„O Herr“, sprach mein treuer Diener, „hier ist etwas Schreckliches

geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so

will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als

längere Zeit unter diesen Toten zubringen.“ Ich dachte wie er; wir

faßten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille

war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir

standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und

lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen

unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere Geräte lagen

untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der

Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch

umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach,

überall fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich

war vor Freude über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem

Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber

machte mich aufmerksam darauf, daß wir wahrscheinlich noch sehr weit

vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht

kommen könnten.

Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß

vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier

schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen.

Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie über Bord zu werfen;

aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, daß sich keiner

aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen sie am Boden, und

man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu entfernen,

und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich

nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir

der starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger

Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing,

erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, ich selbst aber

wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung auszuspähen. Als aber

der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen berechnete, daß es wohl

um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so unwiderstehlicher Schlaf,

daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem Verdeck stand,

zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich hörte

deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom

Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und

Männertritte auf dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um

danach zu schauen. Aber eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder

gefesselt; nicht einmal die Augen konnte ich aufschlagen. Aber immer

deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein fröhliches

Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter glaubte ich, die

kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich Taue und

Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die

Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein

Geräusch von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne

schon hoch stand und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich

mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehört

hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich

alles wie gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der

Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und

stand auf, um meinen Alten zu suchen.

Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. „O Herr!“ rief er aus, als

ich zu ihm hineintrat, „ich wollte lieber im tiefsten Grund des Meeres

liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.“ Ich

fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: „Als

ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie

man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret

es, aber es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte

ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab.

Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige

Augenblicke meine Besinnung zurück, und da sah ich dann denselben Mann,

der oben am Mast angenagelt ist, an jenem Tisch dort sitzen, singend

und trinkend; aber der, der in einem roten Scharlachkleid nicht weit

von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm trinken.“ Also

erzählte mir mein alter Diener.

Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute

war; denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl

gehört. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein

Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. „Jetzt hab’ ich’s!“

rief er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn

sein Großvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und

das gegen jeden Geister- und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete

er, jenen unnatürlichen Schlaf, der uns befiel, in der nächsten Nacht

verhindern zu können, wenn wir nämlich recht eifrig Sprüche aus dem

Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In

banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajüte war

ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen. Wir

bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die

ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es

ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle

vier Ecken. So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder

ungefähr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein

Gefährte riet mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir

auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die Taue

knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und mehrere Stimmen waren

deutlich zu unterscheiden—Mehrere Minuten hatten wir so in gespannter

Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte

herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn

sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen:

„Kommt ihr herab aus der Luft,

Steigt ihr aus tiefem Meer,

Schlieft ihr in dunkler Gruft,

Stammt ihr vom Feuer her:

Allah ist euer Herr und Meister,

ihm sind gehorsam alle Geister.“

Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir

stieg das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große,

stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der

Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er

in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer herein,

weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen sehen. Der

Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein bleiches Gesicht,

einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er sich im

ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als er an

unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu

achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der

Mitte der Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend

miteinander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und

eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch

hineinschlug, daß das Zimmer dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der

andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieser stand auf,

riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide verließen das Gemach. Wir

atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hatte noch lange

kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hörte

eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich

ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck

mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei—auf

einmal aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten

hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als

früher. Alle waren steif wie Holz.

So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten,

wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch

bei Tag viele Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer

wieder zurückzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen

Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders

erklären, als daß die Toten jede Nacht mit vollem Winde zurücksegelten.

Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein

und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der Kajüte; wir

schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Sprüchlein

des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. Ängstlich

warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien

diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die

Segel noch aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den

Tag über nur so viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft

fortzutreiben, und so legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke

zurück.

Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne

Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare

Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste

hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine

Stadt zu entdecken; wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See,

der alsobald Grund faßte, setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck

stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben

Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der sich in die See ergoß, und

stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße,

und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit von der

Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in

eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen

Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen

Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben

möchte, der sich ein wenig auf Zauberei verstehe. Er führte mich in

eine abgelegene Straße, an ein unscheinbares Haus, pochte an, und man

ließ mich eintreten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen.

In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase

entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den

weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn

nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen

müsse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute

des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das

Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich lösen, wenn man sie

ans Land bringe; dies könne aber nicht geschehen, als wenn man die

Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir gehöre von Gott und Rechts

wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es gleichsam gefunden

habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und ihm ein

kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen

Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach,

ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die

mit Sägen und Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der

Zauberer Muley unseren glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen

des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das

einzige Mittel gewesen, uns zu retten.

Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir

machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon

vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um

sie dort zu verscharren. Sie erzählten, als sie zurückkamen, die Toten

hätten ihnen die Mühe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie

auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir fuhren fort,

die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es

war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast angenagelt

war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine

Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. Ich wußte

nicht, was anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen,

um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er

ließ schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu

bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer

geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf das Haupt

des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und

die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den

Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die

Arme.

„Wer hat mich hierhergeführt?“ sprach er, nachdem er sich ein wenig

erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm.

„Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen

errettet. Seit fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und

mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt

hat mein Haupt die Erde berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern

gehen.“

Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand

gekommen sei, und er sprach: „Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger,

angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb

mich, ein Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses

Geschäft schon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante

einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine

Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des

Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in

heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen hatte,

übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann

viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch

gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen,

stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust.

Sterbend verwünschte er mich und meine Mannschaft, nicht sterben und

nicht leben zu können, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der

Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See und verlachten seine

Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich seine Worte. Ein

Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich—Mit fürchterlicher Wut

wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an den Mast

genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald

war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein

Atem hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine

Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur

nämlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachten

ich und alle meine Genossen, das Leben war zurückgekehrt, aber wir

konnten nichts tun und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen

und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, können nicht

leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit

toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil

wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt

auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen.

Jetzt aber werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter

Retter, wenn Schätze dich lohnen können, so nimm mein Schiff als

Zeichen meiner Dankbarkeit.“

Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und

verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir

sammelten diesen in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der

Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zustand

setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit

großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, beschenkte

meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach meinem Vaterlande

ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln und

Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete

mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so

reich, als mich der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein.

Meine Mitbürger waren erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und

glaubten nicht anders, als daß ich das Diamantental des berühmten

Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich ließ sie in ihrem Glauben, von nun

an aber mußten die jungen Leute von Balsora, wenn sie kaum achtzehn

Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glück zu machen.

Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache ich eine

Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu

danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in

sein Paradies aufnehme.

Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder

gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim,

der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:

„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und

wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er

uns erquicke nach der Hitze des Tages!“

„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß

machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;

darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos

ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was

sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er

solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er

auch anderen Glaubens ist.“

Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren

Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein

Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine

Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und

Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner

Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst

stimme.

Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr

geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,

von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch

weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch

einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als

andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie

fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den

schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon

trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage

mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt

die Geschichte von der abgehauenen Hand.“

Die Geschichte von der abgehauenen Hand

Wilhelm Hauff

Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman

(Dolmetscher) bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb nebenbei

einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und

seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils

selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir Unterricht

geben ließ. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu

übernehmen, als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet

hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt; weil

ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewöhnlichen

Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele

Franken in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in

sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche

Sachen unentgeltlich und am besten lernen könne. Er selbst aber wolle

mich, wenn er zurückreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner

Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich

könne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war außer mir vor Freude,

fremde Länder zu sehen.

Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise

bereitet; am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein

Schlafkämmerlein. Dort sah ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische

liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe

Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater

umarmte mich und sagte: „Siehe, mein Sohn, ich habe dir Kleider zu der

Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die nämlichen, die mir

dein Großvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiß, du

kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen

wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht

groß; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein;

einer davon ist mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir

ein heiliges, unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!“

So sprach mein alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht

aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wieder gesehen.

Die Reise ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken

angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die große Stadt

Paris. Hier mietete mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet

mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig

anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein

tüchtiger Arzt wissen muß; ich müßte aber lügen, wenn ich sagte, daß

ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen mir

nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber waren

edle, junge Männer.

Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der

ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff

daher eine günstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen.

Es ging nämlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen

Pforte. Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten

und kam glücklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand

ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und

sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben. Jener Priester,

der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur den

Schlüssel; allein und verlassen zog ich in das verödete Haus ein. Ich

fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, das

er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester

darüber, und dieser verneigte sich und sprach: „Euer Vater ist als ein

heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht.“

Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich

hatte keine Zeugen gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht

auch das Haus und die Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen

hatte.

Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es

Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten,

weil ich mich schämte, den Marktschreier zu machen, und überall fehlte

mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reichsten und

Vornehmsten eingeführt hätte, die jetzt nicht mehr an den armen

Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden keinen Abgang;

denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, und neue

bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos über meine Lage

nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes

gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten

der Städte auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte,

weil sie aus der Fremde kamen, und daß man bei solchem Handel das

Hundertfache erwerben könne. Sogleich war auch mein Entschluß gefaßt.

Ich verkaufte mein väterliches Haus, gab einen Teil des gelösten Geldes

einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von dem übrigen aber kaufte

ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene Zeuge, Salben

und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite

Reise nach Franken an.

Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen

im Rücken hatte, mir wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war

kurz und glücklich. Ich durchzog die großen und kleinen Städte der

Franken und fand überall willige Käufer meiner Waren. Mein Freund in

Stambul sandte mir immer wieder frische Vorräte, und ich wurde von Tag

zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel erspart hatte, daß ich

glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog ich mit meinen

Waren nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir auch

nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe.

Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein

griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich,

mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht.

Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 · 第 3 / 10 段