Standes genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greises
aufrichtete, sah er einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel
zueilen. Der Reiter und sein Roß gewährten einen sonderbaren Anblick;
das Roß schien aus Eigensinn oder Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen,
in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es
daher, der Reiter aber trieb es mit Händen und Füßen zu schnellerem
Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Roß Murva und den echten
Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war einmal in ihn gefahren,
und er beschloß, wie es auch kommen möge, mit eiserner Stirne seine
angemaßten Rechte zu behaupten.
Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er
trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fuße des Hügels
angekommen, warf sich vom Pferd und stürzte den Hügel hinan. „Haltet
ein!“ rief er. „Wer ihr auch sein möget, haltet ein und laßt euch nicht
von dem schändlichsten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein
Sterblicher wage es, meinen Namen zu mißbrauchen!“
Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen über
diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen,
indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber
sprach mit mühsam errungener Ruhe: „Gnädigster Herr und Vater, laßt
Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich
weiß, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan
geheißen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient.“
Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schäumend vor
Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich
dazwischen und hielten ihn fest, und der Fürst sprach: „Wahrhaftig,
mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verrückt; man binde ihn und setze
ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, daß wir dem Unglücklichen
Hilfe schaffen können.“
Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu:
„Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner
Mutter beschwöre ich Euch, hört mich an!“
„Ei, Gott bewahre uns!“ antwortete dieser, „er fängt schon wieder an,
irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!“
Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel
hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schöne, mit reichen Decken
behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin.
Dem unglücklichen Prinzen aber fesselte man die Hände und band ihn auf
einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein
wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten.
Der fürstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte
lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem
er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die
Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, „daß er bis
ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde verdrängt
zu werden“, deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der Sultan den
Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum Erziehen gegeben
und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen Anblick geharrt.
Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzählt und sich
ihm außerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem würdevollen
Benehmen gezeigt.
Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie überall von den
Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gerücht von der
Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und
Dörfer verbreitet. Auf den Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen
von Blumen und Zweigen errichtet, glänzende Teppiche von allen Farben
schmeckten die Häuser, und das Volk pries laut Gott und seinen
Propheten, der ihnen einen so schönen Prinzen gesandt habe. Alles dies
erfüllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto unglücklicher
mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefesselt, in
stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kümmerte sich um ihn bei
dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend
und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug,
ihn beachtete keiner; höchstens fragte einer oder der andere, wen man
denn so fest gebunden mit fortfahre, und schrecklich tönte in das Ohr
des Prinzen die Antwort seiner Begleiter, es sei ein wahnsinniger
Schneider.
Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles
noch glänzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den übrigen
Städten. Die Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwartete sie
mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der
Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände
waren mit hellblauem Tuch geschmeckt, das in goldenen Quasten und
Schnüren an großen, silbernen Haken hing.
Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele
kugelrunde, farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag
erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im
Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron
stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit großen
Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen
Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der Scheik
von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von weißen Pfauenfedern
Kühlung zu.
So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte
ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Träume hatten
ihr den Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte.
Jetzt hörte man das Geräusch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln
mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse
tönte im Hof des Palastes, näher und näher rauschten die Tritte der
Kommenden, die Türen des Saales flogen auf, und durch die Reihen der
niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines Sohnes vor
den Thron der Mutter.
„Hier“, sprach er, „bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange
gesehnet.“
Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: „Das ist mein Sohn nicht!“ rief
sie aus, „das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume
gezeigt hat!“
Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang
die Türe des Saales auf. Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen
Wächtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen
hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: „Hier will ich
sterben, laßt mich töten, grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich
nicht länger!“
Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den
Unglücklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen
ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die in
sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem Throne
aufsprang. „Haltet ein!“ rief sie, „dieser und kein anderer ist der
Rechte, dieser ist’s, den meine Augen nie gesehen und den mein Herz
doch gekannt hat!“
Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan,
entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden:
„Ich habe hier zu entscheiden“, sprach er mit gebietender Stimme, „und
hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach
gewissen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan
zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes
Elfi, den Dolch, gebracht.“
„Gestohlen hat er ihn“, schrie Omar, „mein argloses Vertrauen hat er
zum Verrat mißbraucht!“ Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme
seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur
seinem Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit
Gewalt aus dem Saal schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in
sein Gemach, voll Wut über die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er
doch seit fünfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.
Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war
vollkommen überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sultans
bemächtigt hatte, denn jenen Unglücklichen hatten ihr so viele
bedeutsam Träume als ihren Sohn gezeigt.
Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um
ihren Gemahl von seinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings
schwierig; denn jener, der sich für ihren Sohn ausgab, hatte das
Erkennungszeichen, den Dolch, überreicht und hatte auch, wie sie
erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von diesem selbst sich
erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu verraten, spielte.
Sie berief die Männer zu sich, die den Sultan zu der Säule El-Serujah
begleitet hatten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt
dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie wählten und verwarfen
dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge
Zierkassierin: „Wenn ich recht gehört habe, verehrte Gebieterin, so
nannte der Überbringer des Dolches den, welchen du für deinen Sohn
hältst, Labakan, einen verwirrten Schneider?“
„Ja, so ist es“, antwortete die Sultanin, „aber was willst du damit?“
„Was meint Ihr“, fuhr jene fort, „wenn dieser Betrüger Eurem Sohn
seinen eigenen Namen aufgeheftet hätte?—Und wenn dies ist, so gibt es
ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im
geheimen sagen will.“ Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese
flüsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie
schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen.
Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des
Sultans kannte und sie zu benützen verstand. Sie schien daher, ihm
nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine
Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau leid
tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: „Ich möchte gerne den
beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere würde
sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber das sind
Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben, wozu
Scharfsinn gehört! Es soll nämlich jeder von ihnen einen Kaftan und ein
Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die
schönsten macht.“
Der Sultan lachte und sprach: „Ei, da hast du ja etwas recht Kluges
ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider
wetteifern, wer den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.“
Die Sultanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedingung zum
Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war,
gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider
seinen Kaftan auch noch so schön mache, könne er ihn doch nicht für
seinen Sohn erkennen.
Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen
seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von
seiner Hand zu sehen wünsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor
Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau
Sultanin bald Freude an mir erleben.
Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere
für den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte
jedem nur ein hinlängliches Stück Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden
gegeben.
Der Sultan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaftan wohl sein
Sohn zutage fördern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das
Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden
zwei Tage zu ihrem Geschäft ausgesetzt, am dritten ließ der Sultan
seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er in jene
zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen zu
lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan vor
den erstaunten Blicken des Sultans aus. „Siehe her, Vater“, sprach er,
„siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein Meisterstück von einem
Kaftan ist? Da laß ich es mit dem geschicktesten Hofschneider auf eine
Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.“
Die Sultanin lächelte und wandte sich zu Omar: „Und was hast du
herausgebracht, mein Sohn?“
Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: „Man
hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu schwingen, und
meine Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel—aber die Künste der Nadel
sind mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys,
des Beherrschers von Kairo.“
„Oh, du echter Sohn meines Herrn“, rief die Sultanin, „ach, daß ich
dich umarmen, dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und
Gebieter“, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, „daß ich
diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein,
wer Prinz und wer Schneider ist; fürwahr, der Kaftan ist köstlich, den
Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fragen, bei
welchem Meister er gelernt habe.“
Der Sultan saß in tiefen Gedanken, mißtrauisch bald seine Frau, bald
Labakan anschauend, der umsonst sein Erröten und seine Bestürzung, daß
er sich so dumm verraten habe, zu bekämpfen suchte. „Auch dieser Beweis
genügt nicht“, sprach er, „aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein
Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.“
Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und
ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte
nach einer alten Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft
schon den Königen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat
beigestanden war; dorthin eilte der Sultan.
In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben.
Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher
diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten
vom Vater auf den Sohn vererbt.
Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an
einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter
Stimme: „Wenn es wahr ist, daß du meinen Vätern gütigen Rat erteiltest
in der Stunde der Not, so verschmähe nicht die Bitte ihres Enkels und
rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!“
Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern
öffnete und eine verschleierte Frau in langen, weißen Gewändern
hervortrat. „Ich weiß, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille
ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei
Kistchen! Laß jene beiden, welche deine Söhne sein wollen, wählen! Ich
weiß, daß der, welcher der echte ist, das rechte nicht verfehlen wird.“
So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei kleine Kistchen von
Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den Deckeln, die der
Sultan vergebens zu öffnen versuchte, standen Inschriften von
eingesetzten Diamanten.
Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl
in den Kistchen sein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu öffnen
vermochte. Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn
auf dem einen stand: „Ehre und Ruhm“, auf dem anderen: „Glück und
Reichtum“. Der Sultan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl
schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich
lockend seien.
Als er in seinen Palast zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen
und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung
erfüllte sie, daß jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen
wählen würde, welches seine königliche Abkunft beweisen sollte.
Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie
setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann
den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu
öffnen. Eine glänzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches,
die der Sultan berufen hatte, strömte durch die geöffnete Pforte. Sie
ließen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die Wände entlang
aufgestellt waren.
Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der König zum
zweitenmal, und Labakan wurde hereingeführt. Mit stolzem Schritte ging
er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: „Was
befiehlt mein Herr und Vater?“
Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: „Mein Sohn! Es sind
Zweifel an der Echtheit deiner Ansprüche auf diesen Namen erhoben
worden; eines jener Kistchen enthält die Bestätigung deiner echten
Geburt, wähle! Ich zweifle nicht, du wirst das rechte wählen!“
Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er
wählen sollte, endlich sprach er: „Verehrter Vater! Was kann es Höheres
geben als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum
deiner Gnade? Ich wähle das Kistchen, das die Aufschrift „Glück und
Reichtum“ zeigt.“
„Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewählt hast; einstweilen
setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina“, sagte der Sultan
und winkte seinen Sklaven.
Omar wurde hereingeführt; sein Blick war düster, seine Miene traurig,
und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er
warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans.
Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er
stand auf und trat vor den Tisch.
Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: „Die letzten Tage haben
mich gelehrt, wie unsicher das Glück, wie vergänglich der Reichtum ist;
sie haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerstörbares Gut in der
Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des
Ruhmes nicht mit dem Glück zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone
entsagen, der Würfel liegt—Ehre und Ruhm, ich wähle euch!“
Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hatte; aber der
Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor
seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein
Kistchen.
Der Sultan aber ließ sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen
Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte
sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: „Gott meiner
Väter! Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfälscht
bewahrtest, gib nicht zu, daß ein Unwürdiger den Namen der Abassiden
schände, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser
Stunde der Prüfung!“
Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine
Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man hätte
ein Mäuschen über den Saal gehen hören können, so still und gespannt
waren alle, die hintersten machten lange Hälse, um über die vorderen
nach den Kistchen sehen zu können. Jetzt sprach der Sultan: „Öffnet die
Kistchen“, und diese, die vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte,
sprangen von selbst auf.
In dem Kistchen, das Omar gewählt hatte, lagen auf einem samtenen
Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans
Kistchen—eine große Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den
beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Krönchen von dem
Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er es nahm,
wurde es größer und größer, bis es die Größe einer rechten Krone
erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor ihm
kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu seiner
Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach:
„Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten!
Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine
Gnade nicht verdient, aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich
heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir dein armseliges
Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile dich, daß du aus
meinem Lande kommst!“
Beschämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle
nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tränen
drangen ihm aus den Augen: „Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?“ sagte er.
„Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind ist des Abassiden
Stolz“, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, „gehe hin in
Frieden!“
„O du mein echter Sohn!“ rief gerührt der alte Sultan und sank an die
Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Großen des Reiches
standen auf von ihren Sitzen und riefen: „Heil dem neuen Königssohn!“
Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen
unter dem Arm, aus dem Saal.
Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte sein Roß Murva auf
und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam
ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit
Perlen und Diamanten geschmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht
geträumt habe.
Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines
alten Meisters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die
Werkstatt. Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes
Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast näher
ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und
Lehrlinge herbei, und alle stürzten sich wie wütend auf den armen
Labakan, der keines solchen Empfangs gewärtig war, stießen und schlugen
ihn mit Bügeleisen und Ellenmaß, stachen ihn mit Nadeln und zwickten
ihn mit scharfen Scheren, bis er erschöpft auf einen Haufen alter
Kleider niedersank.
Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede über das
gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, daß er nur deswegen
wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den
dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen wieder
über ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur Türe hinaus;
zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Roß Murva und ritt in eine
Karawanserei. Dort legte er sein müdes, zerschlagenes Haupt nieder und
stellte Betrachtungen an über die Leiden der Erde, über das so oft
verkannte Verdienst und über die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller
Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu entsagen und
ein ehrsamer Bürger zu werden.
Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schweren
Hände des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm
herausgeprügelt zu haben.
Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen
Juwelenhändler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt
zu seinem Gewerbe ein. Als er alles eingerichtet und auch ein Schild
mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster gehängt
hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die er
in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein Meister
so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von seinem Geschäft abgerufen, und
als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch sonderbarer
Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne von jemand
geführt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie selbst
Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte!
Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gütigen Fee ist nützlich
und von großem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk,
nämlich: Das Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig
sein, als sie wollte.
Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteste Schneider weit
und breit; er schnitt die Gewänder zu und machte den ersten Stich mit
der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlaß, bis
das Gewand fertig war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu
Kunden; denn er arbeitete schön und außerordentlich billig, und nur
über eines schüttelten die Leute von Alessandria den Kopf, nämlich: daß
er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen Türen arbeitete.
So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reichtum verheißend, in
Erfüllung gegangen; Glück und Reichtum begleiteten, wenn auch in
bescheidenem Maße, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von
dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn
er hörte, daß dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines Volkes und
der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige Prinz bei
sich: „Es ist doch besser, daß ich ein Schneider geblieben bin; denn um
die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache.“ So lebte
Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen Mitbürgern, und wenn
die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so näht sie noch jetzt mit
dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide.