Anmerkungen zur Transkription
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In diesem Text werden fortlaufend Seitenzahlen aus einem anderen Werk
angegeben. Diese Verweise werden hier am rechten Rand außerhalb des
laufenden Textes wiedergegeben.
Kursive Passagen im Original werden von Unterstrichen umgeben
(_kursiv_), gesperrter Text dagegen von Tilden (~gesperrt~).
Hochgestellte Symbole werden durch ein vorangehendes Caret-Zeichen (^)
repräsentiert; mehrere Zeichen werden dabei in geschweiften Klammern
gruppiert. Tiefgestellte Zeichen werden in geschweifte Klammern gesetzt
und mit Hilfe eines vorangestellten Unterstriches versinnbildlicht.
Die Wortformen, die in einigen Fußnoten einem Wurzelzeichen folgen,
stellen die Wortwurzel der erklärten Begriffe dar. Diese wurden im
Original kursiv gesetzt, in dieser Version werden diese jedoch in
normalem Schriftschnitt beispielhaft folgendermaßen wiedergegeben:
√(ruh).
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert.
Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten, sofern es sich
nicht um offensichtliche Fehler handelt. Der Seitenverweis ‚332‘ wurde
zu ‚233‘ korrigiert; die anderen in den Corrigenda aufgeführten Punkte
wurden aber wie im Original belassen.
Die folgenden Stellen wurden korrigiert:
S. 20: ‚ihr Mönch,‘ → ‚ihr Mönche,‘
S. 55: ‚Sunakkhato‘ → ‚Sunakkhatto‘
S. 253 (Anmerkung): ‚[217]‘ → ‚[127]‘
S. 287 (Anmerkung): ‚[136]‘ → ‚[138]‘
S. 492: ‚Die Nase‘ → ‚die Nase‘
S. 617: ‚.... H‘ → ‚.... = H‘
S. 618: ‚^{13-19}‘ → ‚p. 117 ^{13-19}‘; ‚^{21}‘ → ‚p. 117 ^{21}‘;
‚p. 221 ^7‘ → ‚p. 229 ^7‘; ‚125. ERSTAUNLICHE‘ → ‚123.
ERSTAUNLICHE‘
S. 619: ‚p. 248‘ → ‚p. 248 ^1‘; ‚{18-18}‘ → ‚{18-19}‘
S. 620: ‚7 ^{2-3}‘ → ‚59 ^{2-3}‘; die Anmerkungen ‚195 ^{26-28}‘
und ‚219 ^{23-26}‘ konnten nicht zugeordnet werden.
Anmerkung 171: ‚Simplissimus‘ → ‚Simplicissimus‘
Corrigenda: ‚letzte Zeile‘ → ‚viertletzte Zeile‘
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DIE REDEN
GOTAMO BUDDHOS
AUS DER MITTLEREN
SAMMLUNG MAJJHIMANIKĀYO
DES PĀLI-KANONS
ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT
VON
KARL EUGEN NEUMANN
ZWEITE AUFLAGE
DRITTER BAND
OBERES HALBHUNDERT
MÜNCHEN 1921 * R. PIPER & CO.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1921
BY R. PIPER & CO. / G. M. B. H. / MÜNCHEN
INHALT
Seite
VORREDE IX
DIE MITTLERE SAMMLUNG DER
REDEN GOTAMO BUDDHOS
DRITTER BAND
OBERES HALBHUNDERT
ELFTER THEIL
BUCH DER GÖTTERLACHE
101. Rede: Vor der Götterlache 3
102. „ Die Fünf und die Drei 23
103. „ Vielleicht 34
104. „ Vor Sāmagāmo 41
105. „ Sunakkhatto 54
106. „ Zur Unverstörung 68
107. „ Rechner Moggallāno 74
108. „ Meier Moggallāno 83
109. „ Vollmond (I) 95
110. „ Vollmond (II) 102
ZWÖLFTER THEIL
BUCH DER REIHE
111. Rede: Die Reihe 111
112. „ Sechs erläutern 118
113. „ Ein guter Mensch 129
114. „ Zu betreiben und nicht zu betreiben 145
115. „ Viel der Artungen 161
116. „ Am Seherschlunde 170
117. „ Vierzigmächtig 173
118. „ Bedachtsame Ein- und Ausathmung 182
119. „ Einsicht in den Körper 195
120. „ Unterschiedliche Wiederkehr 209
DREIZEHNTER THEIL
BUCH DER ARMUTH
121. Rede: Armuth (I) 219
122. „ Armuth (II) 227
123. „ Erstaunliche, außerordentliche Eigenschaften 239
124. „ Bakkulo 251
125. „ Rang der Gebändigten 256
126. „ Bhūmijo 271
127. „ Anuruddho 279
128. „ Verschlackung 290
129. „ Der Thor und der Weise 308
130. „ Die Götterboten 324
VIERZEHNTER THEIL
BUCH DER ABZEICHEN
131. Rede: Glücksäligeinsam 341
132. „ Glücksäligeinsam -- Ānando -- 345
133. „ Glücksäligeinsam -- Kaccāno -- 350
134. „ Lomasakaṉgiyo 359
135. „ Kennzeichnung der Werke (I) 362
136. „ Kennzeichnung der Werke (II) 372
137. „ Sechsfachen Gebietes Abzeichen 384
138. „ Des Stämpels Abzeichen 395
139. „ Streitlose Abzeichen 407
140. „ Sechsfacher Artung Abzeichen 418
141. „ Der Wahrheit Abzeichen 433
142. „ Lautere Spende 440
FÜNFZEHNTER THEIL
BUCH DES SECHSFACHEN GEBIETES
143. Rede: Anāthapiṇḍiko 449
144. „ Channo 459
145. „ Puṇṇo 464
146. „ Nandako 469
147. „ Rāhulo 480
148. „ Sechsfache Sechsheit 485
149. „ Mächtige Abzeichen 497
150. „ Die Nagaravinder 503
151. „ Almosenläuterung 509
152. „ Sinnesgewalt 516
ANMERKUNGEN 525
NACHWEISE. Vom Herausgeber 615
REGISTER 621
Zur Aussprache Seite VIII des ersten Bandes.
Die Zahlen am Rande geben die Seiten des siamesischen Textes an.
VORREDE
Der dritte Band der Mittleren Sammlung ergänzt in mehrfacher Hinsicht
die ersten beiden, und diese ihn. Er bestätigt zunächst noch genauer
was in den früheren Vorreden über die Ordenszucht gesagt worden:
dass nämlich eine solche ursprünglich nicht als eigener Kanon
zusammengefasst sondern in den Reden inbegriffen war; Ansprachen wie
z. B. die hundertdritte und hundertvierte lösen wohl jeden billigen
Zweifel. Freilich wird man eine Aufzählung der einzelnen Punkte
vermissen: aber die war, etwa nach dem Muster der siebenundzwanzigsten
oder einundfünfzigsten Rede u. a. m., als _ekantaparipuṇṇam
ekantaparisuddhaṃ saṉkhalikhitam brahmacariyam_ längst gegeben und
allbekannte Basis, bedurfte keiner weiteren Entwickelung.
Ferner mag bemerkt sein, wie gerade in das Obere Halbhundert manche
feinere geistige Beobachtungen und Erläuterungen aufgenommen wurden,
namentlich in die letzten beiden Dekaden: als ob die alten Ordner der
Texte das Zartere und zugleich gern Schwierigere erst gegen Ende hätten
darbieten wollen, nachdem man eine gute Vorschule bereits durchgemacht
hatte. In diesem Sinne könnte man vielleicht mit einiger Berechtigung
sagen, die drei Bände der Mittleren Sammlung stellten der Reihe nach
_vinayo_, _suttam_ und _abhidhammo_ dar: indem das Untere Halbhundert
_Mūlapaṇṇāsam_ gleichsam den Grund legt, das Mittlere Halbhundert
_Majjhimapaṇṇāsam_, meist in Zwiegesprächen, die Säulen emporführt, das
Obere Halbhundert _Uparipaṇṇāsam_ endlich die Kuppel aufsetzt. Doch
darf man so eine mehr bildlich und schematisch geplante Eintheilung
nicht zu ernst nehmen: weil, wie oft betont, jede der Reden als für
sich bestehendes Ganze sich giebt; was die Ordner sehr wohl erkannt und
daher einen systematischen Aufbau nicht beabsichtigt haben.
Es wäre lohnend nun auf wichtigere Einzelheiten von Form und Gehalt
auch dieser letzten fünf Bücher näher einzugehn: etwa auf die
vedischen Grundlagen, wie sie z. B. in der hundertzwanzigsten und
hundertvierzigsten Rede offen zutage treten; oder auf die unverkennbare
geistige Verwandtschaft mit dem ewigen Griechenthume; oder auf die
zahlreichen Urbilder zu unseren eigenen Kunstwerken aus tüchtiger
Zeit, dann zur transscendentalen Philosophie, also recht eigentlich
zu Schopenhauer, dessen Gedanken in den Hauptzügen wirklich erst
die letzte Vollendung erfahren, e. g. in der Lehre vom vollkommenen
Wohlbefinden bei Lebzeiten, und wieder über den klassischen Selbstmord,
hundertvierzigste Rede, passim, bez. hundertvierundvierzigste
in fine; oder auf die so tiefe Einmüthigkeit mit unseren besten
Illuministen, die keine Mystiker sind, insbesondere mit San Francesco
und Meister Eckhart, wie etwa im hundertfünfundvierzigsten Gespräch;
oder auf den donquijoteschen Humor gar mancher Gleichnisse,
wie zumal im hundertsechsundzwanzigsten Bericht; oder auch auf
nebensächliche Ergebnisse, wie z. Th. die geschichtliche Ableitung der
Christologie aus dem hundertdreiundzwanzigsten, der Thebais aus dem
hundertvierundzwanzigsten Stücke, ferner auf beiläufig entdeckbare
_̀Sruti_-Spuren im Lao: alles Dinge von ziemlichem Gewichte zwar,
deren Fächsung aber dem bloßen Uebersetzer kaum zukommen, vielmehr den
Berufenen als reiche Mahd hinterlassen bleiben kann. Sind doch über die
Blüthe und Frucht einiger Jahrzehnte nahezu dritthalb Jahrtausende
des Verfalls, der Zerstörung und üppig aufschießender Verwilderung
dahingegangen bis aus dem Schutte die verborgen fortkeimenden
ungewöhnlichen Gedanken unserer Texte nach und nach wieder dem
entgegenreifenden Verständnisse erschlossen werden. Dieses Verständniss
leise fördern und anbauen und nur gelegentlich obenhin, wie von den
Trümmern der Zinne, auch auf historische Kuriositäten, Paritäten,
Quidditäten etc. herabdeuten wird noch lange Zeiten hindurch der
bescheidene Zweck philologischer Arbeit sein.
Nicht als ob es gälte späterhin Sendboten heranzubilden, den Erdball
rings zu bekehren und, wenn es hoch kommt, noch ein paar Planeten dazu.
Es müsste ja für die meisten empfindsamen Gemüther eine arge Aussicht
sein, wenn this goodly frame, the earth, wie Hamlet bewundernd sagt,
veröden und -- o Graus -- aussterben, etwa in ein far niente der
Ewigkeit, um einen Ausdruck Jean Pauls zu gebrauchen, einmünden sollte,
so da alle Menschen veritable Buddhisten, d. h. leibhaftige Heilige
würden: ein schnackischer Angstschrei, den man hin und wieder, nicht
in Indien, vernimmt; oder wie unser Poeta poetarum mit lächelndem Auge
spricht:
If all were minded so, the times should cease,
And threescore years would make the world away.
Davor brauchen wir, verehrte Anwesende, keine Furcht zu haben. Die
buddhistische Lehre wird ihrer außerordentlichen Dichte wegen in
Wirklichkeit immer doch nur einer kleinen Schaar, immer nur einem oder
dem anderen abseit gegründeten, ungeselligen, beharrlichen Erzgrübler
nicht undurchdringlich erscheinen, nicht lästig und beschwerlich
fallen. Die Hunderte und die Tausende werden sich nach wie vor zu
eigener und fremder Aufklärung mit den astralen Weltproblemen
weiter beschäftigen, die himmlischen Progressionen zu berechnen
suchen, das Ewige und das Zeitliche trennen und versöhnen, Freiheit
und Nothwendigkeit scheiden und verbinden, Geheimwissenschaft und
Gemeinnützigkeit enträthseln und verhäkeln, ganze Realität und halbe
Evolution oder umgekehrte Ethik und Aesthetik sowie Kulturpragmatik
und Religionsphilosophie sub specie professoritatis und verwandte
allerangelegentlichste Fragen, _sabbasāmukkaṃsikā pañhā_, behandeln
und festzustellen hoffen »Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes«,
wie eben die gewöhnlichen Meister und Altmeister, Büßer und Pilger,
Asketen und Priester schon zu Gotamos Zeiten je nach ihrer Art
behauptet, gelehrt, bewiesen, erläutert und ausgelegt haben; von den
Hunderttausenden nicht zu reden, denen die heiligen Fußspuren, Knochen,
Zähne, Nägel, Hostien, Fetische, Inkarnationen, Folklorisierungen u.
s. w. ungekränkt überlassen seien: und auch nicht von den Dutzenden,
denen Abrakadabrahuitzilopochtligelehrsamkeit und Beckmesserpoesie,
oder blaublumige Düfte und faselnde Flöten schon genügen. An einzelne
Wenige aber, die mit den mehr oder minder spröden oder mürben Allotria
nicht recht umzugehn wissen, denen unsere eigenartige Dichte allmälig
ohne Beschwer vertrauter wird, sogar anziehend, einladend, wie beim
gediegenen Golde von selbst verständlich erscheint, oder wie dem Grafen
Russel seine dreißig Jahre inniger Lauterkeit an den höchsten Gipfeln
der Pyrenæen, ist heute wie einst ein oft wiederholter Nachhall im
vorletzten Buche, der Spruch vom »Stillen Denker« gerichtet.
~Wien~, Anfang April 1901.
KARL EUGEN NEUMANN.
ELFTER THEIL
BUCH DER GÖTTERLACHE
101.
Elfter Theil Erste Rede
VOR DER GÖTTERLACHE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande 1
der Sakker, bei der Götterlache[1], wie eine Burg im Gebiete
der Sakker heißt. Dort nun wandte sich der Erhabene an die
Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene
Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Es giebt, ihr Mönche, manche Asketen und Priester, die
sagen und lehren: ›Was immer auch ein Mensch empfindet,
sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch Wohl, all das
ist vorhergewirkt[2]: so findet durch Büßung und Tilgung
alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles
Leid überstanden sein.‹ Das behaupten, ihr Mönche, die Freien
Brüder. Auf diese Behauptung, ihr Mönche, trat ich zu den 2
Freien Brüdern heran und sprach also: ›Wirklich denn, liebe
Freie Brüder, habt ihr die Meinung, habt ihr die Ansicht:
‚Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘?‹ Da
mir nun, Mönche, die Freien Brüder diese Frage mit ›Ja‹
beantworteten, sagt’ ich ferner zu ihnen: ›So wisset ihr wohl,
liebe Freie Brüder: ‚Wir sind schon ehedem gewesen, nicht sind
wir nicht gewesen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir haben schon
ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos geblieben‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr etwa, liebe Freie Brüder: ‚Ein Stück Leiden
ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr vielleicht, liebe Freie Brüder, wie man noch
bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das Rechte gewinnen
kann?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, ihr wisst nicht ‚Wir 3
sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘,
wisst nicht ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind
nicht schuldlos geblieben‘, wisst nicht ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘, wisst nicht ‚Ein Stück Leiden ist
überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘, wisst nicht, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche
verleugnen und das Rechte gewinnen kann: ist es also, kann
es den ehrwürdigen Freien Brüdern nicht geziemen zu erklären
‚Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘. Wenn
ihr freilich, liebe Freie Brüder, wüsstet ‚Wir sind schon
ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘, wüsstet ‚Wir
haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos
geblieben‘, wüsstet ‚Diese und jene böse That haben wir
begangen‘, wüsstet ‚Ein Stück Leiden ist überstanden,
ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück Leiden
überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘, wüsstet,
wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das
Rechte gewinnen kann: wär’ es also, könnt’ es den ehrwürdigen
Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein 4
Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe
noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein‘.
›Gleichwie etwa, liebe Freie Brüder, wenn ein Mann von einem
Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen
wurde[3]: da empfände er durch die Schärfe des Pfeiles
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und seine
Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm einen
heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm
mit einem Messer die Mündung der Wunde auf: da empfände er
durch das Aufschneiden der Mündung der Wunde mit dem Messer
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der heilkundige
Arzt suchte mit einer Sonde bei ihm nach der Spitze: da
empfände er durch das Suchen der Spitze mit der Sonde
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der heilkundige
Arzt zöge ihm die Spitze heraus: da empfände er durch das
Herausziehn der Spitze schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle. Und der heilkundige Arzt senkte ihm Gegengift und
einen glühenden Stahl in die Wunde: da empfände er durch das
Gegengift und den glühenden Stahl in der Wunde schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle. Und nach einiger Zeit wüchse
die Wunde zu und vernarbte, und er wäre genesen, fühlte sich
wohl, unabhängig, selbständig, könnte gehn wohin er wollte.
Da gedächte er: ‚Ich war früher von einem Pfeile getroffen 5
worden, dessen Spitze mit Gift bestrichen: da empfand ich durch
die Schärfe des Pfeiles schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle. Und meine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern
bestellten mir einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige
Arzt schnitt mir mit einem Messer die Mündung der Wunde auf:
da empfand ich durch das Aufschneiden der Mündung der Wunde
mit dem Messer schmerzliche, brennende, stechende Gefühle.
Und der heilkundige Arzt suchte mit einer Sonde bei mir nach
der Spitze: da empfand ich durch das Suchen der Spitze mit
der Sonde schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Und der
heilkundige Arzt zog mir die Spitze heraus: da empfand ich
durch das Herausziehn der Spitze schmerzliche, brennende,
stechende Gefühle. Und der heilkundige Arzt senkte mir
Gegengift und einen glühenden Stahl in die Wunde: da empfand
ich durch das Gegengift und den glühenden Stahl in der Wunde
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Jetzt aber ist die
Wunde zugewachsen und vernarbt, und ich bin genesen, fühle mich
wohl, unabhängig, selbständig, kann gehn wohin ich will‘:
›Ebenso nun auch, liebe Freie Brüder, wenn ihr wüsstet ‚Wir
sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘,
wüsstet ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht
schuldlos geblieben‘, wüsstet ‚Diese und jene böse That haben
wir begangen‘, wüsstet ‚Ein Stück Leiden ist überstanden,
ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück Leiden
überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘, wüsstet,
wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das
Rechte gewinnen kann: wär’ es also, könnt’ es den ehrwürdigen
Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein Mensch
empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch
Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung und 6
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Weil ihr nun aber, liebe Freie Brüder, nicht
wisst ‚Wir sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht
gewesen‘, nicht wisst ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan,
wir sind nicht schuldlos geblieben‘, nicht wisst ‚Diese und
jene böse That haben wir begangen‘, nicht wisst ‚Ein Stück
Leiden ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber
ein Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘, nicht wisst, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche
verleugnen und das Rechte gewinnen kann: darum kann es den
ehrwürdigen Freien Brüdern nicht geziemen zu erklären ‚Was
immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘.‹
»Also angeredet, ihr Mönche, sprachen die Freien Brüder zu mir:
›Der Freie Bruder Nāthaputto, Lieber, weiß alles, versteht
alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’
oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte
Wissensklarheit gegenwärtig.‘ Und er sagt: ‚Ihr habt da,
Freie Brüder, ehedem Böses gethan; das büßt ihr durch diese
bittere Schmerzensaskese ab. Denn weil ihr jetzt in dieser
Zeit Thaten, Worte und Gedanken bezwinget, lasset ihr Böses
ferner nicht mehr aufkommen. So findet durch Büßung und
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet, kommt es 7
zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung zur
Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Das aber leuchtet uns ein, und wir billigen
es und geben uns damit zufrieden.‹
»Auf diese Worte, ihr Mönche, sagte ich zu den Freien Brüdern:
›Fünf Dinge giebt es, liebe Freie Brüder, die schon im Leben
zweierlei Ausgang haben: welche fünf? Vertrauen, Hingabe,
Hörensagen, prüfendes Urtheil, geduldig Einsicht nehmen. Das
sind, liebe Freie Brüder, fünf Dinge, die schon im Leben
zweierlei Ausgang haben. Was haben nun die ehrwürdigen Freien
Brüder bisher für Vertrauen zum Meister gehabt, was für
Hingabe, was haben sie gehört, was prüfend beurtheilt, wie
geduldig Einsicht genommen?‹
»Auf diese Frage, ihr Mönche, konnte ich von den Freien Brüdern
keinerlei entsprechende Antwort erhalten, und ferner nun sprach
ich, ihr Mönche, zu den Freien Brüdern also:
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: zu einer Zeit wo ihr
euch heftig anstrengt, heftig abmüht, kommen euch zu einer
solchen Zeit heftige, schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle an? Und wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig
anstrengt, nicht heftig abmüht, kommen euch zu einer solchen
Zeit keine heftigen, schmerzlichen, brennenden, stechenden
Gefühle an?‹
›Zu einer Zeit, Bruder Gotamo, wo wir uns heftig anstrengen,
heftig abmühen, zu einer solchen Zeit kommen uns heftige,
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle an: und wieder zu
einer Zeit wo wir uns nicht heftig anstrengen, nicht heftig
abmühen, zu einer solchen Zeit kommen uns keine heftigen,
schmerzlichen, brennenden, stechenden Gefühle an.‹
›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder: zu einer Zeit wo ihr
euch heftig anstrengt, heftig abmüht, zu einer solchen Zeit
kommen euch heftige, schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle an: und wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig
anstrengt, nicht heftig abmüht, zu einer solchen Zeit kommen
euch keine heftigen, schmerzlichen, brennenden, stechenden
Gefühle an; ist es also, kann es da den ehrwürdigen Freien
Brüdern geziemen zu erklären ‚Was immer auch ein Mensch
empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch
Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung und
Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss
mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles
Leid überstanden sein‘? Wenn da, liebe Freie Brüder, zu
einer Zeit wo ihr euch heftig anstrengt, heftig abmüht, zu
einer solchen Zeit die heftigen, schmerzlichen, brennenden,
stechenden Gefühle eben aufhörten: und wieder zu einer Zeit
wo ihr euch nicht heftig anstrengt, nicht heftig abmüht, zu
einer solchen Zeit die heftigen, schmerzlichen, brennenden,
stechenden Gefühle eben nicht aufhörten; wär’ es also, könnt’
es den ehrwürdigen Freien Brüdern geziemen zu erklären ‚Was
immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe,
oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so
findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer
Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein
Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung,
durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch
die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der 9
Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein.‘ Weil nun
aber, liebe Freie Brüder, zu einer Zeit wo ihr euch heftig
anstrengt, heftig abmüht, zu einer solchen Zeit euch heftige,
schmerzliche, brennende, stechende Gefühle ankommen: und
wieder zu einer Zeit wo ihr euch nicht heftig anstrengt, nicht
heftig abmüht, zu einer solchen Zeit euch keine heftigen,
schmerzlichen, brennenden, stechenden Gefühle ankommen, so
bringt ihr da, während euch eben heftige, schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle ankommen, ohne es zu wissen, ohne
es einzusehn, unsinnig die Behauptung vor ‚Was immer auch ein
Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe
noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘‹
»Auch auf diese Worte, ihr Mönche, konnte ich von den Freien
Brüdern keinerlei entsprechende Antwort erhalten, und ferner
nun sprach ich, ihr Mönche, zu den Freien Brüdern also:
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als diesseitig empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
jenseitig empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Und wieder, dass da eine That, die als jenseitig empfunden
wird, durch eifrige Anstrengung als diesseitig empfunden werden
soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die 10
als Wohl empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als Wehe
empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Und wieder, dass da eine That, die als Wehe empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung als Wohl empfunden werden soll, kann
so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als ausgereift empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
unausgereift empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Und wieder, dass da eine That, die als unausgereift empfunden
wird, durch eifrige Anstrengung als ausgereift empfunden werden
soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That, die
als sehr schmerzlich empfunden wird, durch eifrige Anstrengung
als wenig schmerzlich empfunden werden soll, kann so etwas
gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Und wieder, dass da eine That, die als wenig schmerzlich
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als sehr schmerzlich
empfunden werden soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Was meint ihr wohl, liebe Freie Brüder: dass da eine That,
die empfunden wird, durch eifrige Anstrengung nicht empfunden
werden soll, kann so etwas gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›Und wieder, dass da eine That, die nicht empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung empfunden werden soll, kann so etwas
gelingen?‹
›Das nicht, o Bruder!‹
›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, dass da eine That, die
als diesseitig empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
jenseitig empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; und
dass da eine That, die als jenseitig empfunden wird, durch
eifrige Anstrengung als diesseitig empfunden werden soll,
das kann nicht gelingen; dass da eine That, die als Wohl
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als Wehe empfunden 11
werden soll, das kann nicht gelingen; und dass da eine That,
die als Wehe empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als
Wohl empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; dass da
eine That, die als ausgereift empfunden wird, durch eifrige
Anstrengung als unausgereift empfunden werden soll, das kann
nicht gelingen; und dass da eine That, die als unausgereift
empfunden wird, durch eifrige Anstrengung als ausgereift
empfunden werden soll, das kann nicht gelingen; dass da
eine That, die als sehr schmerzlich empfunden wird, durch
eifrige Anstrengung als wenig schmerzlich empfunden werden
soll, das kann nicht gelingen; und dass da eine That, die als
wenig schmerzlich empfunden wird, durch eifrige Anstrengung
als sehr schmerzlich empfunden werden soll, das kann nicht
gelingen; dass da eine That, die empfunden wird, durch eifrige
Anstrengung nicht empfunden werden soll, das kann nicht
gelingen; und dass da eine That, die nicht empfunden wird,
durch eifrige Anstrengung empfunden werden soll, das kann
nicht gelingen. Ist es also, ist der ehrwürdigen Freien Brüder
Anstrengung fruchtlos, fruchtlos die Mühe.‹
»Solche Sprache führen, ihr Mönche, die Freien Brüder. Bei
solcher Sprache der Freien Brüder, ihr Mönche, erweisen sich
zehn entsprechende Begriffe ihrer Annahme nach als unrecht.
»Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk
Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, haben die Freien
Brüder ehedem Missethat gethan, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und Wehe
erfahren, dann, ihr Mönche, sind die Freien Brüder von einem
bösen Schöpfer geschaffen, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe erfahren, dann, 12
ihr Mönche, haben die Freien Brüder einen schlimmen Zufall
getroffen, da sie jetzt so schmerzliche, brennende, stechende
Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die Wesen ihrer Geburt
nach Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, sind die
Freien Brüder von übler Geburt, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Wenn, ihr Mönche, die
Wesen durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe
erfahren, dann, ihr Mönche, ist die Anstrengung der Freien
Brüder hier im Leben misslungen, da sie jetzt so schmerzliche,
brennende, stechende Gefühle erfahren. Ob nun, ihr Mönche, die
Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl und Wehe erfahren oder
nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun, ihr Mönche,
die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren
oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht. Ob nun, ihr
Mönche, die Wesen durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und
Wehe erfahren oder nicht: die Freien Brüder haben unrecht.
»Solche Sprache führen, ihr Mönche, die Freien Brüder. Bei
solcher Sprache der Freien Brüder, ihr Mönche, erweisen sich
diese zehn entsprechenden Begriffe ihrer Annahme nach als
unrecht. So aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtlos,
fruchtlos die Mühe.
»Wie aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar, fruchtbar
die Mühe? Da lässt, ihr Mönche, ein Mönch sein unüberwältigtes 13
Gemüth eben nicht von Leiden überwältigen, und ein wahrhaftes
Wohlbefinden verleugnet er nicht, und er bleibt bei diesem
Wohlbefinden unverstört. Er gedenkt bei sich: ›Indem ich mir
jener Leidensursache Vorstellung gegenwärtig halte, wird durch
der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwunden; indem ich wieder
betrachtend die Betrachtung über jene Leidensursache in mir
vollende, wird die Liebe verwunden.‹ So hält er sich denn, wo
er beim Gegenwärtighalten der Vorstellung einer Leidensursache
durch der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwindet, die
Vorstellung da gegenwärtig; und wo er wieder betrachtend, die
Betrachtung über eine Leidensursache vollendend die Liebe
verwindet, da vollendet er die Betrachtung. Weil er dieser und
jener Leidensursache Vorstellung sich gegenwärtig hält und
durch der Vorstellung Gegenwart die Liebe verwindet, hat er
erst also dieses Leiden überstanden; weil er betrachtend, die
Betrachtung über diese und jene Leidensursache vollendend die
Liebe verwindet, hat er dann also dieses Leiden überstanden.
»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann in eine Frau
verliebt, ihr innig zugethan wäre, sie heftig verlangte, heftig
ersehnte. Und er sähe die Frau mit einem anderen Manne stehn
und reden und scherzen und lachen. Was meint ihr wohl, Mönche:
würde da etwa dem Manne, der jene Frau mit einem anderen Manne
stehn und reden und scherzen und lachen sehn hätte, Wehe und
Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung aufsteigen?«
»Freilich, o Herr!«
»Und warum das?«
»Der Mann, o Herr, ist ja in jene Frau verliebt, ihr innig
zugethan, verlangt sie heftig, ersehnt sie heftig: hat er nun
die Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und scherzen
und lachen sehn, so steigt ihm darüber Wehe und Jammer, 14
Schmerz, Gram und Verzweiflung auf.«
»Aber der Mann, ihr Mönche, gedächte bei sich: ›Ich bin in
jene Frau verliebt, ihr innig zugethan, verlange sie heftig,
ersehne sie heftig. Und weil ich jene Frau mit einem anderen
Manne stehn und reden und scherzen und lachen sehn habe, steigt
mir Wehe und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung auf. Wie,
wenn ich nun was da in mir Verlangen und Liebe zu jener Frau
ist verleugnete?‹ Und was da Verlangen und Liebe zu jener Frau
ist, das verleugnete er. Und er sähe die Frau nach einiger
Zeit mit einem anderen Manne stehn und reden und scherzen und
lachen. Was meint ihr wohl, Mönche: würde da etwa dem Manne,
der jene Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und
scherzen und lachen sehn hätte, Wehe und Jammer, Schmerz, Gram
und Verzweiflung aufsteigen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Der Mann, o Herr, ist ja in jene Frau nicht mehr verliebt: hat
er nun die Frau mit einem anderen Manne stehn und reden und
scherzen und lachen sehn, so steigt ihm darüber nicht mehr
Wehe und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung auf.«
»Ebenso nun auch, ihr Mönche, lässt ein Mönch sein
unüberwältigtes Gemüth eben nicht von Leiden überwältigen,
und ein wahrhaftes Wohlbefinden verleugnet er nicht, und
er bleibt bei diesem Wohlbefinden unverstört. Er gedenkt
bei sich: ›Indem ich mir jener Leidensursache Vorstellung
gegenwärtig halte, wird durch der Vorstellung Gegenwart die
Liebe verwunden; indem ich wieder betrachtend die Betrachtung
über jene Leidensursache in mir vollende, wird die Liebe 15
verwunden.‹ So hält er sich denn, wo er beim Gegenwärtighalten
der Vorstellung einer Leidensursache durch der Vorstellung
Gegenwart die Liebe verwindet, die Vorstellung da gegenwärtig;
und wo er wieder betrachtend, die Betrachtung über eine
Leidensursache vollendend die Liebe verwindet, da vollendet
er die Betrachtung. Weil er dieser und jener Leidensursache
Vorstellung sich gegenwärtig hält und durch der Vorstellung
Gegenwart die Liebe verwindet, hat er erst also dieses Leiden
überstanden; weil er betrachtend, die Betrachtung über diese
und jene Leidensursache vollendend die Liebe verwindet, hat er
dann also dieses Leiden überstanden. Und so ist, ihr Mönche,
die Anstrengung fruchtbar, fruchtbar die Mühe.
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der Mönch also: ›Bin ich
da froh zufrieden, so mehren sich mir die unheilsamen Dinge
und mindern sich die heilsamen; halt’ ich mir aber das Leiden
gegenwärtig, so mindern sich mir die unheilsamen Dinge und
mehren sich die heilsamen. Wie, wenn ich mir nun das Leiden
gegenwärtig hielte?‹ Und er hält sich das Leiden gegenwärtig.
Und indem er sich das Leiden gegenwärtig hält, mindern sich
ihm die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen. Und
späterhin hält er sich das Leiden nicht mehr gegenwärtig. Und
warum nicht? Warum da, ihr Mönche, der Mönch sich das Leiden
gegenwärtig halten mochte, diesen Zweck hat er erreicht: darum
hält er sich späterhin das Leiden nicht mehr gegenwärtig.
»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Pfeilschmidt die Pfeilspitze
zwischen zwei Flammen anglühen und durchglühen lässt und
gerade macht zum Gebrauche; nachdem nun, ihr Mönche, der
Pfeilschmidt die Pfeilspitze zwischen zwei Flammen hat anglühen 16
und durchglühen lassen und zum Gebrauche gerade gemacht, so
thut er es späterhin nicht mehr: und warum nicht? Warum da, ihr
Mönche, der Pfeilschmidt die Pfeilspitze zwischen zwei Flammen
mochte anglühen und durchglühen lassen und gerade machen zum
Gebrauche, diesen Zweck hat er erreicht: darum thut er es
späterhin nicht mehr. Ebenso nun auch, ihr Mönche, überlegt
der Mönch also: ›Bin ich da froh zufrieden, so mehren sich mir
die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen; halt’
ich mir aber das Leiden gegenwärtig, so mindern sich mir die
unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen. Wie, wenn ich
mir nun das Leiden gegenwärtig hielte?‹ Und er hält sich das
Leiden gegenwärtig. Und indem er sich das Leiden gegenwärtig
hält, mindern sich ihm die unheilsamen Dinge und mehren sich
die heilsamen. Und späterhin hält er sich das Leiden nicht mehr
gegenwärtig. Und warum nicht? Warum da, ihr Mönche, der Mönch
sich das Leiden gegenwärtig halten mochte, diesen Zweck hat er
erreicht: darum hält er sich späterhin das Leiden nicht mehr
gegenwärtig. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.
»Weiter sodann, ihr Mönche[4]: der Mönch weilt, gar fern von 21
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.
»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹;[5] so gewinnt er die Weihe der
dritten Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung fruchtbar,
fruchtbar die Mühe.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. So kann er sich an manche verschiedene frühere 22
Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben,
und so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je
den eigenartigen Beziehungen. Und so ist, ihr Mönche, die
Anstrengung fruchtbar, fruchtbar die Mühe.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. So kann er mit dem
himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen
hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen
sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und
unglückliche, er kann erkennen, wie die Wesen je nach den
Thaten wiederkehren. Und so ist, ihr Mönche, die Anstrengung 23
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt
er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da
sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet 24
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. So aber ist, ihr Mönche, die Anstrengung
fruchtbar, fruchtbar die Mühe.
»Solche Sprache führt, ihr Mönche, der Vollendete. Bei solcher
Sprache des Vollendeten, ihr Mönche, erweisen sich zehn
entsprechende Begriffe als recht.
»Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl
und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, hat der Vollendete ehedem
gute That gethan, da er jetzt so wahnlose Wohlgefühle erfährt.
Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers
Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, ist der Vollendete
von einem gütigen Schöpfer geschaffen, da er jetzt so wahnlose
Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch Fügung
des Zufalls Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, hat der
Vollendete einen glücklichen Zufall getroffen, da er jetzt
so wahnlose Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen
ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr Mönche, ist
der Vollendete von günstiger Geburt, da er jetzt so wahnlose
Wohlgefühle erfährt. Wenn, ihr Mönche, die Wesen durch ihre
Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe erfahren, dann, ihr
Mönche, ist die Anstrengung des Vollendeten hier im Leben
gelungen, da er jetzt so wahnlose Wohlgefühle erfährt. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch vorhergewirktes Werk Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr
Mönche, die Wesen durch die Schaffung eines Schöpfers Wohl und
Wehe erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun,
ihr Mönche, die Wesen durch Fügung des Zufalls Wohl und Wehe
erfahren oder nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr 25
Mönche, die Wesen ihrer Geburt nach Wohl und Wehe erfahren oder
nicht: der Vollendete hat recht. Ob nun, ihr Mönche, die Wesen
durch ihre Anstrengung hier im Leben Wohl und Wehe erfahren
oder nicht: der Vollendete hat recht.
»Solche Sprache führt, ihr Mönche, der Vollendete. Bei solcher
Sprache des Vollendeten, ihr Mönche, erweisen sich diese zehn
entsprechenden Begriffe als recht.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[5]
102.
Elfter Theil Zweite Rede
DIE FÜNF UND DIE DREI
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Es giebt, ihr Mönche, einige Asketen und Priester, die der
Zukunft anhängen, der Zukunft nachsinnen, über die Zukunft 26
mancherlei Glaubenslehren verkünden. ›Bewusst ist die Seele,
genesen nach dem Tode‹: das verkünden die einen. ›Unbewusst
ist die Seele, genesen nach dem Tode‹: das verkünden die
anderen. ›Weder bewusst noch unbewusst ist die Seele, genesen
nach dem Tode‹: das verkünden die einen. Des lebendigen Leibes
Auflösung, Zerstörung, Vernichtung verkünden wiederum andere
und das höchste Glück bei Lebzeiten. Dass die Seele zwar
beharre, genesen nach dem Tode, der lebendige Leib aber der
Auflösung, Zerstörung, Vernichtung erliege, verkünden wiederum
andere und das höchste Glück bei Lebzeiten. So verhalten sich
hier die Fünf zu den Dreien wie sich die Drei zu den Fünfen
verhalten: das ist die Darstellung der Fünf und der Drei.
»Die Asketen und Priester nun, ihr Mönche, welche die Seele
als bewusst darstellen, genesen nach dem Tode, diese lieben
Asketen und Priester sagen von ihr aus, dass sie formhaft
sei, oder formlos; dass sie formhaft und formlos sei, oder
weder formhaft noch formlos; dass ihr Bewusstsein einfach sei,
oder manigfach; dass ihr Bewusstsein beschränkt sei, oder 27
unermesslich, genesen nach dem Tode. Da gehn denn ihrer einige
über alle Bewusstbarkeit hinaus und verkünden unermessliche
Unverstörung. Aber es erkennt, ihr Mönche, der Vollendete:
›Wenn diese lieben Asketen und Priester die Seele also als
bewusst darstellen, genesen nach dem Tode, und ihnen nun ein
Bewusstsein dabei als geläutert, als das beste, herrlichste und
höchste gilt, sei es formhaft oder formlos, sei es einfach oder
manigfach: ‚Nichts ist da‘ so verkünden dann andere das Reich
des Nichtdaseins als unermessliche Unverstörung. Aber das ist 28
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.
»Die Asketen und Priester nun, ihr Mönche, welche die Seele
als unbewusst darstellen, genesen nach dem Tode, diese lieben
Asketen und Priester sagen von ihr aus, dass sie formhaft sei,
oder formlos; dass sie formhaft und formlos sei, oder weder
formhaft noch formlos, genesen nach dem Tode. Den Asketen
und Priestern nun, ihr Mönche, welche die Seele als bewusst
darstellen, genesen nach dem Tode, denen widersprechen diese:
und warum das? ‚Bewusst sein ist siech sein, bewusst sein ist
bresthaft sein, bewusst sein ist schmerzhaft sein: das ist
die Ruhe, das ist das Ziel, jenes unbewusst sein.‘ Aber es
erkennt, ihr Mönche, der Vollendete: ›Wenn diese lieben Asketen 29
und Priester die Seele also als unbewusst darstellen, genesen
nach dem Tode, und es wollte da nun, ihr Mönche, irgend einer
von ihnen behaupten, ‚Ich werde jenseit der Form, jenseit des
Gefühls, jenseit der Wahrnehmung, jenseit der Unterscheidungen,
jenseit des Bewusstseins ein Kommen und Gehn, ein Verschwinden
und Erscheinen, ein Wachsthum, eine Entwickelung, eine
Entfaltung beweisen‘, so ist das unmöglich. Aber das ist
unterschiedlich, schwerfällig; und es giebt doch eine Auflösung
der Unterscheidungen, das giebt es‹: in solcher Gewissheit,
eingedenk dieser Entrinnung, geht der Vollendete darüber hinaus.