Der Garten der Kreatur

Ein seltsames Bild gibt dieser Garten deiner Seele zu schauen. Wie eine

Vision steht es da mitten im hellwachen Tage.

Unwirklich will es dir scheinen trotz der intensivsten Realität, die dort

dir Schauen und Lauschen erfüllt.

Alle Zonen der Erde haben hier ihre Tore geöffnet, und aus ihnen strömt

aller Wesen Wesen vor deinen erstaunten Augen zusammen. Aller Kreatur ist

hier eine Stätte bereitet.

Und alle Gedanken, die dem Schöpferwillen in der Jahrtausende Fülle sich

entrangen, findest du hier in ihrer gewaltigen Stufenleiter des Lebenden

vom kleinsten Amphib bis zur grotesken Übergröße tropischer Gebilde

zusammengerufen, und wie im Paradiese ruhen sie einträchtig beieinander.

Aller Kreatur ist in diesem Garten eine Heimat bereitet, eine Umwelt

gegeben, wie sie jedem einzelnen gerade vonnöten. Wasser und Wiesen,

Hochland und Höhlen, Waldesschatten und Sandwüsten sind von Menschenhand

hingebreitet und aufgerichtet, um der tausendfachen Vielheit alles Lebenden

eine Stätte der Schönheit und des Friedens zu geben.

Und dein Auge schaut ergriffen über die unerhörte Weite der bunten

Möglichkeiten des schaffenden Urwillens, und der Erde unendlicher Kreis

fügt sich vor deinen Blicken zu einem goldenen Zauberringe, der wie ein

Symbol millionenfacher Zeugungsformen dich in einer kurzen Erdenstunde alle

weltenweiten Horizonte jahrmillionentiefer Vorgänge des ewigen Werdens und

Vergehens überfliegen läßt.

Mit Schauern der Ewigkeit aus der Zeiten Urwelttiefe und der Unendlichkeit

ihrer greiflos gewordenen Fernen grüßt es dich aus diesen unzähligen

Zeichen des gewaltigen Lebenswillens wie etwas Namenloses, Entschwundenes,

das mit rätselhaften Geisterhänden an die Schwelle deiner eigenen Tage

rührt.

Durch die ungeheure Menge tausendfacher Bewegtheit all dieser Kreatur

umher, die wie ein Chaos von Form und Farbe und Bewegung hier die endlos

weiten Räume füllt, zieht es sich wie ein roter Faden zu dir hin, der den

schaffenden Urwillen aus den Nächten des Anfangs leise und geheimnisvoll

mit den letzten Dingen deines eignen Wesens bindet und dich in seliger

Beglückung für einen hauchkurzen Augenblick mit der heiligen Glut

jenes gewaltigen Weltwillens erfüllt und dich deines Daseins tiefste

Verbundenheit mit aller Kreaturen Sinn und Sein begreifen macht.

Und anders schaust du plötzlich um dich.

Ein Teil von diesem Allen bist du.

Milliarden sind der Zeiten Schritte, die das Urbild der kleinsten dieser

Wesen durch der Ewigkeiten Räume trugen, bis es in dir sich zur Vollendung

lösen konnte.

Tausendfach sind die Ahnungen aus dieser Zeiten dunklen Hintergründen, die,

seltsamen Erinnerungen gleich, sich in deiner Seele Träume grüßen, und alle

Liebe zu Tier und Baum und Blume dringt durch dies Erinnern weich und warm

wie der Odem der Heimat zu dir her.

Hier in diesem seltsamen Garten fühlst du es angstvoll und jubelnd

zugleich, wie feurig und doch linde die Einheit des Seins das All umspannt,

daß die Melodien aller Kreatur aus eines Brunnens Tiefe steigen und

die überschwängliche Fülle alles Geborenen mit dem Symbol des in sich

zurückkehrenden Kreises tief verkettet ist. --

In tiefster Ergriffenheit wandelst du in der bunt und laut bewegten Welt

dieses seltsam fremden Gartens, an dessen Ufer alle Fernen der Erde sich

grüßen und erkennen.

Des Schauens ist kein Ende zu finden.

Wesen aus tausend Welten blicken dich an aus Millionen Augen, die hier wie

kleine Sonnen leuchten.

Jedes hat einen andern Reflex in seinem beweglichen Rund. Von stiller

vegetativer Hingegebenheit bis zu feurigster Leidenschaft ist die ganze

Skala seelischer Entwicklungen in der sicheren Sprache des Blickes

ausgewirkt. Menschlich mutet dich oft die Geste und das Schauen dieser

Wesen an; als könntest du leise Zwiesprache mit ihnen halten, als haben sie

dir aus tiefen Vergangenheiten geheime Botschaft zu sagen.

Eine Flut von Formen und Farben und Tönen umbrandet dich.

Und alles Gewoge von Menschen, Tier und Pflanzen, das dich umkreist, wächst

in deinem Bewußtsein zu der gewaltigen Melodie des Lebens zusammen, die

der Weltgeist in geheimnisvoller Fugenweise auf der Harfe seines Willens

spielt. --

Da plötzlich tönen von der Rampe her die rauschenden Akkorde einer

brausenden Symphonie, die alles Tönen umher, das wilde Brüllen der Löwen

und Tiger, das Schreien der Affen, die krächzend heiseren Rufe der bunten

Vögel, den seltsam schmerzlichen Laut des Lamas und all die tausend

andern großen und kleinen Stimmen der bunt umherverstreuten Kreatur in

die Rhythmen ihrer weiten Harmonien aufnimmt, sie auflöst aus ihrer

Gebundenheit und von ihrer Schönheit umhüllt, sie in einer jubelnden

Fanfare stolzen Triumphes zu den Grenzen des Alls hinträgt, zu denen der

Menschengeist aus Drang und Enge sieghaft seine Wege fand. --

Der Menschengeist, der aller Kreaturen Spuren im Ringe seines Wesens trägt.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 30 / 111 题