Der vornehme Garten

Eine breite Freitreppe führt vom Hause zum Garten. Wie der goldene Kies der

Fußwege glänzt und schimmert im Sonnenlicht.

Die Blumenbeete sind Ströme von Farben. Aber sie stehen so mathematisch

abgezirkelt im Raume, daß man mehr ihn fühlt als sie. Die Linie herrscht

über die Schönheit und vergewaltigt sie, so daß sie scheu und gedrückt

gleichsam in sich selbst zurückkehrt.

Die Rosen stehen kerzengerade an den Wegen entlang, als müßten sie vor

irgend jemand im Hintergrunde salutieren. Man vergißt ganz, daß sie

göttliche Farben haben und einen übersinnlich kostbaren Duft. Aber Duft

und Farbe verlieren sich an die Leere umher, es ist als ob sie in die Irre

gingen, da ihre Wellen an keine nehmende Seele dringen.

Ein Springbrunnen wirft blitzenden Schaum in das Licht hinauf, und das

steinerne Becken im leuchtenden Grase ist ein wundervolles Oktav, in dem

spielende Putten pausbackig das rinnende Wasser dem vierköpfigen Delphin in

den weit offenen Rachen zurücksprudeln.

Ein weißes Lusthäuschen aus zierlichem Stabwerk, von dunkelroten

Rosenbüschen umklettert, liegt breit und wartend im Sonnenglanz -- Sessel

und Tische umher darin, reiche Decken und Kissen warten auf jemand.

Eine kleine rundbogige Brücke springt keck über ein plätscherndes,

künstliches Gewässer.

Ein langer Laubgang von den weißen Hochzeitsblüten üppiger Clematis

umhangen, wirft feines Schattenrieseln über halbdunkle, lauschige Wege.

Das dämmernde Licht hat tausend Geheimnisse zu verschenken und tausend

Erkenntnisse aus der Seele, die hier denken und träumen wollte, zu erlösen.

Die Parkwege führen fern ab vom Hause zu tiefen, lauschenden Hintergründen,

wo an alten Mauern, von schweren Epheubetten umhangen, singende

Melancholien ihre kreisenden Lieder klingen. Bäume, ernst und hoch und

feierlich stehen in leiser Zwiesprache beisammen, aber eine bange Scheue

ist um sie her, als fürchteten sie, jeden Augenblick von etwas Lautem und

Kaltem erschreckt zu werden.

Grüngoldene Moospolster laden zum Ruhen und Flüstern, zu kosendem Erwarten.

Aber es ruht niemand hier. Auch die breit ausladenden Steinbänke, deren

Sitze und Lehnen sich in runde Muscheln zusammenrollen, bleiben leer,

hier müßte der Diener erst Kissen breiten, um Lust und Ladung zum Ruhen

zu schaffen. So bleiben die Sitze einsam, und Licht und Schatten, wehendes

Blätterspiel, alle Sehnsucht und Ferne welken in der Leere umher, und

tausend selige Geheimnisse sterben ungeliebt und ungenommen. --

An den Taxushecken, welche die Freitreppe zum Hause hin abschließen,

hantiert der Gärtner mit einer großen, hartzuschnappenden Schere und

schneidet unbarmherzig jedes zarte, junggrünende Zweiglein weg, daß nur ja

die schnurgerade Linie nicht die lindeste Abweichung zeige.

Hier, so nahe dem Hause, ist die strenge Linie eisernes Gesetz. Vornehmheit

ist Haltung und Linie, die ebensogut Inhalt und Tiefe verbirgt, als Leere

und Kälte verdeckt.

Die Villa selbst steht kühl und gelassen, fremdstilig und einsam mitten

im Garten, zu dem sie nicht die leiseste Fühlung, noch irgend eine Bindung

hat.

Der Garten ist da, um dem Hause den Villencharakter zu geben.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 12 / 111 题