III.

Des langen Heino scherzhafte Prophezeiung war eingetroffen, Peter

Brenitz hatte sich an dem regennassen Duellmorgen einen fürchterlichen

Schnupfen geholt, und die Erkältung mit den bösen Nachwehen der

ungewohnten Türkenblutbowle hielt ihn ein paar Tage lang ans Zimmer

gefesselt. Aber er hatte sich nicht über Mangel an Gesellschaft zu

beklagen, ab und zu erschien irgendein Mitglied der „Masovia“ bei

ihm, um im Vorbeigehen einen Kognak zu trinken oder eine Zigarette zu

rauchen. Auch der Herr Amtsgerichtsrat stellte sich ein, bedauerte

herzlich, zugleich im Namen von Frau und Tochter, daß der geplante

gemütliche Abend im engsten Familienkreise eine Verschiebung erfahren

müßte. Bloß der lange Heino, nach dem er sich sehnte, erschien nur

ein einziges Mal zu kurzer Stippvisite, erklärte, er wäre durch ein

geradezu greuliches Erkenntnis über alle Gebühr in Anspruch genommen.

Von seinen anderen Besuchern aber erfuhr Peter, daß diese Abhaltung

in Wirklichkeit aus einer Frauenzimmergeschichte bestände, einem

Verhältnis mit der bildhübschen Tochter des Posthalters Wykrasinski,

das allgemach schon zu einem öffentlichen Stadtskandal auszuarten

drohte. Auch sonst schienen die Herren von der Tischgesellschaft

ihrem Mitgliede Bergkem wenig gewogen. Sie beklagten sich über seinen

anmaßenden, herrischen Ton und wunderten sich, woher er die Mittel zu

seinem ausschweifenden und kostspieligen Lebenswandel nähme. Herr Meyer

z. B., der es genau wissen mußte, erklärte, an ihn allein hätte er an

dem vergnügten Duellmorgen siebenhundert Mark verloren, dreihundert bar

und den Rest auf Ehrenwort, aber der Himmel mochte wissen, wann diese

Schuld eingelöst würde, denn das väterliche Gut steckte bis unter den

Schornstein voll von Hypotheken, und die alte Frau Baronin hätte ihre

liebe Not, nur die Zinsen herauszuwirtschaften.

Und Peter Brenitz hörte betrübten Herzens zu. Zum Widerspruche fehlte

ihm jedes Recht, wenn er auch zu erraten vermeinte, woher diese

Mißgunst der Kleinen stammte. Es verdroß ihn tief, daß sein neu

gewonnener Freund ihn behandelte wie all die anderen, ihn mit einer

leeren Ausflucht abspeiste, statt ihm Vertrauen zu schenken. Als aber

der Lange am vierten Tage nachmittags unvermutet ins Zimmer trat: „Na,

wie geht’s denn unserm Patienten? Und fühlt er sich kräftig genug, mit

mir nach meiner Klitsche ’raus zu marschieren?“, da war aller Unmut

verflogen. Peter stimmte freudig zu, nur ein Bedenken war dabei: Am

Abend war er in die Familie des Herrn Amtsgerichtsrats geladen, um mit

Fräulein Trudchen vierhändig Chopin zu spielen. Da lachte der lange

Heino fröhlich auf: „Recht geschieht Ihnen, Herr Kollege. Weshalb

sollen Sie es gerade besser haben als alle Referendare, die vor Ihnen

in Stradaunen wirkten? Und mir paßt es ebenfalls ausgezeichnet. Ich

habe einen guten Vorwand, mich rechtzeitig zu drücken. Also bestellen

Sie Ihr Auto auf sieben Uhr nach Przygorowen, und wir fahren zusammen

nach Hause.“

Sie schritten selbander zum Städtchen hinaus, am schilfumrahmten Ufer

des Stradauner Sees entlang, über eine kahle Hügelkette, auf der

zwischen groben Findlingssteinen dürftige Wacholderbüsche grünten,

bis sie nach dem Gange im heißen Sonnenbrand der schattige Hochwald

aufnahm. Und da faßte Peter sich nach einigem Zögern ein Herz,

beklagte sich über die stattgefundene Vernachlässigung und den Mangel

an Vertrauen. Alle anderen hätten den Grund seines Fernbleibens

gekannt, ihn allein aber hätte er mit einem Vorwande abgefertigt. Der

Herr von Bergkem hörte verdrossen zu, kaute an seinem kurzen blonden

Schnurrbärtchen und ging eine ganze Weile lang schweigend neben ihm

her. Als er aber zu sprechen anfing, klang es wie Groll in seiner

Stimme.

„Die Bande! Hat sie’s richtig wieder einmal ausspioniert? Das arme

Ding wird natürlich böse Tage kriegen! Was aber den Vorwurf angeht,

ich hätte Sie vernachlässigt“ -- über sein bewegliches Gesicht flog

schon wieder ein fröhliches Leuchten -- „ja, sagen Sie mal selbst,

Herr Kollege, und versetzen Sie sich in meine Lage: Was würden Sie

vorziehen? Mit gleichgestimmten Jünglingen Grog zu trinken und die

soziale Frage zu lösen, oder ein Paar rote Mädchenlippen zu küssen,

wenn sich Ihnen zu letzterem reichliche Gelegenheit bietet?“

Peter wurde rot und erwiderte fast heftig: „Ich halte das Weib

überhaupt für eine inferiore Spezies, würde also nie in die Lage

kommen, vor eine solche Wahl gestellt zu werden!“

„Ach nee!“

Der lange Heino blieb stehen und schlug belustigt die Hände zusammen.

„Ist das wirklich Ihr Ernst? Und Sie haben noch nie ein herziges,

liebes Mädel im Arme gehabt, um mal zu vergessen, daß der Mensch nicht

bloß zum Studieren und Büffeln auf der Welt ist?“

„Niemals,“ sagte Peter stolz, „ich würde mich schämen, meine Zeit mit

solchen Nichtigkeiten zu vertrödeln! Und mich betrübt es tief, daß

ein Mann von Ihren Fähigkeiten sich mit solchem kläglichen Firlefanz

abgibt, statt all seine Kräfte der Aufgabe zu widmen, die ihm vom

Schicksal gestellt ist. Sehen Sie, Herr von Bergkem,“ fuhr er mit

steigender Begeisterung fort, „wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde

ich mit Händen und Zähnen daran arbeiten, den von meinen Vätern

ererbten Besitz wieder in die Höhe zu bringen, statt auf dem Gericht

Aktenbogen zu füllen. Das können andere auch. Sie aber haben einen von

der Vorsehung bestimmten Platz, und es müßte doch herrlich sein, wenn

Sie ihn sich wiedereroberten und in zäher Arbeit zu dem machten, was er

einstmals gewesen ist, ein stolzer Herrensitz?!“ ...

Der lange Heino stieß einen leisen Pfiff aus.

„Sieh mal an, über meine pekuniären Verhältnisse hat man Sie auch schon

informiert?! Nun, es ist ja kein Wunder. Ich ärgere die Herrschaften

zu meinem Vergnügen so oft an, daß sie sich zuweilen revanchieren! Ehe

ich aber dazu übergehe, Ihren schätzenswerten Ratschlag zu beantworten,

eine kurze Bemerkung, Herr Kollege: Wenn wir gute Freunde werden

wollen, geben Sie die Versuche auf, mich zu einem, in Ihrem Sinne

vielleicht höheren Wesen zu erziehen, ich bin reichlich erwachsen,

brauche keine Kinderfrau mehr! Zur Sache selbst aber folgendes.

Wenn Sie sich auf den Stradauner Kirchturm stellen und in die Runde

blicken, gehörte einst alles, so weit Sie sehen, und noch etliches

mehr den Bergkems. Mehr als drei Quadratmeilen Boden war in unserem

Besitz, und als im siebzehnten Jahrhundert einer meiner Vorfahren

die Letzte aus dem gräflichen Hause der Przygorowski heiratete, kam

ein gewaltiges Ende Land dazu. Was ist davon übrig geblieben? Eine

armselige Klitsche von knapp zweitausend Morgen, auf der sich schon

mein Vater vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht abmarachte --

er war ein vorzüglicher Landwirt, aber er hatte keine glückliche Hand.

Wissen Sie, ich besinne mich zum Beispiel, daß uns in einem einzigen

Sommer allein über dreißig Stück Rindvieh fielen -- na ja, also, und

da soll ich an eine so verlorene Sache meine Kraft setzen? ... Und

wissen Sie, was ich am liebsten geworden wäre, wenn ich nicht meinem

verstorbenen Vater zuliebe die juristische Karriere eingeschlagen

hätte? Ein Abenteurer, wie mein erster Vorfahr, der unter dem Kreuz der

Deutschordensritter mit Schwert und Spieß in dieses Land einritt, und

ich bin gewiß, ich hätte draußen in der Welt meine Fortune gemacht.

Als Goldgräber vielleicht in Alaska, als Schafzüchter meinetwegen in

Australien oder als eins der ganz großen Börsenraubtiere, die der liebe

Gott von Zeit zu Zeit zum Schrecken der Völker in die Welt setzt! Hier

aber? Im günstigsten Falle werde ich -- sagen wir mal - in Lyck oder

Allenstein ein gesuchter Rechtsanwalt, nähre mich von der Prozeßsucht

der Bauern, mache den Herren vom Amts- und Landgericht das Leben schwer

und verdiene im Jahre, hoch gerechnet, zwanzigtausend Mark!“

Er schlug mit dem Stocke einen sausenden Lufthieb und blickte ingrimmig

zu dem Stückchen Himmel empor, das über dem schmalen Wege zwischen eng

nebeneinander stehenden Tannenwipfeln blaute ...

„So sieht in Wirklichkeit der Platz aus, den mir die Vorsehung

angewiesen hat, um Ihre Worte zu zitieren, lieber Brenitz. Aber

begeistert bin ich gerade nicht, wenn ich an ihn denke!“ ...

Peter erwiderte darauf, weil ihm im Augenblick nichts Besseres einfiel,

man brauchte auch im bescheidenen Wirkungskreise nicht auf seine Ideale

zu verzichten, könnte in den Mußestunden der beruflichen Arbeit an

irgendeinem, über die Alltagsinteressen hinaushebenden Werke schaffen,

der lange Heino unterbrach ihn aber mit einer beinahe zornigen Bewegung.

„Unsinn, die Kleinstadt drückt. Ich habe schon heute mich zu wehren,

daß ich nicht zum Philister werde, wie all die übrigen! Oder, wie

einer, der alle Höhen und Tiefen des Menschentums kannte, es besser

ausgedrückt hat, „im engen Kreise verengert sich der Sinn!“ Heulen

könnte man vor Wut, wenn man daran denkt, daß man verkommen und

versauern muß, weil ... weil ... na, ist gut!“

Er brach ab, denn eigentlich hatte er sagen wollen, „weil einem

die Mittel fehlen, frei nach seinen Neigungen zu leben!“ Und das

Wort mochte er nicht aussprechen, denn es hätte sich vielleicht

ausgenommen, als wollte er dem andern an den wohlgefüllten Geldbeutel

klopfen. Gleich danach aber lachte er wieder fröhlich auf und

wirbelte seinen derben Eichenstock durch die Luft: „Das sind so die

galligen Anschauungen, gut für Regenwetter und ähnliches Ungemach! In

Wirklichkeit aber -- ich kann mir nicht helfen -- ist mir öfter zumute,

als hätte der liebe Gott noch irgendwo für mich eine Extrawurst im

Sack. Und wollen Sie wissen, worauf sich diese Hoffnung gründet? Auf

ein Märchen aus der Kinderzeit!“

Peter blickte ein wenig verwundert auf.

„Auf ein Märchen?“

„Ja,“ nickte der andere, „und vielleicht schadet es Ihnen nichts,

wenn Sie’s hören: es steckt immerhin eine kleine Nutzanwendung darin

... Meine alte polnische Amme hat es mir erzählt, und aus frühen

Kindertagen ist’s mir haften geblieben.“

„Also: ein ehrsamer Müller hatte zwei Söhne. Der eine sang und sprang

den ganzen Tag, dem andern aber war der schwere Mühlstein auf den Fuß

gefallen. Er bewegte sich nur mühselig vorwärts und mußte immer darüber

grübeln, weshalb ihm dieses Unglück geschehen wäre. Darüber aber sah er

nicht, daß im Frühling die Bäume Blüten trugen und im Sommer Früchte,

er wurde ein griesgrämiger Gesell, und als der Vater seine Söhne eines

Tages anblickte, nannte er den einen „Leichtfuß“, den andern aber

„Stein am Bein“, und diese Namen behielten sie, so daß sich niemand

erinnern konnte, wie sie in Wirklichkeit geheißen hatten. So lebten sie

dahin, jeder nach seiner Art. Als sie aber zwanzig Jahre alt geworden

waren, berief sie ihr Vater vor sein Angesicht.

„Ihr seid jetzt groß und erwachsen, meine Mühle aber ist viel zu klein,

um Euch ferner zu ernähren. Zieht in die weite Welt hinaus, sehet zu,

Euer Glück zu machen, und Gottes Segen sei mit Euch!“

„Schön,“ sagte der Leichtfuß, „mit diesem guten Wunsche kann es uns

nicht fehlen,“ packte sein Ränzel und war marschbereit. Stein am Bein

aber mußte erst bedenken, was alles auf eine so lange Reise mitzunehmen

wäre, und viel Kopfzerbrechens machte es ihm, den Weg in die weite Welt

zu finden. Bis eine alte Muhme ihm erklärte, die weite Welt finge dort

an, wo das Elternhaus aufhörte. Da wunderte er sich, daß der Weg so

einfach wäre, und am dritten Tage nach dem Geheiß des Vaters wanderten

sie fort.

„Als es gegen Abend ging, kamen sie an ein fremdes Königreich, zwei

Wächter hielten eine Schnur über die Straße gespannt und sprachen,

niemand dürfte die Grenze überschreiten, ehe er nicht zuvor ein Rätsel

gelöst hätte. Dieses Rätsel aber lautete: „Was ist so hoch wie der

Himmel und so tief wie das Meer?“ Wenn man es löste, durfte man das

Königreich betreten, erhielt eine reichliche Wegzehrung ausbezahlt, im

anderen Falle aber mußte man das Leben lassen. Ein Henker im roten Wams

mit breitem Schwerte stand bereit, um alle Ankömmlinge, die das Rätsel

nicht lösten, um eines Hauptes Länge kürzer zu machen, die meisten aber

machten vorher kehrt, denn es dünkte sie unbillig, so harten Zoll zu

zahlen.

„Stein am Bein ließ sich die Fassung des Rätsels wiederholen, setzte

sich in den Grabenrand und begann zu grübeln. Bruder Leichtfuß aber

tat so, als wenn er sich die schöne Gegend ansehen wollte, und als ihn

ein Gebüsch vor den Augen der Wächter deckte, schwang er sich behend

über den Grenzgraben, der an dieser Stelle nicht mehr als sieben Schuh

maß. Am dritten Tage traf er seinen Bruder, und diese Begegnung war nur

einem glücklichen Zufall zu danken, denn Stein am Bein hätte vielleicht

noch ein Jahr am Grabenrand gesessen, wenn ihm ein mitleidiger Rabe

nicht des Rätsels Lösung verraten hätte. „Was ist so hoch wie der

Himmel und so tief wie das Meer?“ ... „Das Meer und der Himmel, denn

nichts auf der Welt ist tiefer oder höher!“ Stein am Bein hatte

diese Deutung schon in der ersten Stunde gefunden, aber sie erschien

ihm zu einfach, um damit die Grenze eines fremden Königreiches zu

überschreiten, und erst von dem weisen Vogel mußte er lernen, daß das

Schwerste oft das Einfachste war.

„Nach einiger Frist kamen sie an die Hauptstadt des Landes, aber es

war kein vergnüglicher Einzug, denn die Bewohner waren traurig und

ließen die Köpfe hängen. Es bedrückte sie, daß die Königstochter an

einer unheilbaren Krankheit litt. Viele Aerzte hatten sich schon an ihr

versucht, aber keiner hatte das rechte Mittel gefunden. Und von dem

betrübten Vater war eine hohe Belohnung ausgeschrieben worden, wenn

einer sein Kind wieder gesund machte.

„Heißa,“ sagte Bruder Leichtfuß und sprang in die Luft, „mein Glück ist

gemacht. Diese Belohnung werde ich mir verdienen!“

„Du Tropf,“ erwiderte darauf Stein am Bein, „bist Du vielleicht ein

Arzt? Oder kennst Du die Natur dieser bösen Krankheit?“

„Nein,“ sagte Leichtfuß, „aber im Palast werden wir alles hören. Wenn

ich kein Heilmittel weiß, bin ich noch immer so reich wie zuvor und

ziehe meines Weges weiter!“

„Sie kamen in den Palast, und alles war mit Gold und Edelsteinen

bedeckt von oben bis unten, nur den Untertanen war es bei Todesstrafe

verboten, etwas abzubrechen. Der König saß auf seinem Thron aus

Marmelstein, Tränen rannen ihm in den Bart, die Großen des Hofes aber

schrien und wehklagten laut, denn ihr Amt bringt es mit sich, daß sie

in allem königlicher sind als der König. Wenn ihr Herr weint, müssen

sie schreien, wenn er aber lächelt, sich vor ausgelassener Freude am

Boden wälzen.

„Neben dem König saß seine einzige Tochter, eine wunderschöne

Prinzessin in edelsteingesticktem Gewande, aber ihre Augen schienen

erloschen, und ihr Gesicht glich einem Bild aus Stein!

„Leichtfuß und sein Bruder warfen sich vor dem Throne nieder, der König

aber putzte sich den Bart und sprach: „Heil Euch, Fremdlingen, wenn

Ihr meiner Tochter Genesung bringt, sie leidet an einer Verstopfung

der Leber und kann nicht lachen. Mein eigenes Herz aber ist darüber so

betrübt geworden, daß ich meiner Krone nicht mehr froh bin: Kurz und

gut, der soll mein Eidam und Nachfolger werden, der die Prinzessin von

ihrem Leiden befreit.“

Da erhob sich Stein am Bein als erster.

„Herr König, ich bin kein Arzt, denn mein Vater war zu arm, mich an die

Stätten der Bildung zu schicken. Wenn Du mir aber Frist gibst, will

ich drei Jahre lang die Erkrankungen der Leber studieren, vielleicht

daß ich einen Umschlag erfinde, der die Verstopfung löst und den Weg

zum Lachen wieder frei macht!“

Der König wiegte sein Haupt, der Vorschlag schien ihm erwägenswert,

denn seine Leibärzte hatten schon Unsinnigeres geraten. Bruder

Leichtfuß aber lachte plötzlich laut auf. Ihn dünkte es schnurrig,

daß eine Prinzessin, die doch alles haben konnte, was Menschenherzen

begehrten, traurig sein sollte. Von goldenen Tellern durfte sie essen,

was sie sich nur wünschte, Eier mit Speck, Bratwürste in Bier, ein

Spansäulein mit Aepfeln und Beifuß gefüllt oder gar einen leckern

Gänsebraten, und bei jedem Gerichte, das ihm einfiel, mußte er nur

immer lauter und fröhlicher lachen, denn alle waren seine Leibspeisen.

Die hohen Herren des Hofes wurden angesteckt, blickten jedoch

unschlüssig drein, weil der König noch nicht seine Willensmeinung dem

Fremdlinge gegenüber kund getan hatte. Da aber geschah ein Wunder.

Ueber die starren Züge der Prinzessin lief ein Beben und Zucken,

plötzlich kräuselten sich ihre Lippen, und mit einem Male lachte sie

hell auf, daß es im ganzen Palaste klang wie von silbernen Glocken.

Da lachte auch der König, daß sein Thronsessel wackelte. Die hohen

Herren des Hofes aber warfen sich auf dieses Zeichen zu Boden, kugelten

sich umeinander und strampelten mit den Beinen in der Luft. Und

der König stieg die Stufen hinab, hielt sich den Bauch und sprach:

„Sei mir gegrüßt, mein Eidam, Du hast mein Reich aus schwerer Not

errettet!“ Da er aber kein Freund von langem Warten war, winkte er dem

Hofprediger, damit er auf der Stelle die Trauung vornähme, und so wurde

der Leichtfuß ein Königssohn. Stein am Bein aber grübelte noch lange

darüber, wie die Prinzessin lachen konnte, ehe die Verstopfung ihrer

Leber gelöst war, weil er jedoch durch die Heirat seines Bruders ein

naher Verwandter der königlichen Familie geworden war, fand sich für

ihn ein einträgliches Amt, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er

noch heute!“

„Nun, und die Nutzanwendung?“ fragte Peter Brenitz.

„Die Nutzanwendung?“ Der lange Heino reckte die Arme in die Luft.

„Vielleicht finde ich auch mal eine Prinzessin mit verstopfter Leber,

die von mir das Lachen lernt!“ Und mit einem Seitenblicke auf seinen

Begleiter fügte er hinzu: „Aber auch andere Leute könnten aus dem

Märchen lernen, daß es nicht gut ist, sich das Leben unnütz schwerer

zu machen, als es schon ist. Wir alle schließlich tragen von unsern

Vorfahren her irgendeinen Stein am Bein, aber -- in drei Deuwels Namen

-- muß man denn jeden Augenblick daran denken?!“ ...

Er kappte im Vorübergehen den Stengel einer blauen Glockenblume, die

am Wegrand blühte, Peter Brenitz aber seufzte auf. Wie gerne wollte er

seinen Stein vergessen, wenn nur die anderen nicht gewesen wären, die

sich immer an ihm stießen ...

Der Weg führte ins Freie, hinter den lichter werdenden Stämmen des

Hochwaldes tat sich eine flache Feldmark auf. Schlecht stehender Roggen

mit kurzen Aehren, fahl schimmernde Wiesen und Kartoffelbreiten, in

denen die graue Ackerkrume durch das spärlich gewachsene Kraut sah.

Heino von Bergkem war stehen geblieben und deutete unmutig auf die

kümmerlich bestandenen Felder.

„Da, sehen Sie her, Herr Kollege Brenitz, hier fängt Przygorowen an,

der Platz, auf den mich Ihrer Meinung nach die Vorsehung gestellt hat!

Und jetzt urteilen Sie, bitte, selbst, ob es verlohnt, daran ein

Lebenswerk zu setzen! Mit gutem Willen und schönen Redensarten ist da

nichts getan, solides Knochenmehl gehört in den Sand, Thomasschlacke

und Superphosphat, und wenn’s mal einen Sommer nicht regnet, sieht’s

auf den Feldern auch nicht viel anders aus als heute. Verkaufen ist

das einzige, wenn sich nämlich ein Dummer findet. Glauben Sie ja

nicht, daß ich kein Heimatsgefühl besitze, wenn ich so daherrede. Das

Herz dreht sich mir im Leibe um, wenn ich daran denke, daß auf dem

letzten Reste Bergkemscher Erde mal ein Fremder sitzen soll, aber

was ist da zu machen?! Meine hochgeehrten Herren Vorfahren hätten

weniger großspurig leben sollen, vielleicht daß für den letzten ihres

Namens auf der Heimaterde Platz gewesen wäre! Aber wollen Sie wissen,

was früher hier für eine Wirtschaft herrschte? Mein hochseliger Herr

Urgroßvater, der so um das Jahr 1820 herum lebte, langweilte sich eines

Tages und da ließ er anspannen, fuhr vierelang auf ein paar Wochen nach

Paris. Fünfundachtzigtausend Reichstaler auf den Kopf betrugen die

Kosten dieses Ausfluges, und in der Familienchronik findet sich eine

eigenhändige Eintragung meines Herrn Urgroßpapas, das Kostspieligste

wären die „Courtisanen“ gewesen, denn die „Ausverschämtheit dieser

Personnagen hätte keine Gränzen gekannt.“ Mir kann es wohl niemand

verdenken, daß ich diese Stelle meiner Familiengeschichte stets mit

geteilten Empfindungen lese. Ich gönne meinem hochseligen Herrn

Urgroßvater von Herzen das gehabte Amüsement, aber wenn er und außer

ihm noch etliche andere es billiger getan hätten, müßte ich nicht wie

ein Pracher auf einem Stück Heimaterde herumlaufen, wo die Bergkems mal

wie Könige herrschten. Na, ist gut, reden wir nicht mehr davon!“

Er brach ab und sah mit schwimmenden Augen nach einem grauen Turme

hinüber, der zwischen dunkeln Lindenwipfeln als ein Wahrzeichen seines

alten Geschlechtes in die Lande ragte. Peter Brenitz aber überlegte in

überströmendem Freundschaftsgefühle, wie da wohl zu helfen wäre. Und es

hätte ein sehr einfaches Mittel gegeben, er brauchte nur einen groben

Scheck auszuschreiben auf Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne in Berlin,

um hier dem Freunde eine klare Lebensbahn zu schaffen. Aber er traute

sich mit diesem praktischen Vorschlage nicht hervor, denn er fürchtete

eine schroffe Zurückweisung. Sein gutgemeinter Rat, über nichtigen

Tändeleien nicht die Ziele eines hochgesinnten Strebens zu vergessen,

war schon übel aufgenommen worden. Wie also sollte er für diese neue

Aufdringlichkeit wohl die rechten Worte finden?! ...

Der scharfe Knall eines Büchsenschusses fiel reißend in die Stille des

warmen Sommertages. Der lange Heino hob mit gespanntem Ausdrucke den

schmalen Kopf:

„Nanu, was ist denn das, jetzt um diese Zeit? Und sie wird doch nicht

etwa?“ ... Zur Erklärung aber fügte er hinzu: „Nämlich wir haben hier

unter einer Anzahl guter Böcke einen einzigen, wirklichen Kapitalen,

einen Kerl, der ein geradezu klotziges Gehörn aufhat. Schon ein

dutzendmal bin ich auf ihn ausgewesen, ohne ihn vor die Büchse zu

kriegen, denn er ist über die Maßen heimlich und schlau. Und da hat

meine Schwester mit mir gewettet, sie würde ihn vor meinem nächsten

Besuche auf die Decke legen. Zu lächerlich eigentlich so eine Frechheit

von dem kleinen Frauenzimmer, manchmal aber findet auch ein blindes

Hühnchen ein Korn ...“

Er kam nicht zu Ende, denn vom Felde her erklang eine helle

Mädchenstimme:

„Tallihoh, Heino, er liegt! Und wenn Du ein braves Gehörn sehen willst,

komm hierher!“

Hinter wogenden Kornähren reckte sich ein hochgehobener Büchsenlauf in

die Luft, und der Herr von Bergkem schwang sich in weitem Satze über

den Straßengraben, rannte querfeldein durch Hafer und Kartoffelbreiten.

Peter folgte ihm, ein wenig verwundert und in gemächlichem Tempo: Wie

konnte man um ein im letzten Grunde so unbeträchtliches Ereignis wie

die Erlegung eines Rehbockes so in Eifer und Hitze geraten?!

Auf einem schmalen Wiesenraine neben einem Roggenschlag lag das

gefällte Stück Wild, daneben aber stand ein schlank gewachsenes junges

Mädchen in strapaziertem Lodenkleid, das Gewehr unter dem rechten

Arm. Frei hob sich aus den Schultern ein herrlicher Kopf, die blauen

Augen über dem feingeschnittenen Näschen blitzten, und jeder Nerv an

dem jugendlich-blühenden Körper bebte vor Erregung nach der glücklich

vollbrachten Weidmannstat.

Peter Brenitz blieb stehen, seine Augen weiteten sich, denn er erkannte

in dem jungen Mädchen die Dame wieder, die ihm am ersten Tage auf dem

Wege vom Bahnhof begegnet war, und der in heimlicher Sehnsucht sein

letzter Gruß hatte gelten sollen ... Sie streckte ihm mit fröhlichem

Auflachen die Hand entgegen: „Tag, Herr Brenitz. Wir sind ja eigentlich

schon uralte Bekannte ...“

Da zog er mit verlegenem Gesichte den Hut, verneigte sich förmlich,

und ihm war es, als empfinge er mitten gegen die Brust einen schweren

Schlag. So jäh sprang ihn die Leidenschaft an für das holdselige

Geschöpf, daß er fast einen körperlichen Schmerz verspürte ...

Der lange Heino blickte empor. „So, Ihr kennt Euch schon? Na, um so

besser! Zur näheren Information aber, das kleine Scheusal da heißt

Brigitte!“

Und er wandte sich wieder dem Bocke zu, dessen Gehörn er einer

sachverständigen Prüfung unterzog. Nicht ohne einen gewissen Neid, denn

er erklärte es für eine wahre Schande, daß ein so kapitaler Kerl sich

von einem dummen kleinen Mädel hätte strecken lassen.

Brigitte aber widersprach lachend, erzählte voll Stolz und Eifer eine

lange Geschichte, wie es ihr nach unsäglichen Mühen gelungen wäre, den

Schlauen und über alle Maßen Vorsichtigen auf die Decke zu legen. Auf

eine der hohen Tannen am Waldrand hatte sie klettern müssen, um mit

dem Glase seinen Standplatz auszukundschaften, mitten in einem breiten

Roggenschlag, den er nur zur Nachtzeit verließ, um sich auf der nahen

Wiese satt zu äsen. „Und da war er natürlich geliefert,“ schloß sie

mit leuchtenden Augen, „ich ging unter Wind geradenwegs auf ihn zu,

scheuchte ihn mit lautem Zuruf hoch, als er mich verwundert anäugte,

und wie er in langen Fluchten absprang, kriegte er die Kugel mitten

aufs Blatt. Vorbeischießen gibt’s bei mir ja nicht so leicht, aber die

Aufregung gönn’ ich keinem Hund, wie ich mit dem Finger an den Drücker

ging ... na schön, es hat gefleckt und da liegt er!“

Sie wies triumphierend auf einen kreisrunden kleinen Fleck über einem

der Vorderläufe des Rehbockes, aus dem ein paar purpurne Schweißtropfen

über die rötlich-fahle Decke rieselten. Peter aber stand dabei und

lauschte andächtig. Von den jagdlichen Auseinandersetzungen verstand

er wenig, er hörte nur die wohllautende Stimme, sah die bei aller

Lebhaftigkeit anmutigen Bewegungen, und in seinem Herzen regten sich

allerhand unklare Wünsche und Träume ...

Heino hatte von einem niedrigen Erlenbusch am Wiesenrand einen kurzen

Zweig gebrochen, zog ihn durch die Todeswunde des Bockes, so daß sich

die grünen Blätter rötlich färbten, und überreichte ihn in feierlicher

Haltung der Schwester.

„Weidmannsheil zum ersten Kapitalen!“

„Weidmannsdank,“ sagte sie stolz und schüttelte ihm mit einem

Aufleuchten in den blauen Augen die Hand. Auch Peter bekam einen

gnädigen Händedruck gespendet, und ein Schauer rieselte ihm durch die

Nerven, als die warme kleine Hand einen Augenblick lang zwischen seinen

scheu zufassenden Fingern ruhte ..

Der lange Heino packte den Bock am Gehörn, schleifte ihn hinter sich

her, und sie gingen zu dritt einen schmalen Fußpfad entlang, der mitten

durch die Felder nach dem Schlosse führte, einem weitgestreckten Bau

mit ragendem Wartturme hinter grünen Lindenwipfeln.

Brigitte schritt voran, von Zeit zu Zeit streifte sie mit ihrer

schlanken Hand durch die wogenden Kornähren ... blonde Locken ringelten

sich über einem stolz getragenen Nacken, und wenn sie sich im Plaudern

halb rückwärts wandte, schimmerte es auf ihrer leicht gebräunten Wange

wie über der Haut eines reifenden Pfirsichs ...

Peter Brenitz folgte ihr wie im Rausche, sein Mund sprach gleichgültige

Worte, in seinem Herzen aber war ein einziges Klingen und Singen. Von

Zeit zu Zeit hielt er den Atem an, denn ihm war zumute, als müßte die

Voranschreitende es vernehmen. Vor kurzem hatte er noch gelästert,

unwürdig wäre es ihm erschienen, ein auf alles Ideale gerichtetes

Streben mit läppischen Tändeleien zu verzetteln, jetzt aber vollzog

sich an ihm ein Wunder, wie an einem Blinden, der plötzlich sehend wird

... Und mit einem gewissen Stolze erfüllte es ihn, daß er all seine

Reinheit und Keuschheit aufgespart hatte bis zum heutigen Tag, denn

noch niemals in seinem jungen Leben hatte ihm ein weibliches Wesen den

Sinn beschwert ...

Auf der Freitreppe empfing sie die Mutter der beiden Geschwister,

eine freundlich blickende Dame mit vorzeitig gebleichtem Scheitel und

einem leidenden Zuge in dem sanften Gesichte. Und gleich nach der

ersten Begrüßung führte sie ihren Gast in die weite Halle, die den

langgestreckten Bau in zwei Hälften teilte. Sie hob die feine Hand mit

dem Witwenring und deutete nach einem Bild in schwerem Eichenrahmen,

das einen hochgewachsenen Offizier darstellte, in der Uniform des

zweiten Garderegiments, auf der Brust das eiserne Kreuz.

„Der da, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen hier einen ganz besonderen

Empfang bereitet. Seien Sie in seinem Namen willkommen, und fühlen Sie

sich bei uns zu Hause!“

Ihm aber wurden die Augen feucht, kaum daß er einen kurzen Dank

stammeln konnte. Er neigte sich über die zarte Frauenhand, die sich ihm

entgegenstreckte, und ihm war zumute, als müßte er „Mutter“ sagen ...

Zum Kaffee, den sie auf der Parkveranda einnahmen, mit dem Blicke auf

weite Rasenflächen und dunkelgrüne Tannenhecken, erschien Brigitte

in einem einfachen hellblauen Kleidchen, das Hals und Arme freiließ.

Die kühne Jägerin hatte sich in das Haustöchterchen gewandelt. Sie

reichte den Kuchen herum, schenkte die goldgerandeten alten Tassen voll

und nötigte nach gut ostpreußischer Sitte zum reichlichen Zulangen.

Peter mußte von seinem Elternhause erzählen, von der frühverstorbenen

Mutter, die er kaum gekannt hatte, und von dem über alles geliebten

Vater, der ihn von klein auf als einen Kameraden behandelte, an

allem teilnehmen ließ, was ihm selbst das Herz bewegte. Von den

Reisen erzählte er, die sie in den Ferien ausgeführt hatten, und wie

sein Vater mit ihm gewissermaßen eine zweite Jugend durchlebte; die

Aufgaben mitlernte, und, wenn es nicht gegen alles Herkommen gewesen

wäre, am liebsten auch neben ihm die Schulbank gedrückt hätte. Wie in

einer Vorahnung, daß ihm ein langes Zusammenleben mit seinem einzigen

Jungen vom Schicksal nicht mehr vergönnt wäre ... Mitten im eifrigen

Studium zum Abiturientenexamen raffte ihn eine hitzige Lungenentzündung

fort, während sie beide schon hofften, daß der schlimmste Vorstoß der

Krankheit überwunden wäre. Ganz leicht und froh fühlte er sich, sprach

von seiner stolzesten Jugenderinnerung, dem glorreichen Sturme auf St.

Privat, und weil in kurzer Frist der Tag sich wieder jährte, plante er

eine Reise nach den blutgetränkten Feldern, auf denen das neue Deutsche

Reich gewachsen war. Das neue Reich, das einstmals kommen mußte, und

in dem es weder Haß noch Zwietracht gab ... Und mitten im fröhlichen

Planen winkte ihm der Tod mit milder Hand, löschte ganz leicht und

sanft ein Leben aus, das so rein gewesen war wie ein kristallklarer

Bach und so hoffnungsfroh wie eine im Blütenschmuck prangende Flur ...

An dem runden Tische auf der Parkveranda war es still geworden. Die

Dame mit dem weißen Scheitel weinte leise vor sich hin, der lange

Heino sah ins Leere, und an den blonden Wimpern von Brigittes schönen

Augen zitterte eine Träne ... Zwischen den dreien aber und dem Gaste

wob sich ein Band der Sympathie, denn auch sie trauerten um einen,

der ihren Herzen unvergeßlich war ... um einen, der in seiner Art ein

echter Edelmann gewesen war, einen Aufrechten, der seinen eigenen Weg

ging, wenn auch die Zeit um ihn sich gewandelt hatte. In dem Herzen des

Gastes aber regte sich ein unsägliches Glücksgefühl. Er glaubte endlich

die Stätte gefunden zu haben, von der der Vater immer geträumt hatte,

die Stätte, an der niemand fragte, wer bist du und wo kommst du her,

sondern was bist du wert? Und über ihr schwebten freundliche Geister,

segneten den kommenden Bund, der sich leise zwischen den Nachkommen

entspann. -- -- --

Am Spätnachmittag erschienen Gäste zu freund-nachbarlichem Besuche, die

Gräfin Hellingen aus Hellingenau mit Sohn und Tochter, eine schier

überlebensgroße Familie, die sich ausnahm wie ein aus vergangenen

Märchenzeiten stammendes Riesengeschlecht. Die Mutter eine gewaltige

Dame von mehr als sechs Schuh Höhe und einem Leibesumfange, der sich

bequem mit dem einer mittleren Sprengtonne vergleichen ließ, der Sohn

ein ungeschlachter Geselle mit schweren Gliedern, der den langen Heino

reichlich um Kopfeshöhe überragte, und die Tochter eine walkürenhafte

Erscheinung, neben der die schlanke Brigitte sich wie ein schmächtiger

Backfisch ausnahm.

Als die drei, die Mutter voran, die Parkveranda betraten, lief durch

den luftigen Bau ein Erzittern, und in den Dielen entstand ein

bedenkliches Knacken. Der lange Heino sprang auf, um der Gräfinmutter

die Hand zu küssen, vorher aber fand er noch Zeit, seinem Gaste rasch

zuzuflüstern: „Die alte Hellingen, genannt die gräfliche Dampfwalze

mit dem Elefantenküken und der Wunschmaid.“ Nach dieser respektlosen

Bemerkung aber machte er seinen korrektesten Diener, half der Gräfin

aus ihrem hellen Staubmantel, schüttelte dem „Elefantenküken“ herzlich

die Hand und versicherte der „Wunschmaid“, sie sähe wieder einmal

blendend aus, und es hätte ihm schon immer so geschwant, als sollte der

Tag noch einen besonders festlichen Abschluß finden.

Das junge Mädchen errötete vor Vergnügen bis unter die flachsblonden

Haare, gab dem langen Heino einen freundschaftlichen Klaps, der einen

Schwächeren umgeworfen hätte, und der junge Graf lachte dröhnend auf.

„Geh, schabber nich, Heino, sonst erzähl ich hier öffentlich Deine

allerneuesten Schandtaten. Aber ich bin ein christlicher Edelmann, ich

kann schweigen!“

Peter Brenitz, der bei dem Eintritte der Gäste bescheiden in den

Hintergrund getreten war, hatte bei dem Namen Hellingen argwöhnisch den

Kopf gehoben; ein paar Worte fielen ihm ein, die er von dem redseligen

Oberkellner des Hotels de Russie auf dem Wege vom Bahnhofe gehört

hatte. Und jetzt glaubte er mit einem Male dafür die richtige Deutung

zu haben ...

Eine jähe Eifersucht krampfte sich ihm ins Herz, gleich danach aber

atmete er erleichtert auf, denn die blonde Brigitte erwiderte die

geräuschvolle Begrüßung des jungen Grafen mit merklicher Zurückhaltung.

Sie reichte ihm kaum die Fingerspitzen ihrer schlanken Hand, und als

er sich hinabbeugte, um ihr irgend etwas zuzuflüstern, wich sie mit

einer unmutigen Bewegung aus. Da mußte Peter Brenitz an sich halten,

um nicht laut aufzulachen, ein übermütiges Glücksgefühl strömte ihm

durch Nerven und Adern, er blickte zu Brigitte hinüber, und ein leises

Blinzeln ihrer blauen Augen kam als Antwort zurück. Gleich als hätte

sie ihm sagen wollen: geh, gräm dich nicht, der ungeschlachte Gesell

ist mir genau so widerwärtig wie dir ...

Die Gräfin Hellingen hatte nach umständlicher Begrüßung der Hausherrin

Platz genommen. Frau von Bergkem legte ihr leicht die Hand auf den

umfangreichen Arm und lud Peter mit freundlichem Winke zum Näherkommen

ein.

„Gestatte, liebe Irmgard, daß ich Dir Herrn Referendar Brenitz

vorstelle! Ein Freund meines Heino, und von seinem lieben Vater her

unserer Familie besonders verbunden.“

Die Gräfin hob eine langgestielte Lorgnette vor ihr breites Gesicht mit

dem tief hinabhängenden Doppelkinn und warf einen zerstreuten Blick auf

den schmächtigen Jüngling.

„Brenitz, Brenitz? Mit einem Brenitz habe ich mal in meiner Jugend

getanzt. Ich glaube, er war so was wie Deutzer Kürassier, und, nicht

wahr, Sie stammen auch aus dem schönen Rheinland?“

Peter wußte nicht recht, was er antworten sollte, aber der lange Heino

sprang für ihn ein. In seinen blauen Augen lachte der Schalk, aber er

verneigte sich ganz ernsthaft.

„Du irrst Dich, Tante Irmgard, mein Freund stammt aus der jüdischen

Linie dieses alten Geschlechts. Sie hat sich hervorragend um die

Eroberung des Kurfürstendammes verdient gemacht, der Papa aber

meines Freundes und der meinige besaßen bei St. Privat eine kleine

Versicherungsbank auf Gegenseitigkeit. Sie retteten sich immer

umschichtig das Leben!“

„Sieh mal an,“ sagte die Gräfin Hellingen, „wie interessant!“ Sie hob

von neuem die Lorgnette zu flüchtigem Blicke, gleich danach aber wandte

sie sich zu der Frau von Bergkem. Der Fall Brenitz war für sie erledigt.

„Sag mal, liebe Mieze, ich bin da vorhin an einem Roggenschlag

vorbeigekommen, er war wenig erfreulich, und wenn mir Dein Inspektor

zur Hand gewesen wär’, hätte ich ihm gründlich den Marsch

geblasen. Alle Spann’ lang einen Halm und oben statt Aehren lauter

„Bremsenköppe“. Versteht der Mensch nichts von der Landwirtschaft, oder

hat er im Herbst vielleicht nicht genug Dung gehabt?“

„Auch ’ne Gemeinheit, erklär’ Ihnen alles später,“ raunte Heino seinem

Gaste zu und räusperte sich mit höflicher Verneigung.

„Du rührst da an ein Problem, liebe Tante, das mir auch schon

schlaflose Nächte bereitet hat. Ich glaube, wir müßten zur Abhilfe

der von Dir gerügten Mißstände öfter regnen lassen oder unser Vieh

mit Rhabarber füttern. Jetzt aber verzeih, ich möchte meinen Freund

auch Deinen Sprößlingen vorstellen!“ Er machte eine weit ausladende

Handbewegung: „Komteß Hella von Hellingen, Herr Referendar Brenitz ...

Herr Referendar Brenitz aus Berlin, Herr Burggraf Hanns von Hellingen

auf Hellingenau!“

Die „Wunschmaid“ neigte kurz das mit flachsblondem Haar beschwerte

Haupt, das „Elefantenküken“ hob sich ein wenig auf seinem Sitze an und

schnarrte mit einem Zusammenklappen der Stiefelabsätze: „angenehm!“

Peter Brenitz aber wurde mit einem Male befangen und machte eine

linkische Verneigung. Er empfand es dankbar, daß Heino vor der

vornehmen Verwandtschaft sich so offen zu ihm bekannt hatte, aber ein

bitteres Gefühl stieg ihm im Halse empor, und unwillkürlich mußte

er denken, wie anders wohl die Vorstellung verlaufen wäre, wenn er

wirklich zu diesem adligen Geschlechte der angeblich im Rheinlande

ansässigen Brenitze gehört hätte.

Die Gräfin Hellingen machte ein ärgerliches Gesicht und richtete

sich in ihrem Lehnsessel auf. Es war ihr nicht entgangen, daß Heino

geflissentlich den Namen dieses kleinen Referendars vor dem ihres

Sohnes genannt hatte ...

„Wir wollen nicht mehr lange stören, und ja, liebe Mieze, weshalb ich

eigentlich zu Dir gekommen bin ... es hat sich da eine Person bei mir

gemeldet, die früher bei Dir in Diensten stand ... meine bisherige

Kammerzofe habe ich nämlich wieder einmal Knall und Fall entlassen

müssen.“ ...

„Ach,“ sagte der junge Graf Hellingen plötzlich und stand auf, „Du

sollst doch heute nachmittag einen ganz klotzigen Bock geschossen

haben, Brigitte? Euer Gärtner erzählte vorhin was davon. Kann man ihn

nicht mal sehen?“ Er bemühte sich, ein möglichst unbefangenes Gesicht

zu machen, aber der Versuch gelang nur unvollkommen, denn in seinen

gebräunten Wangen stieg eine verräterische Röte empor ...

„Meinen Bock“ fragte Brigitte, „mit Vergnügen! Kommt, Kinder, am

Milchkeller irgendwo wird er hängen!“ Sie nahm die Wunschmaid unter

den Arm und ging voran, gefolgt von dem erleichtert aufatmenden

Elefantenküken. Der lange Heino aber verneigte sich erst höflich vor

der Gräfinmutter: „Liebe Tante, darf ich für meinen Freund und mich

ebenfalls um Urlaub bitten?“ Und draußen schlug er seinem Gaste kräftig

auf die Schulter.

„Mann Gottes, jetzt machen Sie doch bloß nicht so’n miesepetriges

Gesicht, die Leute verstehen’s eben nicht besser, und der Bann ist ja

gebrochen. Sie sind der Gräfin Hellingen vorgestellt, und nachher werde

ich’s schon deichseln, daß Sie von ihr aufgefordert werden, nächstens

in Hellingenau einen Besuch zu machen. Dann aber sind Sie fein ’raus

mit ’nem Freilos, denn sie ist immer noch nicht nur die dickste,

sondern auch erste Dame des Kreises, und wer in ihrem Hause verkehren

darf, ist für unsere hiesigen Begriffe so was ähnliches wie hoffähig.“

„Ich möchte Sie bitten,“ erwiderte Peter, „sich nach dieser Richtung

hin nicht zu bemühen. Ich beabsichtige nicht, mich in eine Gesellschaft

zu drängen, in der ich doch nur geduldet sein würde!“

Heino blieb stehen und schlug verwundert die Hände zusammen.

„Ja, Kind, liebes, was wollen Sie eigentlich?! Neulich, am Abend vor

Ihrem sogenannten Duell, schwärmten Sie von den völkerbeglückenden

Idealen Ihres seligen Herrn Papas, die natürlich auch die Ihrigen sind.

Sie setzten mir in längerer Rede auseinander, all die beklagenswerten

Mißverständnisse wären zum größten Teile darauf zurückzuführen, daß

die beiden in Betracht kommenden Parteien viel zu wenig voneinander

wüßten. Jetzt bringe ich Sie mit Leuten von der anderen Cotéseite

zusammen, und Sie zoppen zurück! Woher sollen’s die denn lernen, daß

hinterm Berg sozusagen auch Menschen wohnen, wenn ihr Gesichtskreis

sich nur auf allerhand, auch in Ihren Augen nicht gerade sehr

dekorative Objekte beschränkt? Auf die armseligen Gestalten, die mit

gekrümmtem Rücken ihr Bündel von Dorf zu Dorf schleppen, auf Herrn

Manufakturwarenhändler Pollnow am Markt, der mit den Bauern um ’ne

Elle Kattun feilscht, oder, wenn’s hoch kommt, auf einen Königsberger

Getreidehändler, der aber, weil er bei seinem Geschäft natürlich auch

verdienen will, von vornherein ihr Feind ist? ... Also vorwärts,

los, mein Jungchen! Und tun Sie mir einen Gefallen: Laufen Sie nicht

immer mit so ’nem Entschuldigungszettel auf der Brust herum, in

dieser unglückselig-schüchternen Haltung, als wenn Sie sagen wollten:

„Verzeihen Sie, meine Herrschaften, ich bin zwar Jude, aber, Sie

dürfen’s mir glauben, ein anständiger Mensch!“

Peter sah dankbar zu seinem Freunde hinüber. Dieser aber lachte, wie es

seine Art war, kurz auf.

„Na also, abgemacht! Und haben Sie ’ne Ahnung von Orchideen?“

„Ein wenig,“ versetzte Peter leicht verwundert, „aber was hat das mit

unserm Thema zu tun?“

„’ne Masse! Und können Sie auch, wenn Sie so ’ne Pflanze in die Hand

kriegen, mit der gravitätischen Miene eines Sachverständigen Kohl

darüber reden?“

„Ich denke doch! Mein seliger Vater war ein großer Blumenfreund, und

auf einem unserer Terrains da draußen nach Lichterfelde zu stehen noch

heute die Gewächshäuser!“

„Na, Menschenskind, dann ist ja alles in der schönsten Ordnung,

denn die gräfliche Dampfwalze hat sich in neuerer Zeit auf die

Orchideenkultur geworfen, weil ihr irgend jemand eingeredet haben mag,

das wäre besonders vornehm. Zum nächsten Sonntag also lassen Sie sich

aus Berlin einen dicken Strauß von diesen Dingern kommen, schwingen

sich damit in Ihr Auto, und ich will zeitlebens Wasser trinken, wenn

Sie nicht gleich zum Mittagessen dabehalten werden!“

Peter Brenitz blickte nachdenklich über den weiten Raum des Gutshofes.

Langgestreckte Scheunen mit verwitterten Ziegeldächern rahmten ihn ein,

allerhand Ackergerät lag und stand herum, drüben aber von der anderen

Seite her leuchtete ein hellblaues Kleid ... Da lächelte er seinem

Freunde zu: „Sie haben recht, ich muß wirklich mehr unter Menschen, und

ich bin Ihnen von Herzen dankbar!“

Daß es ihm dabei im Augenblick weniger um seine Ideale ging, kam ihm

vielleicht gar nicht zum Bewußtsein, aber wie sollte er die blonde

Brigitte wiedersehen, wenn er sich selbst von der Gesellschaft

abschloß, mit der sie verkehrte? Oder gar dem ungeschlachten Burschen

den Platz räumte, der mit begehrlichen Augen um sie herumstrich ... Und

aus dieser eifersüchtigen Regung entsprang ihm plötzlich die Frage:

„Sagen Sie mal, Herr Kollege, wie ist die Familie Hellingen eigentlich

mit Ihnen verwandt?“

„Die Hellingens mit uns?“

Der lange Heino blieb stehen und sah grübelnd auf den grünen Rasen

hinab. „Warten Sie mal ... im siebzehnten Jahrhundert hat mal ein

Hellingen eine Bergkem geheiratet, oder umgekehrt. Genau weiß ich’s

nicht, dazu müßte ich erst die Familienchronik wälzen!“

„Aber Sie duzen sich doch untereinander?“ warf Peter ein.

„Ach so?! Nun, die Urgroßmütter sind schon zusammen aufgewachsen, mit

dem großen Hanns haben wir uns gegenseitig die Nasen blutig geschlagen,

da kommt das ganz von selbst. Die Gräfin aber ist meine Patin und

genießt infolgedessen das Vorrecht, von mir von Zeit zu Zeit mit einem

größeren Pump beehrt zu werden ... Autsch, Backe,“ sagte er plötzlich

und sah besorgt nach dem Herrenhause zurück, „sie wird meiner alten

Dame doch nichts erzählt haben?!“

„Um Gottes willen --“ Peter fuhr ordentlich erschrocken zusammen --

„weshalb haben Sie mir denn nicht ein einziges Wort nur gesagt? Ich

hätte doch so gerne ...“

Er brach ab, denn Heino legte ihm die schwere Hand auf die Schulter.

„Nee, mein Jungchen, das wollen wir lieber lassen! Unsere Freundschaft

soll keinen metallischen Beigeschmack bekommen! Sie meinen es gut und

ehrlich, ich weiß es, aber es soll niemand sagen dürfen, der Heino

Bergkem hätte aus nicht ganz lauteren Gründen gehandelt ... na, ist

gut!“ Er hatte ernster als sonst gesprochen, und gleich danach lachte

er wieder lustig auf.

„Aber beruhigen Sie sich, sie tut’s nicht, denn sie fürchtet sich

vor meinem losen Mundwerk. Und sie trägt den neuen Posten auf ein

recht zweifelhaftes Konto, denn im stillen hofft sie, ich werde mal

die Wunschmaid heiraten, dann zieht sie mir alles auf einmal von der

Mitgift ab! Schließlich, das Dümmste wär’ es ja nicht, aber wir wollen

es uns noch ’ne ganze Weile lang überlegen, trotz der ungemessenen

Däuser, die sie mal von ihrer Mutter erbt! Und der große Hanns da

drüben neben meiner Schwester? Der Kerl ist dumm wie Bohnenstroh, fast

könnt’ man sagen, wegen allzu alten Adels des Lesens und Schreibens

unkundig, aber mit vierundzwanzig Jahren Herr auf dreiundsechzigtausend

Morgen Land! Dreiundsechzigtausend Morgen, über denen mal der weiße

Wappenvogel meines Geschlechts flog. Na schön, kann vielleicht alles

wieder werden. Und jetzt kommen Sie, sonst bilden sich die beiden

Riesenkinder noch ein, wir hätten nichts Besseres gewußt, als über sie

zu klatschen!“

Er ging mit weit ausgreifenden Schritten voran, und Peter folgte ihm

mit angstvoll beklommenem Herzen. Die Worte „kann vielleicht mal alles

wieder werden“ ließen doch nur eine einzige Deutung zu, aber gleich

danach schalt er sich einen Toren. Der lange Heino wäre doch der letzte

gewesen, an so schnöden Handel, bei dem es um das Schicksal der eigenen

Schwester ging, überhaupt nur zu denken. Sie selbst aber, die blonde

Brigitte, schien ihm viel zu stolz und hochgesinnt, um sich an diesen

täppischen Burschen zu verkaufen, nur weil er eine Grafenkrone trug und

Herr über drei Meilen Land war! Und schließlich war er ja auch noch da

und gedachte nach dem Rate des Freundes von jetzt an auf den Plan zu

treten. Ein stilles Werben und Dienen sollte anheben vom heutigen Tage,

bis sie sich ihm in seliger Stunde neigte wie eine gnadenreiche junge

Königin ...

Das Gehörn des Bockes war von allen Seiten besichtigt und

sachverständig geprüft worden. Brigitte schlug vor, wieder nach der

Parkveranda zurückzukehren, und da widerfuhr dem großen Hanns ein

Mißgeschick. Aus den nahen Tagelöhnerwohnungen waren die Kinder

herzugelaufen, standen scheu im Kreise herum und starrten die jungen

Herrschaften aus dem Schlosse an. Eins der Kleinsten aber, das

barbeinig im Hemdchen auf allen Vieren krabbelte, hatte sich vorwitzig

zu nahe herangewagt, und im Umwenden trat ihm der junge Graf Hellingen

unachtsam auf die winzige Hand.

„Ueberall wimmelt’s von dem kleinen Geschmeiß,“ sagte er ärgerlich und

wollte seinen Weg fortsetzen, aber es gab einen unliebsamen Aufenthalt,

Peter Brenitz eilte hinzu und hob den schreienden Kleinen auf. Er trug

ihn zu dem nächsten Hause, setzte ihn in dem verräucherten Flure auf

einen Schemel, und da geschah etwas Merkwürdiges, der strampelnde

Schreihals wurde mit einem Male still, ließ sich geduldig das Blut von

der Schramme wischen und die dicke Patschhand untersuchen.

Peter hob den Kopf, denn er hörte sich nähernde Schritte.

„Ich glaube, es ist nichts passiert, Herr Graf, er kann alle Finger

bewegen, und das Schlimmste wird wohl der Schreck gewesen sein!“

„Nein, ich bin’s,“ sagte Brigitte, „der andere steht draußen und

mokiert sich. Aber das ist famos, besser hätten Sie ihn gar nicht

ärgern können.“

Ueber Peters schmales Gesicht huschte ein verlegenes Lächeln.

„Verzeihen Sie, daran hatte ich im Augenblick wirklich nicht gedacht,

und ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mich da gewissermaßen

vorgedrängt habe. Dem Herrn Grafen tut’s sicherlich auch recht leid,

nur ...“

„Ja,“ fiel Brigitte feindselig ein, „nur er hat eine andere Art, sein

Mitleid auszudrücken. Und Sie bekämen’s wahrhaftig fertig, ihn noch in

Schutz zu nehmen!“

„Er hat’s gewiß nicht gerne getan, und das andere liegt wohl nur an

seiner Erziehung. Wer in so bevorzugter Stellung aufwächst, lernt

schwer einen richtigen Maßstab für all das Armselige, was zu seinen

Füßen kriecht!“

„Sie sind ein komischer Mensch,“ sagte Brigitte, sah ihn groß an. „Und

ist das wahr, was Heino eben draußen erzählte, daß Sie nämlich ...“ Sie

stockte einen Augenblick, dann warf sie mit einer kurzen Bewegung den

Kopf in den Nacken: „also, daß Sie noch nie ein Mädchen geküßt haben?“

Peter wurde rot bis unter die Haarwurzeln.

„Es ist sehr unrecht von Ihrem Herrn Bruder, daß er etwas, das nur für

ihn bestimmt war, vor anderen weitererzählt. Die lachen vielleicht

darüber! Aber weshalb soll ich es leugnen? Es ist ja wahr und wohl

auch keine Schande. Früher hielt ich’s für unwürdig, heute aber“ --

seine Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemzuge -- „heute wäre mir

zumute, als würde ich damit ein Heiligtum entweihen, das ich in meinem

Herzen trage.“

„Ich habe nicht gelacht,“ sagte Brigitte ernsthaft, gleich danach aber

wurde sie verlegen. „Kommen Sie, bitte, die anderen warten draußen!“

Und sie wandte sich zur Tür.

Peter nickte freundlich.

„Bitte, gehen Sie voran, und entschuldigen Sie mich für einen

Augenblick. Ich will nur zusehen, ob ich meinen kleinen Patienten hier

irgendwo in sichere Hände abliefern kann.“

Die Tür hatte sich geschlossen, und Peter sah sich in dem dämmerigen

Raume um. Feuchter Ruß klebte an den Wänden, in einer Ecke stand ein

Lehmherd, auf dem ein Kohlenfeuer schwelte, irdene Töpfe hingen an

einem Gestell, und über einem zerbrochenen Stuhl lag ein geflickter

Kittel. Ihm aber war zumute, als stände er in einem goldschimmernden

Palast, einem Palast, in dem eben sein Glück geboren war ...

Aus einer niedrigen Seitentür trat eine abgearbeitete Frauengestalt,

trocknete sich die feuchten Hände an der Schürze und erging sich in

demütigen Entschuldigungen.

„Ach Gott, gnädiger Herr, seien Se nich bös! Ich stand an der

Waschtonn’, und da is er mir weggekrochen. Und hätten Se ihm man noch

ordentlich eins drauf gegeben, dem naseweisschen Bengel! Was hat er da

’rumzukraufen, wo die gnädigen Herrschaften stehen?“

Der Kleine fing wieder an zu schreien, Peter aber sprach ihm beruhigend

zu und glaubte mit einem Male zu verstehen, weshalb der junge Graf

Hellingen achtlos weitergegangen war, als sein schwerer Fuß das am

Boden liegende Kind gestreift hatte. Wie sollten die Herren anders

sein, wenn rings um sie knechtische Demut war, die nach empfangener

Wehtat unterwürfig um Verzeihung bat?!

Ein unsägliches Mitleid quoll ihm im Herzen empor, er griff in

die Tasche und legte neben dem Kinde, was er an kleinem Gelde bei

sich trug, auf den Schemel. Es schien ihm herzlich wenig, ein paar

Goldstücke nur und etliches Silbergeld, das arme Tagelöhnerweiblein

aber starrte ordentlich erschrocken hin.

„Gnädiger Herr, und das soll ich? ...“ Es haschte nach seiner Hand:

„Trautester, goldenster gnäd’ger Herr, schön Dank, und der liebe Gott

vergelt’s Ihnen hunderttausendmal. Was Sie sich man bloß wünschen,

schon soll es da sein, und Glück soll immer bei Ihnen sein!“

Da lachte Peter wieder fröhlich auf.

„Glück, liebe Frau? Glück kann man immer brauchen, aber eben war es da,

und so Gott will, werd’ ich’s draußen wiederfinden!“ -- -- --

* * * * *

Als Peter auf den Hofraum trat, sah er vor der Freitreppe sein Auto

halten. Der brave Meltzer war abgestiegen, erklärte den Herrschaften in

einem mit Fachausdrücken reichlich gespickten Berlinisch die Maschine,

und auch die beiden alten Damen, die von der Parkveranda gekommen

waren, hörten mit Interesse zu. Der lange Heino winkte mit der Hand

und rief hinüber: „Brenitz, die Komteß und meine Schwester haben noch

nie in so einem Ding gesessen! Darf Ihr Chauffeur sie mal ’n bißchen

rumkutschieren?“

„Aber mit Vergnügen,“ rief Peter zurück und lief eilig hinzu, um seinem

Wagenlenker die größte Vorsicht einzuschärfen. Herr Meltzer salutierte

militärisch.

„Befehl, Herr Doktor, wird nischt passieren. So ’ne noble Fuhre

schmeißt man nich um!“

Die jungen Damen stiegen lachend ein, auch das Elefantenküken folgte,

und die Gräfinmutter richtete ihr Lorgnon auf Peter, als wollte sie

sich diesen Referendarius in seiner Eigenschaft als Automobilbesitzer

noch einmal genauer ansehen. Am liebsten wäre sie ebenfalls

mitgefahren, aber ein prüfender Blick auf die schmalen Wagensitze

hatte sie leider belehrt, daß die Ausführung dieses Vorsatzes auf

unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen mußte ...

Der lange Heino kniff seinen Gast in den Arm.

„Ihre Aktien steigen riesig, der rotlackierte Kasten hat ihr mächtig

imponiert, und nachher lass’ ich die Orchideen steigen. In fünf Minuten

sind Sie eingeladen!“

Herr Meltzer kurbelte den Motor an, schwang sich in den Führersitz

und fuhr mit erster Geschwindigkeit ab, um nach einigen Wagenlängen

gleich die zweite einzustellen. Puffend und knatternd stob das Auto von

dannen, um in wenigen Augenblicken am Hoftor hinter einer Staubwolke zu

verschwinden. Die Gräfinmutter wehte begeistert mit einem Taschentuche,

und Heino näherte sich ihr listig.

„Liebe Tante Irmgard, das wird Dich gewiß auch interessieren: Mein

Freund Brenitz teilt eine Deiner Hauptpassionen. Er ist ebenfalls

ein begeisterter Orchideenzüchter, und seine Gewächshäuser sind

geradezu eine Sehenswürdigkeit von Berlin. Sie liegen auf seinen großen

Terrains, nach Lichterfelde zu, und ja, ich sage Dir, es ist kolossal,

was für Orchideen da wachsen! In allen Farben und wie Milchschüsseln so

groß.“

„Mein lieber Junge,“ sagte die Gräfin belehrend, „bei Orchideen kommt

es nicht auf die Farbe und Größe an, sondern auf die Seltenheit. Ich

habe eine, die ist kaum wie ein kleines Nelkchen so groß, und sie

kostet fünfhundert Mark! Lang’ aber werd’ ich sie nicht mehr züchten,

denn sie fängt schon an, ziemlich gemein zu werden, auf der letzten

Ausstellung in Königsberg waren schon sechs Stück!“ Und nach diesen,

mehr für die Allgemeinheit gesprochenen Worten wandte sie sich mit

einem wohlwollenden Lorgnettenschwunge zu Peter.

„Also Sie züchten auch Orchideen! Nun, es ist jedenfalls das Zeichen

eines exquisiten Geschmacks. Es wäre mir interessant, gelegentlich Ihr

Urteil über meine Gewächshäuser zu hören. Wenn Sie Ihr Weg einmal in

die Nähe von Hellingenau führt, wird es mir ein Vergnügen machen, sie

Ihnen zu zeigen.“

Peter verneigte sich höflich: „Es wird mir eine hohe Ehre sein,

gnädigste Frau Gräfin,“ und der lange Heino sah triumphierend zu ihm

hinüber. Die Gräfinmutter aber wandte sich zu Frau von Bergkem, denn

sie fand, fürs erste hätte dieser dunkle junge Referendarius genug

Huldbeweise empfangen.

Das Auto erschien wieder im Außentor, fuhr eine elegante Schleife im

Hofraum, um vor der Freitreppe zu halten, Brigitte stieg als erste aus.

„Himmlisch,“ sagte sie und schüttelte Peter die Hand. Die Wunschmaid

folgte ihr auf dem Fuße: „Gottvoll,“ und schließlich stellte sich auch

der lange Hanns mit einem Händedruck ein: „Tadellos! Ich bin ja in

Berlin schon oft genug gefahren, aber Ihr Chauffeur hat ein Tempo am

Leibe: großartig! Hat mich auf die Idee gebracht, mir auch so’n Dings

zuzulegen, und, pardon, was kostet so ’ne Maschine mit allem Klimbim

per Jahr?“

Peter lächelte verlegen.

„Das müssen Sie gütigst meinen Chauffeur fragen, ich habe keine Ahnung.“

Er wußte es wirklich nicht, denn er hatte sich noch niemals die

Mühe gemacht, die Rechnungen des Herrn Meltzer am Jahresschlusse

zusammenzuzählen, mit dieser Antwort aber verstärkte er, ohne zu

wollen, den bisher erzielten günstigen Eindruck um ein Bedeutendes. Der

lange Heino hatte vorhin schon gelegentlich ein paar Worte über den

immensen Reichtum seines Freundes fallen lassen, und das rote Gold übte

wie überall seine Zauberwirkung, auch auf die stolze Gräfinmutter von

Hellingenau ...

Als Peter nach kurzem Abschiede davongefahren war, um die

amtsgerichtsrätliche Familie nicht durch unangemessenes Zuspätkommen zu

kränken, äußerte sie wohlwollend:

„Ein recht sympathischer junger Mann, dieser Referendarius Brenitz,

und ich finde, nicht nur im beschränkten Kreise präsentabel. Hätte

Heino mich nicht darauf aufmerksam gemacht, wär’ es mir nicht im Traume

eingefallen, ihn für einen Israeliten zu halten. Ueberhaupt, wer

will heutzutage nach dem Aeußern eines Menschen urteilen? Ich kenne

Prinzen, die von irgendeiner Urgroßmutter her in Zivil so aussehen,

als wollten sie einem alte Hosen verkaufen. Auf das Innere kommt es

bei ’nem Menschen an, und ich muß gestehen, auch in der Hinsicht hat

dieser junge Mann auf mich einen recht vorteilhaften Eindruck gemacht.

Liebenswürdig, bescheiden und zurückhaltend. Jedenfalls werde ich’s

mir angelegen sein lassen, ihn zu protegieren, soweit es in meinen

schwachen Kräften steht.“

So lobte die Gräfin von Hellingen vor Brigittens eifrig zuhörenden

Ohren den abwesenden Peter Brenitz, und in ihrem allzeit auf Mehrung

des Familiengutes bedachten Sinne regte sich der Gedanke, ob sich hier

nicht eine Möglichkeit bieten könnte, ihren anwesenden Einzigen vor

einer wenig vorteilhaften Verbindung zu bewahren. Frau von Bergkem

aber blickte noch bedrückter drein als sonst und neigte sorgenvoll den

vorzeitig gebleichten Scheitel, denn sie glaubte zu verstehen, was die

andere dachte. Ein langgehegter Plan schien ihr ins Wanken zu geraten,

auf den sie das Schicksal ihres Hauses gebaut hatte, ein Luftschloß

vielleicht nur, aber in allen Nöten und Sorgen des Tages war es ihr

immer für sich und die Ihrigen als letzte Zuflucht erschienen ...

Als jedoch am späten Abend der Hellingenauer Besuch nach Hause gefahren

war, schlang Heino der Mutter seinen langen Arm um die Schulter.

„Sag, Mutti, hältst Du Deinen Aeltesten für dumm?“

„Nein, mein Kind, aber ...“

„Kein Aber! Ich weiß genau, was ich will! Es war höchste Zeit, dem

langen Hanns mal ’ne kleine Aufmunterung zu geben, wie ’nem trägen Gaul

’nen Peitschenschmiß. Auf seine Art hat er unsere Brigitte recht lieb,

aber er glaubt, mit ihren siebzehn Jahren läuft sie ihm nicht fort, und

läßt sich Zeit wie ein Pascha, der nur die Hand auszustrecken braucht.

Also da ist es recht gut, wenn ihn die Bremse der Eifersucht sticht.

Glaub’ mir, in vierzehn Tagen tritt er hier mit ’nem Blumenstrauß an --

trotz seiner hochgräflichen Mutter! ... Meinst Du, ich hätte sie nicht

durchschaut, als sie heute nachmittag in Brigittes Gegenwart von ihrer

weggejagten Kammerjungfer oder, _implicite_, von einem neuen Streiche

ihres Herrn Sohnes zu erzählen anfing?“

Frau von Bergkem schmiegte sich an ihren Sohn und sah in neu

erwachender Hoffnung zu ihm auf. Nur ihr streng christlicher Sinn

wehrte sich gegen so unziemliche Beeinflussung des Schicksals.

„Ich glaub’ Dir, mein Kind, aber ist es nicht eigentlich ein frevles

Spiel mit Menschenlosen? Wenn nun Brigitte ...“

„Mutter!“

Der lange Heino hob die Hand, und zwischen seine blonden Augenbrauen

schob sich eine tiefe Falte:

„Ich hoffe, sie denkt ebenso wie ich, und wenn nicht, dann ist es Deine

Pflicht, diesem siebzehnjährigen Gissel die Augen klar zu wischen. Ich

glaube, im Sinne meines Vaters ein leidlich moderner Mensch zu sein,

aber bei gewissen Dingen hört mein Horizont auf! Und glaub mir, eher

würd ich in Dreck und Speck verkommen, als daß ich einem Juden, und wär

er der edelste Mensch, der je diese Erde beschritten, meine Schwester

zum Weibe gäbe.“

Die Mutter neigte zustimmend den feingeschnittenen Kopf.

„Mein Sohn, Du bist nach dem Hingang Deines Vaters der letzte Deines

Geschlechts, Dir kommt es zu, in solchen Fragen zu bestimmen, und ich

will Deinen Anweisungen getreulich folgen. Bangt es Dir aber nicht

um Deinen Freund, und ist es nicht unchristlich, ihn ahnungslos in

eine Gefahr treten zu lassen, die ihm vielleicht Kummer und Herzeleid

bringt?“

Da lachte der lange Heino wieder lustig auf.

„I bewahre, Mama! Das heißt, versteh mich nicht falsch! Ich wollte

sagen, der gute Peter Brenitz ist gegen diese Gefahr gepanzert und

gefeit. Vor lauter himmelhohen Idealen hat er keine Zeit, sich hier

unten auf der Erde umzuschauen, und ich wette mit Dir, er weiß trotz

stundenlangen Beisammenseins noch nicht einmal, ob Brigitte blaue

Augen hat oder braune. Sonst vielleicht“ -- und seine Stimme klang

unwillkürlich leiser -- „wäre er mir doch zu schade, ihn als Puppe in

mein Spiel zu stellen! In seiner Art ein prachtvoller Kerl, und --

weshalb soll ich’s leugnen -- in gewissem Sinne bin ich stolz darauf,

ihn meinen Freund zu nennen ...“

So sprach der lange Heino, schritt mit der Mutter bis in den späten

Abend hinein in den schweigenden Gängen des Parkes auf und ab, bedachte

klüglich, wie die Beziehungen der Häuser Hellingen und Bergkem zu

naher Vereinigung zu gestalten wären. Eines nur bedachte er nicht, daß

ein großes Jungenherz längst schon lichterloh brannte, in dem eines

kleinen Mädchens aber ein Funke glimmte, der mit rasch zufassender Hand

ausgedrückt werden mußte, um nicht in heller Flamme emporzuschlagen

....

Bruder Leichtfuß und Stein am Bein · 第 4 / 10 题