Der Garten des Dichters

Alles was in deinem Garten ist, findest du auch dort.

Die Bäume rauschen im Winde. Die Blumen blühen und duften. Das Licht spielt

mit allen Dingen. Im Brunnen steigt und fällt das Wasser. Wege führen durch

Schatten und Sonne zu fernen Winkeln, die voller Geheimnisse sind.

Die Stille ist da, und der schwirrende Flügelschlag zwischen Baum und

Strauch. Es blühen alle Farben darin, und der blaue Rundbogen des Lichtes

spannt sich zwischen seinen vier Winden wie ein seidenweiches Tuch zur

Unendlichkeit der Ferne hin.

Ganz wie bei dir und mir.

Und doch ein anderes wird plötzlich der Garten, wenn der Dichter eintritt

und mit seinen Sonnenaugen darüber hinblickt.

Unter diesem Blicke wandelt sich alles umher zu einem neuen Sein.

Der Raum, der wie ein Ring dich eng umschließt, weitet sich um ihn zur

Unermeßlichkeit, die an den Toren der Ewigkeit landet. Die Zeit, die unter

deinen Schritten schmilzt wie neugefallener Schnee, hält ihren Atem an vor

dem Lauschen seines Herzens und steht still vor dem suchenden Blick seiner

Seele.

Die Wahrheit, die, in dichten Schleiern gehüllt, neben deinen Wegen geht,

zeigt ihm ihr tiefstes Angesicht; in ihre seligsten Freuden und wehesten

Schmerzen läßt sie ihn blicken, und mit eherner Hand rührt sie an die

letzten Geheimnisse alles Wesens, daß er schaue und wisse und die Elemente

des Seins sich mit seinem Ahnen mischen, daß die klingenden Worte seines

Sanges ein Spiegel werden, in dem die Menschheit das Angesicht des Lebens

findet. --

Im Garten des Dichters wandelt die Schönheit nackt und unverhüllt und der

Glanz ihrer Herrlichkeit strömt über alle blühende Fülle umher.

Jedes Blatt und jede Blume, jede Farbe und alles Licht, alle Stille und

jede Bewegung schimmern und tönen, leuchten und schwingen in diesem seligen

Glanze.

Denn die Schönheit ist des Dichters heimlich Gespiel.

Sie baut ihm die goldnen Brücken, die ihn zu seinen Seligkeiten führen.

Seligkeiten, die aus jeder tiefen Lust und allen einsamen Schmerzen

gemischt, an die tausend Harfen rühren, die ihm im Blute rauschen, die

seine Seele mit allem Weh und Leid des Daseins füllen und seines Blickes

Rund zur Endlosigkeit des Schauens weiten.

So rührt die Schönheit in des Dichters Garten mit ihren königlichen Händen

an jedes Blatt und jede Blüte, an alle Farben und jedes Licht, an die Tiefe

der Sehnsucht und den klingenden Tanz der Töne, die den Garten des Dichters

füllen, daß alles, ob es gleich allem dem in den Gärten aller Sterblichen

ist, doch ein ganz Neues und Überseliges wird.

Ströme des Lebens rauschen darin.

Stimmen der Ewigkeit durchklingen ihn.

Die Tiefen der Weisheit raunen ihre Runen.

Aus den goldenen Brunnen der Freude rinnen selige Töne in die spielenden

Lüfte.

Aus dem Dunkel der schweren Schatten starren die Augen des Schmerzes und

suchen die Blicke des Dichters und harren, daß er ihn aufnehme in seine

wissende Seele und seine dunkle Schwere hell und leicht mache durch den

Sang der Weisheit, der in seinem Herzen blüht.

So nimmt der Dichter aus der Tiefe der Schönheit die Wurzeln seiner

Kraft, die alle Bitterkeit der Tage und alles Weh der Nächte zu göttlichen

Melodien bindet und aus der quälenden Unrast und schmerzhaften Sehnsucht

aller Kreatur den Weg zur Lust der letzten Stille findet, in der sich die

tausendfach gebrochenen Strahlen des Lebens zu dem weißen Lichte ewiger

Harmonien sammeln. Dies alles aber, dies Werden und Wandeln, diese Abgründe

und Seligkeiten, all der Rausch und Traum, von dem der Garten des Dichters

übervoll ist wie ein Becher glühenden Weines --

All das sieht nur sein Auge.

Erkennt nur sein Herz.

Antwortet nur seiner Seele.

Darum kann wohl ein anderer der Sterblichen, der neben ihm wandeln würde,

verwundert um sich schauen und voll Staunen fragen, wo ist all das,

das sein Auge so strahlen, seine Stimme so voll Rausch und Seligkeiten

macht? --

Sehe ich doch nichts anderes hier als in meinem eigenen Garten. Er aber

geht wie ein Seher umher, und sein Angesicht leuchtet wie von fernen

Morgenröten.

Denn in dem Garten des Dichters tönt und klingt die goldne Weltharfe,

auf der Traum und Wahrheit, Zeit und Ewigkeit, alle Seligkeit und jeder

Schmerz, Weisheit, Glaube und Liebe ihre Lieder der Tiefe singen.

Und von dieser heiligen Harfe nimmt er sie in das Glühen seiner Seele und

gibt sie dir und mir und der Menschheit, daß sie an ihnen froh werde und

erdentbunden zu fernen Höhen steige.

Lausche auf seine Lieder.

Vielleicht, daß sie dir die goldnen Schlüssel geben, die zu den

Geheimnissen deines Gartens führen, die du noch nicht gefunden hast und die

darin dein warten.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 20 / 111 题