Der bunte Garten

Ein Farbenchaos.

Die Sonne leuchtet und brennt und siedet auf einem Meer von Farben und

Duft.

Es ist ein großer Garten, der den Abhang hinunter bis zur jenseitigen

Straße hinabfällt. Den Abhang hinab gleiten die tiefen Schatten hoher

Waldbäume. Sammtene Rasenflächen schimmern in goldigem Scheine dazwischen

auf. Fruchtbeladene Bäume breiten ihre Zweige aus. Dort in dem fernen Teil

ist kühle Dämmerung und in sich ruhendes Schattenweben, Grün zu Grün in

vielerlei Ton.

Aber hier oben. Welch eine Pracht. Wie aus tausend und einer Nacht sprüht

es in märchenhaftem Glanze.

Am Häuschen sind die Läden noch geschlossen, obwohl die Sonne schon hoch

steht. Aber der Garten lebt für sich, auch ohne daß ein Menschenschritt ihn

bewegt.

Der, dem er gehört, hat sich hier einen Traum in die Wirklichkeit gerettet.

Einen Traum, der einst Leben war und nun unter den Schleiern der Erinnerung

ein gar seltsam unwirklich Wirkliches geworden.

Über die breite Brüstung, welche die Vorderseite des Hauses umgibt, ranken

in wildem Überfluß die tiefen Purpurblumen der großen, weitoffenen Kelche

der Glyzinen und Dahlien. Die goldenen Dolden der Königskerzen drängen

sich dazwischen, und das tiefe Orange der Kresse fällt mit seiner runden

Blätterfülle zu dem kleinen Teich herab, auf dem zwei weiße Schwäne im

silbernen Strahl des fallenden Wassers aufleuchten.

Um das Rund des Beckens ein Kranz glühender Rosen, und aus den Ecken und

Winkeln der Rampe steigen hohe Malven in süßen, schwermütigen Farben auf.

Beete von Phlox und Bethunien und sammetschweren Violen wehen leise im

linden Sommerwinde.

Tief aus einem der dunklen Seitenwege taucht in edelsteinfunkelnder Pracht

ein Pfau auf, breitet im vollen Wissen um seine königliche Herrlichkeit

sein goldgrünblitzendes Rad der Sonne entgegen und schreitet stolz und

majestätisch an der Pfauin vorüber, die demütig im stilleren Gewande am

Boden herum pickt.

Aber auch sie ist ein leuchtendes Bündel schillernder Farbenpracht.

Da ertönt ein brünftiger Schrei von der Rampe.

Ein schneeweißer Pfau mit zarter, siebenzackiger Silberkrone auf seinem

feinen Köpfchen stößt diesen Schrei der Eifersucht aus, da ihm die

unerhörte Herrlichkeit seines Rivalen das Gemüt verwirrt. Er sträubt sein

Gefieder, und mit dem kurzen Rade seiner silberweißen Federn spielt er ein

Fächerspiel, so kokett und lockend wie die schönste Königin es nicht feiner

verstünde, und wüßte er, wie göttlich schön er so silberweiß in der Sonne

leuchtet, er ließe den Schrei der Eifersucht unverbraucht in seiner Kehle.

Seitlich vom Garten ist ein großes, hohes Vogelhaus. Weißes Lattenwerk von

grünem Geranke umgeben. Drinnen surrt und zwitschert und flattert es in

lustigem Bunt. Goldfasanen schimmern wie kostbare Bronzen auf. Blaugrüne

Sittiche ducken sich auf den Stangen. Grüngoldene Zeisige und gelbe

Hänflinge flattern umher. Und um die fremde Schar stolziert in stiller

Behaglichkeit der Welschhahn, und eine Rotte gelber Bramahühner und

tiefschwarzer Hähne wirren durcheinander hin, treten in die grünen Beete

und picken schamlos die zarten Halme aus dem sammetglatten Rasen.

Weiter hinten ragt ein Wintergarten in zierlichem Gestänge und buntem

Glasgefunkel, und seltsames Geblühe fällt in bunter Glut von der Decke

herab und klettert an den Wänden hoch, und die Sonne deckt alles mit

ihren goldenen Wellen und mischt das unglaubliche Getöse all dieser lauten

Farbentöne zu einer seligen Lust, an der einem die Augen übergehen. --

Am Hause öffnet sich einer der grünen Fensterläden. Ein alter weißhaariger,

Mann in dunkler Litewka schaut heraus.

Groß, breit, starkknochig steht er da wie aus Erz und Willen gegossen. Er

wohnt einsam in dem Hause. Nur ein Diener und Gärtner sind um ihn.

Diese Märchenpracht da draußen wird plötzlich stiller unter seinem Blick.

Es ist, als ob die Farben schweigender würden und alle Bewegung starrer

und leiser. Das starke, trotzige Auge des Mannes aber wird einen Augenblick

weicher und nimmt mit weitem Umblick alles Leben umher in seine wissende

Welt. Erinnerungen zucken über sein altes Antlitz, das von den Runen der

Erfahrung hart durchwühlt ist.

Aus fremden Fernen kommen wohlbekannte Laute zu ihm her. Die Farben draußen

und die Düfte, das seltsame Geflatter und der Schrei des fremden Gevögels

rührt an längst Gestorbenes in ihm, an etwas, das einst heißes Leben war,

sein Leben. An etwas, das er nie vergessen will und dem er hier in bunten,

lebenden Zeichen ein Denkmal schuf, ein tönendes Lied aus Linien und

Farben, die wie Blitze durch seine Erinnerung zucken und Begrabenes

aufleben lassen, wie Wellen an seiner Seele Ufer branden und alle Schmerzen

aufwecken, die an den Gräbern seiner Erlebungen wachen.

Schmerzen, die nicht sterben dürfen, auf daß die Öde seiner letzten Zeit

ihm selbst noch Leben scheine.

Vom Fenster kommt ein seltsamer kleiner, weicher, lockender Ton.

Der edelsteinleuchtende Pfau und der silberweiße mit dem zarten

siebenzackigen Krönchen auf dem lieblichen Haupte fliegen auf.

Sie fliegen zu dem alten Manne und nehmen aus seiner weißen, müden Hand

einen Leckerbissen, während er mit leiser Stimme seltsam fremde Laute

murmelt. --

Sind es die fremden Namen einst geliebter Frauen -- Namen mit dem

schwermütigen Klange ferner Gestade?

Dann schließt der Mann das Fenster.

Er wendet sich stramm und gebieterisch seinem Diener zu und läßt seinen

Traum in seinem seltsamen Garten weiterblühen.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 6 / 111 题