Der unsichtbare Garten

Das heißt, der Dichter sieht ihn.

Er liegt im Herzen einer Mutter und wächst darin und wird täglich schöner

und reicher.

Die Mutter hat ein liebes krankes Kind.

Und für dieses Kind sucht sie einen Garten, in dem seine Seele blühen und

sich freuen kann.

Da es im harten, tätigen und bewegten Leben der Gesunden keinen Platz

haben kann, schafft ihre traurige Liebe ihm ein Reich der Freude, wo seine

schmerzliche Gebundenheit sich an den Träumen der Schönheit zur Freiheit

der Seele lösen kann.

Und die Mutter geht suchend umher und späht und forscht zwischen Höhen und

Wegen und lugt in alle ruhenden Gärten und fragt sie alle -- Seid ihr schön

genug für mein krankes Kind?

Doch keiner will ihr gefallen. Und sie sucht weiter und läßt dabei in ihrer

Herzenstiefe den Garten erblühen, den sie mit ihrer Seele sucht und nimmt

ihr krankes Kind da hinein und zeigt ihm alle seine Herrlichkeit und

Pracht.

Die Türe öffnet sich, und sie treten in einen Laubengang, wo es grüngolden

leuchtet durch das sonnenwarme Gezweig. Auf den Wegen liegen die rundlichen

Schatten der Blätter und spielen im Sommerwinde, und die rankenden Blüten

des Gaisblatts fallen dicht und duftend zu ihnen herunter.

Die können gar seltsame Märchen erzählen, sagt die Mutter. -- Und das Kind

lächelt sanft und scheu, wie kranke Kinder zu lächeln pflegen.

Und sie führt es weiter in den Garten, den sie mit ihrer sorgenden Liebe

für das Kind aufbaut.

Über goldflimmernde Kieswege zwischen grünen Rasenplätzen, die voll

süßduftender Blumen sind, wandeln sie.

-- Sieh, hier mache ich dir ein weiches Lager, mitten hinein in diese

lieblichen Blumen, schau hin, wie sie dir winken und zunicken, sie plaudern

mit dir und läuten mit ihren Glöcklein, und die Bienen summen dazu, und das

ist ein gar feines Wiegenlied, und meinem Kindlein fallen die Augen zu und

es schläft zwischen Sonnenlicht und Blumenduft einen festen Schlaf, und

allerlei bunte Träume kommen zu ihm und machen es froh und glücklich.

Wenn du erwachst, spielen blaue und weiße und gelbe Schmetterlinge mit dir,

und du lachst und greifst nach ihnen -- aber sie lassen sich nicht fangen

und tanzen weiter über die sonnige Wiese hin.

Nun möchtest du wohl auf dem weißen Stühlchen sitzen an dem weißen

Tischchen? Dort schaust du zu dem plätschernden Brunnen hin, der gerade vor

dir unter einer hängenden Weide liegt. Schau, wie der silberne Strahl zur

Sonne steigt, und dann fällt er in tausend glitzernden Tropfen wieder in

den kleinen See zurück. --

Ja ja, auch einen Schwan sollst du haben, einen ganz silberweißen mit einem

langen Hals, der sich so schön biegt, ja ganz wie in deinem Märchenbuch,

Liebling, und wenn du genau hinsiehst, hat er auch ein goldenes Krönchen

auf seinem Köpfchen. Und im Weiher sollen auch die großen, weißen Blumen

schwimmen, von denen ich dir die schöne Geschichte erzählt habe.

Aber nun scheint dir die liebe Sonne zu hell in die Äuglein. Komm dorthin

zu dem schattigen Laubengang. Und sieh, wie die blühenden Rosen durch das

weiße Gitterwerk herunterklettern. Rosen, wohin du schaust -- rosa, ganz

zarte, so zart wie die Wänglein meines Kindes.

Und sie kommen alle zu dir.

Leg dich auf dein Lager und höre, was sie dir erzählen. Ganz anderes sagen

dir sie als das Gaisblatt dort am Eingang und auch anderes als die bunten

Wiesenblumen. Höre nur hin und fühle, wie sie duften, und die Blättlein,

die sie auf deine Hände fallen lassen, wie lind und sanft sind sie, wie

der weichste Sammt in alten Königsschlössern. Und von Königinnen und

Prinzessinen wissen sie die schönsten Geschichten, denn sie sind von

vornehmer Art und sehen selbst aus, als seien sie verwunschene Königinnen

und Märchenprinzessinen.

Wenn die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht, gehen wir zu dem großen

Beet dort in der Ecke.

Und du holst dir ein Körbchen voll von den schönen roten Beeren, die so

köstlich duften und so herrlich schmecken. Weißt du noch, erst waren es

schöne, weiße Blüten, die wie Kronen am Stengel standen, und die heiße

Sonne küßte sie, da wurden aus den weißen Blüten die roten, süßen Beeren;

wo die goldene Sonne küßt, wird alles süß und reif.

Leg dich in die liebe warme Sonne, laß dich küssen von ihr, mein Liebling,

so wird dein weißes Gesichtlein bald rote Rosen haben.

Aber sieh dort: Nun sagt uns die Sonne Lebewohl.

Schau, wie golden der Himmel wird. Hinter den Bäumen fließen Ströme von

rotem Gold, die Wolken stehen wie glühende Berge am Himmel, wie ferne

Schlösser sehen sie aus, wie Feenschlösser, die aus Feuer und Purpur gebaut

sind.

Und nun läuten die Abendglocken.

Leb wohl -- leb wohl, singen sie.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 14 / 111 题