Der arme Garten

Der arme Garten.

Doch nein, ein Garten ist immer reich.

Schaut nur hinein in sein Blühen in allen Winkeln und die goldene Sonne auf

allen Büschen und Bäumen.

Nein, der Garten ist nicht arm, aber der, dem er gehört, ist es.

Doch nein. Wer je einen Garten zu eigen hat, ist nicht arm, denn er hat

viel und überviel an jedem lichten Schein, an Blühen und Duften, am Spiel

der Schatten und Flattern der Vögel.

So kann ich ihn nicht arm nennen.

Und doch ist es kein Garten des Reichen.

So will ich doch lieber der arme Garten sagen, denn er ist immer noch reich

genug, um es mir zu verzeihen. --

In diesem, kleinen grünen Raum ist's gar lauschig und froh. Alles steht

bunt und dicht beieinander, es ist gar wenig Platz, und nichts kann sich

so recht breit machen. Nur der Apfelbaum steht mitten im Raum wie ein König

und breitet seine Äste weit über das blühende Wiesenstücklein, auf dem das

allerlei Blühende ihm zu Füßen liegt wie die Untertanen dem Könige, und sie

senden ihren Duft und ihre Schönheit zu ihm auf und winden und wenden sich

im spielenden Sommerwinde, daß er seine Freude an ihrem Wiegen und Wehen

hat.

Ja, der schöne Apfelbaum ist der König dieses Gartens.

Wie sind seine Äste voll roter, lachender Früchte, Ast auf Ast ab sitzen

sie einander gegenüber, vorsichtig sich gegenseitig Platz machend, daß

keiner den andern stört, immer größer und schöner zu werden in dem heißen

Sonnenbade. Und wenn der Wind kommt, ducken sie sich zusammen, daß ja

keiner vorzeitig abfalle, damit die gütige Frau, die sich ihrer so freut,

nicht traurig wird um sie, wenn sie zu früh im Grase liegen.

Man kann sie fast zählen, so deutlich sitzen sie an den Zweigen, und ich

glaube, die gute Frau hat sie auch gezählt und die Äpfel machen ihr diese

Freude so recht bequem.

Da sind auch noch einige Büsche am Zaun entlang. Rote Beeren leuchten im

grünen Laub, und auch diese sieht man so deutlich, weil der Raum so klein

und der Büsche so wenige sind; so sieht es aber viel reicher und üppiger

aus als im stolzen Garten nebenan, wo man vor lauter Gebüsch kaum zu den

Beeren schaut.

Und all die vielen kleinen Beete, reinlich und von guter Hand liebevoll

behandelt, stehen sie da und halten die schönsten Dinge feil, daß einem

ganz leckerhaft zu Sinne wird.

Salat und Möhren, Zwiebeln und Lauch, duftende Kräuter die Menge, alles

eilt sich und wächst und gedeiht und steht voll fröhlichem Lachen im

Sonnenblust und freut sich auf den Augenblick, da die gute Frau herein

kommt; und dann lachen sie sich gegenseitig an, die gute Frau und all das

Grünzeug umher, sie kennen einander gut, hat sie doch täglich bei ihnen

an der Erde gekniet und sie sorgsam und linde gehütet vor allen Übeln, die

Unkraut und feindliches Getier ihnen zufügen wollten. Und am Zaun entlang

laufen geschäftig die roten Blüten der Bohnen und die weißen der Erbsen,

hinauf und hinunter, daß der Zaun fast wachsen möchte, um ihnen Raum zu

machen und der guten Frau eine reiche Ernte zu bringen. Auf und ab laufen

sie und fangen einander und spielen mit einander, so daß kaum mehr eines

der Gewinde weiß, ob dies seine eigenen Blüten sind oder die des

andern. Und in den vier Winkeln des Gartens stehen hoch und stolz vier

Sonnenblumenstöcke; mit ihren großen, tiefen Sammetaugen blicken sie

über den Zaun hinaus in die Welt umher und träumen von der Ferne und der

Sehnsucht und erzählen denen unten, die ihnen kaum an die Knie reichen, die

Märchen, die sie da draußen erlauschen.

Und so sauber und fein die gute Frau ihren Garten hält, etliche Ecklein

stehen doch voll süßen Unkrauts. Sie tut, als sähe sie es nicht und freut

sich im stillen seiner Angst, wenn sie an ihm vorübergeht und es verstohlen

zu ihr hinblickt, ob sie ihm wohl noch einen Tag des fröhlichen Lebens im

sonnenwarmen Garten lassen wird. Aber es braucht keine Angst zu haben, all

dies unordentliche bunte Geblüh ist der guten Frau allerheimlichste Lust.

Sie darf es all das andere liebe Gezeug ja nicht merken lassen, das da so

treu und fromm wächst und gedeiht zu ihrem täglichen Gebrauch -- aber diese

Winkel voll unnützer Buntheit liebt sie mit einer ganz besonderen Liebe;

und ich glaube, wenn es nicht von selbst so üppig immer wieder heranwüchse

aus der lachenden Erde, würde sie heimlich einigen Samen der Wildlinge

ausstreuen aber ganz heimlich, daß es der Apfelbaum und all die übrigen

braven Dinge nicht wissen würden, denn sie könnten ihr böse werden, und

plötzlich aufhören, für sie zu wachsen und Früchte zu tragen.

Ach da ist ja auch noch ein kleines, ganz kleines Kartoffelbeet mit

leuchtenden Lilablüten und kleinen gelben Flämmchen darin, und über den

Zaun hängt ein schwerer Vorhang blühenden Goldregens aus dem Nachbargarten

herein. Und es ist ein Gesumm und Gebrumm von Bienen und Hummeln zwischen

all dem Grünen und Blühen.

Die schwebenden Farben der Schmetterlinge spielen über dem blühenden Gewirr

und sehen selbst aus wie Blüten, die sich vom Stengel lösten. Der sanfte

Hauch ihrer wundersam leichten Bewegungen ist wie das letzte Ausatmen der

sommerlichen Schönheitslust. Ringsum zwitschert es und flattert es von

jungen Vogelstimmen und schnellen Vogelflügeln.

Und in der Dämmerung sitzt eine Nachtigall im Nebengarten in den hohen

Bäumen und singt über all die Gärten hin ihre göttlichen Gesänge, und da

wird es überall still, und ein tiefes, seliges Schweigen liegt auf Baum und

Strauch und allem Blühen, und der kleine Garten hat seinen Teil an diesem

Feste wie all die andern umher.

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 7 / 111 题