Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Wilhelm Hauff
Inhalt
Märchen als Almanach
Die Karawane (Rahmenerzählung)
Die Geschichte vom Kalif Storch
Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Die Geschichte von der abgehauenen Hand
Die Errettung Fatmes
Die Geschichte von dem kleinen Muck
Das Märchen vom falschen Prinzen
Märchen als Almanach
Wilhelm Hauff
In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die
Sonne in seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von
Anfang an bis heute die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete
diese seit vielen Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen
und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der
Königin war aber zu groß, als daß sie mit ihren Wohltaten bei ihrem
Lande stehen geblieben wäre; sie selbst, im königlichen Schmuck ihrer
ewigen Jugend und Schönheit, stieg herab auf die Erde; denn sie hatte
gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst,
unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die schönsten Gaben
aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch die
Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der
Arbeit, heiter in ihrem Ernst.
Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche
Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam
Märchen, die älteste Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die
Mutter bemerkte, daß Märchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr
bedünken, als ob sie verweinte Augen hätte.
„Was hast du, liebes Märchen“, sprach die Königin zu ihr, „du bist seit
deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter
nicht anvertrauen, was dir fehlt?“
„Ach, liebe Mutter“, antwortete Märchen, „ich hätte gewiß nicht so
lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der
deinige ist.“
„Sprich immer, meine Tochter“, bat die schöne Königin, „der Gram ist
ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht
aus dem Wege.“
„Du willst es“, antwortete Märchen, „so höre: Du weißt, wie gerne ich
mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor
seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu
verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum
Gruß, wenn ich kam, und sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich
weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!“
„Armes Märchen!“ sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, die
von einer Träne feucht war, „aber du bildest dir vielleicht dies alles
nur ein?“
„Glaube mir, ich fühle es nur zu gut“, entgegnete Märchen, „sie lieben
mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke;
nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch
immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken
zu.“
Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
„Und woher soll es denn“, fragte die Königin, „kommen, Märchen, daß
sich die Leute da unten so geändert haben?“
„Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus
deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern
und prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so
erheben sie ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn
doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar
keine Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es
meine Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen sie auf die Erde
hinab, fragen nichts nach jenen klugen Männern, besuchen die
schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt
und das Auge erfreut!“
„Deine Brüder sind Leichtfüße“, sagte die Königin, „und du, mein
Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne
ich übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
geradewegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchstens von
einem Berge zu uns herübergeschaut.“
„Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten“,
weinte Märchen. „Ach, wenn du wüßtest, wie sie es mit mir gemacht
haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das
nächste Mal gar nicht mehr hereinzulassen.“ „Wie, meine Tochter nicht
mehr einzulassen?“ rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. „Aber
ich sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!“
„Die Mode? Nicht möglich!“ rief Märchen, „sie tat ja sonst immer so
freundlich.“
„Oh! Ich kenne sie, die Falsche“, antwortete die Königin, „aber
versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will,
darf nicht rasten.“
„Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich
verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und
verachtet in der Ecke stehen lassen?“
„Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende
dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende
ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich
bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und
geküßt und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl,
sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt,
wie sie nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens, wenn meine
glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hände
zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch,
ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die
wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu
ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und
glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des
Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.“
„O die guten Kinder!“ rief Märchen bewegt aus. „Ja, es sei! Mit ihnen
will ich es noch einmal versuchen.“
„Ja, du gute Tochter“, sprach die Königin, „gehe zu ihnen; aber ich
will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen
gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand
eines Almanachs will ich dir geben.“
„Eines Almanachs, Mutter? Ach!—Ich schäme mich, so vor den Leuten zu
prangen.“
Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand
eines Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren
eingewoben.
Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr
goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber
betrachtete es mit Wohlgefallen und schloß es in ihre Arme. „Gehe hin“,
sprach sie zu der Kleinen, „mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich
verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere
Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.“
Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die
Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter
hauseten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand
enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.
„Halt!“ rief eine tiefe, rauhe Stimme. „Wache heraus! Da kommt ein
neuer Almanach!“
Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von
finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der
Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt
auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn. „Nur auch den Kopf
aufgerichtet, Herr Almanach“, schrie er, „daß man Ihm in den Augen
ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!“
Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das
dunkle Auge auf.
„Das Märchen!“ riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, „das
Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen
Rock?“
„Die Mutter hat ihn mir angezogen“, antwortete Märchen. „So? Sie will
dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du
fortkommst!“ riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen
Federn.
„Aber ich will ja nur zu den Kindern“, bat Märchen, „dies könnt ihr mir
ja doch erlauben.“
„Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?“ rief einer
der Wächter. „Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.“
„Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß!“ sprach ein anderer.
„Nun ja“, riefen sie, „sag an, was du weißt, aber beeile dich, denn wir
haben nicht viele Zeit für dich!“
Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele
Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen;
Karawanen mit schönen Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand
der Wüste; Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und
volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie
alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber.
Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ,
nicht bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen
waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher
Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. „Siehe her, gutes Märchen“,
sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, „für diese sind deine
bunten Sachen nichts; schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann
nicht, daß du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt
deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern führen; in meinem
Hause geb’ ich dir ein stilles, freundliches Plätzchen; dort kannst du
wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut
gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir
zuhören. Willst du so?“
„Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich
mich befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!“
Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der
schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als
sie hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor.
Die Karawane
Wilhelm Hauff
Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren
Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in
weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der
Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre
Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen
und helleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem
Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein
schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem
hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des
Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus,
und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban,
reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten
Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit
reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht
gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen
hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing,
gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.
Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane
nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an
der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis,
einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter
des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen
entgegenstreckten.
„Was wollt ihr“, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen
sah, „glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?“
Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer
aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.
„Wer ist der Herr der Karawane?“ fragte der Reiter.
„Sie gehört nicht einem Herrn“, antwortete der Gefragte, „sondern es
sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir
durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden
beunruhigt.“
„So führt mich zu den Kaufleuten“, begehrte der Fremde.
„Das kann jetzt nicht geschehen“, antwortete der Führer, „weil wir ohne
Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine
Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten,
bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch
willfahren.“
Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am
Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu
rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser
wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht,
ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich er auch ein
Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das: „Ihr raucht da
einen guten Tabak“, oder: „Euer Rapp’ hat einen braven Schritt“, immer
nur mit einem kurzen „Ja, ja!“ geantwortet.
Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten
wollte. Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er
selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen.
Dreißig Kamele, schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern
geleitet. Nach diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute,
denen die Karawane gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem
Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als
die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele
und Packpferde schloß den Zug.
Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings
umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug.
Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den
Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf
goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise
und Getränke. „Wen bringt Ihr uns da?“ rief der junge Kaufmann dem
Führer zu.
Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: „Ich heiße
Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka
von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich
aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken
eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an.
Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren
Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde
ich eure Güte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des
Großwesirs.“
Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: „Selim Baruch“, sprach er,
„sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir
beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.“
Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen.
Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten
lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange
schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen
und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die
Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen:
„So sitzen wir seit drei Tagen“, sprach er, „zu Pferd und am Tisch,
ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig
Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder
Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das uns
die Zeit vertreibt?“
Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft
nachzusinnen, der Fremde aber sprach: „Wenn es mir erlaubt ist, will
ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte
einer von uns den anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die
Zeit vertreiben.“
„Selim Baruch, du hast wahr gesprochen“, sagte Achmet, der älteste der
Kaufleute, „laßt uns den Vorschlag annehmen.“
„Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt“, sprach Selim, „damit
ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den
Anfang machen.“
Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den
Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder
voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende
Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem
tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über dem Mund weg und
sprach:
„So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.“
Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er
die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir
könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten
waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die
Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie
herangezogen war, auf den Weg.
Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am
Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich
an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich
zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr
wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken,
ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er
zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon
heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist
hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann
wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern
einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns
auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele
Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“
Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im
Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich
fing er an zu sprechen:
„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“
Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder
gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim,
der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und
wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er
uns erquicke nach der Hitze des Tages!“
„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß
machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;
darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos
ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was
sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er
solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er
auch anderen Glaubens ist.“
Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren
Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein
Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine
Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und
Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner
Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst
stimme.
Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr
geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,
von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch
weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch
einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als
andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie
fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den
schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon
trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage
mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt
die Geschichte von der abgehauenen Hand.“
Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt.
Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der
Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief
geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den
Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese
Geschichte.
„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so
edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“
fragte der Fremde.
„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in
denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich
gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem
Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben;
auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“
„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem
Griechen die Hand.
Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat
mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der
Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die
Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der
Entfernung mehrere Reiter zu sehen.
Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der
Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so
gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu
fürchten brauchten.
„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches
Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es,
auf seiner Hut zu sein.“
Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über
diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches
Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf
besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück
in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß,
daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“
„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer
der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler
Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich
Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen
gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer
Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere,
sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm
dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist
der Herr der Wüste.“
Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein
ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um
zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute
berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen
oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute
wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten
das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel
hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das
Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter
werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley
glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das
Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen
gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch
diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen
plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen
Bogen auf der Seite hin.
Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf
die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie
wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene
hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger
Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch
einen Wink bezähmst?“
„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim
Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht;
nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
mächtigem Schutze steht.“
Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die
Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können.
Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne
zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich,
brachen sie auf und zogen weiter.
Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem
Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen
Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler
Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der
Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er
hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester
waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief
mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner
Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm
bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei
Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah
es gewendet hatte.“ Die Errettung Fatmes
Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten
die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren
lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen
Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und
obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch
die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der
Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die
Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet
und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge
lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die
selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht
genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er
gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen
hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also
zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein
rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich
erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil,
wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief
wie vor Kadi und Mufti gebückt.“
Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die
gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten
sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften
Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu
tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu
arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon
mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich:
Das Märchen vom falschen Prinzen.
Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket
el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges
nach Kairo waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und
bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen
entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel
Falch; denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man
von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet
hindurchgezogen ist.
Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von
dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren
Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute
Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der
Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet
habe, zu erscheinen.
Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf
der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und
Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen
Gast zu erwarten.
Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem
Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich
entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll
Entsetzen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jener
schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf
ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die
Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel
mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den
schrecklichsten Stunden seines Lebens.
Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit
diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und
doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene
qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines
Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele
vorüber.
„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die
Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche
schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“
„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm die
Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.
Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden;
denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte
vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;
er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.
„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt
hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte schweigen und
mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir
Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin,
daß du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du
sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu
lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich; glaube dieses, mein
Freund, und höre meine Rechtfertigung!
Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin
in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere
Sohn eines alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines
Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in
Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst
einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit
meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über
dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die
Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen,
im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand
nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren
Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt,
desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen
heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster
Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen
Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer
Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war
diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch ihr
Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte
endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in
Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für
meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund
wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie
im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder,
aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige
zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und
Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller
Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein
Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu
verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in
Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte,
nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft
hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer
Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlichsten Mittel
gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet
wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn
langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der
aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden war. So
stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke
beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer
vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer
letzten Stunde in mir angefacht hatte.
In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein
zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem
Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen,
richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und
sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas
auszuführen, das sie mir auftragen würde—Ergriffen von den Worten der
sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen
werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und seine
Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen ihres
Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb in
meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele
geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest
meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu
setzen oder selbst mit unterzugehen.
Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt;
mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher
sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur
geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste
ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah
ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein
unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene
„Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ ließen mich den alten Pietro,
einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt
hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Herrn in
Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien
sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er
seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen
könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf
meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann
in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes
öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben
des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem
Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er
gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so
schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache
unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen
die Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen
wollte, es war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute
vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum
spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft vollbringen könne.
Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den
Gouverneur würde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro
der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe; zugleich schlug er dich
als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache
weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein
Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel.
Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er
hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht,
durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte
darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war
ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer
Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster
Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem
Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von
dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so
konnte ich wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benützt
haben könntest.
Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und
ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz.
Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach
einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man
habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in
banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon
vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch
dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich
der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich
das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als
dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir
deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt
du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit
dir machte.
Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer
nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu
leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir
getan.“
Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick
bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du
unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie
eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von
Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser
Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel
mir das Haus gekauft hattest?“
„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. „Haß gegen
alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders gegen
jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen
Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria,
als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.
Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum
sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und
schloß mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des
französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich
mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren.
Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes
und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe
zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn
wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so
sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht
und Ehrgeiz.“
Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm
nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener
fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und
wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei
ihm zu leben und zu sterben.
Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, „daß
du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten
Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem
Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden
Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag
ist schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend
sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt,
erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das
Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied.
„Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in
meinem Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche.
Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und
sprach: „Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber
Orbasan.“
Kalif Storch
Wilhelm Hauff
Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag
behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war
ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er
rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein
wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal
vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem
Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar
gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war,
deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese
Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich
aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig
aus dem Mund und sprach: „Warum machst du ein so nachdenkliches
Gesicht, Großwesir?“
Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte
sich vor seinem Herrn und antwortete: „Herr, ob ich ein nachdenkliches
Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein
Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel
überflüssiges Geld zu haben.“
Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht
hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer
heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war
ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem
Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte,
Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der
Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte
endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs
aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen
wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch
Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine
Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift,
die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. „Ich bekam einmal diese
zwei Stücke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Straße fand“,
sagte der Krämer, „Ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie
um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.“
Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn
er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den
Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift
enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern
könnte.
„Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der großen
Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle
Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen
Züge.“
Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim“, sprach zu ihm der
Kalif, „Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig
in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so
bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so
bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen,
weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“
Selim verneigte sich und sprach: „Dein Wille geschehe, o Herr!“ Lange
betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: „Das ist
Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.“ „Sag, was drinsteht“,
befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist.“
Selim fing an zu übersetzen: „Mensch, der du dieses findest, preise
Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und
dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und
versteht auch die Sprache der Tiere.
Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er
sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du
verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das
Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.“
Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die
Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem
Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu
seinem Großwesir aber sagte er: „Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor!
Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir;
wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus
meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald
und Feld gesprochen wird!“
Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich
angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen,
auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem
Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen,
zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den
Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten
aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren.
Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo
er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch
ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit
erregt hatten.
Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem
Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch
ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor
sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen
anderen Storch dieser Gegend zuschweben.
„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte der Großwesir, „wenn
nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen
werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“