erklären, daß die Dame -- um sich in den Sattel zu setzen -- gewöhnlich
das Gegenteil von dem tut, was erforderlich ist: sie setzt den _linken_
Fuß in die ihr zum Hinaufheben dargereichten Hände und schwingt sich --
indem sie den Körper nach vorwärts hinaufschnellt -- mit dem rechten Fuß
so ab, daß sie sich auf dem linken Fuß erheben kann. Es folgt daraus,
daß ihre ganze Körperlast plötzlich auf die ihr als Tritt dienende Hand
zurückfällt, und daß die Bewegung, die sie nach vorwärts macht, den
Herrn unvermeidlich nach rückwärts wirft und ihn so von der Schulter des
Pferdes entfernt. Sie sollte im Gegenteil -- während sich ihr _linker_
Fuß in den Händen des Herrn befindet -- sich nur des _rechten_ Beines
zu einem leichten Abstoß bedienen, welcher dem Knie die nötige Spannung
erlaubt, und sollte dabei den Körper recht gerade -- eher noch etwas nach
rückwärts geneigt -- halten. Diese ist eine der einfachsten Bewegungen;
sie ist genau diejenige, welche man ausführt, um eine etwas hohe
Treppenstufe zu ersteigen. Die Reiterin soll nicht durch einen Sprung sich
zu erheben suchen; ihr ganzer Kraftaufwand soll sich darauf beschränken,
das linke Knie herauszustrecken, daß das Bein vollständig gerade wird
und so bleibt, indem das Kreuz seine recht gerade Haltung beibehält. Sie
sollte sich endlich mit den Armen helfen; die linke Hand auf die Schulter
des Herrn gestützt, die rechte auf das obere Horn. (Fig. 44.) Indem sie
so verfährt, wird sie ganz gerade unter dem Einfluß der tragenden Hände
aufsteigen und ungezwungen im Sattel Platz nehmen, ihren Sitz dabei ein
wenig nach rückwärts verlegend. Sie selbst soll nicht versuchen, das
Pferd zu erreichen. Der Herr soll sie auf den Sattel heben, sie soll sich
nur darauf zurechtsetzen. Wenn die Reiterin in den Sattel springen will,
stößt sie gewöhnlich schon dagegen, bevor sie über ihm schwebt, und
fällt dann auf den Herrn zurück.
[Illustration: Fig. 44. Aufsetzen mit dem rechten Fuß.]
Ich muß hinzufügen, daß es überhaupt eine schlechte Gewohnheit der
Reiterinnen ist, den _linken_ Fuß zu geben. Das ist alter Brauch, dessen
Ursprung und Fortdauer ich mir nicht erklären kann. Es ist doch Tatsache,
daß die Dame, wenn sie beim Aufsitzen den linken Fuß darbietet und in
der Schwebe ist, das Gesäß von vorn nach rückwärts und von links nach
rechts bringen muß, während der Herr eine Bewegung von rückwärts
nach vorwärts und von rechts nach links macht; das ist doch eine doppelt
verkehrte Haltung. Wenn hingegen die Dame ihren -- dem Pferde zunächst
befindlichen -- rechten Fuß gibt, genügt ein kleiner Abstoß des linken
Fußes und das Ansteifen des rechten Knies, um sich ganz ungezwungen längs
des Sattels hochzuziehen und -- ohne die geringste Verschiebung -- sich
sofort richtig auf demselben zu befinden. Versuchen Sie, meine Damen, auf
diese Weise und ohne Vorurteil acht Tage hindurch, und ich bin sicher, daß
Sie diese Art aufzusitzen annehmen werden.
Einmal im Sattel, soll die Reiterin sofort und ohne sich lange mit dem
Ordnen des Reitkleides aufzuhalten, ihr rechtes Bein um das obere Horn
legen. Dieses ist das einzige Mittel, einen Fall zu vermeiden, wenn das
Pferd einen Seitensprung machen sollte. Ich behaupte sogar, daß die Hände
des Herrn erst dann die Füße der Dame loslassen sollen, wenn das rechte
Bein sicheren Halt gefunden hat.
[Illustration: Fig. 45. Absitzen.]
Um _abzusteigen_, läßt die Reiterin den Bügel los und reicht die linke
Hand dar, nimmt dann das rechte Bein aus der Gabel, gibt die rechte Hand
und läßt sich -- wenn sie so auf dem Sattel sitzt -- ohne zu springen
heruntergleiten, indem sie die Arme ein wenig anspannt (Fig. 45). Sie muß
auf die Fußspitzen fallen und dabei die Kniee beugen, um so jeden Stoß zu
vermeiden. Es ist nicht überflüssig, dies anzuempfehlen, denn nach einem
etwas langen Ritt sind die Beine oft steif und ungelenk.
Ich wiederhole, daß die Dame ihre Hände geben und nicht springen, sondern
heruntergleiten soll. Sehen Sie doch, wie es am häufigsten geschieht: die
Dame wirft sich förmlich vom Sattel herunter, der Herr fängt sie auf,
sie dabei in der Taille umfassend, und läßt sie, wenn er sie nicht mit
steifem Arme halten kann, an seinem Körper entlang gleiten. Das ist weder
angenehm, noch schön, sondern unpassend.«
[Illustration:
Fig. 46.
Richtige Länge des Bügels.
Fig. 47.
Zu langer Bügel.]
_Dem Verpassen des Bügels_ sind an dieser Stelle noch einige Worte zu
widmen. Es kommt darauf an, daß der Bügelriemen genau der Länge des
Unterschenkels gemäß, bezw. mit der Dicke des Oberschenkels über dem
Knie entspricht, daß er also weder zu lang, noch zu kurz ist, -- denn
dieser einzige Bügel gibt der Dame den Stützpunkt. (Fig. 46, richtige
Länge des Bügels, bei welcher einige Zentimeter Luft sich zwischen Bein
und Horn befinden.) Bei _zu langem Bügel_ (Fig. 47) würde der Fuß den
Bügel fortwährend suchen müssen und ihn nicht sicher festhalten
können, wodurch der Sitz locker und unsicher wird. Bei _zu kurzem Bügel_
(Fig. 48) würde das Knie zwischen Horn und Bügel gleichsam wie in einem
spanischen Brett eingeschnallt sein, was der Reiterin Unannehmlichkeiten
besonders bei stärkeren Gangarten bereiten würde. Also: _Richtige
Verpassung des Bügels sehr wichtig_!
[Illustration:
Fig. 48.
Zu kurzer Bügel.
Fig. 49.
Haltung der Beine bei verlorenem Bügel.]
Noch sei erwähnt, daß bei verlorenem Bügel -- eine Situation, die leicht
eintreten kann -- die Reiterin keine Zeit mit dem Suchen nach dem Bügel
verlieren möge, sondern unverzüglich das rechte Bein unter das linke
steckt -- analog Fig. 49 -- weil damit sofort wieder ein sicherer Sitz
gewonnen wird.
10. Reitunterricht in der Bahn.
Die Anfangsgründe des Reitens erlernt die Dame in der Reitbahn. Es sind
der _Reitsitz_, die _Handhabung der Zügel_ und die _Hilfen_.
Für das _Bahnreiten_ sind ein paar kurze Vorbemerkungen nötig:
Man wechselt gewöhnlich die Hand, wenn man zehn Minuten darauf gewesen
ist, d. h. wenn man zehn Minuten rechts herum geritten hat, reitet man die
anderen zehn Minuten links herum, gleichgültig ob durch die Ecken oder auf
dem Zirkel geritten wird.
Man setze sich täglich _eine Stunde_ als Pensum fest; diese Zeit wird
während der Bahnperiode für Pferd und Reiterin genügen.
Das Erlernen des Reitens nach einem Buche kann nur dann einen Erfolg haben,
wenn die Reiterin die für die Lektion bestimmte _Theorie_, _bevor_ sie
sich auf das Pferd setzt, vollständig inne hat.
Wenngleich auch jeder Reitlehrer seine eigene Methode hat, nach welcher
er seinen Unterricht erteilt, so habe ich mit der des Grafen _Dénés
Széchényi_, von welcher ich bereits gesprochen, die besten Resultate
gehabt. Ich stehe daher nicht an, den Gang dieser Reitmethode den
angehenden Reiterinnen hier zu unterbreiten, es ihnen überlassend, ob sie
bezw. ihr Reitlehrer davon Gebrauch machen wollen.
Man bedarf dazu eines Pferdes, welches, durch Vorübungen dressiert, sicher
an der Longe auf dem Zirkel geht. Jedes gut gerittene Pferd wird das in
kürzester Zeit erlernen, sogar auf Kommando die gewünschten Gangarten --
bei richtiger Longenhilfe -- anschlagen. Wenn die Dame dieser Vordressur,
welche höchstens acht Tage in Anspruch nimmt, selbst beiwohnt, so kann
das nur von Nutzen sein, indem sie dabei ihr Pferd und das Pferd sie kennen
lernt.
Hier eine besondere Anweisung über diese Longenarbeit zu geben, würde
zu weit führen. Jeder Reitmeister muß damit vertraut sein. Es sei jedoch
daran erinnert, daß nur pedantische Genauigkeit bei der Dressur die
Sprache ist, welche das Pferd versteht, die daher allein zum Ziele führt,
-- und daß man seine Lektionen den Neigungen des Pferdes möglichst
anzupassen sucht. Es ist demnach notwendig, bei allen Gelegenheiten
_dieselben Zeichen und Hilfen_ zu geben, da das Pferd sonst konfus wird.
11. Der Lehrgang nach der Reitmethode des Grafen Dénés Széchényi.
Wie schon angeführt, gipfelt diese vorzügliche Reitmethode -- oder besser
die das Reiten lehrende -- in der Unabhängigkeit der Zügelführung vom
Sitz. Sie wird derartig ausgeführt, daß die Schülerin zuerst auf
dem Damensattel -- und zwar in allen Gangarten wie auch im Sprung --
_festsitzen lernt_, ehe sie die Zügel in die Hand bekommt, um die
Zügelführung zu lernen. Das Mittel dazu ist _Ballspielen zu Pferde_.
Indem die Dame den hochgeworfenen Ball wiederzufangen sucht, bezw. auch
einen ihr zugeworfenen, wird sie ihren Oberkörper mit ausgestreckten Armen
nach allen Richtungen biegen müssen, ohne dabei ihren Sitz zu verlieren.
Dadurch wird sie biegsam, geschmeidig und sicher, und es genügen schon
14 Tage, um sie diese Sicherheit empfinden zu lassen. Sie wirft den Ball
in jeder Gangart, auch beim Springen, so daß später die Bewegung des
Pferdes auf ihren Sitz ohne Einfluß ist. Die Zügel des Pferdes --
dasselbe kann auf Trense gezäumt sein, bezw. mit Laufzeug, wie Fig. 34
zeigt -- sind inzwischen am Sattel befestigt.
Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, wird der Bügel verpaßt.
Derselbe muß, wie bereits im vorigen Kapitel angeführt, die Länge des
Unterschenkels der Dame haben, so daß die Oberschenkelfläche des Knies
mit geringem Spielraum am Jagdhorn anliegt, während der Fuß mit leicht
nach unten gedrücktem Absatz auf der Trittfläche des Steigbügels ruht.
_Auf dem Festhalten des Bügels mit dem Fuße beruht die Sicherheit des
Sitzes der Dame._ Besonders im Trabe, wo der Körper emporgeworfen wird,
ist das von Wichtigkeit, und kann nur durch ein biegsames, _federndes_
Fußgelenk erreicht werden. Da die _Ballen_ des Fußes auf der Trittfläche
ruhen, so muß der Fuß beim Emporfliegen des Körpers gestreckt werden.
Wie schon angeführt, kann sich die Dame gegen ein etwaiges Verlieren des
Bügels durch eine über Fuß und Bügel gezogene Gummischleife schützen.
Das Halten der _Balance_ lernt sich ganz mechanisch von selbst.
a. _Reiten ohne Zügel._
Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, nimmt sie den
vorschriftsmäßigen Sitz ein, gibt dem Pferde durch einen Zungenschlag die
Hilfe zum Antreten und sucht in der Bewegung, die zuerst Schritt sein kann,
die vorgeschriebene Haltung zu bewahren. Ihre Hände mag sie vorerst in die
Hüften setzen und den Oberkörper stets eher nach hinten statt nach vorn
geneigt zu halten suchen. Wird das Pferd unruhig, so faßt die Reiterin mit
beiden Händen in die Zügel und gibt ihm einen Arrêt.
In dieser Weise, mit Schritt anfangend, macht die Reiterin alle Gangarten
durch, am besten in der Reihenfolge Schritt, Galopp, Trab, da letztere
Gangart die schwierigste für die Anfängerin ist. Gerade in dieser hat sie
zu beachten, daß sie nicht an der linken Seite hängt, sondern daß sie
recht auf der Mitte des Sattels, ohne Verdrehung der Schulter, sitzt. Das
Pferd, welches anfangs vielleicht, durch den etwaigen unsicheren Sitz der
Reiterin beeinflußt, etwas unruhig sein wird, wird durch Streicheln
und Klopfen beruhigt. Diese Übung ist als eine rein gymnastische zu
betrachten, durch welche der Körper auf einer sich bewegenden Maschine
Balance halten lernt, welche letztere in kurzer Zeit eine mechanische
Sicherheit erzeugt. Sowie die Reiterin dies bemerkt (was schon nach drei
bis vier Stunden der Fall sein wird), geht sie zum Ballfangen über. Bevor
dies jedoch geschieht, ist es rätlich, die Bewegungen des Ballfangens
mit den Armen blind durchzumachen, damit das Pferd sich an die Art der
Armbewegung der Reiterin gewöhnt. Dann nimmt man gewöhnliche Leder- oder
Gummibälle, wirft sie in die Höhe und sucht sie wieder aufzufangen.
(_Anmerkung_: In der ersten Zeit wäre es vielleicht ganz praktisch, jemand
zur Hand zu haben, welcher die zur Erde gefallenen Bälle aufhebt und sie
der Reiterin wieder einhändigt, später zuwirft. Man kann aber auch den
Ball an einen langen Bindfaden befestigen, welcher am Sattel festgemacht
wird. Dann kann man den Ball, falls man ihn nicht gefangen hat, immer
selbst hinaufziehen.)
Die Zeitdauer dieser Übung richtet sich nach dem Gefühl der Sicherheit,
welches die Reiterin empfindet, und ist abhängig von ihrer körperlichen
Anlage bezw. ihrem Geschick zum Reiten. Vierzehn Tage aber werden auch
weniger begabte Anfängerinnen schon um ein Bedeutendes gefördert haben.
Danach kann sofort zum _Barrierespringen_ übergegangen werden, wobei die
Reiterin fast gar keine Schwierigkeiten mehr zu überwinden haben wird. Die
Stange, welche anfangs vielleicht 30 cm hoch eingelegt war, braucht nicht
über einen Meter hinaus höher gelegt zu werden, obgleich für spätere
Zeit auch der höchste Sprung der Reiterin keine Schwierigkeiten mehr
bereiten wird.
(_Anmerkung_: Man lasse der Schonung des Pferdes wegen nicht zu oft
springen; fünf- bis sechsmal bei niedriger Stange, und dann meist kurz
vor Schluß der Übung, wird das Richtige sein. Über eine Vorrichtung, die
Springstange anzubringen, mag man selbst nachdenken, nur achte man darauf,
daß die Stange, im Falle das Pferd dagegen stößt, nach vorn herausfallen
kann.)
Die Haltung zu Pferde, an welche die Reiterin zwar stets gedacht hat, wird
sich inzwischen ganz von selbst gefestigt haben, so daß dieselbe binnen
kurzem zur Erlernung der Zügelführung wird übergehen können.
(_Anmerkung_: Das Wechseln der Gangarten muß einerseits der Schonung des
Pferdes, andererseits der harmonischen Durchbildung der Anfängerin wegen
recht regelmäßig geschehen, doch ist zu bemerken, daß der Trab immer die
Hauptübung bleiben muß, da er für das Pferd wie für die Reiterin, für
letztere in Beziehung auf die Korrektheit des Sitzes, die nützlichste
ist.)
Allmählich müssen auch die Versuche zur Erlernung des _englischen Trabes_
gemacht, welche, nachdem die Reiterin mit den Bewegungen des Pferdes sich
vertraut gemacht hat, bald von Erfolg gekrönt sein werden.
b. _Reiten mit angefaßten Zügeln._
Die Balllektionen sind damit zu Ende. Statt des Balles wird die Reitgerte
in die rechte Hand genommen. Dieselbe wird mit der vollen rechten Hand
gleich unter den Knopf, Spitze nach unten gerichtet, erfaßt. Bei den
Hilfen schiebt man sie ev. zwischen den Mittel- und Ringfinger. Wenn die
Reiterin jetzt den Zügel in die Hand nimmt, zu welcher Übung das Pferd
auf Kandare ohne Kinnkette gezäumt wird -- die Haltung der Zügel hat sie
bereits in der Vorübung gelernt --, so wird sie dieselben auch nur dazu
benutzen, wozu sie da sind, nämlich zur Führung des Pferdes und nicht
um sich daran festzuhalten -- wodurch das Maul des Pferdes in der
unverantwortlichsten Weise malträtiert wird --, und da sie mit der
Festigung des Sitzes das Schwerste überwunden hat, so wird sie das andere
spielend erlernen. Das Kapitel über Zügelführung vorher noch einmal
durchzusehen, würde sich recht nützlich erweisen. Die Reiterin reitet
noch einige Lektionen an der Longe, und zwar, um dem Verdrehen der
Schultern vorzubeugen, mit angefaßtem Trensenzügel. Die Arme liegen
rechtwinklig mit den Ellenbogen über den Hüften leicht am Körper. Bei
Kopfbewegungen des Pferdes geben die Arme federnd nach und kehren in ihre
vorherige Lage zurück, das Pferd dadurch sanft in seine aufgerichtete
Stellung zurückbringend. Der Körper darf sich unter keinen Umständen
durch die Kopfbewegungen des Pferdes vornüber ziehen lassen, er bleibt
in der erlernten Stellung. Die Handgelenke (Fingernägel gegen den Leib,
Daumen nach oben) geben den Bewegungen des Pferdes ebenfalls federnd nach.
Immer leichte Führung bei anstehenden Zügeln! Niemals festhalten!
(_Anmerkung_: Beim Reiten auf dem Zirkel werden die Hände stets so
gehalten, daß die innere Hand eine Handbreit tiefer steht, als die
äußere. Der innere Zügel wird dabei etwas kürzer genommen als der
äußere, um das Pferd mit dem Kopfe nach innen zu stellen, und zwar
so weit, daß die Reiterin das innere Pferdeauge schimmern sieht. Die
Gradausrichtung des Halses muß beibehalten werden, was man durch Anlegen
der Zügel an den Hals zu bewirken sucht. Auf der langen Linie muß das
Pferd durchaus geradeaus gestellt sein.)
In dieser Lektion lernt die Reiterin, da sie bereits in ihrem Sitz perfekt
ist, das Pferd mittels der Zügel in der Gleichgewichtsstellung erhalten,
soweit der bisher noch tote Schenkel, der erst allmählich zur Tätigkeit
übergeht, dies gestattet. Das Gefühl des Gleichgewichts wird man haben,
wenn das Pferd sich leicht an das Gebiß lehnt und darauf kaut, und wenn es
der Reiterin ohne Erlahmung der Arme gelingt, das Pferd in dieser Stellung
zu erhalten. Es werden hier wieder, wie in den anderen Lektionen, alle
Gangarten mit den betreffenden Wechslungen durchgeübt, auch kann dem
Pferde nach den ersten Zügelübungen, besonders wenn die Reiterin fühlt,
daß sie das Pferd wirklich führt, die Longe ausgeschnallt werden. Damit
wird auch _die Kinnkette eingelegt_ und die Reiterin führt das Pferd
nunmehr mit der linken Hand allein.
_Die Hilfen zum Reiten in den verschiedenen Gangarten_ werden nun nicht
mehr durch die dem Pferde gelehrten Zeichen gegeben, sondern nach den in
den betreffenden Kapiteln enthaltenen Andeutungen, und es ist speziell zu
üben:
1. Das Anreiten aus dem Schritt.
2. Das Antraben aus dem Schritt.
3. Das Verstärken des Trabes.
4. Das Verkürzen.
5. Das Ansprengen zum Galopp.
6. Das Übergehen in den Schritt.
7. Das Anhalten.
Diese Lektion erscheint ziemlich umfangreich, daher muß sich die Reiterin
bei der großen Wichtigkeit der Sache die Zeit nehmen, sich nicht nur
gründlich theoretisch zu informieren, sondern auch die praktischen
Übungen genügend auszudehnen. Ob sie die Theorie richtig in die Praxis
überträgt, kann sie daran erkennen, daß das Pferd _ihre Hilfen versteht_
und ohne Weiterungen darauf reagiert.
Nach Beendigung dieser Lektion, welche noch, wenn auch ohne Longe, auf dem
Zirkel geübt wurde, wird dieser verlassen, um auf das Viereck zu reiten
und damit zum ersten Male _Wendungen_ zu üben.
Dabei wirken hauptsächlich der äußere Zügel und der innere Schenkel
bezw. rechts statt dessen die Reitpeitsche. Die Dame führt das Pferd von
nun an nur auf Kandarenzügel, da sie die rechte Hand zur Führung der
Reitpeitsche braucht. Ersterer gibt dem Pferde die mechanische Hilfe
dadurch, daß sich die Zügelhand ein wenig nach innen schiebt. Der Körper
verlegt seinen Schwerpunkt etwas nach innen, der innere Schenkel wirkt
gegenhaltend, so daß das Pferd gezwungen wird, gleichsam um den Schenkel
bezw. die Peitsche herumzugehen, sich demnach in den inneren Rippen und der
Wirbelsäule zu biegen. Vor der Wendung wird das Pferd versammelt und diese
selbst in gemäßigterem Tempo durchgeführt. Das Wechseln von einer Hand
auf die andere geschieht durch das _Changieren durch die Bahn_ und
beginnt, nachdem die Reiterin die kurze Seite der Bahn und ihr Pferd eine
Pferdelänge die lange Seite passiert hat. Dann tritt eine Viertelwendung
durch die Diagonale der Bahn ein, jedoch so, daß der Kopf wieder auf
eine Pferdelänge vor der diagonalen Bahnecke gerichtet ist. Es würden zu
dieser Lektion noch hinzutreten das Üben des Arrêts und das Kurz-Kehrt.
Bei letzterem läßt man das Pferd auf der Hinterhand herumtreten, es
wirken dazu äußerer Zügel und Schenkel bezw. Reitpeitsche, der innere
gegenhaltend.
Ist mit dieser Übung eine hinreichende Sicherheit in der Führung des
Pferdes eingetreten, so geht man zu _Tummelübungen_ über.
Unter Tummelübungen verstehe ich das Üben von Volten, Halbzirkeln,
Vierecken, Figuren, Achten und Schlangenlinien, sowie von Wechslungen auf
die andere Hand. Sie dienen dazu, das Pferd lenk- und biegsam zu machen
und sind als gute Vorübungen für das Reiten in koupiertem oder unebenem
Terrain zu betrachten.
Ist die Reiterin bis jetzt nur auf einem Hufschlag geritten, so müssen
zur Übung für Pferd und Reiterin auch die _Seitengänge_ und das
_Zurücktreten_ durchgenommen werden. Da das Pferd damit vertraut ist, so
ist es die Sache der Reiterin, ihm nach der Theorie die richtigen Hilfen
dazu zu geben. Mit beiden Übungen quäle man das Pferd nicht zu lange,
da sie unter der Anfängerin für dasselbe nur von geringem Nutzen sein
werden. In dieser Lektion kann auch die Springstange wieder hervorgeholt
werden. Stete Übung und Repetition werden immer notwendig sein, und wenn
der Sommer zum Reiten im Terrain verwendet ist, kehre die Reiterin im
Winter zu den weniger amüsanten, aber stets lehrreichen Einzel-Lektionen
zurück.
Der Bahnkursus ist damit zu Ende. Habe ich im ganzen auch nur Andeutungen
dafür geben können, so wird die aufmerksame und energische Reitschülerin
dieselben doch mit bedeutendem Nutzen für sich verwenden können.
Ich habe mich wohl gehütet, eine Zeitdauer als genügend zum Erlernen
jeder Lektion anzugeben, weil eine solche nach der Individualität der
einzelnen Dame ganz verschieden ausfallen dürfte; sogar das Gefühl des
Innehabens der Lektion wird von den einzelnen verschieden beurteilt
werden. Ich glaube aber, daß eine mit persönlichem Geschick, Energie und
körperlichen Kräften ausgestattete Schülerin binnen drei Monaten
(der Winter würde dafür vortrefflich geeignet sein) den Kursus so weit
absolvieren wird, um mit Sicherheit im Freien reiten zu können. Weniger
Begabte werden bei Fleiß und Mühe dieses Ziel auch erreichen, wenngleich
es etwas langsamer geht. --
Jetzt aber strahlt die Frühlingssonne vom blauen Firmament herab, mit
grünen Knöspchen bedecken sich Baum und Strauch. Abgeschüttelt wird der
Winterstaub, und die würzige Frühlingsluft wird tiefatmend eingesogen,
unter Bäumen und im Felde lustwandelnd und damit ist auch für die
fleißige Bahnreiterin die Zeit gekommen, wo sie den Lohn ihres Fleißes
_ernten_ soll -- schon im Frühling! Sie kann nun reiten, sie kennt ihr
Pferd und dessen Eigenart, sie weiß es verständig zu führen und sie wird
nun zum ersten Male auf der Promenade erscheinen und sich dem erstaunten
Volke zeigen!
Welche Wonne, auf den ebenen, weichen Wegen dahinzufliegen, frei, wie der
Vogel in der Luft, das edle Tier unter sich, welches sie mit sicherer Hand
an leichtem Zügel führt! O Reiterwonne -- durch welchen Sport kannst du
ersetzt werden?
Also -- wir reiten ins Freie, ins Terrain, in den Wald, wohin uns unsere
Lust führt.
12. Das Reiten im Freien.
Reiten Sie mit Gott, schöne Leserin, wenn Sie sich Ihrer und Ihres Pferdes
vollständig sicher fühlen, aber nehmen Sie von mir noch einige gute
Ratschläge mit auf Ihren neuen Weg, wohin er Sie auch führen möge. Der
Accidents gibts mannigfache, mehr als in der Reitbahn -- und so muß ich
denn als erste Grundlage für das Reiten im Freien anführen: _Reiten Sie
nie unaufmerksam_! Haben Sie Ihr Pferd stets am Zügel, und ob Sie mit
Ihren Begleitern Konversation machen, haben Sie Ihre Augen stets vorauf auf
den Weg und auf die Gegend, welche sie passieren wollen, -- auch achten Sie
stetig auf das _Ohrenspiel Ihres Pferdes_. Sie werden die feinen Nuancen
dieses Ohrenspiels bald kennen lernen, es wird Ihnen sagen, ob alles ruhig
ist oder ob irgend etwas vor Ihnen -- vielleicht auch hinter Ihnen --
vorgeht, wodurch das Pferd erregt oder erschreckt werden könnte. Schon
ein plötzlich hervorschießender kläffender Dorfköter, ein auffliegendes
Rebhuhn u. dergl. m. kann Ihr Pferd aus der Kontenance bringen, -- um so
ruhiger bewahren Sie die Ihrige, dann wird sich auch das Pferd beruhigen.
Beim Hinausreiten müssen Sie vielleicht einen Teil der Stadt passieren, da
wird das Pferd, nach der langen Bahnperiode besonders, vergnügt und munter
sein, daher ist doppelte Vorsicht nötig. Denken Sie auch an die neuen
Eindrücke, die das Pferd erhält. Da sind die gepflasterten oder
asphaltierten, jedenfalls glatten Straßen, mit ihrem Trubel an
Fußgängern, elektrischen Bahnen, Wagen, Automobilen, Fahrrädern usw.
und dem dadurch verursachten Lärm zu passieren, bis hinter dem Tore, den
Brücken etc. endlich die Promenade oder das freie Terrain anfängt. Bis
dahin wird ruhiger, kadenzierter Schritt geritten, damit das Pferd auf dem
Pflaster nicht ausgleitet und durch eine zu starke Dröhnung der Hufe nicht
leidet.
Wenn man _an Wagen vorbeireitet_, so weiche man denselben möglichst
weit aus, um nicht angefahren zu werden, und beobachte dieses Verfahren
hauptsächlich, wenn man von rückwärts kommt, da die Wagenpferde manchmal
ausschlagen. Ich selbst bin auf diese Weise einmal schwer am Schienbein
verletzt worden, als ich diese Regel außer acht ließ. Mit einem Pferde,
welches noch jung oder noch nicht lange vom Lande gekommen ist, muß man in
der Stadt überhaupt sehr vorsichtig sein, weil es da tausend Dinge gibt,
die ihm sowohl für das Auge wie für das Ohr fremd sind, vor denen es
sich daher fürchten wird. Jeder Korrekturversuch ist für die angehende
Reiterin mißlich, am mißlichsten aber auf Steinpflaster oder auf
glatter Straße und unter den Augen eines unliebsamen Publikums; man muß
dergleichen Eventualitäten in der Stadt daher möglichst zu vermeiden
suchen. Wird die Reitpromenade der Reiterin wenig Schwierigkeiten bieten,
so nehme sie draußen das Terrain, wie sie es findet, und beachte in erster
Linie in bezug auf die Gangarten folgendes: