aufs höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief
aus: „Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich
belügen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich
fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche
erkennst, die in meinem Schatze fehlt.“
Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiß, so
viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz,
und er könne einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei.
Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in
den Turm zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es
wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang
der Sache, zog dieser ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke;
aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, daß unten in dem
Topf ein Zettel lag, der sagte: „Der Feind hat mein Land überschwemmt,
daher verberge ich hier einen Teil meiner Schätze; wer es auch finden
mag, den treffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht sogleich
meinem Sohne ausliefert! König Sadi.“
Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er
wußte, daß auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und
doch mochte er das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten,
weil er mit Recht fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu
werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen;
denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen war, konnte er, so
sehr er sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber
am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es sei
besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm zu sterben, ließ
den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimnis. Der
König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei; aber der
kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß er
nicht getötet werden solle.
Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen,
einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen
zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden; denn das
Stäbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, daß
ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm, wie es im
Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er sich selbst
erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: „Ich habe dir zwar dein
Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein dieses
Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger
Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit
deinem Schnellaufen hat.“ Der kleine Muck, den die einzige Nacht im
Turm alle Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, daß
seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König
nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der
König schlüpfte selbst in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und
jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte er anhalten; aber er
wußte nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte, und der kleine
Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen konnte, ließ ihn
laufen, bis er ohnmächtig niederfiel.
Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er
schrecklich aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer
Atem hatte laufen lassen. „Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit
und Leben zu schenken; aber innerhalb zwölf Stunden mußt du mein Land
verlassen, sonst lasse ich dich aufknöpfen!“ Die Pantoffeln und das
Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkammer legen.
So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit
verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende
Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück
nicht groß, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze,
obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war,
sehr sauer ankam.
Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die
dichteste Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben;
denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf
einen Platz, der ihm zu dem Entschluß, den er gefaßt hatte, ganz
tauglich schien. Ein klarer Bach, von großen, schattigen Feigenbäumen
umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er sich nieder mit
dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, sondern hier den
Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er ein; als
er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte
er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um,
ob er nirgends etwas zu essen bekommen könnte.
Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen
hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich
trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst
zu löschen. Aber wie groß war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen
Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, langen Nase geschmückt
zeigte! Bestürzt griff er mit den Händen nach den Ohren, und wirklich,
sie waren über eine halbe Elle lang.
„Ich verdiene Eselsohren!“ rief er aus; „denn ich habe mein Glück wie
ein Esel mit Füßen getreten.“ Er wanderte unter den Bäumen umher, und
als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen seine
Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als
ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht
unter seinem großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu
lächerlich aussehe, fühlte er, daß seine Ohren verschwunden waren. Er
lief gleich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeugen, und
wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige Gestalt, seine
lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies
gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die lange Nase und
Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte er, daß
sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe,
glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er
tragen konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen
hatte. Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider
ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König
bewohnte, und kam auch bald dort an.
Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich
selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des
Palastes; denn ihm war von früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier
solche Seltenheiten von dem Küchenmeister für die königliche Tafel
eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den
Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er musterte die Waren
der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten; endlich
fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. „Ah, ein seltener Bissen“,
sagte er, „der Ihro Majestät gewiß behagen wird. Was willst du für den
ganzen Korb?“ Der kleine Muck bestimmte einen mäßigen Preis, und sie
waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab den Korb einem
Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich einstweilen
aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen
des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen.
Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem
Küchenmeister einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten
Küche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste für ihn
aussuche; der Küchenmeister aber, welcher wohl wußte, welchen
Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich
und ließ nur einzelne Worte fallen, als: „Es ist noch nicht aller Tage
Abend“, oder „Ende gut, alles gut“, so daß die Prinzessinnen sehr
neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber die
schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein allgemeines
Ah! dem Munde der Anwesenden.
„Wie reif, wie appetitlich!“ rief der König. „Küchenmeister, du bist
ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!“ Also
sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam
zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder
Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und
Agas eine, die übrigen stellte er vor sich hin und begann mit großem
Behagen sie zu verschlingen.
„Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?“ rief auf
einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an;
ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein
Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit
Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem sonderbaren
Kopfputz geschmeckt.
Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach
allen Ärzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und
Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der
Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach.
Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich
zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit sei zu
handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen gelösten
Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte;
ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Täuschung. Mit einem
Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Königs und bot als
fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr ungläubig; als
aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und
Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte
alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn
schweigend bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er
eine Türe auf, die in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu
folgen. „Hier sind meine Schätze“, sprach der König, „wähle dir, was es
auch sei, es soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem
schmachvollen Übel befreist.“
Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim
Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben
lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die
Schätze des Königs bewundern wollte; kaum aber war er an seine
Pantoffeln gekommen, so schlüpfte er eilends hinein, ergriff sein
Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten
König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck. „Treuloser
König“, sprach er, „der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als
wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die Ohren laß ich
dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck.“ Als
er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum,
wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen
konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck
hier in großem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen.
Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch
sein Äußeres etwas Auffallendes haben mag, deine Bewunderung mehr als
deinen Spott verdient.
„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein
rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich
erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil,
wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief
wie vor Kadi und Mufti gebückt.“
Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die
gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten
sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften
Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu
tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu
arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon
mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich:
Das Märchen vom falschen Prinzen.
Das Märchen vom falschen Prinzen
Wilhelm Hauff
Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei
einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man
konnte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im
Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm
unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es
doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem
fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden
rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein andermal
aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah
mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen
etwas so Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem
Zustand nie anders sprachen als: „Labakan hat wieder sein vornehmes
Gesicht.“
Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre
Arbeit gingen, trat Labakan in einem schönen Kleid, das er sich mit
vieler Mühe zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und
stolzen Schrittes durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm
einer seiner Kameraden ein „Friede sei mit dir“, oder „Wie geht es,
Freund Labakan?“ bot, so winkte er gnädig mit der Hand oder nickte,
wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spaß
zu ihm sagte: „An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan“, so
freute er sich darüber und antwortete: „Habt Ihr das auch bemerkt?“
oder: „Ich habe es schon lange gedacht!“
So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume
Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter
Mensch und geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim,
der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein
Festkleid zu dem Meister, um einiges daran verändern zu lassen, und der
Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte. Als
abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten, um nach
des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche Sehnsucht
Labakan wieder in die Werkstatt zurück, wo das Kleid des kaiserlichen
Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der
Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem
Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und
siehe da, es paßte ihm so trefflich, wie wenn es für ihn wäre gemacht
worden. „Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?“ fragte er sich,
indem er im Zimmer auf und ab schritt. „Hat nicht der Meister selbst
schon gesagt, daß ich zum Prinzen geboren sei?“ Mit den Kleidern schien
der Geselle eine ganz königliche Gesinnung angezogen zu haben; er
konnte sich nicht anders denken, als er sei ein unbekannter Königssohn,
und als solcher beschloß er, in die Welt zu reisen und einen Ort zu
verlassen, wo die Leute bisher so töricht gewesen waren, unter der
Hülle seines niederen Standes nicht seine angebotene Würde zu erkennen.
Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer gütigen Fee geschickt, er
hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschmähen, steckte
seine geringe Barschaft zu sich und wanderte, begünstigt von dem Dunkel
der Nacht, aus Alessandrias Toren.
Der neue Prinz erregte überall auf seiner Wanderschaft Verwunderung,
denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestätisches Wesen
wollten gar nicht passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber
befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das
seine eigenen Ursachen habe. Als er aber merkte, daß er sich durch
seine Fußwanderungen lächerlich machte, kaufte er um geringen Preis ein
altes Roß, welches sehr für ihn paßte, da es ihn mit seiner gesetzten
Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als geschickter
Reiter zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war.
Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er
sein Roß genannt, seine Straße zog, schloß sich ein Reiter an ihn an
und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg
viel kürzer werde im Gespräch mit einem anderen. Der Reiter war ein
fröhlicher, junger Mann, schön und angenehm im Umgang. Er hatte mit
Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über Woher und Wohin, und es traf
sich, daß auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die Welt
hinauszog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys, des
unglücklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag,
den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten.
Labakan ließ sich nicht so offenherzig über seine Verhältnisse aus, er
gab ihm zu verstehen, daß er von hoher Abkunft sei und zu seinem
Vergnügen reise.
Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fürder.
Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen
Gefährten Omar nach den Aufträgen, die er zu besorgen habe, und erfuhr
zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den
Omar seit seiner frühesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine
Eltern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von seinen Feinden überfallen
worden war und nach drei unglücklichen Schlachten, tödlich verwundet,
fliehen mußte, entdeckte er seinem Zögling, daß er nicht sein Neffe
sei, sondern der Sohn eines mächtigen Herrschers, welcher aus Furcht
vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von seinem
Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem
zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm
den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs
bestimmteste aufgetragen, am fünften Tage des kommenden Monats Ramadan,
an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der
berühmten Säule El-Serujah, vier Tagreisen östlich von Alessandria,
einzufinden; dort soll er den Männern, die an der Säule stehen würden,
einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den Worten: „Hier bin ich,
den ihr suchet“; wenn sie antworteten: „Gelobt sei der Prophet, der
dich erhielt!“, so solle er ihnen folgen, sie würden ihn zu seinem
Vater führen.
Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt über diese Mitteilung,
er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen,
erzürnt darüber, daß das Schicksal jenem, obgleich er schon für den
Neffen eines mächtigen Bassa galt, noch die Würde eines Fürstensohnes
verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut,
ausgerüstet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen
gewöhnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte Vergleichungen
zwischen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich gestehen, es sei jener
ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schöne, lebhafte
Augen, eine kühngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen,
kurz, so viele Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen können, waren
jenem eigen. Aber so viele Vorzüge er auch an seinem Begleiter fand, so
gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, daß ein Labakan dem
fürstlichen Vater wohl noch willkommener sein dürfte als der wirkliche
Prinz.
Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen
schlief er im nächsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte
und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig
schlafen und von seinem gewissen Glück träumen konnte, da erwachte in
ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm das
ungünstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, das Erkennungszeichen
des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Gürtel des Schlafenden hervor,
leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des Eigentümers zu stoßen.
Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die friedfertige Seele
des Gesellen; er begnügte sich, den Dolch zu sich zu stecken, das
schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäumen zu lassen, und ehe Omar
aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein
treuloser Gefährte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen.
Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem
Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch
vier Tage, um zu der Säule El Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu
gelangen. Obgleich die Gegend, worin sich diese Säule befand, höchstens
noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er sich doch
hinzukommen, weil er immer fürchtete, von dem wahren Prinzen eingeholt
zu werden.
Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El-Serujah. Sie
stand auf einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf
zwei bis drei Stunden gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei
diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch Zeit genug
gehabt, über die Rolle, die er zu spielen hatte, nachzudenken, so
machte ihn doch das böse Gewissen etwas ängstlich, aber der Gedanke,
daß er zum Prinzen geboren sei, stärkte ihn wieder, so daß er
getrösteter seinem Ziele entgegenging.
Die Gegend um die Säule El-Serujah war unbewohnt und öde, und der neue
Prinz wäre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn
er sich nicht auf mehrere Tage versehen hätte. Er lagerte sich also
neben seinem Pferd unter einigen Palmen und erwartete dort sein
ferneres Schicksal.
Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pferden
und Kamelen über die Ebene her auf die Säule El-Serujah zuziehen. Der
Zug hielt am Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug
prächtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines
reichen Bassa oder Scheik. Labakan ahnte, daß die vielen Leute, welche
er sah, sich seinetwegen hierher bemüht hatten, und hätte ihnen gerne
schon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt; aber er mäßigte seine
Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächste Morgen seine
kühnsten Wünsche vollkommen befriedigen mußte.
Die Morgensonne weckte den überglücklichen Schneider zu dem wichtigsten
Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten
Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar
fiel ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten,
wohl auch das Unrechtmäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm
seine Gedanken den Schmerz des in seinen schönen Hoffnungen betrogenen
Fürstensohnes vor, aber—der Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr
ungeschehen machen, was geschehen war, und seine Eigenliebe flüsterte
ihm zu, daß er stattlich genug aussehe, um dem mächtigsten König sich
als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen Gedanken, schwang er sich
auf sein Roß, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um es in einen
ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer Viertelstunde
war er am Fuße des Hügels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd und
band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuchsen; hierauf zog
er den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß
der Säule standen sechs Männer um einen Greis von hohem, königlichem
Ansehen; ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weißen
Kaschmirschal umgürtet, der weiße, mit blitzenden Edelsteinen
geschmückte Turban bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und
Würde.
Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er
den Dolch darreichte: „Hier bin ich, den Ihr suchet. „
„Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!“ antwortete der Greis mit
Freudentränen. „Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!“
Der gute Schneider war sehr gerührt durch diese feierlichen Worte und
sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten
Fürsten.