Schande muß ich es gestehen, ich trieb’s am ärgsten; denn ich zupfte
ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die
großen Pantoffeln, daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich
vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines
Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit
dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder
herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der
Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm
verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in
meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger
fürchtete als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat
ich vor meinen Vater. „Du hast, wie ich höre, den guten Muck
beschimpft?“ sprach er in sehr ernstem Tone. „Ich will dir die
Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr
auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das Gewöhnliche.“ Das
Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig
aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte
die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor.
Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und
erzählte mir von dem kleinen Muck:
Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein
angesehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so
einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden,
weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in
Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten
Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn
immer, daß er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben
sollte, noch so dumm und läppisch sei.
Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und
den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten,
denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten
den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt
hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er
sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters
aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer,
starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht. Muck aber wußte
bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an.
Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon
schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu
sehen ist; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das
blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er
seitdem getragen; den langen Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte
er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus.
Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein
Glück zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein
glänzen sah, so steckte er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich
in den schönsten Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die
Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen
Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in
einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder
verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerten ihn seine
Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande
der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger
und Kummer und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des
Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am
Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große
Stadt.
Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten
auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken.
Überrascht stand er stille und betrachtete Stadt und Gegend. „Ja, dort
wird Klein-Muck sein Glück finden“, sprach er zu sich und machte trotz
seiner Müdigkeit einen Luftsprung, „dort oder nirgends.“ Er raffte alle
seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie
ganz nahe schien, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn
seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und
er mußte sich oft in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen.
Endlich war er an dem Tor der Stadt angelangt. Er legte sein Mäntelein
zurecht, band den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und
steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den
Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor hinein.
Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich
ihm die Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte:
„Kleiner Muck, komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein
ausruhen!“
Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen,
schönen Haus hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau
schaute heraus und rief mit singender Stimme:
„Herbei, herbei!
Gekocht ist der Brei,
Den Tisch ließ ich decken,
Drum laßt es euch schmecken;
Ihr Nachbarn herbei,
Gekocht ist der Brei.“
Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen
hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der
Einladung folgen sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging
in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein, und er
beschloß, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüßten
als er.
Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau,
die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und
fragte nach seinem Begehr. „Du hast ja jedermann zu deinem Brei
eingeladen“, antwortete der kleine Muck, „und weil ich so gar hungrig
bin, bin ich auch gekommen.“
Die Alte lachte und sprach: „Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell?
Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben
Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der
Nachbarschaft ein, wie du siehst.“
Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters
Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen
speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des
Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm
reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war,
betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: „Kleiner Muck, bleibe
bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten
sein.“
Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und
wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten,
aber sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier
Katzen, diesen mußte der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und
mit köstlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, mußte er auf
die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, mußte er ihnen die Schüsseln
vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene Polster legen und sie mit
samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus,
die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände
gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder
hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters
Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen.
Eine Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu
essen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden
mit ihm zu sein, aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die
Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher,
warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das
ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen
hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den
Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi
geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und schob
alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie
glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem
Diener.
Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück
nicht gefunden hatte, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi
zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie
schlecht man ohne Geld lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine
Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf
irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau
Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres er nie
gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er
hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als
er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der
Frau versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen,
und er konnte daher den Schätzen nie beikommen.
Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines
der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt
wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem
Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich
dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den
Hunden spielte, folgte ihm, und siehe da, das Hundlein führte ihn in
die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor
dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das Hundlein ging hinein,
und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, als er sah, daß
er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner Wünsche
war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber
nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen
umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf
sich. Es war von Kristall, und schöne Figuren waren darauf
ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o
Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es einen Deckel hatte, der nur
leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in
tausend Stücke.
Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein
Schicksal entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn die
Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch
einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten
der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein
Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar nicht schön;
aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch zogen ihn
jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm
hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe.
Er zog also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein.
Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm
auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und
eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog
sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch
in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und
zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer
weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell
war er in seinem Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als könne er
gar nicht aufhören zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn
fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den Pantoffeln eine
eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort und
führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen;
aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man
den Pferden zuruft, sich selbst zu: „Oh—oh, halt, oh!“ Da hielten die
Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.
Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch
seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das
Glück zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor
Erschöpfung ein; denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so
schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum
erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den
Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: „Lieber Muck, du
verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht; wisse, wenn du
dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst du
hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du
Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die
Erde schlagen, bei Silber zweimal.“ So träumte der kleine Muck. Als er
aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß,
alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen
Fuß und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals
versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück
dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es
dem kleinen Muck nicht gleich glückte, besonders wenn man bedenkt, daß
ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog.
Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich
nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es.
Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die
nächste große Stadt, und—die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte,
liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck
noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem
großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren und unzählige
Menschen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin
und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine einsamere Straße zu
begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die Pantoffeln,
daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit hinausstehenden
Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen entging.
Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um
sich ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm
verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz
finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not
für Geld sehen lassen können; aber dazu war er doch zu stolz. Endlich
fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein, „vielleicht“, dachte er,
„können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren“, und er beschloß, sich
als Schnelläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, daß der König
dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte er den
Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte,
was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er einen Dienst
suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein
Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten
zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den
Füßen und sprach: „Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine
Spanne sind, willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg,
ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.“ Der kleine
Muck versicherte ihm aber, daß es ihm vollkommen ernst sei mit seinem
Antrag und daß er es mit dem Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen
wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich vor; er befahl ihm,
sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereitzuhalten, führte ihn in
die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig Speis’ und Trank gereicht
wurde; er selbst aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen
Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger Herr, daher
gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen
zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese
hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß das Wettlaufen mit
Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und
empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König
erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein
Schauspiel haben würden, diese erzählten es wieder ihren Dienern, und
als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles, was
Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschlagen
waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu sehen.
Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen
hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den
hohen Herrschaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines
Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig wurde; eine
solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das Körperlein mit dem
mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten Beinkleider, der lange
Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten
Pantoffeln—nein! Es war zu drollig anzusehen, als daß man nicht hätte
laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter
nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt,
hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach
Mucks eigenem Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun
heraus, stellte sich neben den Kleinen, und beide harrten auf das
Zeichen. Da winkte Prinzessin Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem
Schleier, und wie zwei Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen
die beiden Wettläufer über die Wiese hin.
Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser
jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing
ihn und stand längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend,
daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige Augenblicke die
Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da
jauchzte die Menge, und alle riefen: „Hoch lebe der kleine Muck, der
Sieger im Wettlauf!“
Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem
König nieder und sprach: „Großmächtigster König, ich habe dir hier nur
eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, daß man
mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe!“
Der König aber antwortete ihm: „Nein, du sollst mein Leibläufer und
immer um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert
Goldstücke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener
sollst du speisen.“
So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so
lange suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch
erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser
gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er
dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle
besorgte.
Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil
sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu
laufen, in der Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie
veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen;
aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen
geheimen Oberleibläufer (denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer
Zeit gebracht) setzte.
Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf
Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er,
sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm
sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein;
wenn er Schätze finde, dachte er, würden ihm die Herren schon geneigter
werden. Er hatte schon oft gehört, daß der Vater des jetzigen Königs
viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind sein Land
überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne daß er sein
Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer
sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort
vorüberzugehen, wo das Geld des alten Königs vergraben sei. Eines
Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des
Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich fühlte er das
Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den Boden.
Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen
Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich
wieder in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete
die Nacht zu seinem Unternehmen ab.
Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu
schaffen, als er geglaubt hatte.
Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und
er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß
tief gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen
klang. Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen
Deckel zutage gefördert; er stieg selbst in die Grube hinab, um
nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand
richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt. Aber seine
schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher steckte
er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen
vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige
wieder sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die
Pantoffeln nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck
gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er
auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold unter den Polstern seines
Sofas.
Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er,
das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen
Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon
daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar sorgfältige
Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte er sich wohl nicht
einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, daß er
damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll
Gold aus dem Staub gemacht hätte!
Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte,
erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli
sagte: „Er ist ein Falschmünzer.“
Der Sklavenaufseher Achmet sagte: „Er hat’s dem König abgeschwatzt.“
Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier
und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: „Er
hat’s gestohlen.“
Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der
Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und
niedergeschlagen vor die Augen des Königs. Er machte seine traurigen
Gebärden so auffallend, daß ihn der König fragte, was ihm fehle.
„Ah“, antwortete er, „ich bin traurig, daß ich die Gnade meines Herrn
verloren habe.“
„Was fabelst du, Freund Korchuz?“ entgegnete ihm der König. „Seit wann
hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen?“ Der
Obermundschenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen Oberleibläufer
mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe.
Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die
Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen
brachten ihm leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgendeine Art das
Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung
der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte.
Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen
Muck achtzugeben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in
der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er
durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten
nahm und in den Schloßgarten schlich, um dort von seinem geheimen
Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von
dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, angeführt, und
in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen
wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich
vor den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes
mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr
ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den
Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem
Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt. Der Schatzmeister
sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er
diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe.
Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er
das Gold, das er vergraben, bekommen habe.
Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen
Topf im Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein-, sondern
ausgraben wollen.