Der Garten der Hoffnung

Wie ein Warten liegt es in diesem Garten.

Ein Warten auf etwas Kommendes.

Auch wie Lauschen ist es auf Schritte, die drinnen im stillen Heim leise

umhergehen, wie die Schritte jener zu tun pflegen, die eines leidenden

Körpers nicht ganz sicher sind.

Die ragenden Hochwaldstannen stehen Wacht vor dem stillen Hause. Das weite

Rund ihrer Äste, die edle Form ihrer machtvollen Schönheit spricht von

Erinnerungen an die noch nicht zu ferne Zeit, da hier noch tiefschattender

Bergwald weit zu Tal blickte.

Nun sind aus den stillen Wäldern weite, lebensbunte Gärten geworden, Gärten

für jene, die Stille und Ruhe und Erholung für Leib und Seele suchen.

Denn der Garten ist die tiefe Sehnsucht der Leidenden und Müden ebenso wie

er der Traum der Starken und Frohen ist.

Doch eine andere Melodie ist es, die über den Gärten jener und dieser

liegt.

Alle aber suchen sie sich selbst in ihren Gärten, wo die Begegnungen mit

der eigenen Seele zu heiligen Festen werden und der Segen der Stille zu den

Suchenden kommt. --

Und die Frau, die eben heraustritt auf den Söller des Hauses, das umbaut

von den hohen, ragenden Waldbäumen des Garten gewordenen Waldes, hoch über

dem schweigenden Tale liegt, ist eine der Suchenden und Sehnsüchtigen, die

zu diesem Borne des Friedens kam, um sich selbst neu zu finden nach vielem

Leid des Lebens, das über ihre junge Seele einbrach und ihr die Kräfte der

Jugend lähmte.

Mit schmerzwissenden Augen blickt sie zur Weite des Tales, das sich vor ihr

breitet, zu den blauen Fernen, zu denen ihre noch unausgelebte Jugend mit

schmerzhaftem Verlangen sich dehnt und streckt.

Wie viel hat die Ferne ihr noch zu geben. Welten locken. Stimmen rufen.

Verheißungen werfen ihren Glanz über die Wege, die zu ihnen führen.

Ihre erste Jugend welkte am Leiden bitterer Dinge und Erkenntnisse.

Aber die andere, neue Jugend, die ihrer wartet und welche die höhere ist,

weil sie an sich selbst im Leide reicher geworden, drängt in ihrem Blute,

in ihrer Sehnsucht und in ihren weit wachen Augen, die noch so viel zu

schauen haben von der Fülle der Zeiten und des Seins.

So lebt sie in der Einsamkeit ihres Gartens sich selbst und dem Leben

entgegen.

In weiter Schönheit liegt er vor ihr, in morgenfrischem Leuchten, und sie

steigt vom Söller mit den leisen, müden Schritten, die von langen Schwächen

noch nicht zu ihrer Kraft zurückgefunden, die Stufen hinab zu dem Schatten

und Licht ihres geliebten Gartens, zu seinen Farben und Düften, zu seinen

Träumen und Verheißungen. Alles ist er ihr geworden in diesen Zeiten der

Dunkelheit und Leere ihres äußeren Lebens. Besinnung und Stille gab er ihr.

Ahnung zu allen Fernen, Kraft zu allen Überwindungen, die noch ihre Wege

hemmen.

Mit leuchtenden Augen schreitet sie durch die Geheimnisse seiner Schönheit,

die nur sie ganz kennt, die nur ihr sich ganz auftun bis zu ihren tiefsten

Gründen.

Wo sie geht und steht, ist alles voll ihrer selbst.

All die Jahre des Wartens auf sich selbst hat sie hier das bittre Leid

ihrer Verzweiflungen, alles selige Wellenspiel schwingender Hoffnungen

durch diesen Garten getragen. Er hat mit ihr geweint und gelächelt, kennt

ihr Verzagen und ihr Jubeln, wie es das Auf und Ab aller Leiden umschwebt.

Sie kennt das strahlende Leuchten seiner Morgenhelle, die zarte,

schwellende Kraft, die aus diesem Leuchten zu ihr kommt.

Sie kennt seine weite, ruhende Mittagsstille, die alle Pein tausendfacher

Fragen und Unruhen wie mit einem weichen Mantel deckt und umhüllt. Kennt

seine Abende voll heimlicher Süße, in denen der lockende Rausch des Lebens

sich in milde, gleitende Melodien löst und alles Ferne und Nahe, alle

Tiefe und Höhe und Weiche sich in Eines zu binden scheint, in dem alle

schmerzhaften Dinge, alle Qual der Sehnsucht, alle Pein der Erinnerung sich

mit den fallenden Abendschatten mischen und von der weiten Ebene seiner

gleitenden Stille in seine sanfte Ruhe aufgenommen werden.

Auch das tiefe Schweigen seiner Nächte kennt sie.

Wo alle Fragen der wachen Seele am lautesten reden.

Wo alle Springbrunnen der Erinnerung ungestüm zum Rande steigen und jede

schmerzvolle Hemmung heftiger an ihren Ketten klirrt.

Wo die Einsamkeit wie eine Drohung uns zu Häupten steht und alles Schwache,

Kranke und Unwirkende der Seele und des Leibes über die stumme Wüste der

Nächte hin nach Erlösung rufen.

Wie oft schon ging sie durch den Kreis des Werdens und Vergehens, der ihres

Gartens Schönheit zur Höhe der Vollendung und zur Tiefe des Sterbens trug.

Ihr Herz sang mit dem Frühling und blühte mit seinen Farben und Düften,

fühlte sich selig aufgelöst in das Meer der Fülle, der seines Sommers

Wellen über sie hinfluten ließ. Immer wieder neu feierte sie alle

Erfüllungen mit, mit denen die lohende Herrlichkeit seiner Herbste sie

überschüttete.

Und das weiche Leuchten, das dann so lange über die träumende Ruhe seiner

Winterstille stand, das aber in der Tiefe voll neuen Werdens, seliger

Möglichkeiten und fester Sicherheiten ist -- breitete auch über ihr, von

langen Erwartungen fast müde gewordenes Herz, die Ruhe des Wissens um den

kommenden Frühling auch für ihre neue harrende Jugend, die auf der Schwelle

der Zeiten ihrer wartet, um sie neu zu grüßen und zu den blauen Fernen

ihrer schmerzhaften Sehnsucht zu führen.

In ihrem Garten findet sie, die mit allen Schmerzen Suchende, sich selbst

zu ihren Kräften hin. Langsam durch den Kreis der seligen Einsamkeiten

ihres Gartens wandelnd, wird ihr das Tor der Hoffnung aufgetan, durch das

sie zu dem neuen Leben schreitet, zu dem all ihre brennende Sehnsucht wie

ein Pfeil gerichtet ist.

So ist ihr der Garten ein Symbol der Hoffnung, aus dem sie täglich neu den

Glauben an das Kommende findet, das schon auf dem Wege zu ihr ist.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 19 / 111 题