einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.—Richtig! Dreimal gen
Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir.
Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!“
Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem
Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die
Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar,
der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor!
Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen
gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche
Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln
und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper
bedeckten weiche Federn.
„Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach nach langem
Erstaunen der Kalif. „Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in
meinem Leben nicht gesehen.“ „Danke untertänigst“, erwiderte der
Großwesir, indem er sich bückte, „aber wenn ich es wagen darf, möchte
ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus
denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere
Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch
können.“
Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit
dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den
ersten Storch zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre
Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:
„Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“
„Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines
Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig
oder ein Froschschenkelein?“
„Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen
etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines
Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.“
Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch
das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber
in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig
dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein
unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie
sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst
wieder: „Das war einmal ein Spaß“, rief er, „der nicht mit Gold zu
bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben
verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!“
Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der
Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen
mit. „Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein
Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’
es nicht heraus.“
„Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu—mu—mu—“
Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre
Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war
ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich
auch sein Wesir mu—mu dazu rief, jede Erinnerung daran war
verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben
Störche.
Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar
nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut
konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht,
um sich zu erkennen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß
er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die
Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben?
So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von
Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut
verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens
keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich
den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage
war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von
Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.
In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den
Straßen; aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie
auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen
prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem
goldbestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd,
umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle
schrien: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“
Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und
der Kalif Chasid sprach: „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin,
Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen
Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber
noch gebe ich die Hoffnung nicht auf—Komm mit mir, du treuer Gefährte
meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht,
daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.“
Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina
zu.
Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden
Störche hatten noch wenig Übung. „O Herr“, ächzte nach ein paar Stunden
der Großwesir, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus;
Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl,
ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.“
Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine
Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie
dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten,
schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter
den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten
waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein
Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen
zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. „Herr und
Gebieter“, flüsterte er leise, „wenn es nur nicht töricht für einen
Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespenstern
zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es
ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch
stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem
Menschen als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er
der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte
ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in
neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem
auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit
Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war
er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er
deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem
Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.
In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster
spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen.
Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer
Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie
aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen
war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte
sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem
größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch:
„Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner
Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist
mir einst prophezeit worden!“
Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich
mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche
Stellung und sprach: „Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben,
eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß
durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere
Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“ Die
Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogleich tat.
Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie
ihm und sagte: „Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht
weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien,
ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer
Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er
kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen
Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die
Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer anderen
Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem
Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave
verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt
verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief
mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:
,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an
dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser
schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und
deinem stolzen Vater.‘
Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als
Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den
Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich
bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies
Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.“
Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen
aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.
Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken
versunken. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „so findet
zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde
ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“
Die Eule antwortete ihm: „O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir
einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit
worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich
wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.“ Der Kalif war sehr
erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. „Der Zauberer, der uns
beide unglücklich gemacht hat“, sagte sie, „kommt alle Monate einmal in
diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er
dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort
belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke;
vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt,
ausspricht.“
„O, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag an, wann kommt er, und
wo ist der Saal?“
Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: „Nehmet es nicht
ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch
erfüllen.“
„Sprich aus! Sprich aus!“ schrie Chasid. „Befiehl, es ist mir jede
recht.“
„Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur
geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.“
Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der
Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.
„Großwesir“, sprach vor der Türe der Kalif, „das ist ein dummer Handel;
aber Ihr könntet sie schon nehmen.“
„So“, antwortete dieser, „daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause
komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid
noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen
Prinzessin die Hand geben.“
„Das ist es eben“, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel
hängen ließ, „wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt
eine Katze im Sack kaufen!“
Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der
Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten
wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die
Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren
Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die
Zauberer sich versammeln würden.
Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu
führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte
ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als
sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu
verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen
großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und
prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des
Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und
ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf
welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche
jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein
Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen.
Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines
Wesirs.
„Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“ fragte ihn ein
anderer Zauberer. „Ein recht schweres lateinisches, es heißt mutabor.“
Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden
beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem
Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der
Kalif gerührt zu der Eule: „Retterin meines Lebens und des Lebens
meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan,
mich zum Gemahl an!“ Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal
bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben
hinter dem Gebirge heraufstieg: „Mutabor!“ riefen sie, im Nu waren sie
verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen
Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen.
Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne
Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem
Kalifen die Hand. „Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ sagte sie.
Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt.
Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen
Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen
Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig
war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte
die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot
ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten
Herrscher wiederzuhaben.
Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen
in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen.
Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die
Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem
Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der
Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere
wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das
Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch. Der Kalif ließ
ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen.
Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin;
seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir
nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem
Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich
herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg
dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte,
wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich
vergeblich nach Osten geneigt und Mu—Mu—dazu gerufen habe. Für die Frau
Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große
Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und
Mu—Mu—schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was vor
der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau
Kalifin mitteilen.
Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er
die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir
könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten
waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die
Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie
herangezogen war, auf den Weg.
Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am
Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich
an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich
zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr
wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken,
ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er
zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon
heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist
hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann
wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern
einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns
auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele
Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“
Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im
Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich
fing er an zu sprechen:
„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“
Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Wilhelm Hauff
Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch
reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus
Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht
und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen
konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste größere
Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend
Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher
wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen hernach lief
die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter
mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber
dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein
Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu
probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet.
Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das
Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt.
Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als
uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches
Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht
genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel
einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen,
war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen
des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir
vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes
Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich
mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte.
Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. „Mein Schiff
ist verloren“, rief er, „dort segelt der Tod!“
Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte,
stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. „Habt ihr ihn
gesehen?“ schrien sie. „Jetzt ist’s mit uns vorbei!“
Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte
sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der
Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb
sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten
Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als ein
Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein
Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu
regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir
versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an.
Aber mit dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in
welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner
Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich
aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners,
der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen
hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr
zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes
Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen,
erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns
vorbeifuhr und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte.
Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe. Die Äußerung des
Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt hatte, das öde Aussehen des
Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir
schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges
Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll
erhalten hatte.
Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und
Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es.
Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem
Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran.
Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als
ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig bis
dreißig Leichname in türkischen Kleidern lagen auf dem Boden, am
mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in der
Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging ein
großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot.
Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war
auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick
des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele
schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der
Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten. Bei
jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch
Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit und
breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu
sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano
möchte seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten
möchte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe
gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort
halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken
zu äußern.