Der Garten des Anfangs

Im Anfang war der Garten.

Und die blühende Schönheit war ohne Ende.

Zwischen Himmel und Erde stand süß und heilig die große Stille, an der

alle Töne des Seins zu schwingenden Harmonien wurden. Das Leben glühte und

blühte da in überwältigender Herrlichkeit.

Farben und Düfte lagen wie Flammen über der Erde.

Tausendfach war das Grün der Haine.

Tausendfach die Form der blühenden Lust umher.

Zwischen Licht und Schatten hingebreitet schwebten alle seligen Träume des

schaffenden Gottes.

Auf den singenden Wellen der Wasser schwamm das Chaos der Töne, die in den

Herzen der nippenden Vögel zu tausend seligen Liedern wurden.

Heiß, in überströmender Fülle standen alle Becher des Lebens voll süßer

Lust hoch bis zum Rande.

Tag und Nacht küßten einander in seligen Freuden.

Nichts wurde alt in diesem Garten.

Nichts starb darin.

Das Leben hatte den Tod noch nicht gesehen.

Und in diesen Gefilden der Seligkeit wandelte der Mensch.

In seiner gottreinen Seele ruhte alles Leben umher wie in einem Spiegel.

Alle Schönheit wurde zu strahlendem Licht in seinen Augen, und alle

flammende Werdeglut brandete an sein Herz und entzündete die Fackel der

Liebe darin.

So wandelte er in weißer Unschuld durch alle Farbengluten des Lebens. Und

die Liebe in ihm verstand alle lohende Lebenslust umher.

Frieden war in seinem Herzen.

Er kannte nur Leben.

Die Nacht hatte keine Schrecken für ihn.

Seine Tage waren eine Unendlichkeit an Schönheit.

Sein Blut sang die seligen Melodien des Lebens mit.

Der Garten war der Kreis der Ewigkeit, in dem seines eigenen Wesens Ring

selig verkettet war.

So ruhten ihm seine Tage und Nächte auf dem Wellenspiel der Freude.

Und seine Seele badete in den schwingenden Harmonien, die von der goldenen

Harfe des Seins, die mitten im blühenden Garten stand, in alle Weiten

strömten.

Aber der Tag kam, da er plötzlich den Tod erkannte.

Denn Schuld und Reue kam über seine Seele.

Das Licht der Schönheit erlosch.

Die Nacht wurde finster für ihn und der Tag voll Schrecken.

Und zwischen ihm und dem Garten der Seligkeit stand das Schwert des

Schmerzes. Das Leben veränderte sein Angesicht gegen ihn.

Die Harmonien verstummten.

Und leer und öde war sein Herz.

In neue Fernen führte nun sein Weg.

Er selbst mußte suchen und finden, das Leben hatte alle selige Bereitschaft

für ihn verloren.

Zu Kampf und Sieg zog er aus. Mit schweren Füßen und müden Händen mußte er

sich jeden neuen Tag zu seinen Diensten zwingen. Und seine unruhigen Nächte

waren von Traum und Tränen erfüllt. Aber im tiefsten Grunde seines Wesens

trug er immerfort die Erinnerung an die singende Seligkeit jener Gefilde

des Friedens, die ihm nun für immer verloren waren. Und neben dem Schweiß

seiner Tage und der Unruhe seiner Nächte, neben Kampf und Siegen, Höhen und

Tiefen seines bitteren Daseins sang leise die tiefe, zehrende Sehnsucht in

ihm nach jenem Garten des Friedens.

Und Gott sah, wie elend und arm der Mensch geworden, da ihm die Schönheit

des Friedens genommen war.

Und er erbarmte sich seiner und ließ den Traum seiner Erinnerung in ihm so

stark werden und die Sehnsucht nach dem Verlorenen so schmerzhaft, daß er

eines Tages anfing, sich ein Bild zu machen, das jenem Glücke ein wenig

ähnlich war.

Aus der tiefen Sehnsucht seines arm gewordenen Herzens wurde dem Menschen

der Garten geboren.

Und als er erst einmal diesen Traum ergriffen und in die Öde seiner

Wirklichkeit gezwungen hatte, kam ihm eine so selige Beglückung aus dem

Bilde, das aus Erinnerung und Sehnsucht gewoben war, und das seiner müde

gewordenen Seele neue Flügel gab, daß er sich wieder in das Land der Freude

schwingen konnte und Lied und Lust wieder zu seinem Herzen kamen.

In seinem Garten findet der Mensch zum Paradiese zurück. Er vergißt für

Augenblicke, daß das Schwert des Schmerzes zwischen ihm und dem verlorenen

Glücke steht, das ihm in jenem seligen Gefilde einst in strömender Fülle

blühte.

Ja, jeder Garten ist eine sanfte und süße Erinnerung an das Paradies, das

den Anfang der Menschheit sah.

Deshalb wird es dem Menschen so warm und froh im Herzen, wenn er in seinem

Garten wandelt und ruht.

Vor seiner Tür läßt er alle Angst und Qual des harten Tages, und Glaube und

Hoffnung kehren ihm hier wieder.

Und selig frei von Ketten und Lasten, mit denen das Leben den Alltag seiner

Seele bindet und verdirbt, erkennt er sich selbst im Spiegel des Friedens,

den er tief verborgen in seinem Garten findet. Eine Lüge nach der andern

fällt ihm hier von seinem Wesen ab, und er wird frei zu allem Besten in

ihm.

Sein Garten gibt ihm die Stille der Wahrheit und die Tiefe der Ruhe, an die

alte Erkenntnis gebunden, aus der alle Reife blüht.

Alles Letzte und Tiefste in ihm erwacht ihm hier, und je länger und

dringender er seinen Garten liebt, je mehr kommt jenes Neue und Ferne

zu ihm heran, das er mit banger Sehnsucht so lange suchte und das die

Vollendung alles dessen ist, was aus Ewigkeiten her seines Wesens Wege und

Ziele sind.

Berauschender Geheimnisse voll ist sein Garten dem, der ihn mit seiner

besten Liebe liebt. Hier wird ihm das Leben erst zu Leben. Und trunken von

Traum und Erkenntnis wandelt er neu im Paradiese und findet allgemach die

fast verloschenen Wege zu den rauschenden Quellen des Glückes zurück, von

denen ihm Traum und Sehnsucht so schmerzvoll erfüllt blieben. --

Deine ruhende Welt ist dir dein Garten.

Und der Ring der Liebe zu denen, die du als die deinen erkannte, schließt

sich dir hier zu einem heiligen Kreise.

Was du hier in tiefer Liebe umfassen kannst, ist wahrlich dein. In deinem

Garten weicht aller Lüge und Schein und was bleibt, ist du und deine

Wahrheit.

Und immer schmerzhafter wird die Sehnsucht der Menschen nach ihrem Garten

werden, je mehr ihr äußeres Leben in Schein und Leere sich verliert.

Eine Türe zu wissen, die zwischen dir und dem Zwange zur Entfremdung von

dir selbst steht. Eine Stille, die dich von all den falschen Tönen

trennt, welche die heilige Melodie des Seins zerreißen. Eine Fülle reiner

Seligkeiten, welche die traurige Armut da draußen vergessen lassen --

Das heißt ein heimlich Paradies haben, in dem du alles Göttliche in dir

aufblühen und erglühen fühlst.

In jedem Garten wird die beste Sehnsucht eines Menschen zur Erfüllung.

Darum gehe an keinem vorüber, der dir offen am Wege steht.

Tritt in jede Türe eines Gartens, die unverschlossen blieb, und hole dir

einen Trunk aus dem Paradiese, der dir bis in die Wurzeln deines Wesens zur

Labung wird.

Fühlst du, wenn du eintrittst, wie plötzlich dein Herz in dir so seltsam

still wird. Wie dein Auge aufleuchtet in tiefer Ergriffenheit und ein Hauch

des Friedens über die Unruhe deiner Seele geht?

Und wie alle Farben, alles Duften und Blühen umher zu dir redet, dich

halten und locken will zu seiner rührenden Schönheit, zu seiner sanften

Stille, zu all den heimlichen Rätseln, die aus seinem scheinbar so strengen

Kreise der Einfachheit tausendfach hervorbrechen.

Und schwer wirst du zur Schwelle zurückfinden, wenn du eintratest. Denn

jeder Garten hat ein ander Angesicht, in das zu schauen eine tiefe Wonne

ist.

Erkennen wirst du auch den, dem er gehört.

Und oftmals wirst du dessen Seele heimlich grüßen und einen Hauch seines

Wesens mit fort nehmen, auch wenn du nie sein leiblich Angesicht erblickst.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 24 / 111 题