Nicht das allein macht meine Stadt so schön, daß sie sich wie von einem
stolzen Purpurmantel historischer Erinnerungen umhüllt, im Tale hinbreitet.
Daß alle Winkel ihrer alten Straßen, die stolze Burg auf der Höhe,
das vornehme Schloß in ihrer Mitte, von einem schillernden Reichtum
ohnegleichen zeugen und in die weiten Zeiten ihrer tief in die Geschichte
reichenden Vergangenheiten hineinführen.
Auch nicht die bunte Bewegtheit ihres zur neuen Gegenwart aufblühenden
Lebens ist das stärkste ihrer vielen Reize. --
Ihre feinste und tiefste Schönheit ist der weite, blühende, grünende
Garten, in dem sie eingebettet liegt, von dem sie wie von einem üppigen
Kranze unverwelklicher Freude rings umhangen ist.
Der Frühling jauchzt und lacht in berauschender Fülle über diesen Garten
hin, erfüllt ihn mit dem Zauber und Glanz seiner sieghaften Herrlichkeit.
Der zarte Duft sprossenden Laubes füllt die Luft mit neuem Traum. Ein
Blütenmeer ist über Strauch und Baum und Wiesen hingebreitet und der Farben
froher Reigen schlingt sich in leuchtender Glut durch das hundertfältige
Grün, das von Busch und Baum und Rasen in das helle Blau des
Frühlingshimmels springt.
Die Luft ist ein bebendes Meer von Tönen. Ein Ozean von Liebe durchströmt
den Raum, der Liebe aller Kreatur, die mit den Wellen des Duftes, der
Farben und der Lieder die goldne Harfe des jungen Lichtes erbeben läßt, daß
es wie ein klingender Rausch von ihm her über die blühende Erde und über
dein lauschendes Herz geht.
Leise wehen der Birken helle Schleier mit dem Spiel der Lüfte, das fallende
Wasser der Brunnen mengt seine eintönige Melodie mit dem gewaltigen
Rhythmus des Lebens, das neu erwachend, alles Wartende umher mit Lust und
Glück und Freude überschäumt.
So wandelst du von Traum und Rausch umfangen durch diesen göttlichen
Garten, der schier ohne Ende dich auf dem ganzen Umkreis der Stadt
begleitet. Auf die Höhen, die rings zu Tal und Flusse grüßen, steigt er mit
dir, führt dich auf tausend heimlichen Pfaden, drängt sich zu lauschigen
Wegen zusammen, dehnt sich zu sonnenlachenden Wiesenweiten, dichtet sich zu
schattendem Walddunkel und geht mit dir in weitschwingendem Bogen auf
allen Schritten und Wegen, die dich um das reiche Bild dieser schönen Stadt
führen.
Mit feiner Kunst sind dieses Gartens Linien hingebaut. Aus dem schauenden
Traum eines Künstlers wurde diese tönende Symphonie des hundertfachen Grün
geboren, das zueinander hingestellt, gegeneinander abgestimmt, ineinander
übergehend wie ein Gebild von Meisterhand sich dir im schauenden Empfinden
zu tief bewegten Melodien löst.
Eine Unendlichkeit feinster Reize strömen dir aus diesen, von
künstlerischer Hand zusammengefaßten Harmonien von Raum und Licht und
Farbenwerten, von bewegten Linien und sanften Kurven, von feinhörig
aufeinander abgestimmten Dissonanzen und Assonanzen der schier
unglaublichen Fülle der einen ewigjungen Farbe des vielfach grünenden
Laubes.
Und jede Jahreszeit hat hier ihr neues Bild.
Farben schlafen ein, die jäh wach vorher im Raume standen.
Andere leuchten auf, die vorerst noch schliefen.
Tausend Töne verlieren sich ins Meer der Ferne.
Neue kommen heran und mischen sich mit den weicheren Schatten des reifenden
Sonnenlichtes.
Ernster, tiefer und satter werden die Träume umher und in dir.
Fruchtbarkeiten und Erfüllungen folgen dem leichtgeschürzten Tanz der
Horen, die den Frühlingsreigen führten.
Und alle Noten, die licht und zart gegen die weiche, seidne Bläue des
Frühlingshimmels standen, verstärken ihren Ton und Wert und singen eine
neue Paraphrase des ewigen Liedes des Lebens, deren Melodie aus den
tieferen Brunnen des Seins geschöpft, dir die reifen und schauenden Träume
der Erkenntnis gibt. --
Noch einmal dann jauchzt das Leben auf im Jubel der Vollendung. Das
Farbenfanal des Herbstes wirft seine Flammen über die, von ihrer
Fruchtbarkeit erlösten Natur. Noch einmal bäumt und schäumt sie auf in
vollkommener Lust. Eine andere Lust ist es als die lachende, unbeschwerte
des ersten Frühlingstaumels -- aber eines neuen seltsamen Rausches voll.
Vom berauschenden Glücke der Erfüllung seiner selbst getragen, von dem
nahen Leide der Vergänglichkeit wie von einem heiligen Schmerze umspielt,
bäumt und schäumt die ungeheure Fülle des Gewordenen sich noch einmal
auf zu seiner letzten feinsten und tiefsten Freiheit und reißt alles,
was Stimme, Farbe und Ton hat, noch einmal mit sich fort zu einem
sinnverwirrenden Chaos gewaltiger Daseinslust und orgiastischer Freude --
wie das letzte lohende Firnenglühen der Sonne, eh sie dem Abend in die Arme
sinkt.
So feierst du in dieses Gartens weitumfassenden Rund alle Feste der Natur,
die ein Symbol deines eigenen Seins und verkettet mit ihm sind; so siehst
du dein eigen Blühen und Werden und Steigen und Ermatten in diesen heißen
Bildern um dich aufgestellt.
Und es wandeln Tausende so schauend und genießend allzeit durch den
herrlichen Garten meiner Stadt, in dessen sanfter Umarmung sie in all ihrer
vornehmen Schönheit eingebettet liegt.
Und wer ihn einmal geschaut im Frühlingsglanze, der kann sein nimmermehr
vergessen und trägt das Bild in seinem Herzen, wie den Traum eines
Künstlers, der zu Leben wurde, um in tausend lebenden Herzen sich wieder in
seligen Traum zu wandeln.