Diesen Garten findest du auf allen Menschenwegen.
Er gehört jedem von uns.
Er wartet unser aller.
Die trauernde Weide ist sein Symbol und Abschied das schwere Zeichen, unter
dem er blüht.
Und doch ist Frühling darin. Lachender, singender Frühling mit allem Rausch
und blühender Schönheit.
Alle Düfte und Farben, alles Sonnenleuchten und jede Schattenlockung ist
hier vor dein Auge gebreitet, ganz wie in den andern Gärten der Freude
dieser Menschenerde.
Aber über allem Leben hier steht die seltsame Dämmerung eines fernen
Lichtes, das nicht von dieser Erde ist.
Ein schmerzliches Rufen, das unhörbar dem Ohre, in leisen Wellen an deine
Seele rührt, wird lauter und dringlicher, je tiefer du darauf lauschest,
bis es zuletzt über alle Laute der blühenden Erde ringsum nur noch allein
zu deinem Wesen spricht.
Wie das Rufen von einer Ferne her, die du nicht kennst, kommt es zu dir.
Wie das Brausen eines fernen Meeres, dessen Ufer du noch nicht erkannt.
Du wandelst wie trunken von den Schauern wartender Ahnungen, die dich
plötzlich über die bunte Bewegung des Lebens wegtragen zu einsamen Welten,
deren Stimmen dir geheimnisvoll vertraut klingen, als sprächen sie die
Sprache der letzten Tiefen deiner harrenden Seele, mit der sie in seltenen
Stunden der großen Stille zu dir redet. Als löse sich aus dem schweren
Schweigen derer, die hier ruhen, ein seltsames Tönen, das anderer Sphären
Gesetze unterworfen, in neuen, nie gehörten Rhythmen dich umdrängt und dich
wie mit einem Kranze schwerduftender Blüten umhängt.
Dies Tönen und dieses Rufen, wie nah glaubst du sie zu kennen.
Aus den fernsten Erinnerungen und schmerzlichsten Sehnsüchten deiner Nächte
und Träume kommt ihr Klingen und Mahnen zu dir, und du bist wie ein Vogel,
schwebend zwischen Himmel und Erde und weißt nicht, welcher Schwelle du
zufliegen möchtest.
Alles Endliche wird klein vor diesem Brausen der tiefen Fernen, alle
Fesseln der Erdenschwere sind aufgehoben, alle Wirklichkeit wird zu
fliehendem Schein, und du schaust dem Leben mitten in seine Wahrheit.
Die Wahrheit, die dich und das All trägt, die allem Sein seinen heiligen
Sinn gibt. Die deine Stille mit den Schmerzen der Sehnsucht reich macht und
deine Träume mit seltsamen Hoffnungen erfüllt.
So mitten durch den klingenden Frühlingsrausch der bunten Erde gehst du
in diesem Garten der Tränen wie in kühler Leere und Einsamkeit, in der die
Seele des Alls Zwiesprache hält mit der deinen.
Erinnerungen umschweben dich, die aus den Gräbern blühen, die das Dunkel
und Licht vergangener Zeiten dir neu entzünden und alle Flammen der Liebe
erwecken und dich mit dem Duft aller seligen Geheimnisse überschauern,
die dein Herz an jene binden, nach denen dein Auge noch immer sucht und zu
denen deiner Sehnsucht weher Drang dich immer wieder lockt und ruft.
So greifbar nahe trägt dich der Pfeil der Erinnerung zu ihnen. Du siehst
das geliebte Angesicht, die geliebte Stimme tönt wie eine Glocke in dein
Herz, das Lächeln des Mundes und Leuchten des Auges kommt zu dir -- einen
seligen Augenblick lang -- und wieder ist alles in der weiten Leere und
Einsamkeit verweht.
So zwischen Nähe und Ferne, zwischen dem Heute und alle Ewigkeit wandelt
dein erdgebundener Fuß auf den Wegen dieses Gartens, die dunkel sind
von den Leiden und Schmerzen derer, die über sie hinschritten mit der
flammenden Opferschale des Todes in den bebenden Händen. --
Und so lange du hier wandelst, bist du selbst von den Schatten des Todes
umhangen.
Die helle Wirklichkeit deines Tages, die ruhende Sicherheit deines Wissens,
die harten Grenzen deiner kreisenden Sinne entschweben dir, als ob sie
dich nie gehalten, als ob du ihrer nie bedurft. Enthoben dir selbst, vom
Grenzenlosen umfangen, weißt du ein anderes Wissen, begreifst du weitere
Weiten und tiefere Tiefen als bisher.
Im Garten der Tränen lernst du ein neues Lächeln und die Unrast deiner
Seele entwirrt sich in dem Schweigen der Leere und Einsamkeit, das dich
hier wie ein Tempel umbaut.
In diesem Garten des Schweigens erfährst du Tieferes als draußen vor seinen
Toren, erfaßt du heiliger die Erkenntnisse des Lebens, das an das Gesetz
des Todes gebunden ist.
Zwischen die Ufer des Lebens und des Todes ist dieser Garten mitten
hineingestellt.
Wo Menschen leben, blühen seine Gräber.
Und an das eherne Schweigen seiner Tore brandet und bricht sich das Tun
und Harren, das Irren und Schaffen, das Wollen und Lassen der Menschen,
der tanzende Reigen und glühende Rausch des brausenden Lebens, das an der
heiligen Schwelle dieses Gartens sein Angesicht in den Staub neigt.
Der wissende Mensch aber, der dem Unbegrenzten des Lebens sein tiefstes
Geheimnis abgerungen und das eherne Schweigen des Seins mit seinem starken
Willen zur Erkenntnis überwältigt hat -- er schuf sich die Liebe.
Diese unsterbliche Flamme, die die finstern Tore des Todes sprengt und über
sie hin die goldenen Brücken baut, die zu den Fernen der Ewigkeit reichen.
So wurde der Garten der Tränen zum heiligen Hain seliger Begegnungen mit
denen, die du mit der Tiefe der Liebe an dich bandest.
Je mehr es derer werden, die zu den fernen, unbekannten Ufern gingen, desto
mehr lockt es deinen Fuß zu den Wegen des Schmerzes, die durch den Garten
der Tränen führen.
Ihre Ferne wird dir näher als deine Nähen.
Das unsichtbare Gefilde, in dem du sie weißt, wird mälig deiner Seele
greifbarer als das Land, das du mit Augen schaust.
Hierher kommst du mit der Unruhe deines ermüdeten Herzens, mit den
Zweifeln deines suchenden Geistes, mit allen Täuschungen und Qualen deiner
erdgebundenen Tage.
Immer vertrauter wird dir diese Insel des Schmerzes, an deren Gestade
die Stimmen der Dinge dich verlassen und du mit dir allein vor der bangen
Unergründlichkeit des Todes stehst.
Und allgemach versiegen deine Tränen.
Bis du eines Tages in bebender Ergriffenheit dich hingebend eins werden
fühlst mit allem, das ist und das war.
Im Garten der Tränen lernst du jene Schritte tun, die Welten zueinander
binden, welche tief ineinander verkettet in unseres Wesens Grunde ruhen.