Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der
Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief
geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den
Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese
Geschichte.
„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so
edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“
fragte der Fremde.
„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in
denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich
gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem
Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben;
auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“
„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem
Griechen die Hand.
Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat
mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der
Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die
Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der
Entfernung mehrere Reiter zu sehen.
Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der
Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so
gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu
fürchten brauchten.
„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches
Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es,
auf seiner Hut zu sein.“
Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über
diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches
Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf
besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück
in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß,
daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“
„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer
der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler
Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich
Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen
gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer
Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere,
sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm
dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist
der Herr der Wüste.“
Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein
ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um
zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute
berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen
oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute
wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten
das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel
hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das
Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter
werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley
glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das
Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen
gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch
diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen
plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen
Bogen auf der Seite hin.
Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf
die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie
wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene
hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger
Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch
einen Wink bezähmst?“
„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim
Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht;
nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
mächtigem Schutze steht.“
Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die
Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können.
Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne
zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich,
brachen sie auf und zogen weiter.
Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem
Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen
Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler
Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der
Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er
hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester
waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief
mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner
Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm
bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei
Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah
es gewendet hatte.“
Die Errettung Fatmes
Wilhelm Hauff
Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in
gleichem Alter; jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten
einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen
Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem
Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre
Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters
ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf
einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig
hinaus in die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit
Freuden ein; denn der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders
abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den
Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder
bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. Mustapha gab aber
ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte sehen lassen.
Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin
wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu
sehen. Als sie um das Vorgebirg’ herumruderten, sahen sie in geringer
Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes
ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem
Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu
bestätigen; denn jene Barke kam der meines Bruders schnell nach,
überholte sie, da sie mehr Ruder hatte, und hielt sich immer zwischen
dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen aber, als sie die Gefahr
erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrien und klagten;
umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor,
ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in
Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich
bei Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke
stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die
Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger
Zeit Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht
erregt, und mehrere Barken stießen vom Lande, um den Unsrigen
beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die
Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot
entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten
aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man
näherte sich gegenseitig, und ach! Es fand sich, daß meine Schwester
und eine ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen
Fremden in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen
Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen
ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine Gefährten auf ihrer
eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im Begriff gewesen
sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß er
gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.
Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war
bis zum Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester
verloren war und daß er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu
sein—jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern
ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte er es noch
nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer Abkunft
waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann; als sein Schmerz sich ein
wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich kommen und sprach zu ihm:
„Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die Freude meiner
Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von meinem
Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir
Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des
Vaters.“
Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich
entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und
wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt
schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn
jener Jammer vorher gebeugt, so stählte jetzt die Fülle des Unglücks,
das er nicht verdient hatte, seinen Mut.
Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt
seines Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und
gewöhnlich in Balsora großen Markt hielten.
Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien
sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm
einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber
nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hieß seine geliebte Braut,
Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.
Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus
nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke
Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu
kommen; doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er
hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am
Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen
ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, daß sie gut bewaffnet und
stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein Roß als auf sein
Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen ergeben
wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter
dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die
Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff,
schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.
Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines
Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen,
und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn
er, aller Mittel beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung
aufwenden konnte. Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl
eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen.
Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein weicher dunkelgrüner
Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur
Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort
aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde
angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer
Zither und zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als
ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten,
nichts Böses gegen ihn im Sinne haben könnten, und er folgte also ohne
Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, als sie seine Bande gelöst
hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in ein Zelt, das
größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich aufgeputzt
war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche,
übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben
verraten; hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß
ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war häßlich, seine Haut
schwarzbraun und glänzend, und ein widriger Zug von tückischer
Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhaßt. Obgleich
sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch
Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und
die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. „Wo
ist der Starke?“ fragten sie den Kleinen.
„Er ist auf der kleinen Jagd“, antwortete jener, „aber er hat mir
aufgetragen, seine Stelle zu versehen.“
„Das hat er nicht gescheit gemacht“, entgegnete einer der Räuber, „denn
es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen soll,
und das weiß der Starke besser als du.“
Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang
aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen,
denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er
aber sah, daß seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen
(und wahrlich! Die anderen blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt
von ihrem Streit erdröhnte. Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes
auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann, jung und schön wie
ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen waren, außer einem
reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach;
aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht
einzuflößen.
„Wer ist’s, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?“ rief er
den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich
erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es
gegangen sei. Da schien sich das Gesicht „des Starken“, wie sie ihn
nannten, vor Zorn zu röten. „Wann hätte ich dich je an meine Stelle
gesetzt, Hassan?“ schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu.
Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel
kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttüre zu. Ein
hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen
sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog.
Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor
den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte.
„Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.“
Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: „Bassa von
Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan
stehst.“
Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und
antwortete: „O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer
Unglücklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!“
Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber
sprach: „Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will
die Leute vorführen, die dich wohl kennen.“ Er befahl, Zuleima
vorzufahren. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage,
ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne,
antwortete: „Jawohl!“ Und sie schwöre es beim Grab des Propheten, es
sei der Bassa und kein anderer.
„Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!“
begann zürnend der Starke. „Du bist mir zu elend, als daß ich meinen
guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines
Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch
die Wälder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von
Sulieika!“
Da sank meinem armen Bruder der Mut. „Das ist der Fluch meines harten
Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt“, rief er weinend, „und
auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!“
„Deine Verstellung hilft dir nichts“, sprach einer der Räuber, indem er
ihm die Hände auf den Rücken band, „mach, daß du aus dem Zelte kommst!
Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch.
Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!“
Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten,
begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben.
Sie traten mit ihm ein. „Hier bringen wir den Bassa, wie du uns
befohlen hast“, sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster
des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder
Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die Ähnlichkeit
auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Gesicht und
hatte einen schwärzeren Bart.
Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten
Gefangenen. „Wer von euch ist denn der Rechte?“ sprach er, indem er
bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah.
„Wenn du den Bassa von Sulieika meinst“, antwortete in stolzem Ton der
Gefangene, „der bin ich!“ Der Starke sah ihn lange mit seinem ernsten,
furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa wegzuführen.
Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine
Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen.
„Es tut mir leid, Fremdling“, sagte er, „daß ich dich für jenes
Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels
zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes
Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.“ Mein Bruder
bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen,
weil jeder Aufschub ihm verderblich werden könne. Der Starke erkundigte
sich nach seinen eiligen Geschäften, und als ihm Mustapha alles erzählt
hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in seinem Zelt zu bleiben, er
und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden Tag aber wolle er
ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach Balsora
bringe—Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und schlief
sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers.
Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang
des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem
Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören
schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der
Kleine dringend den anderen aufforderte, den Fremden zu töten, weil er,
wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte.
Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die
Ursache war, daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien
sich einige Augenblicke zu besinnen. „Nein“, sprach er, „er ist mein
Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht
aus, als ob er uns verraten wollte.“
Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein.
„Friede sei mit dir, Mustapha!“ sprach er, „laß uns den Morgentrunk
kosten, und rüste dich dann zum Aufbruch!“ Er reichte meinem Bruder
einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die
Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war,
schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken
und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte. Der
Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den sie auf der Jagd
gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in seinem
Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer
tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern
aufhängen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute
noch müsse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen
einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu
sein.
Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem
Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: „Mustapha, du
bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden;
ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und
gehört hast. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich
bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du
Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich will eilen, dir
beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner Reise
brauchen.“ Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er nahm den
Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch
einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit
Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr
werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und
erschrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der
Beutel enthielt eine Menge Gold. Er dankte Allah für seine Rettung,
empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes
weiter auf seinem Wege nach Balsora.
Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. „Nein,
wenn es so ist“, sprach dieser, „so verbessere ich gern mein Urteil von
Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.“
„Er hat getan wie ein braver Muselmann“, rief Muley; „aber ich hoffe,
du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich
bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder
erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit
hat.“
„Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter“,
entgegnete Lezah, „denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings
abenteuerlich und wundervoll.“
Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die
Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war,
fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde,
anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu
spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, daß er
viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien
zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schönheit, daß sie die Augen
aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie
gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem so hohen
Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe
scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es
blieb ihm kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte.
Auch erfuhr er, daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig
Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher,
aber schon ältlicher Mann, der früher Kapudan-Bassa des Großherrn
gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe
gesetzt habe.