Treppe hinab, unten aber, vor dem
großen Tor des Amtsgerichts, blieb sie zögernd stehen.
„Ich möchte Ihnen gerne noch etwas sagen, Herr Brenitz, aber Sie werden
es mir sicherlich mißdeuten ...“
„Wie sollte ich wohl,“ erwiderte er, „denn ich habe doch gesehen, daß
Sie es gut mit mir meinen?“
„Nun denn: Fahren Sie nicht mehr nach Przygorowen hinaus, denn ich
vermute nach allem, was ich von Ihnen und auch sonst gehört habe, Sie
werden dort eine wenig beneidenswerte Rolle spielen. Vor allem aber
trauen Sie einem nicht, der immer so tut, als wenn er sein Herz auf der
Zunge trägt! In Wirklichkeit ist er falsch wie Galgenholz.“
„Mein liebes Fräulein,“ sagte Peter erregt, „Sie scheinen mit echt
weiblichem Scharfsinn erraten zu haben, was in meinem innersten Herzen
vorgeht. Sie werden es mir daher nicht verargen, wenn ich Sie bitte,
ganz rückhaltlos zu sprechen?“
Fräulein Trudchen schüttelte den braunen Lockenkopf.
„Das kann ich nicht. Ich will nicht haben, daß es heißt, ich klatsche.
Aber weil ich’s mit Ihnen besser meine als mit anderen, sag’ ich Ihnen
das eine noch: Ein Keil treibt den anderen. Wenn der erste nicht mehr
will, wird manchmal der zweite hinterhergesetzt. Denken Sie darüber
nach, und in vier Wochen werden wir uns sprechen, ob ich recht hatte.
Gute Nacht, Herr Brenitz!“ Sie blies das Licht aus und huschte eilig
die Treppe hinauf.
Peter Brenitz aber schritt nachdenklich durch die dunkeln Gassen seiner
Wohnung zu. Ein bitterer Tropfen war in sein junges Glück gefallen,
und dem übermütigen Rausche war eine leichte Ernüchterung gefolgt.
Wenn man sich’s recht überlegte, konnte die Warnung doch nur den einen
Sinn haben, daß er in Przygorowen dazu benutzt werden sollte, als ein
scheinbar ernsthafter Bewerber den jungen Grafen von Hellingen zur
Eifersucht zu stacheln und zu raschem Entschlusse zu drängen. Wenn man
so wollte, konnte man fast jedes Wort, das am Nachmittage gefallen
war, in diesem Sinne deuten, von Heinos Bestreben an, ihn im Hause der
Gräfinmutter einzuführen, bis zu Brigittes Abschiedsgruß: „Kommen Sie
recht bald wieder, lieber Herr Brenitz!“ Und jetzt entsann er sich ganz
deutlich, daß der junge Graf dazu ein seltsam finsteres Gesicht gemacht
hatte ...
So grübelte und sann er noch einmal den Geschehnissen des Nachmittags
nach. Plötzlich aber richtete er sich straff auf, schüttelte mit dem
Kopfe und sprach laut vor sich hin: „O nein!“ Wenn ihn hier sein
erstes Empfinden trog, hätte er ja an allem verzweifeln müssen, was
ein Menschenleben erst lebenswert machte, an Liebe, Freundschaft und
Vertrauen! So viel Menschenkenntnis traute er sich denn doch noch zu,
um zu unterscheiden, was ehrlich war und was falsch, ein Edelmann
vom Schlage des langen Heino Bergkem schmeichelte sich nicht in sein
Vertrauen, um ihn hinterlistig zum Werkzeug seiner eigensüchtigen
Pläne zu gebrauchen! Und mit einem Male lachte er hell auf, denn er
glaubte des Rätsels Lösung gefunden zu haben, nur dünkte es ihn im
Augenblicke schnurrig, daß er einem fremden jungen Mädchen ein Gefühl
der Zuneigung eingeflößt haben sollte. Aus Eifersucht hatte des Herrn
Amtsgerichtsrats Töchterlein ihm die dunkle Warnung angedeihen lassen,
aus schnöder Eifersucht, und daher erklärte es sich auch, daß sie in
ihren Worten wenig wählerisch gewesen war. „Falsch wie Galgenholz“
hatte sie den langen Heino genannt!
So ging er fröhlich dahin, bis aus dem Lachen plötzlich ein kurzes,
wehes Aufschluchzen wurde: War es eigentlich nicht noch viel
schnurriger, als selbstverständliche Voraussetzung all seiner Gedanken
und Träume eine durch nichts bewiesene Annahme zu stellen? Die Annahme,
daß die stolze Brigitte von Bergkem sich in ihn ebenso verliebt haben
sollte wie er in sie ...
Er hatte die Absicht gehabt, den Rest des Abends am runden Stammtische
der Masovia zu verbringen, weil er hoffte, dort noch vielleicht den
aus Przygorowen heimgekehrten Heino zu finden. Jetzt aber ging er an
dem dienernden Herrn Kalinski vorüber nach oben und setzte sich still
in seinem Schreibzimmer ans offene Fenster.
Ein schwüler Hauch wehte vom Marktplatze her. Lautes Gelächter kam
irgendwo aus dem Dunkel und gleich danach lustiges Aufkreischen einer
Mädchenstimme. Das Jungvolk des Städtchens trieb vor den Haustüren
sein uraltes verliebtes Possenspiel, er aber saß einsam mit wehem
Herzen. Er hatte wieder nüchterne Augen bekommen und sah die Welt,
wie sie war. Und da hob sich zwischen ihm und der Liebsten eine Mauer
so hoch wie der Himmel, und dahinter ein Abgrund tief wie das Meer
... Der Bruder Leichtfuß hätte wohl mit lachendem Munde zum Sprunge
angesetzt, er aber fühlte den Stein am Bein und gab das Wagnis auf ...
Vielleicht daß es gegangen wäre, wenn die auf der anderen Seite ihm die
Hand entgegengestreckt hätte, aber war es nicht töricht, auf ein paar
freundliche Worte so verwegene Hoffnungen zu setzen? ...
So saß er im Dunkeln, marterte sein Hirn mit Zweifeln, und die von
hämischem Munde gestreute Saat des Mißtrauens schlug in seinem Herzen
unausrottbare Wurzeln. Und er beschloß, das Geheimnis seiner Liebe
sorgsam zu wahren, am allersorgsamsten aber vor dem Freunde, dem er
sich sonst doch zunächst hätte anvertrauen müssen ...
* * * * *
Am anderen Tage traf von Berlin her in einer langen Holzkiste
das Geschenk ein, das Peter seinem Freunde für die geleisteten
Sekundantendienste schuldete. Im allgemeinen begnügte man sich in
solchen Fällen mit irgend einem kleinen Andenken, einer Zigarettendose
oder einem Spazierstocke mit silbernem Griffe und eingeschnittener
Widmung. Er aber gedachte dem Jägerherzen Heinos eine besondere Freude
zu bereiten und hatte von einer Waffenhandlung, an der ihn sein Weg
früher zuweilen vorbeiführte, eine kostbare Doppelbüchse verschrieben.
Und weil er bei der Bestellung Herrn Meltzer in seiner Eigenschaft
eines altgedienten Soldaten und Offiziersburschen als Sachverständigen
hinzugezogen hatte, war etwas Ordentliches dabei herausgekommen,
ein vortreffliches Gewehr mit gehöriger Schaftlänge und präzisen
Schußleistungen. Auf dem festen Lederetui aber prangte inmitten eines
kleinen silbernen Schildes die Widmung: „Peter Brenitz seinem lieben
Heino von Bergkem zur freundlichen Erinnerung.“
Als sie mittags vom Gericht kamen, bat er seinen Begleiter, einen
Augenblick nach oben zu kommen und beim Auspacken einer Kiste
behilflich zu sein, die am Morgen früh aus Berlin eingetroffen wäre.
Der lange Heino sagte: „Schön, meinetwegen“, als er aber die kostbare
Doppelbüchse in Händen hielt und aus der Widmung sah, daß sie für ihn
bestimmt war, führte er vor Freude einen wahren Indianertanz auf,
umarmte den „edlen Spender“ und erklärte, selbst in seinen verwegensten
Träumen hätte er an eine so prächtige Waffe nicht zu denken gewagt.
„Und gleich nach dem Essen fahren wir hinaus, schießen sie im Parke an,
und dann geht’s auf den Rehbock. Herrgott, Mensch, Brenitz, haben Sie
mir einen Festtag gemacht.“
Peter aber stand dabei und bemühte sich mit einigem Herzklopfen, ein
möglichst gleichgültiges Gesicht zu zeigen.
„Muß ich denn dabei sein? Ich hatte heute eigentlich vor, den
hiesigen Honoratioren meine pflichtschuldigen Besuche abzustatten.
Dem Bürgermeister, dem Apotheker und den Herren der Masovia, die so
freundlich waren, sich während meiner Krankheit nach mir umzusehen.“
„Unsinn,“ sagte der lange Heino, „schicken Sie den Stift Louis mit
’ner Handvoll Visitenkarten ’rum, das ist für die Bonzen reichlich
gut genug. Sie halten’s für die neueste Berliner Mode und fühlen sich
hochgeehrt. Wir beide aber sausen im Auto los, die alte Dame muß uns
zum Kaffee Kartoffelflinsen backen lassen, und am Abend essen wir ein
frisches Rehleberchen. Ich weiß noch ein Böckchen im grünen Klee,
das würdig genug ist, aus dieser Büchse die erste Kugel zu kriegen.“
So sprach er mit leuchtenden Augen, und Peter gab alles scheinbare
Widerstreben auf. Er willigte mit Freuden ein.
Leider aber entsprach der Verlauf des Nachmittags nicht ganz dem von
Heino aufgestellten fröhlichen Programm! Als Herr Meltzer mit lautem
Tuten sein Auto in den weiten Hofraum lenkte, stand nur Frau von
Bergkem auf der Freitreppe. Sie erklärte nach der ersten Begrüßung,
Brigitte wäre unpäßlich und hätte sich gleich nach dem Essen schon
wegen heftiger Kopfschmerzen auf ihr Zimmer zurückgezogen. Der
lange Heino tauschte mit seiner Mutter einen flüchtigen Blick und
runzelte die Augenbrauen. Peter aber mußte sich zusammennehmen, um
seine schmerzliche Enttäuschung hinter einer gleichgültigen Miene zu
verbergen. Er sagte höflich: „Bitte, empfehlen Sie mich dem gnädigen
Fräulein, ich ließe gute Besserung wünschen,“ und wandte sich an seinen
Chauffeur mit der Weisung, den Wagen irgendwo unterzustellen. Wann sie
zur Stadt zurückkehren würden, wäre noch unbestimmt.
Frau von Bergkem lud ihn freundlich zum Nähertreten ein, und Heino
begab sich nach oben, um, wie er bemerkte: „’mal nachzusehen, was dem
Küken eigentlich fehlte.“
Danach saß er mit der alten Dame auf der Parkveranda und sprach
von diesem und jenem. Von Zeit zu Zeit jedoch richtete sie ihren
sorgenvollen Blick nach der Tür, die zu der großen Halle führte, und
Peter hatte das dunkle Gefühl, daß zwischen Brigittes plötzlicher
Erkrankung und seiner Person irgendein seltsamer Zusammenhang bestehen
müßte. Zwar schien es ihm wie eine Anwandlung von unziemlicher
Selbstüberhebung, aber er wurde den Gedanken nicht los, daß hier
zwischen gestern und heute sich etwas ereignet hatte, was man ängstlich
vor ihm verbarg, und bei dem er selbst eine Rolle spielte ...
Endlich kam Heino wieder, er hatte zu der abendlichen Pirschfahrt schon
hohe Stiefel und Jagdrock angezogen. Die Mutter trat ihm mit fragendem
Blick entgegen, er aber lachte.
„Hat nichts auf sich, das gnädige Freifräulein wird sich wohl gestern
abend an irgend ’was den Magen verdorben haben. Ich hab’ ihr den Puls
gefühlt und geraten, sich kalte Umschläge auf den Kopf zu machen. Das
wär’ gegen solche Kinderkrankheiten das allerbeste Mittel.“
„Und wird sie aufstehen?“ fragte Frau von Bergkem. Heino jedoch zuckte
mit den Achseln.
„Abwarten, Mutti! Ich hab’ ihr von der neuen Doppelbüchse erzählt, die
mir Herr Kollege Brenitz dediziert hat. Wenn’s unten im Park zu knallen
anfängt, wird sie’s wohl oben nicht aushalten.“
Auch dies sprach er lachend, aber die finstere Falte zwischen seinen
Augenbrauen ging nicht fort, und er musterte den Freund mit einem
merkwürdigen Blicke. Da fühlte Peter deutlich, daß ihn seine Ahnung
nicht getrogen hatte. Auch die Worte, die Heino sprach, schienen eine
geheime, nur der Mutter verständliche Bedeutung zu haben, und er
beschloß, doppelt auf der Hut zu sein, von all dem, was ihm das Herz
bewegte, nichts zu verraten ...
Unten im Parke erschien ein halbwüchsiger Junge mit einem Brette, und
Heino stand auf.
„Kommen Sie, Brenitz, wollen die Büchse anschießen. Du aber, Mutti, laß
uns einen ordentlichen Kaffee kochen und Kartoffelflinsen backen. Aber
gleich ’ne gehörige Portion, denn mir schwant so, wir bekommen heut’
noch Gäste!“ Und als sie den langen Gang zwischen den kurzgeschorenen
Tannenhecken hinunterschritten, um hinten im Park eine starke Linde als
Kugelfang zu suchen, hob er plötzlich den schmalen Kopf.
„Sagen Sie mal, Kollege, haben Sie eigentlich Schwestern? Nicht? ...
Na, dann danken Sie Gott, es ist ein herzlich undankbares Geschäft!
Gibt man ihnen Zucker, wollen sie Honig, und na überhaupt, es ist
ein Unfug, daß solche kleinen Frauenzimmer ’ne eigene Meinung haben
wollen. „Inferiore Spezies“, wie Sie sich gestern ausdrückten, das ist
das einzig richtige Wort, und gar nicht erst fragen, sondern einfach
kommandieren, das Allerbeste!“
Peter hatte auf den Lippen: „ich hab’ meine Ansicht seit gestern
beträchtlich geändert,“ aber er hielt noch rechtzeitig inne. Nur da
er doch irgend etwas sagen mußte, bemerkte er, er fühlte sich zu der
Entscheidung einer anscheinend so schweren Frage nicht berufen. Aber
auch ihm wollte es scheinen, als wenn siebzehnjährige junge Damen im
allgemeinen wohl noch nicht die erforderliche Einsicht besäßen, um über
die Tragweite ihrer Entschließungen ein zutreffendes Urteil zu haben.
„Großartig,“ sagte der lange Heino mit einem seltsam trockenen
Auflachen und schlug seinen Begleiter kräftig auf die Schulter. „Mir
ganz aus der Seele gesprochen, und wenn Sie mir einen Gefallen tun
wollen, sagen Sie’s ihr bei Gelegenheit wieder!“
Danach stellte er das Brett gegen einen dicken Lindenstamm, befestigte
es mit einem kräftigen Nagel und schritt quer über eine Rasenfläche
und reihenweise nebeneinander liegende Gemüsebeete eine passende
Entfernung ab. Peter aber ging getreulich hinter ihm her und zerbrach
sich den Kopf, was all die rätselhaften Worte wohl bedeuten mochten.
Eine Lösung lag ja klar auf der Hand: Brigitte sollte sich mit dem
jungen Grafen von Hellingen verloben und hatte zu Heinos großem Zorn
sich anscheinend geweigert. Von da an aber führte der Weg ins Dunkle,
denn der Gründe konnte es vielerlei geben. An den jedoch, der seine
Seligkeit ausgemacht hätte, wagte er nicht zu denken. Ganz klein und
nichtig kam er sich vor in diesem stolzen alten Hause, und was ihm
gestern in einer überschwenglichen Stunde als selbstverständliche
Fügung eines gütigen Schicksals erschienen war, dünkte ihn heute frevle
Vermessenheit ...
Der lange Heino hatte einen schlanken Obstbaum gefunden, der ihm
passend zum Anschlage schien, und widmete sich mit Eifer seinem Werke,
die Treffsicherheit der Büchse zu erproben. Schuß für Schuß entsandte
er in das vor dem breiten Lindenstamme lehnende Brett, und jedesmal,
wenn der hinzuspringende Junge anzeigte, daß die Kugel das in der Mitte
befestigte Blatt getroffen hatte, nickte er befriedigt. Und Peter
sah ihm ernsthaft zu, nur bei jedem Schusse empfand er ein leises
Schmerzgefühl, denn die Kugeln gruben sich tief in den Lindenstamm,
und ihm schien es, als liefe jedesmal ein wehes Erschauern bis in die
letzten Zweige der Krone ...
Ein leichter Schritt erklang hinter ihm, leises Rauschen von
Frauengewändern. Er wandte sich um, und das Herz schlug ihm bis in
den Hals. Brigitte stand vor ihm, in demselben hellblauen Kleidchen,
das sie gestern getragen hatte. Nur ihr liebes Gesichtchen schien ihm
verändert. Um die Mundwinkel lag eine kleine trotzige Falte, und in
den großen blauen Augen leuchtete ein merkwürdiger Glanz, als wenn sie
nach schwerem Kampfe zu einem festen Entschlusse gekommen wäre. Sie
schüttelte dem Gaste schweigend die Hand, legte einen Finger auf die
Lippen und deutete lächelnd auf den Bruder, der gerade zu neuem Schusse
im Anschlage lag. Das konnte heißen, ich will ihn nicht stören, die
Bewegung ließ aber noch eine andere Deutung zu: „Sei schweigsam und
nimm Dich in acht!“ ... Das Blut drang ihm jählings zu Kopfe, und er
mußte nach dem Gartenstuhle greifen, auf dem die Patronen lagen, um
sich einen festen Halt zu geben ...
Der Schuß hatte wieder gesessen. Der hinzuspringende Junge hob das
durchlöcherte Lindenblatt in die Höhe, und Heino wandte lachend den
Kopf zurück.
„Na, Prinzeßlein auf der Erbse, wieder gesund? Und jetzt komm mal her,
sieh Dir das Flintchen an! Zierlich und fein wie’n junges Mädchen, aber
schießen tut’s wie der Deuwel. Mit beiden Läufen auf hundert Schritte
Fleck. Willst es auch mal probieren?“
Da kam sie eifrig näher, wog das Gewehr prüfend in den Händen, und
nachdem sie den Anschlag versucht hatte, trat sie in den Stand. Schoß
mit geröteten Wangen zweimal hintereinander das Blatt vom Brette, lud
von neuem und wandte sich mit blitzendem Auge um. Ein Krähenschwarm
kam vom nahen Walde über die Parkwipfel gezogen, sie hob die Linke und
deutete in die Höhe.
„Da die Erste! Paß auf!“
„Unsinn,“ lachte Heino, „es gibt nur ein Loch in der Luft!“
„Wetten, daß nicht?“
Der Schaft schmiegte sich an die Wange, aus der Mündung der Büchse
brach ein heller Feuerstrahl. Der Vogel überschlug sich, ein Ende weit
riß ihn der Schuß zur Seite, dann fiel er wie ein Stein herab, schlug
dumpf auf den Boden.
„Donnerwetter noch mal, Mädel,“ sagte der lange Heino mit ehrlicher
Bewunderung, und Brigitte gab ihm lachend das Gewehr zurück: „Da,
kleiner Bruder, mach’s nach, wenn Du kannst!“
Peter Brenitz aber biß sich schweigend auf die Lippen. Der Narr, der
er gewesen war, sich von seiner erregten Einbildungskraft allerhand
törichte Trugbilder vorspiegeln zu lassen! Ein junges Mädchen, das an
einem tiefen Seelenkummer litt, benahm sich wohl anders als die blonde
Brigitte ...
Als sie zu der Parkveranda zurückkehrten, erhob sich von dem gedeckten
Kaffeetische der große Hanns aus Hellingenau. Er wäre zufällig die
Grenze entlang geritten und hätte einmal nachsehen wollen, was das
viele Geschieße im Przygorower Parke bedeutete. Heino aber schlug ihn
lachend auf die Schulter.
„Mensch, red’ Dich nicht unnütz aus, Du wirst Dich zu Hause
gelangweilt haben!“ Und Brigitte fügte fröhlich hinzu: „Oder er hat
mit seiner langen Nase gewittert, daß es hier heute ’was Feines gibt.
Kartoffelflinsen mit Zucker und Kaffee!“
Danach lachten sie alle drei, sogar über das sorgenvolle Antlitz der
Frau von Bergkem flog ein Lächeln, und jetzt wußte Peter ganz genau,
daß er ein eitler Tor gewesen war, wenn er geglaubt hatte, diese
harmlos heiteren Menschen hätten allerhand dunkle Geheimnisse vor ihm
zu verbergen. Geheimnisse, in denen seine Persönlichkeit eine wichtige
Rolle spielte ...
Und mit einem Male kam er sich ganz fremd vor in diesem Kreise, wie
ein lästiger Eindringling, der am besten täte, sich still wieder
zu entfernen. Am liebsten wäre er gleich aufgestanden, um ins
Städtchen zurückzukehren, aber er fand keinen passenden Vorwand. Und
es half wenig, daß die blonde Brigitte mit rührender Fürsorge auf
sein leibliches Wohlergehen bedacht war, ihm eigenhändig den Teller
mit duftenden Kartoffelpfannkuchen füllte und ihn, wie gestern, zu
reichlichem Zulangen nötigte. Sie lachte und scherzte mit ihm, war von
geradezu übermütiger Ausgelassenheit, ihm aber tat ihre Lustigkeit weh,
denn sie schien ihm nur eine neue Bestätigung dessen, was ihm längst
schon zur traurigen Gewißheit geworden war. Wenn sie nur eine Spur
von Empfindung für all die Schmerzen gehabt hätte, die seine Seele
durchwühlten, konnte sie unmöglich so rücksichtslos heiter sein! Oder
genau besehen und mit dem richtigen Worte genannt: reichlich kindisch
und albern ... Mit des Amtsgerichtsrats Trudchen neckte sie ihn,
kopierte drollig deren schwärmerischen Augenaufschlag und fragte, ob er
beim Chopinspielen sein Herz verloren hätte.
Am liebsten hätte er geantwortet: „mein gnädiges Fräulein, ich bin ein
viel zu ernsthafter Mensch, um an solchen Späßen Gefallen zu finden,“
aber um Himmels willen sich nur nichts anmerken lassen, hier womöglich
gar eine unglückliche Miene aufstecken, um hinterher verspottet und
ausgelacht zu werden! Die schwere Kunst der Selbstbeherrschung hatte er
ja schon in so mancher herben Enttäuschung gelernt, also vorwärts los,
mit der gleichen Waffe geantwortet!
Und er legte die Hand auf die Brust, verneigte sich mit übertriebener
Galanterie: „Mein gnädiges Fräulein, die Höflichkeit würde mir ja
gebieten, jetzt zu sagen, neben Ihrem holden Bilde hätte hier kein
anderes mehr Platz, aber, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll,
muß ich offen bekennen, daß Fräulein Trudchen in der Tat auf mich einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht hat!“
Und er schilderte mit komischem Pathos ihrer „braunen Locken Pracht“,
die „lieblich nach einwärts geschwungene Nase mit den reizvollen
Pünktchen der Sommersprossen“. Wie ein Bajazzo kam er sich vor, der
mit wundem Herzen seine Possen trieb, aber nur zu gut gelang es ihm,
alle Welt darüber zu täuschen, wie es in seinem Innern aussah, auch die
blonde Brigitte ...
Und ganz allmählich gingen zwei Menschen wieder auseinander, die einen
Augenblick lang drauf und dran gewesen waren, sich über alle trennenden
Schranken hinweg die Hand zu reichen ... Ein großer dummer Junge, dem
das Blut zu schwer in den Adern lief, und ein kleines Prinzeßlein,
das vielleicht selbst nicht wußte, was es eigentlich wollte, und mit
einem Male nach ein paar Stunden des Ueberschwangs eine beschämende
Ernüchterung empfand. Gestern hatte er ausgesehen wie ein Befreier, der
gekommen war, sie aus der Enge der heimischen Verhältnisse in die weite
Welt hinauszuführen, in eine Welt mit neuen und nie gesehenen Wundern,
und heute nahm er sich aus wie alle anderen ...
Der Diener trat in die Tür: „Herr Baron, der Pirschwagen ist
vorgefahren.“
Brigitte stand auf und strich sich eine widerspenstige kleine Locke aus
der Stirn.
„Kommen Sie, Herr Brenitz, Sie sollen neben mir sitzen und weiter von
Fräulein Trudchen schwärmen!“ Sie sagte es lachend, aber ein leiser Ton
des Aergers mischte sich ein.
Und Peter verneigte sich wieder mit der Hand auf der Brust: „Aber mit
Wonne, mein gnädigstes Fräulein!“
Im Aufrichten sah er, wie das starkknochige Gesicht des jungen Grafen
sich jählings verfinsterte. Da hätte er am liebsten gesagt: „Geh’,
gräm’ Dich nicht, es ist doch bloß alles Komödie,“ aber er begnügte
sich mit einem Achselzucken und schritt zur Tür hinaus.
Draußen neben dem leichtgebauten Wagen befestigte Brigitte das grüne
Jagdhütchen, das ihr eine Kammerzofe reichte, auf dem vollen Haar,
schlüpfte in einen bereit gehaltenen Mantel und zog langsam die
Fahrhandschuhe an. Sie wartete auf irgendein Wort, das die Stimmung von
gestern wiederbringen sollte, aber das Wort blieb ungesprochen. Peter
Brenitz stand vor ihr, tausend sehnsüchtige Gefühle rangen in seinem
Herzen nach Ausdruck, eine unklare Ahnung sagte ihm: „das jetzt ist der
entscheidende Augenblick, nimm ihn wahr und halt ihn fest,“ aber er
war mit einem Male wieder scheu und befangen. Und als er endlich den
Mund öffnete, gab es eine glatte Phrase. Ob das Wetter sich wohl bis
zum Abend halten würde, fragte er, denn hinter den Scheunen zöge eine
dunkle Wolkenwand herauf.
„Möglich,“ erwiderte Fräulein Brigitte kurz angebunden, schwang sich
leicht auf den Kutschsitz und versammelte die Zügel in ihrer nervigen
kleinen Hand.
In der dämmerigen Halle aber faßte der große Hanns aus Hellingenau den
Herrn von Bergkem mit festem Griffe am Arm.
„Du, Heino?!“
„Na, was denn?“
„Wenn das Rumgezerge noch lange so weitergeht, brech’ ich diesem
schmachtlappigen Jüngling aus Berlin alle Knochen im Leibe entzwei!“
In Heinos Augen blitzte es auf, aber er neigte nur kühl den Kopf.
„Entschuldige, lieber Hanns, Herr Brenitz ist mein Gast. Und ich wüßte
nicht, daß er Dir irgendwie zu nahe getreten sein sollte.“
„Unsinn, Du verstehst mich ganz gut. Der Kerl hat die Frechheit und
macht Brigitte den Hof!“
Heino blieb stehen und lachte kurz auf.
„Was Du sagst?! Aber, ganz unter uns, was geht’s Dich an? Wenn wir --
ich setze ’mal den Fall -- diese stille Bewerbung nicht ganz ungern
sehen sollten, wer gibt Dir das Recht, hier so ungeschlacht eingreifen
zu wollen?“
Die Worte waren geschickt gewählt und verfehlten nicht ihre Wirkung.
Der große Hanns blieb stehen und schlug mit der mächtigen Faust an die
Brust:
„Heino, wahrhaftigen Gott, ich mein’ es ehrlich, wenn ich’s auch nicht
immer so geläufig von mir geben kann! Aber, glaub’ mir, es lag so
allerhand drum ’rum, daß ich bisher noch nicht hier mit offenem Visier
antreten konnte!“
„Ich denke doch, Du bist majorenn und seit dem Tode Deines Herrn Papas
der Chef Deiner Familie?!“
„Das war das rechte Wort!“ Der junge Graf Hellingen richtete sich auf
und streckte die Rechte aus. „Also Handschlag! Morgen nachmittag fährt
meine alte Dame hier vierelang in den Hof mit der Glaskutsche, und
ich hoffe, sie wird von Deinen Damen mit dem nötigen Entgegenkommen
empfangen werden.“
Heino schlug mit einem Lächeln ein.
„Kommt ganz drauf an, was die gnädigste Frau Gräfinmutter zu sagen
haben! Inzwischen aber dürfte es sich vielleicht empfehlen, daß auch
der Herr Graf sich in dieser Angelegenheit ein bißchen persönlich
bemühen. Nicht bloß so: „hier steh’ ich, der Burggraf Hanns von
Hellingen auf Hellingenau, und nun treten Sie mal an, Freifräulein
Brigitte,“ sondern den Galanteriedegen eingesteckt und fein Komplimente
gedrechselt: junge Mädels haben manchmal Flausen im Kopf und wollen
erobert sein! Im übrigen aber brauch’ ich Dir wohl kaum zu sagen, daß
Du in meinem Hause willkommen bist, also los und Weidmannsheil!“
„Weidmannsdank, Schwager Heino,“ erwiderte der Graf von Hellingen und
schüttelte dem Freiherrn von Bergkem die Hand. -- -- -- --
* * * * *
Am nächsten Tage aber, als es wieder auf den Abend ging, lag einer auf
dem schmalen Wiesenrain neben dem Roggenfeld, krampfte die Hände in den
weichen Grund und bäumte sich in lautlosem Weh. Ganz still hatte er
sich aus der weiten Halle zurückgeschlichen. Den schmalen Pfad zwischen
wogenden Kornhalmen entlang, den sie damals gewandert waren. Und an dem
Flecke, an dem er die blonde Brigitte zum ersten Male gesehen hatte,
übermannte ihn jählings der Schmerz, fiel ihm lähmend in die Glieder,
so daß er sich kraftlos niedertun mußte, wie das armselige Stück Wild,
dem ihr Weidwerken gegolten hatte ...
Am frühen Nachmittage hatte er sich aufgemacht, um endlich eine
Entscheidung zu haben in all seiner Not und Pein, den wohlbekannten
Weg entlang am Ufer des Stradauner Sees, über die kahlen Hügel mit den
dürftigen Wacholderbüschen, durch hochstämmigen Tannenwald, bis endlich
hinter dunkelgrünen Lindenwipfeln der verwitterte Turm des alten Hauses
aufragte. Je näher er aber seinem Ziele kam, desto mehr verlangsamte
sich sein Schritt. All die Skrupel und Zweifel, mit denen er in
schlafloser Nacht gerungen hatte, drückten ihm die Schulter und hingen
sich an seinen Fuß, eigentlich war die Entscheidung ja schon gestern
gefallen! Als die blonde Brigitte ihm auf der Freitreppe die kühle Hand
reichte: „Gute Nacht, Herr Brenitz!“ Tags zuvor die Abschiedsworte
hatten anders gelautet ...
Er allein trug sicherlich die Schuld, irgend etwas hatte er bei ihr
verfehlt, aber vielleicht war’s mit einem abbittenden Worte wieder
gut zu machen, auch der Himmel verzieh ja einem reumütigen Sünder ...
Oder ob er erst einmal mit der gütigen alten Dame sprach, ihr sein
ganzes Herz ausschüttete, um aus ihren Händen sein Urteil zu empfangen?
Was er eigentlich wollte, wußte er vielleicht selbst nicht, nur eine
übermächtige Sehnsucht lenkte seinen Schritt, ein dumpfer Trieb, in der
Nähe der Einzigen zu sein, die sein alles, sein Leben, sein Schicksal
war ...
Der weite Hofraum lag wie ausgestorben, kein Mensch hielt ihn auf, als
er in die weite Halle trat, und mit klopfendem Herzen blieb er stehen,
denn irgend eine Entschuldigung mußte er sich doch ausdenken für sein
ungeladenes Erscheinen ...
Draußen auf der Parkveranda waren Gäste, dieselben, die der lange Heino
noch vor wenigen Tagen so lustig verspottet hatte. Jetzt aber stand er
mit feierlichem Gesichte neben seiner Schwester, schüttelte dem, den er
scherzend „das gräfliche Elefantenküken“ genannt hatte, die Hand und
wandte sich mit einem aufleuchtenden Blicke zur Mutter. Der große Hanns
aus Hellingenau aber strahlte übers ganze Gesicht, reckte die breite
Hand nach Brigittes zarter Schulter und küßte sie mitten auf den roten
Mund ...
Und Peter Brenitz stand hinter dem Fenster wie ein Zaungast, nickte
bloß und sagte: recht so! Die breite Hand griff auch nach seinem
Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen
verspritzte und alles taub und leer geworden war ...
Einen Augenblick lang wollte es ihm scheinen, als flöge über Brigittes
zarte Schultern unter dem Griffe der breiten Hand ein jäher Schauer des
Widerwillens, schon hob er den Fuß, um mit lautem „Halt ein“ dazwischen
zu springen, aber seine kurzsichtigen Augen hatten ihm wieder mal einen
Streich gespielt. Die blonde Brigitte bog lächelnd den Kopf in den
Nacken, bot willig dem Verlobten den kirschroten Mund ...
Da blickte Peter mit wehem Lächeln zu einem Bilde auf, das zwischen
vielen anderen in der weiten Halle hing. Einen aufrechten Herrn
stellte es vor in der Uniform des zweiten Garderegiments mit dem
Eisernen Kreuz auf der Brust, dem gleichen schwarzen Kreuze, das auch
fern in Berlin ein anderes Bildnis schmückte. Und wie hatten die Worte
gelautet, die an dieser Stelle vor ein paar kurzen Tagen gesprochen
worden waren? „Der da dort oben, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen
hier einen ganz besonderen Empfang bereitet ...“ Ein leises Aufstöhnen
kam aus seiner Brust, er wandte den Fuß und ging still den Weg zurück,
den er gekommen war ...
* * * * *
Drei Tage später saß er wieder in Berlin, mit kurzem Urlaube nur
vorläufig, „in dringenden Familienangelegenheiten,“ aber der Arm
seines einflußreichen Oheims reichte weit. Vielleicht gelang es mit
seiner Hilfe, den Urlaub in eine Versetzung zu wandeln. Irgend wohin,
nur möglichst weit fort von der Stätte, an der er einen kurzen, jäh
abgerissenen Glückstraum geträumt hatte ...
Und der alte Herr schien gar nicht erstaunt zu sein, ihn nach so kurzer
Frist schon wiederzusehen. Er empfing ihn freundlich, hörte aber ein
wenig zerstreut zu. Vielleicht, weil ihn eigene Sorgen beschäftigten,
vielleicht aber auch, weil er längst schon aus zuverlässiger
Berichterstattung die Erlebnisse des Neffen kennen mochte. Die Firma
Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne hatte ihren Sitz zwar in Berlin, ihre
letzten Verästelungen jedoch liefen weit in die Welt hinaus. In das
entlegenste Nest deutscher Erde ebenso gut wie nach London, Paris, New
York und Shanghai; der alte Herr im kleinen Kontor der Behrenstraße
brauchte nur auf einen Knopf zu drücken und eine vieltausendarmige,
geheimnisvolle Maschinerie setzte sich in Bewegung, um ihm in
gemessener Frist die gewünschte Auskunft zu bringen ..
„So so, mein Söhnchen, das Klima bekommt Dir nicht da unten in
Ostpreußen? Ja, es weht dort manchmal ein rauher Wind, na, und wie
ist’s nun? Möchtest Du bei der Gelegenheit nicht die Juristerei gleich
ganz an den Nagel hängen? Da drüben an dem Pulte war mal der Platz
Deines Vaters. Der Stuhl ist noch immer frei und wartet auf Dich.“
„Lieber Onkel,“ sagte Peter, „meine Unpäßlichkeit hat doch nichts mit
meinem Berufe zu tun!“
„So, nichts? ... Schade! Die geborene Guggenheimer setzt mir so zu, daß
sie mich wohl bald unter der Erde haben wird, und wenn ich dann da
oben, fein in Oel, neben all den Brenitzen hänge, die seit Friedrich
Wilhelm dem Zweiten hier für die Firma gearbeitet haben, hätte ich
gerne hier wieder auf einen Brenitz gesehen ... na, ist gut!“
Der alte Geheimrat fuhr mit der gepflegten Hand leicht über die Augen
und richtete sich lebhaft auf.
„Weißt Du das Neueste, was sie ausgeheckt hatte, um sich so recht
in ihrem schwiegermütterlichen Glanze sonnen zu können? Ein großes
Verlobungsdiner im Kaiserhof, zu dem von überallher alle irgendwie
auffindbaren Krotthelme geladen waren. Es war sehr fein, sogar ein
richtiggehender Hofmarschall wurde in den Zeitungen „unter den
Anwesenden bemerkt“. Mich hatte die geborene Guggenheimer auch
eingeladen, aber ich glänzte durch Abwesenheit.“
„Aber, Onkel,“ versetzte Peter vorwurfsvoll, „es handelt sich bei dem
allen doch um Dein Kind!“
Der Geheimrat sah ihn mit seinen klugen Augen an und lächelte
schmerzlich.
„Mein Kind? ... Mein Kind werde ich wiederhaben, wenn die Scheidung
ausgesprochen ist! In vier Wochen ist die Hochzeit, da kann ich’s mir
ungefähr ausrechnen. Und anderthalb Millionen von dem Guggenheimerschen
Geld sind schon weg, ein Teil für die Schulden, der größere aber für
das Rittergut im Kreise Templin, das ich meinem Herrn Schwiegersohn
verkauft habe. Keine Ahnung hat der Kerl von der Landwirtschaft, denn
er hat mir mehr als zweimalhunderttausend Mark über den reellen Wert
gezahlt.“
„Wie,“ fragte Peter erstaunt, „Du hättest Deinem zukünftigen
Schwiegersohn --?“
Und der Geheimrat Brenitz unterbrach ihn schmunzelnd. „Natürlich!
Oder hätte ich bei dem Geschäft vielleicht einen anderen verdienen
lassen sollen? Die geborene Guggenheimer hat selbstverständlich keine
Ahnung, daß ich das Objekt an der Hand hatte, aber sie wird mir für die
geretteten 200000 Mark noch mal von Herzen danken!“
So plauderte der alte Herr mit ingrimmigem Humor von den Sorgen, die
sein Herz erfüllten, bis Peter ihn mit leiser Mahnung an die Erfüllung
seiner Bitte erinnerte. Da sagte er: „Ja, richtig, fast hätte ich’s
vergessen! Also schreib nur Dein Gesuch an die zuständige Stelle. Ich
werde mich darum bemühen, daß es auch bewilligt wird. Und wo möchtest
Du am liebsten hin? Nach Berlin?“
„Wenn’s möglich wäre, gerne,“ erwiderte Peter.
„Möglich ist alles, mein Sohn, man muß nur vor die rechte Schmiede
gehen. Und mir wär’s auch das allerliebste. Man hat sich doch bei der
Hand, wenn was passiert, oder wenn einen der Zorn überkommt, und man
braucht einen vernünftigen Zuhörer, um sich Luft zu machen“ ...
Damit reichte der alte Herr seinem Neffen die Hand; als Peter aber
schon in der Tür stand, winkte er ihn noch einmal zurück, denn er hatte
noch eine kleine Bosheit auf dem Herzen.
„Die geborene Guggenheimer gibt nächsten Donnerstag in meiner Villa in
Wannsee einen _bal champêtre_. Ich sag’s Dir bloß, falls Du vielleicht
Lust dazu haben solltest, denn ich geh’ nicht hin. Die Gesellschaft ist
mir zu antisemitisch!“
Damit war Peter entlassen und ging langsam nach dem alten Hause in
der Wilhelmstraße zurück, das er, kaum mehr als zehn Tage war es her,
verlassen hatte, und das ihm nun wieder, wenn nicht alle Zeichen
trogen, zur dauernden Heimat werden sollte.
Ein Gefühl des Geborgenseins überkam ihn in den altvertrauten Räumen,
in denen jedes Stück seine besondere Geschichte hatte, und wenn er in
dem breiten Lehnsessel an seinem Schreibtische saß, drüben an der Wand
die Bilder der Eltern, war ihm zumute, als wäre er nie fort gewesen.
Die Ereignisse dieser letzten Tage waren nicht mehr als ein wüster
Traum, der mit dem Erwachen sein Ende fand, bis ein jäh einsetzender
Schmerz in der Brust ihn wieder eines Besseren belehrte. Dann litt er
stets unter einer seltsamen Einbildung. Eine riesige Faust griff nach
seinem Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen
entwichen war ..
Und wenn er, ein wenig ruhiger geworden, an diese letzten Tage
zurückdachte, wunderte er sich darüber, wie gut es ihm gelungen war,
alle Welt darüber zu täuschen, wie es in ihm aussah. Am nächsten
Vormittage nach seinem letzten heimlichen Besuche in Przygorowen traf
er mit dem langen Heino auf dem Gericht zusammen und erfuhr als neueste
Neuigkeit, was er tags zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte, die
Verlobung Brigittes mit dem jungen Grafen von Hellingen.
Da bekam er’s fertig, mit einem Lächeln seinen Glückwunsch
auszusprechen und zu bemerken, etwas ähnliches hätte ihm schon bei
seinem ersten Besuche geahnt. Leider aber müßte er sich’s versagen,
persönlich zur Gratulation zu erscheinen, denn eine dringliche
Familienangelegenheit riefe ihn für einige Tage nach Berlin.
„Ach,“ sagte der lange Heino, „wie schade! Ich hatte mich schon so
darauf gefreut, Sie heute nachmittag mit hinauszunehmen, denn mein
Schwager Hanns hat eigentlich ein Anliegen an Sie. Er wollte sich bei
Ihnen entschuldigen, weil er nämlich noch vorgestern die Absicht hatte,
Ihnen aus Eifersucht ans Leder zu gehen!“
Peter lachte hell auf: „Aus Eifersucht auf mich?“ Und Heino stimmte
fröhlich ein:
„Ja, denken Sie sich bloß, wie ulkig! Aber ich gemeiner Kerl ließ ihn
in dem Glauben, denn er war in der letzten Zeit in seiner Werbung ein
bißchen lasch geworden, meine Schwester grämte sich schon.“
„So, so,“ erwiderte Peter. „Ihr Fräulein Schwester grämte sich. Nun,
dann bin ich wohl der ganz unschuldige Stifter ihres Glückes geworden?“
Und der lange Heino hieb ihn lustig auf die Schulter: „Unschuldig, das
ist das rechte Wort! Na, das werden wir nach Ihrer Rückkehr gehörig
begießen.“ Sie schüttelten sich die Hände, und Peter machte sich an
die Abfassung seines Urlaubsgesuches. Mit der festen Ueberzeugung,
daß er ein rechter Narr gewesen war, als er noch an allerhand dunkle
Machenschaften glaubte, die sich um seine Persönlichkeit woben. Der
lange Heino stand vollkommen entschuldigt da, und auch für die paar
kurzen Augenblicke auf der Diele der armseligen Tagelöhnerwohnung,
auf denen all seine verwegenen Hoffnungen emporgeschlagen waren,
stellte sich jetzt eine angemessene und zwanglose Erklärung ein. Die
blonde Brigitte grämte sich, also war es da ein Wunder, wenn sie den
trägen Bewerber zu ärgern und durch ein wenig Eifersucht anzustacheln
gedachte? ...
So entschuldigte er, wie es seine sanfte Art war, die Handlungen der
anderen vor dem eigenen Gewissen, putzte mit verstehendem Erklären an
ihrem Bilde herum, bis es in glänzender Reinheit erstrahlte. Er selbst
aber erhoffte die Genesung von einem raschen Ortswechsel. Wenn nichts
mehr um ihn war, was ihn an die törichten Träume erinnerte, würde es
ihm leichter werden, zu vergessen ...
Und im allerletzten Grunde war es doch eigentlich eine recht
alltägliche Geschichte, die ihm da passiert war. Er hatte sich in eine
junge Dame verliebt, ohne zu wissen, daß sie halb und halb schon einem
anderen versprochen war. Kein Mensch auf der Welt, am allerwenigsten
aber die zukünftige Gräfin Hellingen, hatte eine Ahnung, daß der Doktor
juris und Referendarius Peter Brenitz an einem Juninachmittag einen
törichten Dummejungentraum geträumt hatte! Brigitte Edle und Freiin von
Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim und der jüdische Referendar
Peter Brenitz ... Zum Lachen war es wahrhaftig, wenn es nur nicht so
unsäglich wehe getan hätte!
Aber auch dagegen gab es ein Mittel. Man nahm sein Herz in beide Hände,
schrie es gröblich an, und wenn es gehörig eingeschüchtert war, bewies
man ihm mit klaren Vernunftgründen, wie albern es wäre und ganz und gar
unwürdig, sich nun für alle Zeiten so töricht zu benehmen, wie damals
an jenem Juninachmittag. Das half dann wohl für ein kurzes Weilchen.
Ehe man sich aber recht versah, war es auf und davon, flog den
altbekannten Weg entlang, der am schilfumrahmten Seeufer führte, über
kahle Hügel und schweigenden Tannenwald bis zu dem schmalen Wiesenrain
neben einem fahlgrünen, schütternen Roggenschlag. Und dort stand eine,
das Gewehr unter dem Arm ... Frei hob sich der prächtige Kopf aus den
Schultern, und die blauen Augen leuchteten in stolzem Triumph ...
Da gab man als der Klügere natürlich nach und flog mit, vergaß alle
törichte Vernunft und hob ein seliges Träumen an. Wie herrlich alles
hätte kommen können, wenn es nicht eben anders gekommen wäre ...
Aber die Tage kamen und gingen, ganz allmählich wurden diese Ausflüge
seltener, zu Zeiten gab es lange Stunden, in denen er sich einbildete,
er wäre genesen: die Arbeit hatte sich als ein gar kräftiges Heilmittel
erwiesen! Wenn er vormittags sein Pensum auf dem Gerichte abgesessen
hatte und nachmittags all die vielfältigen Geschäfte der von seinem
Vater begründeten Wohltätigkeitsanstalten besorgt, die ihm als ein
selbstverständliches Erbteil zugefallen waren, sank er abends müde ins
Bett, fand keine Zeit mehr zum Grübeln und Denken und Unglücklichsein.
Im ewigen Einerlei der Tage aber fingen die Bilder der Erinnerung
an zu verblassen, und ganz in der Ferne, wenn man sich einmal daran
machte, den Blick in die Zukunft zu schicken, tauchten neue Bilder
auf. Ein unscheinbares Mädchen ohne sonderliche Vorzüge, das aber von
dem Schicksal der älteren Schwester gelernt zu haben schien, still und
ernsthaft geworden war. Tausend vernünftige Erwägungen drängten zu
dieser Verbindung, dann aber kamen wieder Zeiten, in denen das dumme
Herz sich törichter gebärdete denn je, tage- und nächtelang ohne Urlaub
abwesend war und um einen schmalen Wiesenrain gaukelte oder um ein
altes Gemäuer mit ragendem Wartturm hinter grünenden Lindenwipfeln ...
Sei es, daß an Herrn Meltzer ein Brief gekommen war mit dem Poststempel
Stradaunen, oder daß sein Herr im Gewühl der Straßen einem jungen
Mädchen begegnet war, das in Erscheinung und Haltung der blonden
Brigitte glich ... Dann empfand er mitten gegen die Brust einen dumpfen
Schlag, das Blut lief ihm heiß durch die Adern, und eine innere Stimme
raunte ihm zu, daß die Stradauner Zeiten noch lange nicht abgetan und
vergangen waren -- -- -- -- --