II.

„Stradaunen, sechs Minuten!“ Der Schaffner eilte am Zuge entlang

und riß die Türen auf. Aus einem Coupé zweiter Klasse stieg ein

schmächtiger junger Mann in elegantem Reiseanzuge, rückte mit einer

mechanischen Handbewegung den Klemmer in dem bartlosen Gesichte zurecht

und sah sich suchend um.

Herr Kalinski, der in Anbetracht der vorausbestellten zwei Zimmer

mit Salon persönlich auf dem Bahnhofe erschienen war, trat herzu und

lüftete den schäbigen Zylinder.

„Habe ich die Ehre mit Herrn Referendar Brenitz aus Berlin?“

„Zu dienen, mein Name ist Brenitz.“

„Kalinski! Repräsentant des Grand Hotel de Russie. Und jetzt geben

Sie mir bitte den Gepäckschein für Ihr Koffertchen, das kann der

Hausknecht mit dem Omnibus besorgen. Wir beide gehen wohl am besten

zu Fuß. Der Omnibus hat keine Federn, und auf unserm Steinpflaster

stuckert’s so, daß man die Seekrankheit kriegen kann.“

Ueber das schmale Gesicht des jungen Mannes flog ein Lächeln. Der

breite ostpreußische Dialekt, der in seiner Klangfarbe etwas unsäglich

Gutmütiges und Treuherziges hat, amüsierte ihn.

„Ein Köfferchen? Ich habe, außer meinem übrigen Gepäck, allein zwölf

schwere Bücherkisten mitgebracht. Es dürfte sich also wohl empfehlen,

einen größeren Wagen zur Abholung zu schicken.“

Herrn Kalinski verschlug’s vor Erstaunen fast die Rede:

„Gott erbarm sich, zwölf Kisten! Wozu braucht ein Mensch bloß so viel

Bücher?“

„Zum Lesen, Herr ... Herr ...“

„Kalinski,“ half der andere aus und griff unwillkürlich nach dem

Zylinder, während er den Gepäckschein in Empfang nahm. Wer sich den

Luxus gestattete, mit zwölf schweren Bücherkisten zu reisen, mußte

entschieden aus gutem, wenn nicht gar wohlhabendem Hause stammen.

Und überhaupt, der neue Referendarius sah gar nicht so jüdisch aus,

wie er’s nach den, teilweise recht laut geführten Erörterungen der

Tischgesellschaft Masovia eigentlich erwartet hatte. Eher nach einem

jungen Oberlehrer sah er aus mit seinem blassen, feingeschnittenen

Gesicht. Und ein Paar braune Augen hatte er, die trotz des störenden

Kneifers recht freundlich und gutmütig dreinblickten.

Sie schritten selbander die schattige Allee entlang, die unter

dichtbelaubten Linden vom Bahnhofe zum Städtchen führte. Herr Kalinski

hob von Zeit zu Zeit die Hand, um seinen Begleiter auf besondere

Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen: den hohen Schornstein der

Brauerei und die erst im vorigen Jahre neuerbaute Feldscheune des

Stadtverordnetenvorstehers Pielemann, des reichsten Ackerbürgers von

Stradaunen.

Sein Begleiter hörte ihm freundlich zu, unterbrach ihn jedoch plötzlich

mit der Frage, ob sich im Hotel de Russie schon sein Chauffeur gemeldet

hätte.

Herr Kalinski blickte verwundert auf.

„Ein Schofföhr?“

„Ja, mit meinem Auto. Mein Arzt hat mir zwar empfohlen, hier recht viel

zu Fuß zu laufen, aber ich habe mich doch entschlossen, meinen Wagen

mitzunehmen. Ich will auch etwas von der weiteren Umgebung kennen

lernen. Meiner Berechnung nach hätte er eigentlich heute früh hier sein

müssen.“

Jetzt blieb Herr Kalinski stehen und schöpfte tief Atem. Ein

Referendarius, der ein Auto besaß, war ihm in seiner Praxis noch nicht

vorgekommen.

„Ein Au... Auto? Und e... entschuldigen Sie, Herr Brenitz, Sie si...

sind wohl sehr reich?“

Peter Brenitz lachte herzlich auf.

„Reich? Das ist ein recht relativer Begriff. Ich habe ungefähr so viel,

wie ich brauche, denn mein seliger Großvater hatte die Vorsicht, mein

zukünftiges Vermögen in Terrains anzulegen.“

„Terrains!“

Herr Kalinski nahm unwillkürlich einen halben Schritt Abstand und

lüftete hochachtungsvoll seinen bräunlich schimmernden Zylinder.

„Von Terrains habe ich schon öfter gehört. Da sollen manche Leute in

Berlin klotziges Geld verdienen. Wo früher kaum Sandhafer wuchs, soll

man ja heute für den Morgen zehntausend und mehr Daler zahlen. Hier

noch nicht mal dreihundert Mark.“

Von da an geriet die Unterhaltung ins Stocken, denn Herr Kalinski

war in schweres Nachdenken versunken. Einen Gast, der ein eigenes

Automobil und Terrains in Berlin besaß -- mit dem Worte „Terrain“

verband sich ihm unwillkürlich der Begriff von ungezählten Millionen --

hatte das Grand Hotel de Russie seit seinem Bestehen nicht beherbergt,

märchenhafte Preise waren da zu nehmen, zum mindesten vier Mark pro

Zimmer und Tag, und märchenhafte Trinkgelder zu verdienen. Dazu aber

gehörten mehr als die vorläufig bestimmten acht Tage. Vor allem aber

war es notwendig, den antisemitischen Uebereifer des Herrn Provisors

Kellmigkeit zu dämpfen, damit dem hochgeschätzten Gaste unangenehme

Eindrücke erspart blieben. Gewiß, wer ein bißchen ’was auf sich

hielt, war natürlich Antisemit, aber, wenn das Geschäft in Frage kam,

verschloß man seine Gefühle im innersten Schreine seines Herzens, und

wenn die Millionen anfingen, hörten selbst in den allervornehmsten

Kreisen die antisemitischen Gesinnungen auf. Also mußte in diesem

ähnlich liegenden Falle eine diplomatische Aktion ins Werk gesetzt

werden, vielleicht in der Weise, daß der Besitzer des Grand Hotel

de Russie sich zu dem Besitzer der Apotheke zum goldenen Engel

begab und diesem auseinandersetzte, daß sein Provisor den fatalen

Ausschließungsantrag zurückzog. Wenn man ihm deutlich mit der Kündigung

winkte, falls er sich’s beifallen ließe, den sozialen Frieden des

Städtchens zu stören, war es anzunehmen, daß er im Interesse eines

gesicherten Broterwerbs ein Opfer an Ueberzeugung brachte. Der Besitzer

der Goldenen Engel-Apotheke aber war zu einer so gearteten Einwirkung

sicherlich sehr leicht zu bestimmen, denn er handelte unter anderem

auch mit Benzin, und weshalb sollte er wegen der antisemitischen

Gesinnung seines Provisors auf einen Kunden verzichten, der als

Automobilbesitzer sicherlich Tausende von Litern dieses kostbaren, in

Stradaunen sonst nur zur Entfernung von Fettflecken verkauften Stoffes

gebrauchte? ...

So weit war Herr Kalinski in seinen Erwägungen gekommen, als ihn

eine Frage seines Begleiters aus dem Nachdenken riß. Wie geartet die

Bevölkerung des Städtchens wäre, fragte nämlich der Herr Referendarius

Brenitz, und da kam Herrn Kalinski ein Einfall, so genial, daß er vor

Freude fast einen Luftsprung getan hätte.

„Die Bevölkerung? Prima, prima, Herr Referendarius! Pferde können Sie

hier mit den Leuten stehlen gehen, so gutmütig und entgegenkommend sind

sie. Der einzige Störenfried ist ein Apotheker.“

„Ach! Ein Apotheker?“

„Ja! Sonst ein ganz umgänglicher Herr, aber er fängt alle Nas’ lang

Krach an. Namentlich mit Fremden. Wenn ’was Fremdes zugereist kommt,

das ist für ihn, wie für den Bullen das rote Tuch. Aber man muß das

nicht ernst nehmen, nach einiger Zeit begibt er sich wieder.“

„Um Himmels willen,“ sagte Peter Brenitz. „Da müßte ich mich ja hüten,

bei ihm ein Rezept machen zu lassen!“

„Nein, so verrückt ist er nun nicht, der Herr Provisor Kellmigkeit, nur

so leicht „übergebraten“, wie alle Apotheker. Aber Sie wissen ja jetzt

Bescheid, und wenn Sie den Herrn Provisor treffen, werden Sie auch

wissen, wie Sie ihn zu behandeln haben.“

„So so,“ erwiderte Peter Brenitz zerstreut, denn seine Aufmerksamkeit

war von einem die Straße entlang fahrenden Wagen in Anspruch genommen,

einem Dogcart, vor dem ein Paar schnittige Trakehner trabten, gelenkt

von einer blondhaarigen jungen Dame. Die Aufmachung war tadellos,

Peitsche und Zügelversammlung in bester Haltung, und die Trakehner

gingen wie an der Schnur. Unwillkürlich war er stehen geblieben, hatte

grüßend die karierte Reisemütze gezogen. Die junge Dame auf dem Bocke

neigte dankend die Peitsche, und nach einem Dutzend Pferdelängen sah

sie sich nach der unbekannten Erscheinung um ... eine scharf gegen

den blauen Himmel gezeichnete, elegante Silhouette, deren Umrisse in

dem von den Rädern aufgewirbelten Staube verschwanden, wie eine Fata

Morgana, die sich dem Wanderer im Wüstensande zeigte ...

„Wer war das, eben?“

Herr Kalinski zuckte, ein wenig geringschätzig, mit den Achseln.

„Das gnädige Fräulein aus Przygorowen, auch so ’ne Sache mit

unverkäuflichen Terrains. Wenn der Wind schlecht steht, laufen sie

über die Grenze, aber neulich munkelte man so ’was von Hellingen.

Hellingen! Man muß wissen, was das in hiesiger Gegend bedeutet:

dreiundsechzigtausend Morgen! Lächerlich, an so was überhaupt nur zu

denken!“

Peter Brenitz hätte seinen Führer gerne gebeten, diese, wohl nur

einem eingeborenen Stradauner verständliche Runensprache ins

Deutsche zu übersetzen, aber eine gewisse anerzogene und angeborene

Schüchternheit verschloß ihm den Mund. Zuweilen, selbst von näheren

Bekannten, wurde sie ihm als Hochmut ausgelegt, aber er konnte nichts

dafür. Es war ein Erbteil vom Vater her, der in einer weltfremden

Zurückgezogenheit gelebt hatte, halb ein Gelehrter, halb ein Fanatiker.

Ein Gelehrter, der die gesamte Weltliteratur durchforschte, um

Beweise für eine Theorie zu finden, daß das Volk Israel allenthalben

als Träger einer höheren Kultur zu wirken hätte, und, trotz des

eigenen, eingesponnenen Lebenswandels, ein fanatischer Gegner aller

Absonderungsbestrebungen. Restlos hätte das auserwählte Volk in den

Stämmen aufzugehen, die ihm nach höherer Weisung Schutz und Obdach

gewährten, und von dieser Verschmelzung erhoffte er eine neue Blüte

des ganzen Menschengeschlechtes ... Wie aus einer glücklichen Ehe,

deren Nachkommen alle guten Eigenschaften der Eltern erbten, und

ein Vermögen hatte er gemeinnützigen Stiftungen geopfert, die ihm

geeignet erschienen, sein Ideal um einen einzigen kleinen Schritt der

Verwirklichung näher zu bringen ...

Ein Erlebnis in heißer Feldschlacht hatte ihm den Sinn auf rastlosen

Erwerb gewandelt und den neuen Weg gewiesen, wie die Erscheinung aus

Himmelshöhen einstmals dem Apostel der Christengemeinde ... Bei St.

Privat war es gewesen, das zweite Garderegiment rückte in Kolonne nach

der Mitte gegen die feindlichen Stellungen vor. Die Kugeln pfiffen,

die platzenden Schrapnells rissen Lücken in die stürmenden Reihen, die

sich wie auf dem Exerzierplatze wieder zusammenschlossen, die Musik

spielte den Avanciermarsch, wie auf dem Tempelhofer Felde. Ab und zu

gab es in dem dröhnenden Gekrach einen schrillen Mißklang, wenn einem

der tapferen Bläser von feindlichem Geschoß die Brust zerrissen wurde,

unentwegt aber erklang nach dem letzten Paukenschlag die schrille

Melodie der Pfeifer: „*Wir* geh’n dem Tod entgegen, tirilititi,

tiriliti, *wir* geh’n dem Tod entgegen ...“

Eine Mauer stand im Weg, in weißlichen Pulverdampf gehüllt, irgendwoher

kam ein lauter Kommandoruf: Drauf und drüber! ... Einen Augenblick

lang geriet die anstürmende Welle ins Stocken, einen Augenblick später

kletterten Hunderte von verwegenen Gesellen über das Hindernis ... Ein

grober Kolben schwebte hoch in der Luft, um dem Einjährigen Brenitz den

Kopf zu zerschmettern, eine blitzende Klinge fuhr dazwischen ... „_sac’

nom de Dieu_ ...“ Der Hieb ging vorbei, ein schwarzbärtiger Turko

stürzte vornüber aufs Gesicht.

„Herr Leutnant, schön’ Dank!“

„Unsinn, Einjähriger! Einhauen!“

Und ein paar Augenblicke später, die Gefangenen waren in einem Winkel

des Kirchhofes zusammengedrängt, gab es Revanche. Eine der am Boden

liegenden braunen Bestien hatte hinterrücks den Revolver erhoben,

zielte auf den Leutnant, wie ein Wurfspeer fuhr die bajonettbewehrte

Flinte des Einjährigen dem Kerl in die Gurgel.

„Jetzt sind wir wieder quitt, Herr Leutnant!“

„Na schön, dann können wir das nächste Mal wieder von vorne anfangen!“

...

Der Christ hatte dem Juden das Leben gerettet, und der Jude dem

Christen, vierzehn Tage später aber kamen die Eisernen Kreuze heraus,

und der Herr Regimentskommandeur hielt bei der Ueberreichung eine

markige Ansprache, stellte sie beide, den Leutnant Freiherrn von

Bergkem und den Kriegsfreiwilligen Hermann Brenitz den anderen als ein

nacheifernswertes Beispiel todesverachtender Kameradschaft dar ...

An diesem Tage glaubte der Kaufmann Brenitz seinen wahren Beruf erkannt

zu haben, und als ihm ein paar Jahre später der Tod seines Vaters die

wirtschaftliche Unabhängigkeit verlieh, übergab er das Geschäft seinem

Bruder und widmete sich mit stiller Zähigkeit der Arbeit an einem

Ziele, dessen Erreichung ihn höher dünkte als alles, was Menschengeist

sonst erstrebte.

In diesem Glauben hatte Hermann Brenitz seinen spät geborenen Einzigen

erzogen, und als ihn noch vor der Schwelle des Greisenalters ein

rascher Tod von dannen rief, hinterließ er dem Sohne als köstlichstes

Erbteil seinen hochgerichteten, allem Kleinlichen abholden Sinn, seine

schier leidenschaftliche Liebe zu allem, was schwach und unterdrückt

war, und ein milde urteilendes Herz, das über Fehler und Gebresten

der anderen verzeihend hinwegsah. Daneben aber leider keine Spur von

praktischer Lebenserfahrung und auch nicht ein Quentchen jenes gesunden

Egoismus, der in den heutigen harten Zeiten selbst einem reinen

Idealisten vonnöten ist ...

Seine erste Tat, nachdem er die Universität bezogen hatte, war die

Gründung eines Studentenvereins „Utopia“, in dem er zu seinem Teil

an der Verwirklichung der väterlichen Ziele zu arbeiten gedachte,

der Verbrüderung von Deutschtum und Judentum. Auf seinen Aufruf am

schwarzen Brette meldeten sich drei Mitglieder, ein Jude und zwei

Christen. Der Jude, ein Rabbinersohn aus dem Posenschen, war aus

Opposition eingetreten und bewies ihm in stundenlangen Debatten, daß

seine Theorien Unsinn wären, daß das Ziel des Judentums vielmehr in

der strengen Absonderung läge und in letztem Sinne in der friedlichen

Wiedereroberung der alten zionistischen Heimat. Die beiden Christen

aber waren praktischer gesonnen. Sie faßten die geplante Verbrüderung

mehr im Sinne einer Vermögensteilung auf, lebten ein Semester lang

auf seine Kosten und pumpten ihn an. Und als der Rabbinersohn aus

dem Posenschen zu Beginn des zweiten Semesters in seiner Eigenschaft

als Kassenwart an die Zahlung der rückständigen Mitgliederbeiträge

erinnerte, traten sie aus, bezeichneten die Bestrebungen der Verbindung

roherweise als „Mumpitz“ und sengten den beiden jüdischen Mitgliedern

der „Utopia“ bis zur Abfuhr auf. Der Rabbinersohn erklärte, seine

Anschauungen gestatteten ihm nicht die Teilnahme an einem Zweikampfe,

Peter Brenitz aber, der von seinem Vater gelernt hatte, ein rechter

Mann müßte im Notfalle seine Ueberzeugung auch mit seinem Blute

besiegeln, trat mit dem Schläger in der Faust für die gekränkte Ehre

der „Utopia“ ein. Das Resultat waren zwei gewaltige „Abfuhren“, eine

über den Kopf und die andere quer über die Stirn und Nase, so daß er

nach dem langwierigen Ausheilungsprozesse Schwierigkeiten hatte, vor

seinen kurzsichtigen Augen den Klemmer zu befestigen.

Aber das focht ihn weiter nicht an, viel schmerzlicher berührte

ihn ein anderes Erlebnis, das mit der Pauksuite gegen die beiden

abtrünnigen Mitglieder unmittelbar in Zusammenhang stand. Sein tapferes

Verhalten auf den beiden Mensuren hatte das Wohlgefallen der „Alanen“

erregt, bei denen er „Waffen belegt“ hatte, und der Erste dieses in

Berlin hochangesehenen Korps lud ihn ein, sich an einem der nächsten

offiziellen Abende auf der Kneipe einzufinden. Diese Einladung aber

erfüllte ihn mit Stolz, denn sie bedeutete nichts anderes, als daß man

in den Kreisen der „Alania“ Wert darauf legte, seine Mitgliedschaft zu

gewinnen. Mit geschwelltem Busen ging er zu der offiziellen Kneipe hin,

trank mehr, als seinen frischen Schmissen dienlich war, sang begeistert

im Chore mit „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun“ und „Strömt

herbei, ihr Völkerscharen“. Als er sich aber zum Eintritt meldete, nahm

ihn der Erste der „Alania“, ein narbenbedeckter, sehniger Bursch’, der

das schwere, dunkle Bier wie Wasser hinabschüttete, beiseite.

„Scharmant, lieber Herr Kommilitone, aber wir haben zu unserm

lebhaftesten Bedauern erst heute nachmittag erfahren, daß Sie noch

nicht getauft sind. Wenn Sie bereit sind, dieses Versäumnis nachzuholen

-- es könnte ziemlich rasch und schmerzlos bewerkstelligt werden, denn

einer unserer alten Herren ist zufällig Pastor in Rixdorf -- wären wir

unsererseits ebenfalls bereit, Sie aufzunehmen.“

„Entschuldigen Sie gütigst,“ sagte Peter Brenitz darauf, „der Paragraph

1 Ihrer Statuten lautet doch: ›Das Korps ist eine Vereinigung von

Studierenden zur Pflege echten Burschensinnes ohne Rücksicht auf

Religion und politisches Glaubensbekenntnis‹?!“

„Gewiß, das war früher einmal, aber heute haben sich die Zeiten

geändert. Heute müßten wir befürchten, im hohen Kösener Verband als

ein Bund zweiter Klasse eingeschätzt zu werden, falls wir nicht lauter

christliche Mitglieder hätten. Wenn wir Ihnen gestatten, durch eine,

immerhin gangbare Hintertür das hohe Ziel der Mitgliedschaft eines

Korps zu erreichen, so mögen Sie daraus ersehen, daß wir immerhin auf

Ihren Eintritt einigen Wert legen.“

„Herzlichen Dank,“ erwiderte Peter Brenitz, „aber das Betreten dieser

Hintertür muß ich ablehnen. Mein seliger Vater erträumte Zeit seines

Lebens die Verschmelzung von Christen und Juden als sein höchstes

Ideal, aber nur auf dem Grunde der Gleichberechtigung, als von zwei

gleichwertigen Komparenten, die bei einer Vereinigung nichts aufzugeben

hätten. Ich würde nicht in seinem Sinne handeln, wenn ich auf Ihre

Bedingung einginge.“

Der Erste der Alanen stand auf und klappte förmlich die Hacken zusammen.

„Dann bedauere ich lebhaft! Darf ich meinen Rest auf Ihr Wohl trinken,

Herr Studiosus?“ Er schüttete den Inhalt seines Glases die Kehle hinab,

und Peter Brenitz verstand ihn. Er hob sein Glas: „Ich löffle mich,

Herr Studiosus“ -- studentische Gebräuche hatte er gelernt, als er noch

der selig entschlafenen „Utopia“ präsidierte -- und nach einer kurzen

Schicklichkeitspause, damit sein Abgang nicht so absichtlich aussähe,

entfernte er sich. Nicht so sehr über die Zumutung betrübt, die man ihm

gestellt hatte, als über den Verlust jeder Möglichkeit, in den Kreisen

der Alanen für die Ausbreitung der väterlichen Ideen wirken zu können.

In der Zeit, als er sich für die beiden Mensuren einpaukte, hatten die

lustigen Gesellen ihm gar sehr gefallen, einer oder der andere unter

ihnen sah auch wohl so aus, als entbehrte er nicht eines gewissen

Interesses für höhere, über die tägliche Kneipe und den Fechtboden

hinausreichende Ziele, aber wie sollte man ihm näher kommen? Sie lebten

ja alle in einer Gemeinschaft, die sich mit einer aus Vorurteilen

gebauten Mauer umgab. Und wenn er später im Vorhofe der Universität

unter dem bunten Gewimmel der dort paradierenden Studentenverbindungen

die Farben der Alanen auftauchen sah, zog sich ihm immer das Herz

zusammen ...

Für eine Weile gab er es auf, Freundschaften im andern Lager zu suchen.

Er betrieb mit gewissenhaftem Eifer sein juristisches Studium und

versenkte sich in die Schätze der väterlichen Bibliothek. In seinen

kärglichen Mußestunden aber huldigte er einem Sport, zu dem er aus

Zufall und Gutmütigkeit gekommen war. Eines Tages nämlich hatte er aus

der Konkursmasse eines Fabrikanten, dem sein Vater zur Etablierung

eine erhebliche Summe vorgestreckt hatte, ein Automobil übernehmen

müssen. Der Chauffeur erklärte, er müßte brotlos werden, wenn der

Wagen in andere Hände überginge. Eine solche Verantwortung aber mochte

Peter Brenitz nicht tragen, also behielt er Gefährt und Lenker, und

wenn dieser in gemessenen Zwischenräumen erklärte, es wäre wieder

einmal nötig, die Maschine zu bewegen, wurde eine Spazierfahrt in den

Grunewald unternommen. Von dem alten Hause in der Wilhelmstraße, in dem

der Studiosus Brenitz den ersten Stock bewohnte, nach Pichelswerder

und nach einer Erfrischungspause, deren Dauer der Chauffeur bestimmte,

wieder zurück. In Pichelswerder nämlich besaß dieser eine Braut, die im

„Seeschlosse“ als Köchin diente, und wenn sie von beruflichen Pflichten

nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde, nützte der verliebte

Chauffeur die günstige Gelegenheit zu einem längeren Beisammensein.

Sein Herr aber trank indessen geduldig eine Tasse Kaffee, rauchte

nachdenklich eine oder mehrere Zigaretten und paßte auf den in

Sichtweite am Gartenzaun stehenden Wagen auf ...

So vergingen allmählich die Semester. Peter Brenitz war auf dem besten

Wege, ein versponnener und menschenscheuer Einsiedler zu werden, wenn

ihn nach dem glücklich bestandenen Examen nicht seine Wahrheitsliebe

unversehens in eine andere Umgebung versetzt hätte. Als nämlich die

neugebackenen Referendarien nach „besonderen Wünschen bezüglich ihres

zukünftigen Beschäftigungsbezirks“ gefragt wurden und die Mehrzahl

natürlich sich mit triftigen Gründen um das Verbleiben in Berlin

bewarb, wußte er allein keine solchen Gründe anzuführen. Er besaß zwar

als einziger, der das Examen mit dem Prädikate Gut bestanden hatte,

einen gewissen Anspruch auf Berücksichtigung und wäre ja auch recht

gerne in Berlin und seinen liebgewordenen Gewohnheiten geblieben. Die

anderen aber versicherten, sie wären in ihrer wirtschaftlichen Existenz

bedroht, wenn man sie nicht in der Reichshauptstadt beschäftigte, und

das traf bei ihm nicht zu. Er war weder genötigt, seinen Unterhalt

durch Stundengeben zu verdienen, noch darauf angewiesen, bei Verwandten

zu wohnen. Einen triftigen Grund aber frei zu erfinden, vertrug sich

nicht mit seiner Wahrhaftigkeit.

Also trat er bescheiden hinter den anderen zurück und erhielt acht Tage

nach dem Examen die offizielle Mitteilung, er wäre an das Amtsgericht

Stradaunen im Landgerichtsbezirke Lyck versetzt. Er mußte das

Konversationslexikon zu Rate ziehen, um zu erfahren, in welche Gegend

des deutschen Vaterlandes ihn die amtliche Verfügung für die nächsten

Jahre seines Lebens verschlug, und mit einem leichten Seufzer klappte

er den dicken Band wieder zu.

„Stradaunen, Stadt im Regierungsbezirke Allenstein, Provinz Ostpreußen,

2000 Einwohner, Amtsgericht,“ lautete die dürftige Notiz. Das klang

nicht sehr ermutigend, aber einen Trost gab es immerhin: das Städtchen

lag in Ostpreußen, und von diesem Landstriche hatte der verstorbene

Vater immer mit besonderer Liebe gesprochen. In jungen Jahren, noch vor

dem Feldzuge, hatte ihn eine geschäftliche Reise dorthin geführt, und

seit dieser Zeit bewahrte er in seinem Herzen eine dankbare Erinnerung

an die gastfreie Aufnahme, die er allenthalben gefunden. Gar nicht

genug aber wußte er die biedere und offene Gesinnung der Bevölkerung

zu rühmen, bei der ein Wort und ein Handschlag mehr galten als

anderwärts geschriebene Verträge, und mit einem gewissen Stolze pflegte

er hinzuzufügen, daß bei „seinen lieben Ostpreußen“ die Seuche des

Antisemitismus verhältnismäßig die geringste Ausdehnung gefunden hätte.

In diesem Lichte besehen, nahm sich die Versetzung nach Stradaunen also

schon bedeutend freundlicher aus, und schließlich, was ließ er denn in

Berlin zurück, um das er sich sonderlich hätte grämen müssen? Freunde

besaß er keine, die Vergnügungen der Weltstadt lockten ihn nicht, und

mit seinen Verwandten von Vatersseite her verknüpfte ihn nur ein recht

loses Band. Das Schwierigste dünkte ihm die Auseinandersetzung mit

seinem Chauffeur, an den er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, und

den er doch nicht gut brotlos machen konnte. Auf der anderen Seite

aber durfte er ihn doch auch nicht vor den schweren Konflikt stellen,

zwischen den Pflichten gegen seinen Herrn und seine Braut zu wählen.

Wider alles Erwarten jedoch vollzog sich die Lösung dieses Dilemmas in

sehr einfacher Weise.

Der Chauffeur nämlich erklärte ziemlich gelassen, an der Braut in

Pichelswerder läge ihm wenig. Er könnte alle Tage eine andere finden,

nimmermehr aber einen so guten und freundlichen Herrn. Da hielt

ihm Peter Brenitz eine kleine Standrede, daß es frivol wäre, mit

einem Menschenschicksal so leichtsinnig zu spielen. Als er aber die

Versicherung empfing, auch die Pichelswerderin würde sich gar bald mit

einem anderen trösten, war er’s zufrieden. Er händigte dem Chauffeur

ein namhaftes Geldgeschenk ein, um die verlassene Braut wenigstens ein

bißchen für die Untreue zu entschädigen, an der er sich selbst nicht

ganz schuldlos fühlte, und begab sich leichteren Herzens nach der

Tiergartenstraße, um dem Geheimen Kommerzienrat Brenitz, dem einzigen

Bruder seines Vaters und Inhaber der altangesehenen Bankfirma Samuel

Brenitz’ sel. Witwe Söhne, deren Gründungsjahr in die Regierungszeit

Friedrich Wilhelms des Zweiten hinaufreichte, seinen pflichtgemäßen

Abschiedsbesuch zu machen.

Der alte Herr, der in den Kreisen der Börse und der Industrie ein

gewaltiges Ansehen genoß, verwaltete dem Neffen das Vermögen,

beteiligte ihn, ohne groß zu fragen, an sicheren und gewinnbringenden

Unternehmungen, für seine besondere Wesensart aber hatte er kein

Verständnis. Ein junger Mensch, aus dem etwas Tüchtiges werden

sollte, hätte mit beiden Füßen im wirklichen Leben zu stehen, statt

unerfüllbaren Phantastereien nachzuhängen, und was er einstmals dem

Bruder verziehen hatte, machte er dessen Sohn zum Vorwurf. Ein hart

empfundenes Geschick hatte ihm selbst den männlichen Erben versagt,

nur zwei Töchter wuchsen ihm heran, die von einer eitlen Mutter nach

dem eigenen Vorbilde erzogen wurden. Es verbitterte ihm die beste

Schaffensfreude, daß er die stolze, alte Firma, die ihre in schweren

Zeitläuften errungene Größe seiner rastlosen Arbeit verdankte, einmal

fremden Händen hinterlassen sollte. Als sein Bruder starb, empfand er

daher neben aller gerechten Trauer fast ein Gefühl der Freude, denn

jetzt gab es eine Möglichkeit, sich einen Nachfolger zu erziehen, der

seinen Namen trug und aus seinem Blute war; aber schon nach den ersten

ernsthaften Gesprächen mußte er zu seinem Leidwesen erkennen, daß er

sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben hatte. Der damals kaum

den Knabenschuhen entwachsene Jüngling hörte ihn respektvoll an, aber

seinen Werbungen setzte er ein festes Nein entgegen. Denn er hatte

dem sterbenden Vater in die Hand gelobt, seinem Lebenswerke mit allen

Kräften ein Erfüllen zu geben.

Da wurde der Geheimrat heftig, schalt seinen verstorbenen Bruder einen

Narren, der aus dem Sohne einen noch größeren Narren gemacht hätte,

und erklärte, die einzige Lösung der Judenfrage wäre die, den Christen

Respekt einzuflößen, statt ihnen nachzulaufen.

Peter Brenitz verbat es sich, daß in seiner Gegenwart das Andenken

seines Vaters geschmäht würde, und das Zerwürfnis war fertig. Seither

wurde er in dem Hause seines Onkels ein seltener Gast, der sich nur

bei besonderen Gelegenheiten einstellte, und keiner fand den Weg zum

andern, wenn sie sich im innersten Herzen auch einsam fühlten. Der

Jüngere fürchtete den Spott, und der Ältere hatte sich über seiner

enttäuschten Hoffnung verbittert. Erst als Peter zum Abschiednehmen

kam, traten sie sich wieder um ein weniges näher.

Der alte Geheimrat empfing ihn gegen alles Herkommen sehr freundlich,

hörte der Mitteilung, daß er ans Amtsgericht Stradaunen versetzt

worden wäre, mit halbem Ohre zu, dann aber legte er los, um einen

Groll, der ihm am Herzen fraß, in eine verschwiegene Brust zu entladen.

Eine Weile lang ging er in dem geräumigen Gemache, durch dessen hohe

Scheiben die Eichen des Tiergartens im grünen Blätterschmucke grüßten,

auf und ab, die Hände auf dem Rücken und das bartlose Gesicht mit der

mächtigen Stirn leicht zur Seite geneigt. Und plötzlich blieb er stehen.

„Also, sie hat’s richtig geschafft, die geborene Guggenheimer,“ -- wenn

er auf seine Frau zornig war, pflegte er sie mit ihrem Mädchennamen

zu bezeichnen, auf den sie als Angehörige eines alten Frankfurter

Geschlechts nicht wenig stolz war -- „es ist ein Gardeleutnant! Noch

dazu von der Kavallerie und aus ältestem, verschuldetem Adel. Von

Krotthelm heißt er. Schon in den Kreuzzügen haben seine Vorfahren gegen

die Ungläubigen gekämpft, und er setzt die Traditionen seiner Ahnen mit

ungeschwächten Kräften fort, nimmt mir mein Geld und meine Tochter. Die

Ilse natürlich, denn die Frida ist, Gott sei Dank, so unbedeutend und

häßlich -- sie schlägt mehr nach mir ... Also da hat sich noch keiner

herangetraut. Denn die Lüge, seine Liebe wäre so abgrundtief und so

weiter, wäre zu knüppeldick!“

„Aber, Onkel,“ warf Peter schüchtern ein, „ist es denn so ganz und gar

ausgeschlossen, daß dieser Herr von Krotthelm für Deine Tochter Ilse

eine wirkliche Zuneigung empfindet?“

Der Geheimrat Brenitz lachte höhnisch auf.

„Bloß Zuneigung, mein Söhnchen? Liebe empfindet er, eine so heftige

Liebe, daß er ohne mein Kind nicht leben kann! Und das stimmt aufs

Haar, denn ich habe mich sehr sorgfältig und bei allen möglichen

Stellen über ihn erkundigt. Er kann wirklich ohne die Ilse nicht

weiterleben, denn die Schulden schlagen ihm über dem Kopf zusammen.

Seine Pferde und seine Maitresse kann er nicht weiter halten, wenn er

meine Ilse nicht kriegt mit ihren baren zwei Millionen Mitgift.“

„Dann würde ich doch aber ganz einfach meine Zustimmung verweigern,

lieber Onkel?!“

„Ach, was Du sagst!“ Der Geheimrat stellte sich vor seinen Neffen hin

und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Zustimmung! Dazu gehören

doch immer zwei, einer, der fragt, und der andere, der Ja sagt. Meine

Frau aber *hat* mich gar nicht gefragt“ -- er schlug mit der geballten

Faust einen zornigen Lufthieb -- „sondern hinter meinem Rücken die

Anzeigen verschickt. Aus der Vossischen Zeitung heut früh hab’ ich’s

erfahren, daß meine älteste Tochter sich verlobt hat. Nicht auf die

Börse hab’ ich mich getraut, um mich nicht auslachen zu lassen, und in

die Ressource geh’ ich vor den nächsten drei Monaten nicht, trotzdem

ich meine Partie Bridge vor dem Essen nötiger hab’ als ein Kranker

seine Medizin! ‚Gratuliere,‘ sagt der alte Hirschfeld, der Louis Meyer

und der Goldschmidt desgleichen, und nachher, beim Spielen, kommen die

Gemeinheiten.

‚Ich überlasse,‘ sagt der Hirschfeld, ‚und nicht wahr, lieber Brenitz,

Ihr zukünftiger Herr Schwiegersohn steht, wenn ich recht gelesen habe,

bei den Gardedragonern?‘

‚Pik,‘ sagt der Meyer, ‚was soll es bei meinem Pech schon anders

sein? Aber ich habe gehört, bei einer Heirat mit einer Jüdin muß der

Bräutigam zum Train.‘

Und der Goldschmidt mit seinem kahlen Schädel und der einsamen

Skalplocke nimmt die Karten zusammen:

‚Die Herren von der Gegenpartei hätten bei richtigem Verständnis der

Lage drei Trick in _sans atout_ gemacht! Was aber Ihren zukünftigen

Schwiegersohn angeht, lieber Brenitz‘ -- dabei wetzt er die Zunge

an den Lippen, denn jetzt kommt die größte Gemeinheit -- ‚so kann

ich’s verstehen, daß Sie mit beiden Händen zugegriffen haben. Einen

versierteren Vorsteher der Wechselabteilung, als den Baron von

Krotthelm, können Sie sich gar nicht wünschen. Der reitet auf ’nem

Wechsel so gut wie auf ’nem Pferd, und auch in der Industrie weiß er

Bescheid. Neulich hat er von einem Gurglerkonsortium einen größeren

Posten Damenkorsetts übernommen und mit Nutzen losgeschlagen. Denn die

Valuta blieb er natürlich schuldig ...‘

Also, was sollst Du da tun? Alten Freunden, die es gut mit Dir meinen,

die Karten an den Kopf werfen? Oder mit der Faust auf den Tisch hauen:

Da ist nur die geborene Guggenheimer daran schuld? Weil sie aus einem

Geschlechte stammt, das mit den Rothschilds Haus an Haus gewohnt hat in

der Judengasse zu Frankfurt und das damals schon über diese Parvenüs

die Nase rümpfte, weil zweihundert Jahre früher ein Guggenheimer zu

Worms auf dem Scheiterhaufen brannte? Deshalb aber -- ausgerechnet

-- kennt sie keinen höheren Ehrgeiz, als ihrer Tochter einen adligen

Christen zum Eidam zu suchen, und ich als Vater muß den Mund halten?

Weil sie mich einmal erwischt hat, als ich ein junges Tanzmädchen

aus einem Theater hübscher fand als die geborene Guggenheimer? Na,

und jetzt freu’ Dich doch, Weltverbesserer,“ so schloß der Geheimrat

Brenitz mit grimmigem Auflachen, „das Ziel Deiner Sehnsüchte ist ja

erreicht. Einer aus dem anderen Lager steigt über die trennende Mauer,

das Christentum verschmilzt mit dem Judentum, und -- Hosiannah -- ein

neuer Fortschritt des Menschengeschlechtes ist endlich angebahnt?!“ ...

Der Geheimrat Brenitz wandte sich ab und starrte zornig über den

blumengeschmückten Vorgarten auf die breite Straße hinab. Sein Neffe

aber hob den feinen Kopf mit den schwärmerischen Augen.

„Mein seliger Vater, lieber Onkel, hat immer gesagt, in einem wäre

die Lehre der Christen erhabener und schöner als die unsrige: in der

verzeihenden Liebe, die einen reuigen Sünder höher einschätzte als eine

ganze Schar von Gerechten. Und weshalb sollen wir uns diesen Satz nicht

annehmen? Vielleicht, wenn Du Deinen zukünftigen Schwiegersohn mit

Liebe empfängst, daß es Dir gelingt, durch Zuspruch und Beispiel aus

ihm einen Mann zu erziehen, der Dir eine Freude wird und eine Stütze

für Dein Alter?“

Der Geheimrat Brenitz fuhr jählings herum, als er aber in das Gesicht

seines Neffen blickte, stockte ihm das kränkende Wort, das sie schon

einmal geschieden hatte, auf den Lippen.

„Also, es ist gut, mein Sohn. Ich weiß, Du meinst es ehrlich. Aber

geh hinüber auf die andere Seite des Hauses, da führen sie zu Dreien

ein Lustspiel auf: ‚Der adlige Mitgiftjäger oder der geprellte

Schwiegervater‘, und da paßt Du mit Deinen Anschauungen besser hin. Ich

gratulier’ Dir, es wird ein Trauerspiel daraus. Aber was liegt Dir an

dem Hause Brenitz? Ein leerer Name ist’s für Dich, Schall und Rauch,

wie der Dichter sagt, und nichts spricht zu Dir, daß auch ein Name

Pflichten auferlegt?!“ ...

Peter Brenitz atmete tief auf.

„Lieber Onkel, es kommt mir nicht zu, Dir Ratschläge zu erteilen, eins

nur möchte ich Dir noch sagen: Dein zukünftiger Schwiegersohn ist doch

ein Edelmann! Leichtsinnig vielleicht und auch leichtfertig, aber doch

im Innersten von anständiger Gesinnung, sonst hätte er des Königs Rock

nicht tragen dürfen. Und ein gutes Wort findet gute Stelle! Sprich Dich

mit ihm aus, so recht aufrichtig und herzlich, und ich bin überzeugt,

Du wirst noch an dieser Verbindung Freude erleben!“

Der alte Herr Geheimrat lächelte trübe.

„Mein Sohn, was bist Du noch jung! Fast könnte man Dich beneiden, denn

es muß schön sein, das Leben durch eine rosenrote Brille anzusehen ...

Auch ich kenne manchen Edelmann, Barone, Grafen, Fürsten und Herzöge

... den Hut ab vor ihnen; denn ihre Gesinnung ist lauter und ihr Wort

wie Eisen. Aber sie kommen in mein Geschäftskontor in der Behrenstraße,

um sich bei mir Rat zu holen für spekulative Anlagen, oder sie bringen

mir ihr Vermögen zur Verwaltung, weil sie wissen, bei Samuel Brenitz

sel. Witwe Söhne liegt es so sicher wie im Juliusturm. Was aber in

mein Haus kommt hier in der Tiergartenstraße, das, mein Sohn, ist

Ausschuß! Und glaub’ mir, jeder Edelmann, oder, ich will dieses Wort

nicht mißbrauchen, sondern lieber dafür sagen, jeder Mann aus einer

einstmals adligen Familie, der einem Judenmädchen in die Augen sieht,

um es zu seinem Weibe zu machen, hat vorher schon in den Lauf einer

Pistole gesehen. Solche Menschen aber erzieht man nicht! Und ich werde

Dir sagen, wie alles kommen wird: Die Freude da drüben wird genau

so lange vorhalten wie das Geld, das die Guggenheimer ihrer Tochter

mitgeben kann, denn ich steure zu dieser Verbindung keinen Pfennig bei!

Von dem Guggenheimerschen Gelde -- es sind immerhin zwei Millionen --

wird der Herr Baron erst seine Schulden bezahlen und dann sich ein

Rittergut kaufen, hier irgendwo in der Nähe von Berlin. Dort aber wird

ein Leben sein, wie im Himmel, jeden Tag ein Fest mit Gästen, bis das

Geld zu Ende ist. Und eine Weile danach wird mein Kind hier vor mir

stehen, an Leib und Seele gebrochen, mir vielleicht fluchen, daß ich

sie heute nicht zurückgehalten habe ... Also, es ist gut, ich kann’s

nicht ändern. Und jetzt adieu, mein Sohn, nimm’s mir nicht übel, daß

ich alter Mann zu Dir von meinen Sorgen und Kümmernissen gesprochen

habe. Reise mit Gott und nimm all Deine Ideale mit in Deinen neuen

Wirkungskreis. Ich wünsch’ Dir alles Gute. Wenn Du jedoch Dir eines

Tages das Herz wund gestoßen hast da draußen, denk’ an das alte Haus

in der Behrenstraße mit dem verwitterten Firmenschild über der Tür. Der

Tag soll gesegnet sein, an dem Du unter ihm durchschreitest, und das

Haus hat schon Schwereres getragen als einen Chef, der nicht nur seine

Angestellten und sich selbst, sondern die ganze Menschheit beglücken

wollte“ ....

Da begehrte Peter Brenitz nicht auf, sondern hob dem Bruder seines

Vaters die schlaff vom Lehnstuhle herabhängende Hand.

„Lieber Onkel, Du hast vorhin gesagt, ein Name verpflichtet. Der

meinige legt es mir auf, meinem verstorbenen Vater zum Wohlgefallen

zu leben. Er hat mir den Beruf eines Richters erwählt, und für diesen

will ich mich mit Ernst vorbereiten. Verzeih mir also, wenn ich Dir

nicht zu Willen sein kann, und verzeih mir auch jetzt in der Stunde

des Abschieds, daß ich Dir damals vor vier Jahren mit heftigen Worten

widersprach. Heute sehe ich, daß Du mich nicht in böser Absicht kränken

wolltest, und es tut mir leid, daß ich nicht öfter den Weg zu Dir

fand!“ ...

Dem alten Herrn wurden die Augen feucht, und noch lange saß er sinnend

in seinem Lehnstuhle ...

Ein Kind ging da ins Leben hinaus, ein reiner Tor, der nach dem

heiligen Grale der Versöhnung suchte ... Und fast wie Neid sprang’s ihn

an gegen den verstorbenen Bruder, der in dem Sohne einen Nachfolger

besaß, einen, der an seinem Werke weiterarbeitete, mochte es noch

so unfruchtbar und töricht sein. Er aber?! ... Er hatte gerafft

und gescharrt, Schätze auf Schätze gehäuft, und wenn er von dannen

ging, mußte er sehen, daß die Arbeit seines Lebens in die Hände

verschwenderischer Erben fiel ..

Ein heißer Groll stieg ihm im Herzen empor, und er reckte die Hand nach

dem Klingelknopfe auf dem Schreibtische. Der Diener erschien in der

Tür: „Herr Geheimrat?“

„Meinen Wagen!“

Und als er fünf Minuten später in Ueberzieher und Zylinder auf die

Straße trat, sah er mit ingrimmigem Lächeln zu den Fenstern hinauf,

hinter denen die geborene Guggenheimer sich ihres Triumphes freute --

mit ihrem adeligen Schwiegersohn.

Der Kutscher auf dem Bocke griff an den Hut.

„Jerusalemer Straße 21, Justizrat Wolff!“

Und mit einem kurzen Auflachen stieg der Geheimrat ein, wie jemand, der

im Begriffe stand, einen guten Witz zu machen. Nur schade, daß er bei

der Pointe nicht mehr dabei sein konnte! Aber die Vorfreude war auch

etwas wert, und er sah ordentlich die langen Gesichter seiner Erben,

wenn sie bei der Testamentseröffnung nachrechneten, was ihnen nach dem

Abzuge aller Legate für wohltätige Stiftungen übrig blieb. So lange

er lebte, hielt er das Brenitzsche Geld mit eiserner Hand, aber ein

vorsichtiger Mann sorgte beizeiten dafür, daß sein Wille auch nach dem

Tode respektiert wurde ...

* * * * *

Peter Brenitz hatte sich auf dem Schauplatze seiner neuen Tätigkeit

umgesehen, und er gefiel ihm wohl. Aus den Fenstern der Vorderzimmer

im Grand Hotel de Russie blickte er auf einen freien Platz, in dessen

Mitte das übliche Kriegerdenkmal stand, eine geflügelte Viktoria auf

einem Unterbau aus unbehauenen Findlingssteinen. Im Hintergrunde erhob

sich ein altes Kirchlein mit schlankem Glockenturm, und freundliche

Häuser mit sauberen Läden zogen sich zu beiden Seiten hin.

Aus dem Schlafzimmer aber bot sich die Aussicht auf den blauen Spiegel

eines weitgestreckten Sees, sanft geschwungene Hügel umrahmten seine

Ufer, und weit hinten in der Ferne grüßte der dunkle Saum des Waldes,

lockte zum Wandern und Träumen ...

Die Zimmer waren hell und geräumig, auf dem Tische des sogenannten

Salons prangte zum Willkomm ein großer Blumenstrauß, und Frau Popiella,

die rundliche Gattin des Wirtes, knickste und dienerte.

„Aber bester, trautster Herr Referendarius, bloß von acht Tagen kann ja

gar keine Rede sein, so rasch lassen wir Sie nich weg, i wo nein, Sie

tragen uns ja die Ruh aus dem Haus!“

Peter bemerkte schüchtern, es hätte allerdings in seiner Absicht

gelegen, eine mittlere Sechszimmerwohnung zu mieten, eine kleine Villa

am liebsten, mit abgeschlossenem Garten. Frau Popiella aber legte,

ordentlich erschrocken, die speckige Hand auf die zum Platzen gespannte

Kattunbluse.

„Gott erbarm sich, sechs Zimmer und hier in Stradaunen? So viel hat ja

nich mal der Herr Amtsgerichtsrat mit seinen sieben Kindern, und wozu

braucht ein einzelner junger Herr bloß so viel Gelaß?“

„Ja,“ sagte Peter, ein wenig hilflos, „ich gebe zu, daß ich in dieser

Beziehung wohl allzu sehr verwöhnt bin. Immerhin brauche ich doch

mehrere Räume für meine Bibliothek, einen für den Flügel und etliche

andere unentbehrliche Einrichtungsstücke, die ich mir aus Berlin

nachschicken lassen möchte. Auch ein eigenes Badezimmer hätte ich

gerne.“

Frau Popiella schüttelte den Kopf.

„Hier wird nur im Sommer gebadet, unten im See. Und überhaupt, so ’ne

Wohnung werden Sie in ganz Stradaunen nich finden. Auf Spekelatzion

wird hier nich gebaut, was die paar Herrschaften vom Steueramt sind,

die sind froh, daß sie unter sind, wenn wer nach außerhalb versetzt

wird, is auch gleich schon immer der Nachfolger da. Und die Herren

Assistenten und so, die begnügen sich mit einem Budchen. Aber, was

wollen Sie, Herr Referendarius, wir nehmen hier noch zwei Zimmer zu,

und Sie leben wie im Himmel!“

So sprach Frau Popiella fort und fort, pries mit erheblicher

Zungenfertigkeit die Annehmlichkeiten der zentralen Lage, deren sich

das Grand Hotel de Russie erfreute, und hob die Vorzüge hervor, die

das Wohnen in einem Gasthofe mit sich brächte: Prompte Bedienung von

geschultem Personal und warme Restauration zu jeder Tageszeit.

Peter Brenitz aber zögerte noch immer, sich durch ein festes Abkommen

für längere Zeit zu binden. Auf der Fahrt von Berlin hatte ihm

etwas anderes vorgeschwebt als eine Wohnung im geräuschvollen Hotel

... irgendwo ein rosenumbuschtes Häuschen in schattigem Garten mit

verschwiegenen Laubengängen am Ufer eines stillen Weihers ... Da

spann man sich mit seinen geliebten Büchern ein, oder, wenn man das

Glück hatte, einen gleichgestimmten Gefährten zu finden, wurde an den

Abenden ein wenig musiziert und in langen Gesprächen alles erörtert,

was in der Brust nach Klarheit rang ... Schließlich gab Herr Meltzer,

der Chauffeur, der mit seinem pfauchenden und rasselnden Wagen eine

halbe Stunde vorher unter dem Staunen der ganzen Bevölkerung einen

triumphartigen Einzug gehalten hatte, den Ausschlag. Nach einer

bedeutungsvollen Rücksprache mit Herrn Kalinski und einer kurzen

Musterung des weiblichen Küchenpersonals, die ein zufriedenstellendes

Ergebnis gehabt zu haben schien, begab er sich in den oberen Stock

hinauf, wo sein Herr noch immer der Beredsamkeit von Frau Popiella

standhielt.

„Also, Herr Doktor, ick hab mir informiert, so wat, wie wir suchen,

jibt et hier nich. Det sind in bezuch auf hochherrschaftliche

Wohnungsverhältnisse ja die reinen Zulukaffern. Wenn wir uns nich

selbst ’ne Villa bauen wollen, müssen wir schon hier wohnen bleiben!“

Peter Brenitz seufzte auf und griff nach seinem Zylinderhute, um

sich zur Meldung aufs Amtsgericht zu begeben. Alle geschäftlichen

Verhandlungen waren ihm ein Greuel, und wenn Frau Popiella noch lange

in ihn gedrungen wäre, hätte er schließlich das ganze Grand Hotel de

Russie gemietet ...

„Es ist gut, hier unsere freundliche Wirtin hat mir schon Aehnliches

berichtet. Also machen Sie für ein Vierteljahr zunächst alles ab!

Einigen Sie sich auch über den Preis, und teilen Sie mir dann das

Nötige mit!“

„Wird besorgt,“ sagte Herr Meltzer und schlug in militärischer

Haltung die Hacken aneinander. Seinem findigen Geiste, der sich

bisher nur bei der Neubeschaffung von Reifen und größeren Reparaturen

des Autos in der Festsetzung seines, vom Chauffeurstandpunkte aus

legitimen Gewinnanteils betätigt hatte, erschloß sich hier mit einem

Male eine neue Erwerbsquelle, und nach einer langen, geschäftlichen

Auseinandersetzung, bei der Frau Popiella leuchtende Augen und rote

Backen bekommen hatte, klappte er befriedigt sein öliges Notizbuch

zusammen. Die vereinbarten Preise betrugen ungefähr das Doppelte von

dem, was Herrn Kalinski selbst bei ausschweifender Phantasie als

Maximum vorgeschwebt hatte. Wenn die einträgliche Stellung noch ein

paar Jährchen vorhielt, konnte man sich selbständig machen und ein

kleines Geschäft anfangen ...

„Wenn er sich nu aber irgendwo erkundigt?!“ meinte Frau Popiella

bedenklich. Herr Meltzer aber machte eine beruhigende Bewegung mit der

von Oel und Benzin geschwärzten Hand:

„Und wenn schon, dann jloobt er’t nich! Wissen Se, jnädje Frau, wat

det for ’n Mensch is? Immer mit ’n Kopp in de Wolken und ’n Herz

wie ’n Lamm! Eher denkt er, de Welt jeht unter, als det ihn eener

hochnehmen könnte, und janz abjesehen von dieser Noblijkeit -- et

schadt ihm nischt, denn von den Reichtum kann sich unsereens jar keene

Vorstellung nich machen. Klotzig, sag ick Ihnen, und wat er for ’n

jutet Tierchen is, dafor nur een Beispiel. Ick hatt’ da unter anderm

ooch ’ne Braut in Pichelswerder. Und wie wir nu fortmachten von Berlin,

händicht er mir doch tausend Märker ein, als Entschädigung for det

Mächen, und det se sich über meinen Verlust nich zu sehr jrämen sollte.

Wie ville, meenen Se wohl, det ick meine jewesene Braut von diese

tausend Märker abjejeben habe?“

„Taugenichtssche Berliner Kreet,“ sagte Frau Popiella und gab ihrem

Gegenüber mit der quabbeligen kleinen Faust einen wohlgefälligen

Stoß gegen die schwarze Lederjacke. Herr Meltzer aber zwirbelte sich

das spärliche Schnurrbärtchen auf und revanchierte sich mit einem

zärtlichen Blick in ein Paar wässerig-blaue Augen. Fortan war er auch

über die Größe der Bratenportionen beruhigt, die zu seinem täglichen

Ausgedinge gehörten ...

Herr Popiella, der gewichtige Besitzer des Grand Hotel de Russie, hatte

sich unterdessen quer über den Marktplatz in die Apotheke zum goldenen

Engel begeben, um mit deren Inhaber, dem Beigeordneten und Vorsteher

des konservativen Wahlvereins, Herrn Kraska, ein ernsthaftes Gespräch

unter vier Augen zu führen. Und das von Herrn Kalinski erfundene

Argument eines gesteigerten Benzinabsatzes, das Herr Popiella jedoch

nach den zwischen Prinzipalen und Angestellten herrschenden Grundsätzen

als sein eigenes Geistesprodukt bezeichnete, tat seine Schuldigkeit.

Herr Kraska fand, der Antisemitismus wäre durchaus kein integrierender

Bestandteil der konservativen Parteirichtung, vielmehr ein lediglich

nebensächlicher Satz, dessen Befolgung oder Nichtbefolgung ganz

im freien Belieben des einzelnen läge. Herr Popiella aber hätte

seinerseits vollkommen recht, wenn er im Interesse eines gesteigerten

Fremdenverkehrs von dieser im Programme vorgesehenen Freiheit Gebrauch

machte und sich, diskret, aber energisch, gegen eine unangemessene

Störung seines Geschäftsbetriebes wandte. Und als er sich nach einem

kräftigen Händedrucke entfernte, hörte er, wie der Provisor Kellmigkeit

von seinem Chef aus dem vorderen Ladenraume nach hinten in die

Rezeptierkammer gerufen wurde. Die Tonstärke dieses Rufes aber ließ

darauf schließen, daß die nachfolgende Belehrung an Deutlichkeit nichts

zu wünschen übrig lassen würde ...

Das Gerücht von der Ankunft eines millionenreichen Berliner Referendars

hatte sich schon in den frühen Morgenstunden im Städtchen verbreitet,

kaum, daß Herr Kalinski seinen Gast unter verstärktem Anschlage der

Hotelglocke in die vorher bestellten Gemächer geleitet hatte. Das

Eintreffen des Autos, dem der bebrillte und staubbedeckte Lenker

auf dem Vordersitze höchst überflüssigerweise eine Anzahl greulich

klingender Signale entlockte, erregte geradezu Sensation und ließ

auch die letzten Zweifler verstummen, denn eine solche Maschine

war in Stradaunen noch nie zuvor gesehen worden. Wer sich einen

derartigen Luxus verstattete, mußte allerdings sehr reich sein. Die

abenteuerlichsten Erzählungen wurden weitergetragen und geglaubt. Das

ganze Grand Hotel de Russie sollte er gemietet haben, dieser sagenhafte

Millionenreferendar, und zwar mit der Bedingung, daß während seiner

Anwesenheit dort kein anderer Gast wohnen dürfte. Später aber gedächte

er sich an passendem Platze anzukaufen, und gar mancher Hausbesitzer

trat auf den Marktplatz hinaus, musterte prüfenden Blickes sein Anwesen

und überlegte, wie hoch im Ernstfalle wohl der Aufschlag zu dem

ortsüblichen Grundstückspreise zu berechnen wäre.

In den Schaufenstern der beiden Läden, die mit Herrenartikeln

handelten, erhielten die Auslagen einen keckeren Schmiß, und etliche

der Mütter, die ihrem gesellschaftlichen Range gemäß darauf rechnen

konnten, daß der neue Referendarius in ihrem Hause einen Besuch machen

dürfte, sahen sich ihre heranwachsenden Töchter an.

„Olga, Du mußt Dir entschieden eine modernere Frisur zulegen. Du aber,

Marie, spring’ rasch in die Buchhandlung hinüber und hol’ die letzte

Modenzeitung. Man weiß ja schon gar nicht mehr, was getragen wird, und

wenn einer aus Berlin kommt, möcht’ man sich doch nicht gern lächerlich

machen.“ ...

So übte das rote Gold seine Macht, und als Peter Brenitz in korrektem

Gehrock, Lackstiefeln und Zylinder unter der Obhut des wegkundigen

Stiftes Louis über den Marktplatz nach dem in einer Seitenstraße

gelegenen Amtsgerichte ging, verneigten sich die in den Türen stehenden

Ladenbesitzer, und hinter den behutsam zur Seite geschobenen Gardinen

im ersten Stock sahen blaue und braune Augen auf die Straße hinab.

Peter Brenitz aber freute sich über die freundliche und zutrauliche

Haltung der Bevölkerung. Sie stimmte so ganz zu dem Bilde, das ihm der

verstorbene Vater von „seinem lieben Ostpreußen“ gezeichnet hatte ...

Das Gerücht von dem Reichtum des neu aus Berlin gekommenen Referendars

war natürlich auch in das Amtsgericht gedrungen, und Heino von Bergkem

saß mißmutig über einem dickleibigen Aktenstücke im Richterzimmer;

baute an einem Erkenntnis, rauchte eine Zigarette nach der anderen und

ärgerte sich. Aergerte sich über sich selbst, daß er tags zuvor in der

„Masovia“ für diesen Kollegen Brenitz so gewaltig und nachdrücklich

vom Leder gezogen hatte, halb aus innerlichem Gerechtigkeitsgefühl,

halb, um die stumpfsinnigen Bonzen der Tischgesellschaft wieder einmal

in Verlegenheit zu versetzen und sie die Ueberlegenheit seines Geistes

fühlen zu lassen. Für ein hilfloses Bürschlein hatte er geglaubt zu

fechten, und jetzt kam da ein protzenhafter Bengel daher, im eigenen

Auto und aufgeblasen natürlich wie alle Berliner ... womöglich geriet

man in den Verdacht, man hätte von diesem Reichtum vorher gewußt und

rechtzeitig, wegen eines etwa vorzunehmenden größeren Pumpes, den

Mantel nach dem Winde gehängt ... ah, pfui Deuwel noch einmal! ...

Der alte Gerichtsdiener Wichotta kam die Treppe hinaufgestürzt, riß die

Tür zum Richterzimmer auf:

„Er kömmt, Herr Baron, er kömmt!“

Und wahrhaftig, sämtliche Orden und Feldzugsmedaillen hatte er zu

seiner besten Sonntagsuniform angelegt. Da hieb der lange Heino mit der

starken Faust auf den Tisch, daß das hölzerne Tintenfaß fast aus seinem

Behältnisse sprang.

„Zum Donnerwetter noch mal, Schockschwerenot, sind Sie auch

verrückt geworden, Wichotta? *Wer* kommt? Vielleicht der Herr

Landgerichtspräsident aus Lyck, daß Sie sich in Wichs geschmissen

haben?“

„N ... nein, Herr Ba ... baron,“ stotterte der brave Beamte, „aber der

neue Herr Reff’rendarius aus Berlin mit dem Au ... Automobil!“

„Na, dann scheren Sie sich weg! Und der Deuwel holt Sie, bei meinem

Zorn, wenn Sie sich draußen beifallen lassen, vielleicht stramm zu

stehen!“ ...

Eine Weile danach pochte es an der Tür, auf das laute „Herein“ betrat

der „neue Reff’rendarius aus Berlin“ das Zimmer. Heino von Bergkem

markierte erst ein paar Augenblicke den eifrig Beschäftigten, dann hob

er den Kopf.

„Sie wünschen?“

„Den Herrn Amtsgerichtsrat zu sprechen.“

„In welcher Angelegenheit?“

„Meldungshalber. Mein Name ist Brenitz, ich bin an das hiesige

Amtsgericht versetzt worden.“

„Ah so, Sie sind der neue Herr Kollege aus Berlin? Bergkem! Und, bitte,

nehmen Sie Platz!“

Der lange Heino hob sich zu einer leichten Verneigung und deutete

nach dem nächsten Stuhle. Scheußlich patent sah dieser Herr Brenitz

aus in dem modernen Gehrock, den diskret gestreiften Hosen und

dem blanken Zylinderhute zwischen den in taubengrauen Handschuhen

steckenden Händen. Nur ein Milderungsgrund war dabei, zwei ordentliche

Schmisse, die quer über die Stirn liefen und zeigten, daß ihr Inhaber

wenigstens kein „Kneifer“ war. Etwas freundlicher fügte er daher hinzu:

„Ganz sicher ist es aber nicht, ob der Herr Oberkollege heute an

Gerichtsstelle erscheint. Termine sind keine, und gestern abend hatte

er, Gott sei Dank, einen recht kräftigen Gichtanfall.“

Peter Brenitz trat ein wenig näher, der lange Kollege gefiel ihm.

„Entschuldigen Sie gütigst, aber vorhin, als Sie sich vorstellten, habe

ich Ihren werten Namen nicht verstanden.“

Der lange Heino erhob sich und sagte deutlich: „Heino Freier und Edler

Herr von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim.“

Peter Brenitz aber fuhr vor freudigem Schrecke ordentlich zusammen.

„Verzeihung, Herr Kollege, aber es ist nicht bloße Neugier: war einer

Ihrer Herren Verwandten vielleicht Leutnant im zweiten Garderegiment?“

„Zu dienen, so ziemlich alle. Das zweite Regiment war für uns Bergkems

sozusagen Familientradition. Ich bin als erster aus der Art geschlagen,

ich zog es vor, Kürassier zu werden.“

„Aber Ihr Herr Papa, nicht wahr, der hat doch den Sturm auf St. Privat

mitgemacht?“

„Allerdings! Aber, wenn ich fragen darf, weshalb interessiert Sie das?“

Peter Brenitz atmete tief auf, griff mit der Linken nach dem

herabfallenden Klemmer und streckte dem Kollegen in heißer Aufwallung

die Rechte entgegen.

„Weil ... weil ... also Ihr Herr Vater hat dem meinigen, und er

wiederum dem Ihrigen das Leben gerettet!“ Und mit sprudelnden Worten

erzählte er die Episode aus dem heldenmütigen Ringen um den Kirchhof

von St. Privat, wie er sie wohl hundertmal aus dem Munde seines Vaters

gehört hatte.

Der lange Heino aber stand dabei, machte ein seltsam bekniffenes

Gesicht, und als die Erzählung zu Ende war, sagte er: „Ach nee, wie

ulkig, wie manchmal der Zufall spielt: Wir, die beiderseitigen Söhne,

treffen uns jetzt hier als Kollegen.“

Als Peter jedoch weiter berichtete, wie sein verstorbener Vater

jedesmal am Tage der Schlacht von St. Privat in einem Glase edlen

Weines das Hoch auf seinen Lebensretter und Waffenbruder ausgebracht

hätte, wurden dem Langen plötzlich die Augen feucht, und er sah ins

Leere.

„Na ja, die alten Herren! Mein seliger Papa machte aus diesem

Jahrestage ebenfalls immer ein großes Festschießen und knüpfte daran

allerhand Nutzanwendungen für mich, wissen Sie, er war sonst ein riesig

anständiger Kerl, natürlich ein Grandseigneur vom Scheitel bis zur

Sohle, aber politisch gehörte er einer Spezies an, die in Ostpreußen

längst ausgestorben ist, nämlich den liberalen Großgrundbesitzern ...

ihre Söhne sitzen im Bund der Landwirte, ja, und ich war damals noch

sehr jung, verstand ihn kaum, denn ich bin erst lange nach dem Feldzuge

geboren ... Sie sehen ja, Ihr werter Name war mir bedauerlicherweise

nicht so geläufig wie Ihnen der meinige. Immerhin ist wohl einiges aus

jener Zeit bei mir hängen geblieben ... Aber, um auf unsere Gegenwart

zurückzukommen“ -- der lange Heino richtete sich auf -- „weshalb in

drei Deuwels Namen haben Sie hier in diesem kleinen Nest einen so

geräuschvollen Einzug gehalten? Das stößt manchen vor den Kopf, denn

wir sind arme Luders, und mit ’nem Automobilbesitzer können wir nicht

Tempo halten!“

Da lachte Peter Brenitz fröhlich auf, denn der neue Kollege hatte mit

seiner offenen Art sein Herz im Sturm erobert, und mit kurzen Worten

erklärte er, wie wenig er für diesen Anstoß erregenden Luxus könnte.

Sein Chauffeur hätte eines Tages Besitz von ihm ergriffen, um ihn

seither nicht mehr loszulassen. Und als sein Zuhörer lustig mitlachte,

ging er noch mehr aus sich heraus, erzählte ein weniges von seinem

einsamen Leben, den Enttäuschungen, die er durchgemacht hatte, und

schloß mit der schüchternen Hoffnung, hier neben einer befriedigenden

Tätigkeit vielleicht auch ein bißchen Freundschaft zu finden. Heino

von Bergkem hörte aufmerksam zu, in sein sonst zu allerhand lustigen

Streichen aufgelegtes Gesicht war ein Zug nachdenklichen Ernstes

getreten, und als der andere ein wenig scheu die Hand ausstreckte,

schlug er kräftig ein.

„Na, wir wollen mal sehen! Für heute mittag bitte ich Sie, im Hotel

de Russie mein Gast zu sein. Um ein Uhr _cum tempore_ treffen wir uns

dort, alles übrige aber werde ich schon vorher einrenken!“

Peter Brenitz wollte in aller Harmlosigkeit fragen, was dabei

„einzurenken“ wäre, wenn sie beide im Hotel de Russie Mittag äßen,

aber der Herr Amtsgerichtsrat betrat das Zimmer, und Heino bat wegen

eines dringenden Ganges um Urlaub. Noch im Abgehen winkte er mit der

Hand, schnitt hinter dem Rücken des Oberkollegen eine lustige Grimasse,

und Peter wollte es scheinen, als wäre die vorhin so ungemütliche und

nüchterne Amtsstube plötzlich ganz hell und freundlich geworden ...

Einen „ulkigen Zufall“ hatte der andere in seiner burschikosen

Sprechweise ihr Zusammentreffen genannt, ihm aber dünkte es eine von

Anbeginn bestimmte Fügung. Ein gütiges Geschick ließ ihn gleich in der

ersten Stunde den Sohn jenes Mannes finden, der in dem Leben seines

Vaters eine so bedeutungsvolle Rolle gespielt hatte, einen herrlichen

Jüngling von echt deutscher Art, den zum Freunde zu haben ein gar

köstlicher Gewinn sein mußte ...

Es folgte die Zeremonie der Vereidigung mit einigen kernigen Worten

über die erhabenen Aufgaben des juristischen Berufes, und als der

Amtsgerichtsrat -- ein kränklich aussehender Herr in den Sechzigern --

die schwarze Robe ausgezogen hatte, lud er den jüngeren Kollegen für

einen der nächsten Abende zu einem gemütlichen kleinen Essen ein, im

allerengsten Familienkreise. Wenn er musikalisch wäre, würde er ein

paar gleichgestimmte Seelen finden.

Peter Brenitz sagte freudig zu. Es überraschte ihn nicht weiter,

daß eine kurze Weile danach ein junges Mädchen den Kopf zur Tür

hereinsteckte, „na, Papchen, bist Du noch nicht fertig? Mutti läßt

sagen, die Suppe wird kalt!“

Hier in der gemütlichen kleinen Stadt schienen selbst die Amtsgeschäfte

einen familiären Anstrich zu haben, denn die junge Dame zog sich nicht

etwa zurück, sondern betrat in lieblicher Verwirrung das Zimmer. Ob sie

jung war oder alt, hübsch oder häßlich, konnte Peter nicht erkennen,

denn zu dem feierlichen Vorgange der Vereidigung hatte er den Kneifer

abgenommen, nur so viel vermochte er zu unterscheiden, daß sie ein

fußfreies Kleid trug und einen Strudelkopf brauner Locken.

Der Herr Amtsgerichtsrat stellte vor: „Herr Kollege Brenitz -- meine

Tochter Trudchen,“ und fügte freudig hinzu: „Denk Dir nur, eben hab’

ich erfahren, Herr Brenitz ist musikalisch!“

Peter wehrte bescheiden ab, er wäre wohl ein großer Verehrer guter

Musik, seine eigene Kunstübung erhöbe sich jedoch in nichts über einen

mäßigen Dilettantismus.

Fräulein Trudchen aber trat mit zierlichem Knixe näher und klatschte in

die Hände:

„Das ist himmlisch! Dann wollen wir recht fleißig vierhändig spielen.

Wer so bescheiden tut, ist immer ein Künstler. Lieben Sie Chopin?“

Und als Peter, ein wenig verwundert über die plötzliche Frage, bejahte,

erfuhr er, daß Fräulein Trudchen eine geradezu leidenschaftliche

Verehrerin des großen Tondichters wäre, der wie kein zweiter die

schwermütige Note des polnischen Nationalcharakters zu treffen gewußt

hätte, darin aber wäre sie sachverständig, denn von ihrer Mutter her,

einer geborenen von Zuchopolska, flösse ihr polnisches Blut in den

Adern.

Und weiter erfuhr Peter, daß sie nach vierjährigem Studium am

Königsberger Konservatorium schweren Herzens auf den Beruf einer

Künstlerin verzichtet hätte, aus Rücksicht auf die amtliche Stellung

ihres geliebten Papchen. Zugleich aber sah er in der Nähe, daß Fräulein

Trudchen sich bedeutend jugendlicher trug, als es ihren fünf- oder

sechsundzwanzig Jahren angemessen war. Auf einem hageren braunen Halse

saß ein unschöner eckiger Kopf mit einer breiten Stumpfnase, über

deren Sattel ein Streifen häßlicher Sommerflecke lief. Das tat ihm

leid für die junge Dame, aber da sie freundlich zu ihm war, mochte er

sie durch einen raschen Abschied nicht kränken. Er hörte ihr noch eine

ganze Weile geduldig zu, wie sie von den Triumphen erzählte, die sie

auf einigen Wohltätigkeitskonzerten gefeiert hätte. Und als er sich

schließlich empfahl, weil die Zeit, zu der ihn sein Gastgeber ins Hotel

de Russie geladen hatte, schon verstrichen war, hatte er, ohne es zu

wollen, ein Mädchenherz in helle Flammen gesteckt.

Das hatte nun freilich nicht viel auf sich, denn Fräulein Trudchen

verliebte sich schon seit Jahren gewohnheitsmäßig in jeden neu an das

Stradauner Amtsgericht versetzten Referendar; diesmal jedoch war die

Leidenschaft heftiger denn je, und sie gestand sich errötend, daß auch

sie entschieden Eindruck gemacht haben müßte. Freimütig erklärte sie

dem Vater, daß sie es nicht verstände, wie junge Mädchen einem sonst

sympathischen Bewerber gegenüber konfessionelle Bedenken haben könnten.

In den Augen jedes aufgeklärten Menschen wäre der Antisemitismus ein

verbrecherischer Unfug, und sie dürfte stolz bekennen, daß sie sich

dessen niemals, auch in ihrer frühesten Jugend nicht schuldig gemacht

hätte.

Der alte Herr Amtsgerichtsrat nickte dazu und lächelte trübe. Mit

Freuden hätte er selbst einem Heiden oder Türken den väterlichen

Segen gegeben; denn in der im Oberstock des Gerichtes belegenen

Dienstwohnung wuchs ihm noch eine ganze Schar von Töchtern heran,

die aus Rücksicht auf die älteste Schwester sich noch jugendlicher

tragen mußten als Fräulein Trudchen, aber im Laufe der Jahre war er

ein Pessimist geworden. Zu dem ersten „gemütlichen Abend im engsten

Familienkreise“ erschienen die Herren Referendarien wohl, in der Folge

aber blieben sie fort .....

Als Peter auf die Straße trat, flogen seine Gedanken zu einer anderen

Begegnung, die er am frühen Vormittag auf dem Wege vom Bahnhofe

gehabt hatte, und der Vergleich fiel nicht zugunsten von des Herrn

Amtsgerichtsrats Töchterlein aus. Ein Paar rassige Trakehner streckten

sich in schlankem Trabe, eine elegante junge Dame in rohseidenem

Jackett mit Herrnschlips und Kragen führte auf dem Kutschersitze mit

sicherer Hand die Zügel. Von dem Strohhütchen auf schwerem blonden Haar

wehte ein kurzer blauer Schleier, grüßend neigte sich die Peitsche,

und jetzt, da, ganz als wenn der heute über ihm stehende Glücksstern

es besonders freundlich mit ihm meinte, wiederholte sich vor seinen

sichtigen Augen die Erscheinung, mit der er sich in langenden Gedanken

getragen hatte!

Aus einer Seitenstraße bog das Gefährt auf den Marktplatz, die

Trakehner flogen dahin wie der Wind, und grüßend neigte sich wie

am Vormittag die Peitsche neben einem Strohhütchen mit flatterndem

Schleier.

Ganz unwillkürlich hatte er nach dem Hute gegriffen und sah dem

davonrollenden Wagen nach, bis er im Staube verschwand, und wieder

blickte die junge Dame auf dem Kutschersitze sich um .... Da trieb ihm

das Blut rascher durch die Adern. Ein sehnsüchtig-beklommenes Gefühl

erfüllte seine Brust, und eine Vorahnung stieg in ihm auf, daß diese

beiden Begegnungen in seinem Leben noch mal eine Rolle spielen würden

....

Als Peter Brenitz ein paar Augenblicke später das Grand Hotel de

Russie betrat, läutete die Glocke schon zum Mittagessen. Eilig begab

er sich nach dem Speisezimmer, und da verstand er mit einem Male, was

der rätselhafte Zusatz am Schlusse der Einladung des Herrn von Bergkem

bedeutet hatte. Sein Gastgeber saß allein an dem einen Ende der langen

Tafel, die in der Mitte des nüchternen Raumes stand, am anderen Ende

aber eine Anzahl jüngerer Herren, die seinen höflichen Gruß mit

eisiger Zurückhaltung erwiderten. Da blieb er neben seinem Stuhle

stehen und kämpfte wacker gegen den wehen Kloß, der ihm plötzlich

die Kehle zuschnürte. Auch hier in diesem freundlichen Städtchen, in

dem ihm alles sonst so liebenswürdig entgegengekommen war, gab es

anscheinend eine „Alania“, und um lächelnd über sie die Achseln zu

zucken, war er noch immer zu jung .....

„Herr von Bergkem,“ sagte er, und die Stimme bebte ihm ein wenig, „ich

danke herzlich für Ihre Einladung, die ich ohne Absicht gewissermaßen

provoziert habe, aber ich möchte nicht die Veranlassung sein, Sie von

Ihren bisherigen Freunden zu trennen!“ Nach diesen wohlgesetzten Worten

wollte er sich mit einer gemessenen Verneigung zurückziehen, der lange

Heino aber hielt ihn lachend am Aermel zurück und gab sich nicht die

geringste Mühe, seine Stimme zu dämpfen.

„Aber nicht doch, lieber Herr Kollege. Wo wir beide sitzen, ist immer

das vornehmere Ende. Wer sich davon ausschließt, hat die Folgen

selbst zu tragen, aber alles auf der Welt endet schließlich friedlich

und schiedlich. Wie oft bin ich zum Beispiel in Gedanken schon im

Zweikampfe gestreckt worden, ehe es aber Ernst wird, verträgt man

sich wieder, und, wie Sie sehen, lebe ich noch heute. Na, prost, Herr

Kellmigkeit, darf ich mir einen Schluck aufs Spezielle gestatten? ....

Ach so, wir haben noch keinen Stoff, also, Kalinski, los! Eine Buddel

guten Schampus, aber kalt und ein bißchen plötzlich!“

Der Oberkellner verschwand mit hastigem Serviettenschwung, und ein am

anderen Ende der Tafel sitzender Herr mit goldener Brille und bartlosem

Gesicht verneigte sich gemessen: „Wenn ich Stoff habe, werde ich mich

löffeln!“

Ganz beiläufig fügte Heino hinzu: „Nämlich unser verehrter Herr

Vorsitzender, der nach glücklicher Beilegung eines unbeträchtlichen

Zwistes zu meiner großen Freude den Präsidentensitz in unserer

Tischgesellschaft Masovia wieder eingenommen hat! Na und nun erzählen

Sie mal, Herr Kollege, wie sieht’s in Berlin aus? Haben Sie eine nette

Reise gehabt? Es muß nicht ganz leicht gewesen sein, sich bis zu unserm

geliebten Stradaunen durchzufinden!“

Peter erwiderte, es wäre ganz leidlich gegangen. Am liebsten aber hätte

er seinem neuen Freunde und Beschützer die Hand geschüttelt, nicht

zum wenigsten aus Bewunderung über die nonchalante Manier, mit der

er die Herren vom anderen Ende der Tafel behandelte. Er unterließ es

nur, weil es ihm unwürdig dünkte, vor der mit unverhohlener Neugier

herüberspähenden Gegenpartei irgendwelche Gefühlsregungen zu zeigen.

Aber das Herz wurde ihm dick in der Brust, und er wünschte nichts

sehnlicher, als für den langen Heino auch einmal in die Bresche

springen zu dürfen ...

Die Suppe wurde aufgetragen, die Spannung zwischen den beiden

Tischenden verstärkte sich. Der Herr Provisor saß finster brütend

da, drehte ein Brotkügelchen zwischen den Fingern und überlegte, wie

er wohl die beabsichtigte Beleidigung der Gegenseite am witzigsten

formulieren könnte, um den Beifall der Parteigenossen zu erringen

und zugleich dem Grolle in seiner Brust Luft zu machen. Vor ein paar

Stunden nämlich hatte ihn sein Chef in die Rezeptierkammer gerufen.

Um schnödes Geld sollte er seine innerste Ueberzeugung verkaufen, nur

weil sein Chef in kapitalistischer Verblendung eins der erhabensten

Parteiprinzipien verleugnete? Gütlichem Zureden wäre er vielleicht

zugänglich gewesen, aber der plumpen Drohung gegenüber verstockte sich

sein Herz. Bei seinen Tischgenossen von der Masovia fand er einhellige

Zustimmung, als er erklärte, ein aufrechter Mann in seiner Lage könne

sich nur durch einen Eklat revanchieren. Nur über das Wie dieses Eklats

war er sich trotz angestrengten Nachdenkens noch nicht klar geworden.

Als aber Louis, der Stift, die von dem Freiherrn von Bergkem bestellte

Flasche Champagner im Eiskühler hereinbrachte, kam ihm ein erleuchteter

Gedanke. Er räusperte sich ein wenig, um die allgemeine Aufmerksamkeit

auf seine Person zu lenken, und als in der Tischgesellschaft Stille

eintrat, bestellte er sich in jüdelndem Tonfalle ebenfalls eine Flasche

Sekt, wobei er den mit der Verteilung der Suppe beschäftigten Kalinski

mit dem Titel „Herr von Oberkellnerleben“ anredete.

Heino von Bergkem sprang zornig auf, die blaue Ader auf seiner weißen

Stirn war dick angeschwollen.

„Herr Provisor Kellmigkeit, ich habe nach einem fehlgeschlagenen

Versuche zu gütlicher Einigung Ihnen und den anderen Herren vorhin

erklärt, ich würde keine irgendwie geartete Kränkung meines Gastes

dulden. Ich ersuche Sie also, sich auf der Stelle wegen Ihres

unglaublich rohen Benehmens zu entschuldigen!“

„Niemals,“ schrie der andere heftig zurück, Peter Brenitz aber, dem

bei dem Worte „Provisor“ die Erinnerung an eine Unterredung durch den

Kopf schoß, die am frühen Vormittag zwischen ihm und dem Oberkellner

stattgefunden hatte, zupfte den langen Heino am Rockschoße und deutete

zugleich mit dem Zeigefinger in diskreter Weise nach der Stirn. Leider

war aber diese gutgemeinte Bewegung auch von der Gegenseite bemerkt

worden, Herr Kellmigkeit sprang auf und schnappte erst ein paarmal nach

Luft, ehe er sich mit zornrotem Kopfe zu einer Erwiderung anschickte.

„Das ist infam,“ kreischte er auf, „eine ganz bodenlose jüdische

Unverschämtheit!“ Warf seinen Stuhl zurück und wollte sich auf seinen

ruhig dastehenden Gegner stürzen. Herr Popiella aber, den der laute

Wortwechsel herbeigeführt hatte, umschlang ihn von hinten mit starkem

Arm, drehte ihn in gewandter Ausführung eines oft geübten Griffes

blitzschnell um die eigene Achse, und ehe Herr Kellmigkeit sich recht

versah, war er draußen. Dort aber setzte Herr Popiella ihn auf einen

Stuhl und hielt ihm eine kurze Ansprache. „Herr Provisor, ich schätz’

Sie sehr, und Sie sind mein angenehmer, lieber Gast seit vielen

Jahren. Wenn Sie aber jetzt noch einen Ton reden, hau’ ich Ihnen eine

’runter, daß Sie glauben, Ostern und Pfingsten fällt auf einen Tag! Wir

leben doch nicht in Rußland, sondern im zwanzigsten Jahrhundert!“ ...

Diesen, aus körperlichen und intellektuellen Argumenten

zusammengesetzten Ausführungen gegenüber hielt Herr Kellmigkeit es am

geratensten, zu schweigen, drinnen aber im Speisezimmer bemühte sich

Herr Referendarius Meyer nach stattgehabter Vorstellung, die Rolle

eines besonnenen Vermittlers zu spielen. Das Ganze wäre nichts weiter

als ein bedauerliches Mißverständnis und bei einigem Entgegenkommen von

beiden Seiten in kürzester Frist aus der Welt zu schaffen.

Peter Brenitz jedoch schüttelte den Kopf. Unter der jähen Beleidigung

war er bleich geworden bis in die Lippen, jetzt aber stand er äußerlich

ganz ruhig da, nur seine Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen

Augen brannte ein seltsames Feuer.

„Ich bedaure! Wenn dieser Herr Provisor mit mir persönlich nicht

verkehren will, so steht das in seinem freien Belieben. Nur wäre

es vielleicht empfehlenswert gewesen, mit der Aeußerung seiner

Willensmeinung zu warten, bis ich von meiner Seite seinen Verkehr

gesucht hätte. Nichts aber gibt ihm das Recht, mich zu verunglimpfen,

weil ich Jude bin. Ich müßte keine Selbstachtung besitzen, wenn ich

mich nach einer solchen Beleidigung mit einer einfachen Abbitte

begnügen würde.“

„Bravo,“ sagte der lange Heino, und weil ihn der Spotteufel plagte,

fügte er hinzu: „Sie, Herr Kollege, sind schon zu lange Christ, um

meinem Freunde Brenitz die Schwere dieser Beleidigung nachfühlen zu

können!“

Darauf erklärte Herr Referendarius Meyer gekränkt, unter solchen

Umständen müßte er auf eine Fortsetzung seiner Vermittlertätigkeit

verzichten.

Die Angelegenheit nahm den üblichen Verlauf. Der Herr Provisor

beauftragte den Steueramtsassistenten Annuschat, der als Vizefeldwebel

der Reserve eine Autorität in allen die Ehre angehenden Fragen war, mit

der „Wahrnehmung seiner Interessen“. Peter Brenitz betraute von seiner

Seite aus den Herrn von Bergkem mit den gleichen Funktionen, die beiden

Sekundanten aber vereinbarten in würdevoller Sitzung die Bedingungen

des bevorstehenden Zweikampfes, dreimaligen Kugelwechsel aus gezogenen

Pistolen bei fünf Schritten Barriere. Der lange Heino erklärte sich

bereit, aus dem heimatlichen Gewehrschranke die benötigten Waffen zu

stellen, und als er sich von dem Gegensekundanten verabschiedete, ließ

er ganz beiläufig die Bemerkung fallen, wie sehr er’s bedauerte, daß

die Herren von der Tischgesellschaft Masovia sich seinen gütlichen

Vorstellungen nicht zugänglich gezeigt hätten. Herr Brenitz wäre,

soviel er gehört hätte, ein ausgezeichneter Pistolenschütze, der

sicherlich nicht vorbeischießen würde, und wenn er persönlich dem

Herrn Provisor zwar einen gehörigen Denkzettel gönnte, so dauerten ihn

dafür umsomehr die anderen Herren. Der unerquickliche Handel, der bei

einem blutigen Ausgange des Zweikampfes unfehlbar zur Kenntnis der

vorgesetzten Behörden kommen müßte, wäre durchaus nicht dazu angetan,

fördernd auf die Karriere einzuwirken, denn man flöge dabei gar leicht

in die Versenkung: als ein sonst ganz tüchtiger Beamter, der jedoch in

schwierigen Situationen des nötigen Taktgefühls ermangelte!

Diese offensichtlich wohlgemeinte Bemerkung zeitigte zunächst

die Folge, daß Herr Provisor Kellmigkeit sich am Nachmittag im

Stadtwäldchen mit einem verrosteten Revolver „auf Pistolen einpaukte“,

bis ihm der städtische Polizeiwachtmeister die Fortsetzung dieser

gefährlichen Uebung untersagte. Die Herren Steueramtsassistenten

aber sowie der Referendarius Meyer fanden mit einem Male, daß ihr

sonst gewiß recht schätzenswerter Vorsitzender in diesem Falle

einen bedauerlichen Mangel an Taktgefühl gezeigt hätte. Wo kühle

Zurückhaltung allein am Platze gewesen wäre, hätte er einen plumpen und

geschmacklosen Vorstoß inszeniert. Man diskutierte ernsthaft die Frage,

ob es angängig wäre, ihn noch länger auf dem immerhin verantwortlichen

Posten eines Präsidenten zu belassen, und stellte einstimmig fest,

daß von ihm allein die erste Anregung zu dieser verhängnisvollen

Demonstration ausgegangen wäre. Man selbst huldigte gar nicht so

extremen Anschauungen, ein jeder vielmehr entsann sich plötzlich,

unter den Juden auch recht anständige Kerle getroffen zu haben, und

schließlich bezeugte man sich gegenseitig, auch in diesem Falle eine

derartig korrekte Haltung bewahrt zu haben, daß man selbst bei einem

tödlichen Ausgange des bevorstehenden Zweikampfes keine Maßregelung von

seiten der vorgesetzten Behörde zu fürchten hätte.

Als der Herr Provisor sich am runden Tische des Grand Hotel de Russie

zum gewohnten Abendschoppen einfand, stieß er zu seiner großen

Ueberraschung auf verlegene und verfrorene Mienen. Seine Versicherung,

er würde den „kleinen Judenknaben“ am nächsten Morgen mit einem

tadellosen Blattschusse zur Strecke bringen, begegnete durchaus

nicht der erwarteten freudigen Zustimmung, und gegen zehn Uhr fand

unter nichtigem Vorwande ein allgemeiner Aufbruch statt. Nur der

Steueramtsassistent Annuschat in seiner Eigenschaft als Sekundant

und der trinkfeste Kreisarzt, den man notgedrungen ins Vertrauen

hatte ziehen müssen, weil er bei dem bevorstehenden Zweikampfe als

Paukdoktor fungieren sollte, blieben sitzen. Die Unterhaltung aber war

wenig dazu angetan, den ohnedies schon nicht erheblichen Mut des Herrn

Provisors zu steigern, denn der Kreisarzt verbreitete sich in längeren

Ausführungen über Wundverletzungen im allgemeinen und Geschoßwirkungen

im besonderen. Und er tadelte es heftig, daß bei Pistolenduellen nicht

die verhältnismäßig humanen, modernen Hinterlader gebraucht würden,

sondern die gänzlich veralteten „Vorderstopfer“, deren Projektile die

unangenehme Eigenschaft besäßen, Teile der mit Milliarden von Bazillen

infizierten Bekleidung in den Wundkanal zu reißen. Die Folge aber wäre

bei leichten Verletzungen eine langwierige Eiterung, bei schwereren

hingegen, trotz aller ärztlichen Kunst, ein _exitus letalis_, ein

tödlicher Ausgang. Denn gegen eine Wundinfektion mit Tetanusbazillen z.

B., den Erregern des so gefürchteten Starrkrampfes, besäße die moderne

Medizin noch immer kein wirksames Mittel.

Der Herr Provisor lächelte dazu, trank aber einen Magenbittern nach

dem andern, angeblich, um am andern Morgen eine ruhige Hand zu

haben, in Wirklichkeit aber, weil die mit praktischen Beispielen aus

der medizinischen Literatur belegten Schilderungen des Kreisarztes

in ihm neben einem starken körperlichen Unbehagen eine seelische

Zwangsvorstellung ausgelöst hatten. Er sah sich plötzlich mit einem

gewaltigen Loche im Leibe am Boden liegen. Der Doktor aber beugte sich

über ihn.

„Ja, mein lieber Herr Kellmigkeit, da ist nichts zu machen!

Die verdammte Bleikugel hat Ihre halbe Hose in den Wundkanal

hineingerissen. Wenn Sie in dieser Zeitlichkeit noch einiges zu ordnen

haben, besorgen Sie’s ungesäumt. In drei Tagen sind Sie ein stiller

Mann!“ ...

Da erhob er sich, wünschte den beiden Herren eine geruhsame Nacht

und erklärte, er hätte vor der morgigen Entscheidung noch ein paar

Kleinigkeiten zu erledigen. Einen Brief an die „alte Dame“, etliche

noch immer unbezahlte Rechnungen aus seiner feucht-fröhlichen

Studentenzeit und eine ganze Schublade voll Dokumente von zarter Hand,

die ein Gentleman unmöglich indiskreten Augen aussetzen dürfte.

Dabei fuhr er sich mit vielsagendem Blicke durch die spärlichen Haare

und schüttelte den Insassen des runden Tisches, die sich mittlerweile

um die Person des „zufällig vorbeigekommenen“ Herrn von Bergkem

vermehrt hatten, die Hand.

Dieser aber erwiderte den Händedruck mit besonderer Herzlichkeit, und

seine Stimme klang leicht umflort, als er, unbeschadet natürlich seiner

offiziellen Stellung als Sekundant der Gegenpartei, dem „Genossen

froher Stunden“ den Rat erteilte, sich für alle Eventualitäten gerüstet

zu halten. Dieser jüdische Referendarius wäre ein Teufelskerl, in

allen Sportkünsten wohl erfahren und ein Schütze, vor dem man selbst

als erfahrener Weidmann den Hut ziehen müßte. Vor seinen Augen

hätte er mit einer Zimmerpistole ein Pik-As so zerschossen, daß das

Mittelstück der Karte ein einziges Loch bildete, und nachdem er,

Heino von Bergkem, sich zu seinem Bedauern davon überzeugt hätte, daß

die alten Mensurpistolen seines Vaters ungefähr dieselbe Schaftlage

besäßen wie die tägliche Uebungswaffe des Referendars Brenitz, sähe

er dem kommenden Morgen mit einiger Besorgnis entgegen. Der Herr

Provisor erwiderte darauf mit grünlichem Lächeln, im Ernstfalle pflegte

doch die „Mensurpraxis“ zu entscheiden, die Ruhe und Besonnenheit

des kampferprobten Fechters, und erzählte rasch noch zwischen Tür

und Angel, wie er als Erster der „Pharmazeutia“ in Königsberg, einer

farbentragenden Vereinigung studierender Apotheker, den Fechtwart der

„Germania“ im Zweikampfe auf schwere Säbel „hinabgetan“ hätte. Der

lange Heino versetzte darauf, eine heimtückische Kugel wäre doch etwas

anderes als ein ehrlicher Säbelhieb, den man im Notfalle mit einer

starken Schädeldecke parieren könnte, ohne Gefahr für Leib und Leben,

und Herr Kellmigkeit empfahl sich mit der Bemerkung, was der kommende

Tag auch bringen möge, er sei sich jedenfalls bewußt, für eine

gerechte und tief im Nationalempfinden des deutschen Volkes wurzelnde

Sache zu fechten. Er schloß mit einem Zitate, das ihm einmal in dem

Feuilleton einer reichshauptstädtischen Zeitung gar mächtig imponiert

hatte: „_Qui vivra verra!_“ Danach schlug er mit seinem Spazierstocke

eine elegante Terz. Draußen aber auf dem nachtdunklen Marktplatze

stimmte er mit lauter Stimme den uralten Schlachtgesang an, den die

Füchse der „Pharmazeutia“ am frühen Morgen eines Mensurtages zu singen

pflegten:

„Wir reiten still, wir rei-eten stumm,

Wir reiten ins Verderben! ...

Wie weht so kühl der Mo-orgenwind,

Frau Wirtin noch ein Gla-as geschwind,

Vorm Sterben ... vorm Sterben ...“

Der Nachtwächter gesellte sich zu ihm mit der besorgten Frage, ob er

ihn über die gefährlichen Untiefen des Marktplatzes gegen Erlegung

eines Trinkgeldes nach dem sicheren Hafen der Apotheke geleiten sollte,

der Herr Provisor aber schluchzte in betrunkenem Elend auf: „Hol’ Sie

der Teufel, kommen Sie lieber morgen zu meinem Begräbnis!“

Und während er in wehmütiger Stimmung dem roten Lichtlein zuschwankte,

das zu Häupten eines goldenen Engels flackerte, führte der Schalksnarr

Heino im Hotel de Russie mit dem Kreisarzte und dem Sekundanten

allerhand tiefsinnige Gespräche über die letzten Fragen des

Menschentums, Sterben und Vergehen, Auferstehung und Fortleben nach

dem Tode, bis der schlaftrunken in einer Ecke lehnende Herr Kalinski

erklärte, er könnte sich länger nicht mehr auf den Füßen halten, müßte

unter allen Umständen „Kasse machen“.

Fahles Frühlicht drang durch die Scheiben und mischte sich mit dem

Scheine der blakenden Petroleumlampe über dem runden Tische, draußen

aber, in Dachrinnen und auf dem Eisengitter der kranzhaltenden Viktoria

des Kriegerdenkmals lärmten mißtönend die Spatzen. Da stand der

Herr von Bergkem auf und reckte gähnend die langen Arme in die von

Zigarrenrauch geschwängerte Luft:

„Meine Herren, war’s heute nicht recht nett in unserem geliebten

Stradaunen? Ordentlich großstädtisch ging es zu mit Automobilgehupe

und dem Zusammenstoß feindlicher Weltanschauungen! Und was meinen Sie,

Herr Doktor, wo werden wir die Leiche des Herrn Provisors Kellmigkeit

waschen, wenn der Brave, von jetzt an gerechnet, in anderthalb Stunden

als ein Opfer seiner Ueberzeugungen den Märtyrertod stirbt?“

Der Herr Steueramtsassistent Annuschat, der seit dem Mittag unter

Alkohol stand, sah ihn verständnislos an. Der trunkfestere Kreisarzt

aber erwiderte mit schwerer Zunge: „Scheußlich, ei ... einfach

scheußlich! Früher wurde so ein K ... Kerl glatt verbrannt!“

„Ja,“ sagte der lange Heino, „das war entschieden gesünder! Aber der

Herr Provisor gehört so vielen Vereinen an, daß ich mich der Hoffnung

hingebe, er ist auch Mitglied des Bundes für Feuerbestattung. Guten

Morgen, meine Herren!“

Der Kreisarzt wollte erwidern, daß er eigentlich den andern gemeint

hätte, aber der Herr von Bergkem war schon draußen, schritt mit

hochgeklapptem Rockkragen über den Marktplatz seiner Wohnung zu.

Pfiff vergnügt vor sich hin, denn das war wieder einmal ein Tag nach

seinem Herzen gewesen. All die Philister im Städtchen hatte er gehörig

durcheinander gewirbelt, ihnen gezeigt, was für Hohlköpfe sie waren.

Seinen Hauptwitz aber sparte er für den feierlichen Augenblick des

Zweikampfes auf. Nicht so sehr aus übermütiger Lust an allerhand

Fastnachtsstreichen, als aus mitleidigem Herzen. Da oben im ersten

Stockwerke des Hotels de Russie saß ein netter kleiner Kerl am

Schreibtische, ordnete Papiere und zimmerte an einem umfangreichen

Testamente, weil er trotz allen freundlichen Zuredens der Ueberzeugung

war, er müßte bei dem bevorstehenden Duelle sein junges Leben lassen.

Der Teufel mochte wirklich wissen, wie der tückische Zufall sein Spiel

trieb. Eine Bleikugel riß ein böses Loch, und gar manchmal schon

war der Bessere gefallen. Also war es am geratensten, man schaltete

den blinden Zufall aus und setzte sich selbst an die Stelle einer

freundlich waltenden Vorsehung, die über Gerechte und Ungerechte

die schützende Hand hielt: Man sorgte dafür, daß im entscheidenden

Augenblicke die Pistolen nicht losgingen.

Und als er seine bescheidene Junggesellenwohnung im Hause des

Kaufmannes Pollnow erreicht hatte, klopfte er mit hartem Knöchel an die

Schlafzimmertür seiner Wirtin, einer ehrsamen Briefträgerwitwe:

„Frau Wengoborski, rasch, kochen Sie mir einen ordentlichen Kaffee! Ich

will auf ’nen Rehbock. Dann aber pumpen Sie mir zwei dünne Nähnadeln!“

„Um Gottes willen nein, Herr Baron,“ erwiderte die Wirtin und

erhob sich von ihrer Lagerstatt, „wollen Sie sich am End’ in aller

Herrgottsfrühe Hosenknöpfe annähen?“

„Dieses nun weniger,“ sagte der lange Heino, „vielleicht aber einer

alten Dame, die mit ihrer großen Schneiderschere gewohnheitsmäßig Fäden

abschneidet, ein bißchen ins Handwerk pfuschen.“

Und in seinem Zimmer versenkte er sorgfältig die beiden Nadeln in

die Pistons der Duellpistolen, brach sie ab und verwischte ebenso

sorgfältig die Spuren seiner Tätigkeit mit einer Fingerspitze voll

Staub, den er vom Ofensims holte. Als er sich aber durch mehrmaliges

Abfeuern eines Kupferhütchens davon überzeugt hatte, daß die

Zündkanäle der beiden Waffen gründlich verstopft waren, schmunzelte

er stillvergnügt vor sich hin, denn er allein wußte jetzt, daß der

bevorstehende „Zweikampf“ kein Opfer fordern würde. Um den einen

wäre es schade gewesen, für den anderen aber war schließlich die

ausgestandene Todesangst Strafe genug ...

Gegen fünf Uhr des Morgens setzte aus wolkenverhangenem Himmel ein

dauerhafter Landregen ein, der Wald und Flur in einen trüben Schleier

hüllte, und der lange Heino zog zur Vorsorge einen Gummimantel an, als

er sich anschickte, seinen Paukanten mit dem Pistolenkasten unter dem

Arm aus dem Hotel de Russie abzuholen. Peter Brenitz erwartete ihn

schon auf der Freitreppe, bleich von der schlaflos verbrachten Nacht,

aber leidlich gefaßt, und während sie sich begrüßten, konnten sie

sehen, wie die Mitglieder der Tischgesellschaft Masovia sich von dem

Portale der Kirche, die man wohl als allgemeinen Treffpunkt ausersehen

hatte, nach dem nahen Stadtwalde in Bewegung setzten. Paarweise

schritten sie unter aufgespannten Regenschirmen dahin, in dunkeln

Ueberröcken und friedlichen Zylinderhüten.

Peter Brenitz hob mit trübem Lächeln die Hand.

„Da! Sieht’s nicht wie ein Leichenzug aus, der einem unsichtbaren Sarge

folgt? Wem mag es wohl gelten? Mir oder dem andern?“

„Hm,“ sagte der Herr von Bergkem ernsthaft, „das möchte ich nicht so

ohne weiteres entscheiden. Sie haben -- das steht nun mal fest --

für das nasse Wetter viel zu dünnes Schuhwerk an und werden sich

bei dem Zweikampf bestimmt einen Schnupfen holen. Von da aber bis zu

’nem Begräbnis ist immer noch ein ganzes Ende!“ Und als Peter ein

wenig gekränkt vor sich hin sah, fügte er hinzu: „Nichts für ungut,

Herr Kollege, mir fehlt eben jede Anlage zum Pathos. Wo andere sich

entrüsten oder begeistern, sehe ich fast immer die komische Seite. Sie

aber grübeln zu viel, und trotzdem ich Sie erst ein paar Stunden kenne,

möchte ich wetten, Sie haben noch nie in Ihrem Leben einen dummen

Streich gemacht!“

Peter nickte. „Dazu hatte ich vielleicht keine Zeit. Aber wenn alle

so dächten wie Sie, Herr Kollege, wo bliebe da der Fortschritt der

Menschheit? Und wer keine Fähigkeit besitzt, sich für ein Ideal zu

begeistern, muß doch rettungslos im Schlamme des Alltags ertrinken?!“

Der lange Heino zuckte mit den Achseln.

„Larifari, Fortschritt der Menschheit! Der kommt ganz von selbst, wenn

jeder von uns ein tüchtiger Kerl ist und an dem Platze, an den ihn

das Schicksal gestellt hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tut. Aus

der Summe der also geschaffenen Werte ergibt sich auch ein stetiger

Fortschritt, denn es findet eine Mehrung unseres Kulturbesitzes statt.

Was aber die Frage der Begeisterungsfähigkeit anlangt, so reden wir

ein bißchen aneinander vorbei. Ich kann mich auch begeistern, freilich

für andere Dinge in der Regel als die Mehrzahl unserer Zeitgenossen.

Wenn bei politischen Parteiversammlungen zum Beispiel der Redner allen

Andersdenkenden die „Maske der Heuchelei vom Gesichte reißt“ oder

unter dem Beifallsgebrüll seiner Parteifreunde den schnöden Eigennutz

der andern „geißelt“, muß ich immer lachen, denn ich sehe deutlich,

daß -- der Klempnermeister Pigulla meinetwegen -- beim Bravoschreien

nach dem Vorstandstische schielt, ob seine patriotische Begeisterung

auch gebührend bemerkt wird. In den nächsten Tagen gelangen nämlich

die Arbeiten am neuen Schulhause zur Vergebung! ... Wenn ich aber in

der Zeitung lese, daß irgendwo im fernen Indien ein kleiner Doktor

gestorben ist, weil er in Pesthöhlen einen neuen Bazillus zu greifen

gedachte, sehen Sie, da läuft mir ein Schauer über den Rücken vor

Begeisterung. Der kleine Doktor ist vielleicht auch nur in den

Pesthöhlen herumgekrochen, weil er ein berühmter Mann werden wollte.

Ist egal! Aber an seinem Platze war er ein ganzer Kerl und hat mehr für

den „Fortschritt der Menschheit“ getan als alle, die mit geschwollenen

Worten davon reden, schreiben oder predigen! ... Und vielleicht liegt

auch auf einem ähnlichen Wege“, so fuhr er mit einem Gedankensprunge

fort, „eine Lösung der Frage, die Ihnen ja am allermeisten am Herzen

liegt. Seht nicht immer so viel zu uns hinüber, sondern nötigt uns

durch besondere Leistungen Achtung ab. Vielleicht kommen wir dann ganz

von selbst zu Euch!“

„Wie sollten wir wohl,“ warf Peter Brenitz bitter ein, „wenn uns die

Mehrzahl aller Berufe verschlossen ist!! Nicht durch das Gesetz, aber

durch ein Vorurteil, das stärker ist als alle Gesetze?!“

Der lange Heino lachte auf, und als der andere verwundert emporblickte,

machte er eine entschuldigende Gebärde.

„Verzeihen Sie, ich bin kein berufsmäßiger Weltverbesserer, und eben

fiel mir etwas Schnurriges ein. Als ich in unserer Kreisstadt Lyck die

Schulbank drückte, hatten wir in der Untersekunda einen Juden namens

Salomon. Ich gehörte auch nicht gerade zu den kleinsten, aber ich

reichte ihm gerade bis zum Ohrläppchen, und der Kerl hatte Bärenkräfte,

daß er uns am ausgestreckten Arm den Aufschwung machen ließ. Aus

dieser Zeit stammen vielleicht meine ersten philosemitischen Regungen,

denn der p. Salomon prügelte jeden Andersdenkenden windelweich.“

Da mußte Peter mitlachen und trug’s dem Herrn von Bergkem nicht nach,

daß er Fragen, die ihm an das Innerste seines Wesens rührten, im

oberflächlichen Plaudertone behandelte. Und von da an setzten sie ihren

Weg schweigend fort. Der lange Heino überlegte, wie die bevorstehende

Mensur wohl am besten mit einem möglichst zeremoniellen Brimborium

zu umgeben wäre, und Peter sann darüber, daß er vor wenigen Tagen

ein ähnliches Gespräch geführt hatte. Ein wenig verschieden in der

äußeren Form, aber im Inhalt gleich. Und er nahm sich vor, bei dem

Zweikampfe eine recht würdige Haltung zu bewahren, um sich die Achtung

der Gegenpartei zu erringen. Im kritischen Augenblicke gedachte er

natürlich in die Luft zu schießen, denn es verlangte ihn nicht nach

dem Blute seines Gegners. Wenn er aber mit der Wunde in der Brust

auf dem grünen Rasen lag, sollte sein letzter Gruß einer gelten, die

ihn in diesen Stunden mehr als alles andere beschäftigt hatte. Blaue

Augen hatte sie über einem feingeschnittenen Näschen, so viel er

hatte erkennen können, und über blonden Haaren wehte ein kurzer blauer

Schleier im Wind ... Gar zu gerne hätte er sich bei seinem Begleiter

nach ihr erkundigt, aber er fürchtete die lachende Gegenfrage: „Nanu,

Herr Kollege, Sie haben sich vor Ihrem seligen Ende doch nicht etwa

rasch noch verliebt?“ ...

Die vorausziehende Gegenpartei hielt auf einer kleinen Lichtung, Peter

blieb auf das Geheiß seines Sekundanten am Rande stehen, und der lange

Heino näherte sich mit formellem Gruße der ein wenig ratlos in der

Mitte haltenden Gruppe. Er zog den verregneten Hut:

„Wir von unserer Seite sind bereit!“

„Na schön,“ sagte der zum Unparteiischen erwählte Referendarius Meyer,

„dann können wir ja anfangen!“

Danach aber entstand ein peinliches Schweigen, denn Herr Meyer hatte

sich zwar am Abend vorher über seine Funktionen von der Autorität in

Ehrenfragen, dem Steueramtsassistenten und Vizefeldwebel der Reserve

Annuschat, informieren lassen, als es aber Ernst wurde, versagten seine

mühsam erworbenen theoretischen Kenntnisse. Und weil er sich nicht

anders zu helfen wußte, sagte er mit verlegenem Lächeln:

„Ach, Herr Kollege von Bergkem, Sie sind wohl so liebenswürdig, die

erforderlichen Arrangements zu übernehmen?“

„Ich bedaure,“ erwiderte der lange Heino kühl, „das ist ausschließlich

Sache des Herrn Unparteiischen. Hier sind die Waffen, zu deren

Besorgung ich mich verpflichtet hatte,“ damit setzte er den

Pistolenkasten vor dem Referendar Meyer nieder. „Alles übrige liegt

jetzt in Ihrer Hand, Herr Kollege!“

Er trat zu seinem Paukanten zurück. In dem Kreise der Gegenpartei aber

steckte man die Köpfe zusammen und nach einer längeren Belehrung durch

den Steueramtsassistenten trat Herr Meyer endlich vor.

„Ich mache die Herren Paukanten darauf aufmerksam, daß es meine Pflicht

ist, einen Versöhnungsversuch zu veranstalten.“

„Von unserer Seite aus abgelehnt,“ sagte der lange Heino.

„Na schön,“ bemerkte wiederum Herr Meyer und begab sich nach der

empfangenen Instruktion an die Abmessung der Entfernung. Sprang dreimal

je fünf Schritte ab und bezeichnete die Grenzen durch abgebrochene

Zweige. Der Herr von Bergkem jedoch erklärte sich nicht einverstanden,

schätzte die Entfernung für viel zu weit und verlangte im Auftrage

seines Paukanten eine kürzere Bemessung.

„Sie wollen wohl mit Gewalt,“ flüsterte ihm der Referendar Meyer zu,

„daß bei der Sache ein Unglücksfall vorkommt?“

„Das ist allerdings unsere feste Absicht,“ erwiderte der Herr von

Bergkem. „Wenn Herr Provisor Kellmigkeit nicht die gleichen Intentionen

hegen sollte, hätte er sich’s gestern überlegen müssen!“

Er trat mit höflichem Gruße zurück und sah zu seiner innigen

Befriedigung die spitze Nase des Herrn Provisors noch um ein Endchen

länger werden, während sich um die hohlliegenden Augen grünliche

Schatten breiteten. Sein eigener Paukant sah auch nicht gerade festlich

aus in seinem verregneten Sommerröckchen, aber er bewahrte wenigstens

äußerlich eine korrekte Haltung ....

Es folgte das Laden der Pistolen, bei welchem schwierigen Geschäfte

Heino notgedrungen aushelfen mußte, denn in der Behandlung von

Vorderladern wußte selbst der Herr Steueramtsassistent Annuschat

nicht Bescheid, und endlich standen sich die beiden Duellanten mit der

Waffe in der Hand gegenüber. Der Kreisarzt hatte unter dem Schutze

einer überhängenden Tanne sein schweres Besteck entfaltet, die Hähne

über den blank funkelnden Zündhütchen waren verderbendrohend gespannt,

vom trüben Himmel rann unablässig der feine Regen, und die Corona der

Zuschauer, die sich zum Rande der Lichtung gezogen hatte, wartete

bangen Herzens auf das Kommando des Unparteiischen.

Statt dessen erscholl aus der dichten Kiefernschonung, die die Lichtung

von der einen Seite umgab, eine gewaltige Stimme:

„Halt, im Namen des Gesetzes, halt!“

Gleich danach aber arbeitete sich die dicke Figur des städtischen

Polizeiwachtmeisters durch die regennassen Zweige, gefolgt von Herrn

Popiella, dem Wirte des Grand Hotel de Russie, trat in die Mitte und

schrie:

„Halt und nochmal halt! Wer sich von der Stelle rührt, ist verhaftet!“

Der lange Heino war der erste, der sich von der plötzlichen

Ueberraschung erholte.

„Nanu, Herr Wachtmeister, und weshalb stören Sie uns in unserm

harmlosen Vergnügen? Das Ganze ist nämlich nur eine Wette, weil der

Herr Provisor behauptet hatte, er schieße besser als Herr Brenitz!“

„Hat sich was mit Wette,“ sagte der Wachtmeister, „und mich machen Sie

ja nicht dumm, Herr Baron! Das hier ist eine zweikämpferische Vergehung

gegen das Strafgesetzbuch, Sie kriegen alle zu sitzen, meine Herren,

und infolge eingegangener Anzeige werde ich jetzt die Corpusse Delikti

konfiszieren!“

Der Herr von Bergkem wandte sich lachend zu dem Wirte des Grand Hotel:

„Ihnen also, Herr Popiella, verdanken wir diese Störung unseres

morgendlichen Spazierganges?!“

„Na nu, nein,“ erwiderte der Brave und schickte einen zornigen Blick zu

dem Herrn Provisor hinüber, „wenn Sie, und Sie haben einen Gast, der

bei Ihnen fest auf drei Monate gemietet hat, würden Sie sich den so mir

nichts dir nichts totschießen lassen?“

„Nein,“ versetzte der lange Heino, „und das ist ein sehr vernünftiger

Standpunkt, viel vernünftiger als manches, was in den letzten

vierundzwanzig Stunden hier von den verschiedensten Seiten vertreten

wurde!“ Er steckte die Hände in die Taschen seines Regenmantels und sah

sich lachend um.

„Na, meine Herren! Sollen wir den Spaß noch einmal wiederholen oder

wäre es vielleicht angebracht, jetzt zu einer restlosen Versöhnung zu

schreiten? Ein zweites Paar Pistolen habe ich nicht zu versenden, und

beide Paukanten haben ja gezeigt, daß sie zu ernsthaftem Austrag ihres

Handels entschlossen waren!“ ...

Da übergab Herr Kellmigkeit als erster seine Waffe dem dicken

Polizeiwachtmeister, schritt auf den Referendar Brenitz zu und zog mit

würdevoller Verneigung den Hut. Jetzt ging’s ans Reden, und das lag ihm

als geborenem Vereinspräsidenten besser als der Umgang mit Schußwaffen.

„Herr Brenitz, zu meinem Bedauern bin ich um die Ehre und das Vergnügen

gekommen, mit einem ritterlichen Gegner die Waffen zu kreuzen, aber

wie sagt der Lateiner? „_Et in magnis voluisse sat est._“ Nehmen wir

den Willen für die Tat und betrachten die Angelegenheit als erledigt.

Ich revoziere meinerseits alle irgendwie beleidigenden Aeußerungen,

strecke Ihnen die Hand zur Versöhnung entgegen und erwarte von Ihnen

das gleiche!“

Peter war von dem plötzlichen Umschwunge der Ereignisse so benommen,

daß er sich auf eine stumme Erwiderung des Händedruckes beschränkte.

Der lange Heino aber warf in gemachter Begeisterung den Hut in die

Luft, schrie mit gewaltiger Stimme: „Ein donnerndes Hoch unseren

edelmütigen Herren Duellanten. Sie leben einmal hoch, noch ’mal hoch,

und zum drittenmal hoch!“

Die Corona stimmte jubelnd ein, einschließlich des

Polizeiwachtmeisters, der bei dem feierlichen Vorgange eine ähnliche

Erhebung empfand wie bei festlichen Veranstaltungen des Kriegervereins,

nur das fehlende Absingen der Nationalhymne störte ihn am Schlusse.

Und alles atmete erleichtert auf, nicht zum mindesten die Herren

Steuerbeflissenen, denn der unblutige Ausgang der „unerquicklichen

Affäre“, wie sie Herr von Bergkem treffenderweise genannt hatte,

bewahrte sie vor einer hochnotpeinlichen Untersuchung, ob sie im

gegebenen Falle nicht des erforderlichen, für die Erreichung höherer

Rangstufen unbedingt nötigen Taktgefühls ermangelten. Als daher Herr

Popiella den Vorschlag machte, in Anbetracht des feuchten „Klimas“ auf

den Schreck ein ordentliches Glas Grog zu setzen, fand er allseitige

Zustimmung, und in schönster Harmonie wurde der Rückweg zum Städtchen

angetreten. Nur die Zugfolge war ein wenig anders als auf dem

ungemütlichen Hinwege.

Voran schritt der dicke Herr Polizeiwachtmeister mit einer großen

Zigarre im Munde, flankiert von dem Baron von Bergkem und dem Besitzer

des Grand Hotel de Russie, die ihm beide auseinandersetzten, das Ganze

wäre doch eigentlich ein lustiger Streich gewesen, nicht wert, daß sich

eine hohe Behörde darum echauffierte. Und der Herr Polizeiwachtmeister

neigte als Privatmann ihrer Meinung zu, offiziell aber gedachte

er den Widerstreit zwischen menschlicher Nachsicht und strenger

Beamtenpflicht erst nach dem dritten Glase Grog im Sinne der Milde

zu entscheiden. Einmal war er das seiner Würde schuldig, zum zweiten

aber war der Polizist sozusagen doch auch ein Mensch. Wenn man ihn zu

nachtschlafender Zeit in ein solches Hundewetter hinaustrieb, mußte man

doch auch dafür sorgen, daß er an seiner Gesundheit keinen Schaden nahm

...

Den Beschluß des Zuges bildete der Herr Provisor mit seinem vormaligen

Duellgegner. Der Zufall hatte es wohl gefügt, daß sie zusammenkamen,

aber Herr Kellmigkeit nahm dankbar die Gelegenheit wahr, sich vor

„zuständiger Stelle“ über seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus im

allgemeinen und dem Herrn Brenitz im besonderen auszusprechen.

Und da ergab es sich, daß er seinen vielbemängelten Antrag in der

Tischgesellschaft Masovia lediglich aus prinzipiellen Gründen gestellt

hätte, erst durch die „ewigen Witzeleien“ des Herrn von Bergkem hätte

die Angelegenheit eine so persönliche Zuspitzung erfahren, wie denn

dieser Herr überhaupt ein recht unbequemes Mitglied wäre, nur mit

größter Vorsicht zu genießen.

Peter Brenitz hörte mit höflichem Schweigen und ohne Widerspruch zu,

nur wollte es ihm scheinen, als wenn der Lauf der Verhandlungen in der

Tischgesellschaft ein wenig anders gewesen wäre. Er akzeptierte dankend

die Einladung, sich von nun an „voll und ganz“ als Mitglied zu fühlen,

aber ein heißer Dankesblick flog zu dem an der Spitze des Zuges

Schreitenden hinüber, der die anderen alle um Haupteslänge überragte.

...

An den ersten „Erwärmungsgrog“ im Hotel de Russie schloß sich auf

Vorschlag des Herrn Popiella eine Versöhnungsbowle aus Türkenblut,

einem Gemisch aus Porter, Sekt und Kognak, das abscheulich schmeckte,

in hohem Grade aber die Eigenschaft besaß, Männerherzen fröhlich

zu stimmen. Trinksprüche wurden gewechselt, und mit einem Male

-- der Polizeiwachtmeister war unter Obhut des Herrn Kalinski in

das Bürgerzimmer abgeschoben worden -- stand ein Würfelbecher

auf dem Tische. Eine Tafel mit Zahlen wurde ausgebreitet, und

Herr Referendarius Meyer übernahm zu einem „harmlosen kleinen

Frühschoppenspielchen“ die Bank. Die Gesellschaft drängte sich

zusammen, in die Augen trat ein Funkeln, und Silberstücke schoben

sich auf die Tafel. Der Bankhalter schüttelte rasselnd den Becher ...

„drei gewinnt, meine Herren,“ strich ein und zahlte aus. Peter wollte

sich still entfernen, aber ein paar Hände griffen nach seinem Rock,

„Halt, hiergeblieben! Und mitgefangen, mitgehangen!“ Da setzte er sich

wieder hin. Das starke Getränk tat seine Wirkung, und er verspielte,

was er bei sich trug. Der Referendarius Meyer aber mußte sich einen

Suppenteller geben lassen, um seinen sich häufenden Gewinn zu bergen,

und Peter sah wie durch einen Schleier, daß der lange Heino nach

öfterem Verluste den Wirt oder den Oberkellner beiseite nahm, um mit

heißem Gesichte weiter zu spielen. Da zog sich ihm das Herz zusammen,

und ihm war zumute, als wäre auf ein liebes Bild ein häßlicher Fleck

gefallen. -- -- -- --

Bruder Leichtfuß und Stein am Bein · 第 3 / 10 题