So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm

mir vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so

wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines

Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem

Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schöne Zimmer, die

auf einen Altan führten, in einem Wirtshaus. Sogleich ließ ich auch

meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankündigten.

Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten auch die Käufer

herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so verkaufte ich

doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen meine

Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als

ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die

Vorräte in meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal

mustern wollte, in einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich

nicht erinnerte, hineingetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand

darin eine Einladung, diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die

man Ponte vecchio heißt, mich einzufinden. Ich sann lange darüber nach,

wer es wohl sein könnte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine

Seele in Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich

zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon öfter geschehen war.

Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Säbel um,

den mir einst mein Vater geschenkt hatte.

Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und

kam bald auf die Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlassen und öde

und beschloß zu warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war

eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab in die

Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen

der Stadt schlug es jetzt zwölf Uhr; ich richtete mich auf, und vor mir

stand ein großer Mann, ganz in einen roten Mantel gehüllt, dessen einen

Zipfel er vor das Gesicht hielt.

Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir

stand, faßte mich aber sogleich wieder und sprach: „Wenn Ihr mich habt

hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?“

Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: „Folge!“ Da ward mir’s

doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu gehen;

ich blieb stehen und sprach: „Nicht also, lieber Herr, wollet mir

vorerst sagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig

zeigen, daß ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.“

Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. „Wenn du nicht

willst, Zaleukos, so bleibe!“ antwortete er und ging weiter.

Da entbrannte mein Zorn. „Meinet Ihr“, rief ich aus, „ein Mann wie ich

lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten

Nacht umsonst gewartet haben?“ In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht,

packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die

andere Hand an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand,

und der Unbekannte war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn

legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und dieser sollte

mir schon den Schlüssel zu diesem wunderlichen Abenteuer geben.

Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum

noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir

vorüber und flüsterte in fränkischer Sprache: „Nehmt Euch in acht,

Graf, heute nacht ist nichts zu machen.“ Ehe ich mich aber umsehen

konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen

Schatten an den Häusern hinschweben. Daß dieser Zuruf den Mantel und

nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht über die

Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was zu tun sei. Ich war von

Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als hätte ich ihn

gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen

lassen, und ich hätte dann keinen Aufschluß über die Sache gehabt. Ich

besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem

genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und

reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte

mich auf einen Gedanken, den ich auszuführen beschloß.

Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber

auf ihn einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu

finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde,

scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten, die sich

mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur flüchtig, doch bestimmt

zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es fanden sich viele

Kauflustige zu dem Mantel, dessen außerordentliche Schönheit alle Augen

auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner wollte

den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war

mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst

kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit „Nein!“ antworteten und

versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu

haben.

Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon

oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten

hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: „Bei

Gott! Zaleukos, ich muß deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler

darüber werden.“ Zugleich begann er, seine Goldstücke aufzuzählen. Ich

kam in große Not; ich hatte den Mantel nur ausgehängt, um vielleicht

die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein

junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir

übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke

wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden.

Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der

Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war,

losmachte, mir zuwarf und sagte: „Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl

nicht zu dem Mantel gehört.“

Gleichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand

geschrieben: „Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Mantel auf

die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner.“

Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst

verscherzt und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich besann mich

nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der

den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: „Nehmt Eure Zechinen wieder,

guter Freund, und laßt mir den Mantel, ich kann ihn unmöglich

hergeben.“ Dieser hielt die Sache von Anfang für Spaß, als er aber

merkte, daß es Ernst war, geriet er in Zorn über meine Forderung,

schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlägen. Doch ich

war so glücklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreißen, und

wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu

Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr

erstaunt über die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich

aber bot dem Jünglinge zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen

über seine zweihundert, wenn er mir den Mantel ließe. Was meine Bitten

nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine guten Zechinen, ich

aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und mußte mir gefallen lassen,

daß man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen hielt. Doch die

Meinung der Leute war mir gleichgültig; ich wußte es ja besser als sie,

daß ich an dem Handel noch gewann.

Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging

ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten

Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war

unverkennbar der Mann von gestern. „Hast du den Mantel?“ wurde ich

gefragt.

„Ja, Herr“, antwortete ich, „aber er kostete mich bar hundert

Zechinen.“

„Ich weiß es“, entgegnete jener. „Schau auf, hier sind vierhundert.“ Er

trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und zählte die

Goldstücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im

Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es

seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und

wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er

hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar

anblitzten.

„Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte“, sprach ich zu ihm, „was verlangt

Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es nichts

Unrechtes sein darf.“

„Unnötige Sorge“, antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern

legte, „ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen Lebenden,

sondern für einen Toten.“

„Wie kann das sein?“ rief ich voll Verwunderung.

„Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen“, erzählte er und

winkte mir zugleich, ihm zu folgen. „Ich wohnte hier mit ihr bei einem

Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer

Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer

alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter

ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort

einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich nun ihren Körper; meinem

Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er

sie noch einmal sehe.“ Diese Sitte, die Köpfe geliebter Anverwandten

abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich

nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen.

Ich sagte ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl

umgehen könne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch

konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn dies alles so

geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse. Er antwortete mir, daß

seine Anverwandten, die seine Absicht für grausam hielten, bei Tage ihn

abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen, so

könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf

bringen können; aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst

abzunehmen.

Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein

Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazierganges.

Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine

Pforte, die der Unbekannte sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen

nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen

spärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten,

das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete.

In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der

Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu

wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und

schnell zu verrichten, und ging wieder zur Türe hinaus.

Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und

näherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber

dieser war so schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden

ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war

bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in

die Haut, nach der Weise der Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden.

Sodann nahm ich mein schärfstes Messer und schnitt mit einem Zug die

Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote schlug die Augen auf,

schloß sie aber gleich wieder, und in einem tiefen Seufzer schien sie

jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoß mir ein Strahl heißen

Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erst die

Arme getötet hatte; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von

dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger

Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich

betrogen, oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das

letztere schien mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der

Verstorbenen nicht sagen, daß vielleicht ein weniger rascher Schnitt

sie erweckt hätte, ohne sie zu töten, darum wollte ich den Kopf

vollends ablösen; aber noch einmal stöhnte die Sterbende, streckt sich

in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte mich der

Schrecken, und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im

Gang war es finster; denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von

meinem Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs ungefähr mich im

Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen.

Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch

unten war kein Mensch. Die Türe fand ich nur angelehnt, und ich atmete

freier, als ich auf der Straße war; denn in dem Hause war mir ganz

unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte ich in meine

Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das

Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh

mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war

mir wahrscheinlich, daß der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat,

wie sie mir jetzt erschien, verführt hatte, mich nicht angeben würde.

Ich entschloß mich, gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen

und womöglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer

Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen Kummer.

Meine Mütze und mein Gürtel wie auch meine Messer fehlten mir, und ich

war ungewiß, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten gelassen oder erst

auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste

wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mörder entdecken.

Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu

mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein

gesprächiger Mann. „Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte“,

hub er an, „die heute nacht vorgefallen ist?“ Ich tat, als ob ich

nichts wüßte. „Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt

erfüllt ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianka,

die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich

sah sie gestern noch so heiter durch die Straßen fahren mit ihrem

Bräutigam, denn heute hätten sie Hochzeit gehabt.“

Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte

meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzählte mir die

Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte

keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag

ungefähr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die

Leute zu entfernen. „Signore Zaleukos“, sprach er, indem er die Sachen,

die ich vermißte, hervorzog, „gehören diese Sachen Euch zu?“ Ich besann

mich, ob ich sie nicht gänzlich ableugnen sollte; aber als ich durch

die halbgeöffnete Tür meinen Wirt und mehrere Bekannte, die wohl gegen

mich zeugen konnten, erblickte, beschloß ich, die Sache nicht noch

durch eine Lüge zu verschlimmern, und bekannte mich zu den vorgezeigten

Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und führte mich in

ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängnis erkannte. Dort wies

er mir bis auf weiteres ein Gemach an.

Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber

nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen,

kehrte immer wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz

des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst hätte ich nicht

so blindlings in die Falle gehen können. Zwei Stunden nach meiner

Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehrere Treppen ging es

hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um einen langen,

schwarzbehängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Greise. An den

Seiten des Saales zogen sich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehmsten

von Florenz; auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren,

standen dicht gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen

Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene;

es war der Gouverneur. Er sprach zu den Versammelten, daß er als Vater

in dieser Sache nicht richten könne und daß er seine Stelle für diesmal

an den ältesten der Senatoren abtrete. Der älteste der Senatoren war

ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand gebückt, und seine

Schläfen waren mit dünnem, weißem Haar umhängt; aber feurig brannten

noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an,

mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und

erzählte unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan

hatte und was ich wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur während

meiner Erzählung bald blaß, bald rot wurde, und als ich geschlossen,

fuhr er wütend auf: „Wie, Elender!“ rief er mir zu, „so willst du ein

Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen aufbürden?“

Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig

seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich

aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der

Getöteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklärte

dem Gouverneur, daß er über das frühere Leben seiner Tochter

Rechenschaft geben müsse; denn nur so könne man schließen, ob ich die

Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob er für heute das Gericht

auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, die ihm

der Gouverneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde wieder in mein

Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte, immer

mit dem heißen Wunsch beschäftigt, daß man doch irgendeine Verbindung

zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung

trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe

auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift

seien. Ich sah sie an und fand, daß sie von derselben Hand sein müßten

wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. Ich äußerte dies den

Senatoren; aber man schien nicht darauf zu achten und antwortete, daß

ich beides geschrieben haben könne und müsse; denn der Namenszug unter

den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe meines Namens.

Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und Warnungen

vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war.

Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine

Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage

mißtrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung

auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden müßten; aber man

sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir am

Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag

wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil vor, daß ich,

eines vorsätzlichen Mordes überwiesen, zum Tode verurteilt sei. Dahin

also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden

noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der

Blüte meiner Jahre vom Beile sterben.

Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal

entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren

dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die

Türe meines Gefängnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange

schweigend betrachtete. „So finde ich dich wieder, Zaleukos?“ sagte er;

ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber

der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war

Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris

während meiner Studien kannte. Er sagte, daß er zufällig nach Florenz

gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne, er habe von

meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch einmal zu sehen

und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe verschulden

können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber sehr

verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu

sagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit

dem teuersten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld

mich drücke, als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das

Unwahrscheinliche der Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. „So

hast du Bianka nicht gekannt?“ fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie

gesehen zu haben. Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis

auf der Tat liege, daß der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig

betrieben habe, und es sei nun ein Gerücht unter die Leute gekommen,

daß ich Bianka schon längst gekannt und aus Rache über ihre Heirat mit

einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, daß dies alles ganz

auf den Rotmantel passe, daß ich aber seine Teilnahme an der Tat mit

nichts beweisen könne. Valetty umarmte mich weinend und versprach mir,

alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig

Hoffnung; doch wußte ich, daß Valetty ein weiser und der Gesetze

kundiger Mann sei und daß er alles tun werde, mich zu retten. Zwei

lange Tage war ich in Ungewißheit: Endlich erschien auch Valetty. „Ich

bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei

sein; aber mit Verlust einer Hand.“ Gerührt dankte ich meinem Freunde

für mein Leben. Er sagte mir, daß der Gouverneur unerbittlich gewesen

sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen; daß er aber endlich,

um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt habe, wenn man in den

Büchern der florentinischen Geschichte einen ähnlichen Fall finde, so

solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen sei,

richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern

gelesen und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden.

Dort laute die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine

Güter eingezogen, er selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt

auch meine Strafe, und ich solle mich jetzt bereiten zu der

schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will euch nicht diese

schreckliche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf offenem Markt meine

Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem Bogen mich

überströmte!

Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er

mich edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mühsam

erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz

nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach

Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich

meinem Freunde übergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu

dürfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn

nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann unter

meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe;

derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, daß ich bald selbst kommen

werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen

meinen Bekannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen

Brief, den der Mann, der für mich gekauft hatte, hiergelassen habe.

Ich las: „Zaleukos! Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß

Du nicht fühlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und

alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel

reichen, daß Du zu den Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du

dem vergeben, der unglücklicher ist als Du.“ Ich konnte ahnen, wer es

geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage: Es sei ein

Mann gewesen, den er für einen Franken gehalten, er habe einen roten

Mantel angehabt. Ich wußte genug, um mir zu gestehen, daß der

Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblößt sein

müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet,

auch ein Gewölbe mit Waren, schöner als ich sie je gehabt. Zehn Jahre

sind seitdem verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es

nötig habe, setze ich meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes

Land, wo ich so unglücklich wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt

ich seitdem tausend Goldstücke; aber, wenn es mir auch Freude macht,

jenen Unglücklichen edel zu wissen, so kann er mir doch den Kummer

meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauenvolle Bild

der ermordeten Bianka.

Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 · 第 4 / 10 段