Das hohe, aus alter Schmiedearbeit gefügte Tor des Gartens öffnet sich.
Mit der Arbeitsmappe unter dem Arm tritt der Herr des Hauses über die
Schwelle seines Gartens. Von der Freitreppe, die zum Hause führt, kommt
leichten Fußes ihm sein Weib entgegen.
In einer heißen Umarmung leuchten ihre Augen ineinander und nehmen sich für
den Rest des Tages in seligen Besitz.
Jeder von ihnen tat das Seine im lauten Lichte des Tages, was ihnen an
Pflicht und Arbeit das Leben auferlegt.
Nun ist es Abend.
Die Freiheit kommt zu ihnen.
Und ihr Garten breitet sein träumendes Schweigen, sein tiefes Glück der
Stille um ihre schwingenden Seelen.
Hier ist ihr Paradies.
Einsamkeit zu zweien. Zwischen Ich und Du die unauslöschliche Sehnsucht
der Liebe. Der starke, unbeirrbare Glaube zueinander, das tiefe Wissen
umeinander. -- Die Bäume ringsum stehen im klingenden Abendschweigen.
Ströme von Gold und Purpur leuchten zwischen ihrem Geäste, und die weichen
Sommerschatten sinken wie sanfte Schleier über das Gelände.
-- Nun haben wir uns wieder -- sagt seine Stimme.
-- Nun bin ich dein -- antwortet die ihre.
Eng aneinander geschmiegt und ineinander verschlungen, wandeln sie in ihres
Gartens Rund.
Wie fällt alles ab an Schein und bunter Lüge, die das harte Draußen jedem
auferlegt. Nackt und lauter werden die Seelen in der Stille ihres Gartens,
täglich neu geboren an den heiligen Quellen seiner reinen Schöne, erkennen
sie sich selbst und den anderen mit tiefen Schauern der Freude und wachsen
an dieser erkennenden Freude zu den fernen Höhen der Erlösung von Zwang und
Schein.
Und die Bäume rauschen leise im Abendwinde.
Alles Blühen duftet heiß im letzten Atemholen des Tages. Die tausend Farben
blühen noch einmal auf, und seltsam deutlich und feierlich hebt sich jede
Linie umher im silbernen Leuchten des verlöschenden Abends.
Schweigen ist zwischen den beiden.
Und doch so viel lautes Sagen.
Baum und Strauch und alles Blühen und Duften umher spricht mit ihnen,
spricht für sie. Jeder Weg kennt die Freude ihrer Schritte, die eng, Spur
in Spur fast, zwischen ihnen klingen. Jede Schönheit hier ist der Segen
ihrer liebenden Hände. Und die ganze Luft ist voll des Rausches ihrer
starken Liebe, voll der Lieder ihrer überströmenden Dankbarkeit.
So schauen sie in den Abend, der still zum Meere der Vergangenheit sich
senkt. Ein Tag ihres Seins geht mit ihm dahin -- aber er war unser, fühlen
sie und lassen ihn stille ziehen. Ist doch jeder Augenblick in diesem
heiligen Kreise ihres Gartens ihnen eine so tiefe, starke Wirklichkeit
und feiervolle Gegenwart, daß sie sich zwischen den schwebenden Ufern der
Vergänglichkeit und des Währenden schmerzlos getragen fühlen von ihrem
sicheren Willen zum Leben und Werden.
Und leise schlummert dort im schimmernden Lichte des verhängten Fensters
die erwachende Stimme der Zukunft, die ihrem Wege eine Weisung ist und
ihrem Tage den rauschenden Flügelschlag des Mutes gibt.
-- Laß uns zu unserm Kind gehen -- sagt die glücksschwere Stimme des
Mannes.
Sie stehen auf der Schwelle ihres Heims.
Blicken noch einmal zurück in die dunkelnden Schatten ihres Gartens, der
alle Geheimnisse ihres Glückes kennt.
Und in dem Garten des Glücks singt eine Nachtigall das tiefe Lied der
Liebe.
Die Liebe, die Tag ist und Abend -- die Ruhe ist und Kraft.
Die in alle Ewigkeit ewig bleibt in sich selbst, der goldene Kreis, der
die Weite des Alls umschließt und das Menschenherz mit der Kraft des Alls
umfängt.
Die Nachtigall streut ihre schimmernden Töne über den Garten des Glückes.
Und die beiden, die sich an ihm zu den heiligen Hainen der Schönheit
zurückgefunden, die jenseits des Zwitterspiels von Wirrnis, Trug und
Schein, zu dem sich das Außensein der Menschentage verfangen und verknotet
hat, ihre seligen Gefilde breiten. --
Die beiden lauschen in die singende Nacht hinaus, und ihre Herzen sind voll
jener Andacht, die wie ein Gebet ist.
Ein Gebet am Altare des Lebens.