leinenes Taschentuch wird in die am Sattel angebrachte Tasche gesteckt.
Für den Sommer dürfte ein Reitkleid aus weißer Leinwand nicht auf
Widerspruch stoßen, zu dem auch ein weißes Hütchen -- jedoch nicht von
Strohgeflecht -- sehr gut stehen würde. Über die Chaussure ist bereits
gesprochen worden, doch sei noch besonders erwähnt, daß Knöpfstiefel
absolut auszuschließen sind. Die Form der Taille ist zwar gegeben,
doch pflegen junge und schlanke Damen am liebsten und für sie am
vorteilhaftesten die anliegende Taille zu wählen, während für stärkere
Damen die Jackett- oder blusenartige Form geeigneter erscheint. Bei beiden
ist auf denkbar größte Bequemlichkeit zu sehen, vor allem auf genügende
Brustweite, tadellos gearbeitetes Rückenstück und zureichenden
Halsausschnitt. Die Ärmel müssen so weit sein, daß sie den Armen ohne
den geringsten Zwang jede Bewegung gestatten. Ebenso müssen auch die
Handschuhe zwei Nummern weiter genommen werden, als man sie gewöhnlich
trägt. -- Was die _Länge des Rockes_ anbetrifft, so trägt man am
praktischsten das Reitkleid so, daß es mit der unteren Kante des
Pferdebauches abschneidet, besonders wenn die Reiterin Jagd oder Terrain
reitet. Dabei darf der Rock ja nicht faltig sein, sondern eng anliegend,
muß jedoch so ausgebreitet werden können, daß das rechte Bein bequem
über das Horn gelegt werden kann, ohne daß der Stoff sich zerrt und auf
der Kniescheibe drückt. Daß nicht jede beliebige Schneiderin imstande
ist, ein derartiges Reitkleid anzufertigen, ist selbstverständlich, hier
können nur Spezialisten das Richtige treffen, wenn sie sich auch vielfach
ihre Kunst unerfreulich hoch bezahlen lassen. Dennoch scheue man diese
Ausgabe nicht; schon manche Dame hat sich aus Billigkeitsrücksichten ihr
Reitkostüm anderswo anfertigen lassen und mußte dasselbe nachher als
gänzlich unbrauchbar verwerfen. Ein solcher so ausgearbeiteter Rock
_fliegt niemals_; zwei gewöhnliche Tuchbreiten sind für denselben
ausreichend. Innerhalb des Rockes dürfen Raffer befestigt sein, damit die
Dame, wenn sie abgestiegen ist und sich längere Zeit zu Fuß bewegen will,
das Kleid schürzen kann, ohne mit dem Tragen die Hände zu beschweren, was
auf die Dauer lästig wird. In England werden auch die sogenannten »Safety
habits«, welche eigentlich nur eine Schürze bilden und gar keinen Stoff
haben, wo die Hörner sitzen, empfohlen und gebraucht. Adressen für
dieselben sind: W. Shingleton, 60 New Bond Street und Messrs. Thomas and
Sons, Brookstreet, London.
Schließlich möchte ich es nicht unterlassen, der angehenden Reiterin noch
einige Winke in bezug auf ihre Reittoilette zu unterbreiten, welche
der berühmte Reitmeister _James Fillis_ in seinem Buche »Principes de
Dressage et d'Equitation« anführt.
»Die Reiterin verletzt sich sehr leicht, die geringste Falte in ihren
Kleidern veranlaßt eine Hautabschürfung. Bei einem langen Ritt, besonders
bei der Jagd, empfiehlt es sich, daß sie kein langes Hemd, sondern ein
kurzes Hemdchen von sehr feinem Stoff trägt, welches über den Hüften
befestigt ist. Der Kragen und die Manschetten müssen an dem Hemdchen
festsitzen -- nicht mit Stecknadeln befestigt sein, welche nicht sitzen
bleiben, sondern herausfallen und stechen.
Ich rate dringend, _keine langen Strümpfe anzuziehen_; denn das
Strumpfband ist immer ein Hindernis, oft sogar Ursache eines wirklichen
Leidens, und kann ausgedehnte und schmerzhafte Verwundungen hervorrufen.
_Socken_ sind in jeder Hinsicht vorzuziehen; sie müssen sich vereinigen
mit einem _enganliegenden Unterbeinkleid_ aus weichem dehnbaren »Trikot«
oder »Jersey« und gefüttert sein mit Seide, oder -- noch besser -- mit
sehr feinem Hirschleder. Das Beinkleid, welches darüber gezogen wird,
muß schmale Gummistege haben, damit es keine Falten schlägt. Der _kurze
Stiefel muß Gummizüge_ -- keine Knöpfe haben, um Verwundungen und
Quetschungen auf dem Fußspann zu vermeiden. Ich liebe nicht die hohen
Stiefel; sie sind zu hart, können unterhalb des Knies verletzen und
verhindern die Reiterin, ihr Pferd mit dem Bein richtig zu fühlen. Das
_Schnürleibchen_ (Korsett) muß sehr kurz und niedrig sein. Eine lange
Korsettschiene (Schwippe) ist nicht nur unbequem, sondern wirklich
gefährlich.
Ich würde glauben, mich entschuldigen zu müssen, weil ich in diese
geheimen Einzelheiten der Toilette eindringe, für welche meine
Urteilsfähigkeit zweifelhaft erscheinen könnte, wenn es sich nur um eine
Frage der Eleganz handelte; aber alles, was die Ausrüstung der Reiterin
angeht, betrifft auch ihre _Sicherheit_ und ihr _Wohlbefinden_ zu Pferde.
Ich habe soviele Frauen von einem Spazierritt schmerzerfüllt und leidend
zurückkommen sehen, welche infolgedessen verurteilt waren, mehrere Tage
auf der Chaiselongue zuzubringen, daß ich doch dahin gelangt bin, allen
diesen anscheinend nebensächlichen Dingen eine größere Wichtigkeit
beizumessen.
Freilich glaube ich, mich nicht auf Überdinge zu verirren, wenn ich
empfehle, die Haare recht sicher zu befestigen. Die Dame, welche damit
beschäftigt ist, ihren Hut oder Schleier festzuhalten oder zurecht zu
setzen, denkt wenig an ihr Pferd, und man kann wohl sagen: Wenn sie ihren
Hut verliert, ist sie nahe daran, auch ihren Kopf zu verlieren.«
Für längere Touren ist es praktisch, einen Reitmantel aus Plaidstoff
(Cape) mit sich zu führen, der gerollt am Sattel befestigt wird, falls
kein Groom mitreitet, da es immer unangenehm ist, plötzlich ausbrechendem
Gewitter ohne irgend welchen Schutz preisgegeben zu sein.
In der rechten Hand wird eine kurze starke Reitpeitsche getragen, welche,
wie schon angeführt, den über den Sattel gelegten rechten Schenkel des
Herrn ersetzen soll, und der in Verbindung mit dem linken die betreffenden
Hilfen für die verschiedenen Gangarten des Pferdes gibt.
Hat eine Dame erst festen Sitz gewonnen, so kann sie am linken Absatz einen
kurzen Sporn mit scharfem Sternrad tragen.
4. Vom Kavalier, welcher die Dame begleitet,
muß man allerdings von vornherein voraussetzen, daß er mit allem vertraut
ist, was nicht nur bei seinem eigenen, sondern auch vor allen Dingen beim
Damenreiten von Wichtigkeit ist, um jeden Augenblick fertig und bereit zu
sein, sowohl zu belehren, als auch praktisch einzugreifen, wenn es nötig
ist.
Der Kavalier der Dame muß schon vor allen Dingen ein vollendeter
Reiter sein, weil er gezwungen ist, seine Aufmerksamkeit stets auf seine
Begleiterin und das dieselbe tragende Pferd zu richten, ohne dabei sich und
sein Pferd zu vergessen. Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart würden seine
unerläßlichen geistigen Gaben sein müssen, um im Moment der Gefahr das
richtige Mittel zur Begegnung derselben unverzüglich in Anwendung bringen
zu können. Er reitet zur _rechten_ Seite der Dame, weil er dort nicht
mit den Beinen derselben in Berührung kommt, dicht heranreiten kann, um
eventuell eine Unordnung im Ajustement auszugleichen, den Sattelgurt oder
Bügel um ein Loch zu verändern, auch einmal, wo es nötig erscheint, bei
der Zügelführung behilflich zu sein. Zu diesen Zwecken muß er verstehen,
sein Pferd inzwischen mit der _rechten_ Hand zu führen, welches wiederum
so dressiert sein muß, daß es durch eigene Ungezogenheiten nicht auch das
Pferd der Dame unruhig macht. Es wird vorteilhaft sein, daß der Herr bei
schnelleren Gangarten sich um ein viertel der Pferdelänge hinter der Nase
des Pferdes der Dame halte, um dieses nicht unnütz aufzuregen, und um,
falls jenes wirklich einmal etwas heftiger werden sollte, ihm in kürzester
Zeit in die Zügel fallen zu können. Unter Umständen wird er dagegen zu
vermeiden haben, in _kurzem_ Abstand hinterher zu jagen, weil dadurch das
aufgeregte Pferd der Dame nur zu immer größerer Schnelligkeit angeregt
werden würde. In solcher Lage ist die Dame allerdings ganz auf sich
selbst angewiesen, denn vor einem Sturze würde sie ihr Kavalier doch kaum
bewahren können, -- und schließlich wird sie auch selbst bald wieder
Herrin des Pferdes werden, welches, gewöhnt in Gesellschaft zu gehen,
meist wieder zur Besinnung kommen wird, wenn es seinen Kompagnon nicht
hinter sich hört. --
Ist die Reiterin im Freien noch nicht ganz sicher in der Führung ihres
Pferdes, oder gibt das Pferd selbst zu irgend welchen Bedenken Anlaß,
so empfiehlt es sich -- um allen Eventualitäten vorzubeugen -- daß der
Kavalier das Pferd der Dame an einem Leitzügel führe, welcher in ein in
die Trense des Damenpferdes eingeschnalltes Kinnstück -- ev. mit einem
Karabinerhaken -- befestigt wird, dessen mit einer Schleife versehenes
Ende der Kavalier in die linke Hand nimmt, oder über dieselbe streift.
(Fig. 5.) Ich darf wohl annehmen, daß, wenn eine Dame ihren Kavalier
als einen Mann mit den eben geschilderten Eigenschaften kennt, sie mit
bedeutend mehr Vertrauen reiten wird, als wenn sie in dieser Beziehung
Bedenken hegen zu müssen glaubt. Natürlich spreche ich nur von
Anfängerinnen, denn für solche ist dieses Buch ja nur geschrieben.
Perfekte Reiterinnen werden genug Selbstvertrauen haben, um sich ganz auf
sich selbst zu verlassen. --
[Illustration:
Fig. 5.
Führung des Damenpferdes am Leitzügel.]
II. Abschnitt.
Das Damenreitpferd.
1. Äußere Kenntnis des Pferdes.
Wenn eine Dame reiten lernen will, so ist es unbedingt nötig, daß sie
sich mit dem Tiere, dem sie sich anvertraut, auch etwas näher bekannt
macht. Das Pferd ist zwar keine Maschine, nichts weniger als das, aber auch
jeder Maschinenführer muß die Technik seiner Maschine kennen, welche er
führen soll, sonst gibts ein Unglück. Hier liegt die Sache ähnlich. Auch
technisch soll und muß die Dame ihr Pferd kennen, selbst wenn es nur ein
Leihpferd ist. Ist sie aber in der glücklichen Lage, ein oder zwei Pferde
zu besitzen, so muß sie sich durch den Umgang mit derselben, auch wenn sie
nicht zu Pferde steigt, -- also z. B. durch öftere Besuche im Stall unter
Darreichung von Leckerbissen und hauptsächlich _Sprechen_ mit dem Tiere
-- das Vertrauen derselben zu erwerben suchen. Wir werden noch darauf
zurückkommen, jetzt uns aber kurz mit den technischen Benennungen der
einzelnen Teile des Pferdekörpers bekannt machen.
Die Hauptteile des Pferdekörpers (Fig. 6) sind: der Kopf (I), der
Hals (II), der Rumpf (III) und die Extremitäten (IV).
In bezug auf die Reiterei teilt man das Pferd in 3 Teile ein, und zwar in
A) die Vorhand: Kopf, Hals, Schultern, Brust und Vorderbeine --,
B) die Mittelhand: Rücken, Lendenpartie, Flanken und Bauch --,
C) die Hinter- oder Nachhand: Kruppe mit Schweif und die Hinterbeine.
[Illustration:
Fig. 6.
Zur Kenntnis des Pferdekörpers.]
Zur Vorhand dienen folgende Benennungen:
1. Die Ohren.
2. Die Stirn mit dem Schopf.
3. Das Gesicht.
4. Die Augen.
5. Die Nase.
6. Die Nüstern.
7. Die Lippen und das Maul.
8. Das Kinn.
9. Die Kinnkettengrube.
10. Der Kehlgang.
11. Die Ganaschen.
12. Die Ohrenspeicheldrüse od. Feifel.
13. Das Genick.
14. Die Seiten des Halses.
15. Die Kehle.
16. Die Schulter.
17. Der Kamm mit der Mähne.
18. Der Widerrist.
19. Die Brust.
20. Der Vorarm.
21. Der Ellenbogen.
22. Das Vorderknie.
23. Die Röhre od. der Unterarm.
24. Das Kötengelenk.
25. Der Fessel.
26. Die Krone.
27. Der Huf.
Zur Mittelhand gehören:
28. Der Rücken.
29. Die Lende od. Nierenpartie.
30. Die Flanken oder Weichen.
31. Der Bauch.
Zur Hinterhand:
32. Das Kreuz oder die Kruppe.
33. Die Hüften.
34. Die Hinterbacke oder Keule, bezw. der Oberschenkel.
35. Die Schwanzwurzel.
36. Der Schweif.
37. Das Sitzbein.
38. Der Unterschenkel oder die Hose.
39. Das Sprunggelenk.
40. Die Hacke.
41. Das Schienbein.
42. Die Köthe.
43. Der Fessel.
44. Die Krone.
45. Der Huf.
46. Die Kniescheibe.
47. Die Ballen.
Der Organismus des Pferdes ist zusammengesetzt aus dem _Knochengerüst_,
dem Träger des ganzen Körpers, welches durch die _Bänder_
zusammengehalten wird, aus dem _Muskelapparat_ mit den _Sehnen_
und _Flechsen_, den _inneren Organen_, den _Blutgefäßen_ und dem
_Nervensystem_.
Die großen Beugesehnen, deren Tadellosigkeit für die Brauchbarkeit des
Pferdes Erfordernis ist, liegen an der hinteren Seite der Röhren bezw.
Schienbeine.
2. Charakteristik des Pferdes.
Es ist ganz zweifellos, daß das Pferd für den Dienst des Menschen sowohl
als Reit- wie als Zugtier ganz besonders geeignet ist, weil nicht nur
die Körperbeschaffenheit und die Gestalt desselben, sondern auch seine
Charaktereigentümlichkeiten, seine Gutmütigkeit und Gelehrigkeit, seine
Geduld und Genügsamkeit und ganz besonders sein schweigendes Erdulden
jedes Schmerzes, jeder rohen Behandlung es dafür als besonders
prädestiniert erscheinen lassen.
Zunächst ist in bezug auf die Charakteristik des Pferdes die
außerordentliche Gutmütigkeit desselben hervorzuheben, welche selbst
bei oft irrationeller und naturwidriger Behandlung, die ihm teils aus
Unkenntnis, teils aus Indolenz, hin und wieder auch aus Böswilligkeit zu
teil wird, seinen Weitergebrauch gestattet, bis Alter oder körperliche
Gebrechen es dem Abdecker überliefern. Von Natur böse Pferde bilden die
Ausnahme, und die durch schlechte Behandlung bös gemachten Pferde -- was
sich in Beißen und Schlagen äußert -- sind in der Minderzahl, fast nur
vereinzelt vorhanden; von dem Gebrauch durch eine Dame sind solche Pferde
von vornherein auszuschließen. Das Pferd ist dagegen sehr empfänglich
für gute, liebevolle Behandlung, sowohl im Stall, wie unter dem Sattel, es
weiß sehr wohl Güte und Übelwollen zu unterscheiden, auch sein Benehmen
seinem Besitzer bezw. Pfleger gegenüber danach einzurichten, weshalb Herr
und Stallpfleger hierauf wohl zu achten haben.
Ist das Pferd zwar im wesentlichen ein Gewohnheitsgeschöpf von frommer,
vertrauender Gemütsart, so ist es doch auch ungewöhnlich nervös,
furchtsam, zeitweise reizbar und geneigt, einem Ding, das es erschreckt,
heftig zu widerstreben, ja, durch nervöse Furcht manchmal von einem
panischen Schrecken befallen, vollständig unlenkbar. Dabei versteht es
geschickt die Unwissenheit oder Furcht derer, die es beaufsichtigten, zu
benutzen. Es ist etwas langsam von Begriff, aber es ist »selten zu alt,
um neue Streiche zu lernen«, und sein Gedächtnis ist so treu, daß es nie
vergißt, was es einmal gründlich erfaßt hat.
Als Regel, die nur wenige Ausnahmen zuläßt, mag ferner gelten, daß es
glaubt, ganz richtig zu tun; wenn es irrt, so geschieht es entweder aus
Unkenntnis, Schmerz oder Schreck, seltener aus Eigensinn oder Bosheit. Dies
scheint allgemein nicht bekannt zu sein oder wenigstens nicht beobachtet zu
werden, denn von allen Tieren ist das Pferd das am wenigsten verstandene,
das am strengsten beurteilte und am ungerechtesten behandelte; für
das geringste Versehen, und sogar für solche, die es selbst gar nicht
verschuldet hat, wird es gar oft grausam gezüchtigt. Ein gutartiges
Pferd ist gelehrig bei der Dressur, zeigt Ausdauer im Dienst, selbst unter
erschwerenden Umständen, ja bis zur Erschöpfung, und Geduld und Vertrauen
im Umgange mit den Menschen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden,
daß das Pferd infolge von Schreck oder Furcht leicht den Kopf verliert,
durchgeht und dann allerdings lebensgefährlich wird. Man darf deshalb aber
das Tier nicht gleich als geistig niedrig gestellt verurteilen, denn
seine stete Bevormundung in tausendjähriger Sklaverei werden diesen
intellektuellen Teil seines Selbst nicht vollständig zum Ausdruck
gelangen lassen. Der bösartige Charakter zeigt Widersetzlichkeit gegen die
Anforderungen der Dressur oder des Dienstes, Eigensinn und Stätischsein,
Bosheit, Scheu und Schüchternheit. Die Allüren eines solchen Pferdes,
welche in Stehenbleiben, Zurücktreten, Bocken, Ausschlagen, Steigen, dem
Suchen nach einem Gegenstand, vor welchem es scheuen könnte, bestehen,
lassen das leicht erkennen; der Blick hat etwas Unruhiges; das Ohrenspiel
ist auffallend, die Stellung zeigt etwas Gezwungenes, Verhaltenes
(Lauriges).
Pflege und Stallhaltung, und besonders auch das Putzen haben auf das Wesen
des Pferdes einen ganz besonderen Einfluß. Edle, feine Pferde, wie es die
Damenreitpferde im allgemeinen sind, dürfen bei ihrer feinen Haut nicht
wie Kaltblüter gestriegelt und gebürstet werden. Manche Pferde werden
ganz rasend und nervös, schon wenn man sich ihnen mit dem Putzzeug
nähert. Solche Pferde darf man ja nicht vielleicht durch Festlegen
zwingen, sich dieser Prozedur zu unterwerfen, die für sie eine Qual
bedeutet und auf ihren Charakter und ihr ganzes Wesen von sehr ungünstigem
Einfluß ist. Sie werden im Sommer -- wenn nötig -- gewaschen, sonst aber
nur mit einem Putzhandschuh von Pferdehaar abgerieben. Ferner möchte ich
an dieser Stelle noch einfügen, daß man nicht gut daran tut, Pferde
einen oder mehrere Tage im Stall ruhen zu lassen. Es wirkt das auf ihre
Gesundheit ungünstig ein, auch auf ihre Dressur. Außerdem sind sie, wenn
sie dann wieder herauskommen, stallmutig, was sich bis zur Ungezogenheit
steigern kann. Beides ist für die Reiterei nicht günstig. Es wird sich
daher empfehlen, wenn die Dame im Reiten pausiert, das Pferd auf andere
Weise, sei es an der Hand, sei es unter einem _geschickten_ Reiter --
bewegen zu lassen.
Das _Temperament_, welches wahrscheinlich seinen Sitz in der besonderen
Nerventätigkeit des Pferdes hat, ist bei dem einzelnen Individium ebenso
verschieden wie beim Menschen, wenn wir auch die Temperamente der Pferde
nicht direkt in sanguinische, phlegmatische, cholerische und melancholische
einteilen wollen. Jedenfalls zeigen sich bei verschiedenen Hauptrassen auch
besondere Temperamenteigentümlichkeiten, ohne ihnen gerade einen direkten
Stempel aufzudrücken, und dies zeigt sich hauptsächlich verschieden bei
den edlen und den unedlen oder gemeinen Schlägen. Im allgemeinen kann man
lebhaftes und träges Temperament, das erstere wieder in feurig und reizbar
unterscheiden. Edle Pferde pflegen mit dem ersteren, gemeine mit dem
letzteren ausgestattet zu sein. Eine gewisse Schüchternheit ist allen
Pferden eigen, doch habe ich gefunden, daß edle Pferde, auch wenn sie in
ihrer Jugend zu Furchtsamkeit neigten, diese bei vernünftiger Dressur
viel eher überwanden, als weniger edle Pferde. Letztere pflegen ruhiger
im Wesen und in der Bewegung zu sein, aber auch hartnäckiger in
ihren Fehlern. Das Geschlecht selbst zeigt auch einige Unterschiede im
Temperament. Ist der Hengst lebhafter, so ist die Stute reizbarer, und
besonders im Frühjahr glauben wir manchmal ein ganz anderes Pferd
unter uns zu haben, als dasjenige ist, dessen Eigenschaften bezw.
Eigentümlichkeiten wir kennen und vielleicht lieben gelernt haben.
Faule Pferde zu reiten, ist eine Qual, sie ermüden die Reiterin
außerordentlich, ebenso aber sind auch zu lebhafte oder heftige Pferde
unbequem, besonders wenn sie nicht Schritt gehen, sondern trippeln. Am
bequemsten sind meist die Wallache, deshalb mag man beim Ankauf, wenn
andere Gesichtspunkte nicht mitsprechen, auch darauf achten.
3. Anforderungen an das Damenreitpferd.
In allerdings sehr skizzenhafter Weise -- tiefer darauf einzugehen,
gestattet der Raum des Werkes leider nicht -- hat die Reiterin jetzt das
Pferd kennen gelernt.
Welche Hauptgesichtspunkte für die Wahl eines für die Dame geeigneten
Pferdes maßgebend sind, soll in dem folgenden ausgeführt werden.
Die beiden Grundgedanken bei der Auswahl eines Pferdes sind die, daß eine
Dame, die reiten will, _gute Nerven und gutgerittene Pferde haben muß_.
Allerdings gab es stets und gibt es noch heute unter den Damen Reiterinnen,
welche diffizile Pferde, die selbst einem tüchtigen Reiter Schwierigkeiten
boten, mit wunderbar geschickter, leichter Hand zu lenken und im Gehorsam
zu erhalten verstanden.
Ebenso gab es und gibt es noch heute Damen, welche mit der Sicherheit und
Kaltblütigkeit eines erfahrenen Jagdreiters und mit diesen wetteifernd,
den Hunden zu folgen vermochten, wie z. B. die Kaiserin Elisabeth von
Österreich. Andere gute Reiterinnen ziehen eine Promenade im Tiergarten
oder über freies Feld vor, ohne sich am Jagdsport zu beteiligen, der doch
für Damen immer gefährlicher bleibt, als für Herren, denn ein Sturz im
Jagdfelde ist nicht ausgeschlossen, und bei einem solchen vermag sich der
Herr ungleich leichter vom Pferde zu trennen, als die vielleicht an den
Hörnern hängenbleibende Dame.
Für alle diese Damen gilt als Grundsatz, nur Pferde zu reiten, welche
_absolut sicher auf den Beinen sind_. Scheue, schreckhafte und heftige
Tiere eignen sich, wie bereits am Schluß des vorigen Kapitels erwähnt,
für Damen nicht, weil unerwartete Seitensprünge diese leicht aus dem Sitz
bringen. Wert zu legen ist auf _ruhige, lange, gleichmäßige_ und _nicht
harte Tritte im Trabe_, auf einen _wiegenden, weichen Galopp_; auch der
_Schritt_ soll lang und gleichmäßig sein, denn ein zackelndes Tier
ermüdet die Reiterin außerordentlich. Hals und Kopf müssen normal
gestellt erscheinen und in allen Gangarten muß das Damenpferd _gut und
leicht am Zügel stehen_.
Will die Reiterin sich auch im Gelände bewegen, so ist die Art des
_Springens_ genau zu prüfen. Es gibt Pferde, welche im Hochspringen, wie
der Hirsch, nur die Beine anziehen und so über das Hindernis fliegen, daß
man den Sprung kaum fühlt, wie sie auch Gräben nehmen, als ob sie nur
einen etwas verlängerten Galoppsprung machten. Anders als aus dem Galopp
sollten Damen überhaupt nicht springen. Die so springenden Pferde sind die
geeignetsten, stürmisch und vehement springende Tiere schon weniger; doch
beruhigen sich heftige Pferde unter einer entschlossen reitenden Dame
nicht selten, weil sie leicht geführt und nicht festgehalten werden. Ganz
ungeeignet aber sind Tiere, welche vor dem Sprunge stutzen, um sich
dann aus dem Stehen über das Hindernis zu schleudern. Geschieht dies
unerwartet, so ist das Resultat wohl, daß die Reiterin hoch im Bogen über
des Pferdes Kopf und zugleich über das Hindernis fortfliegt, was, mit
Grazie ausgeführt, unter Umständen sehr hübsch und dezent aussieht, aber
nicht sehr beliebt ist. Erwünscht bleibt es eben, wenn Roß und Reiterin
nicht getrennt, sondern innig vereint das Hindernis nehmen und danach
unentwegt weiter galoppieren.
Nun gibt es noch eine recht erhebliche Anzahl von Reiterinnen, die durchaus
nicht Reiterinnen sind, denen auch das Reiten und das Pferd Nebensache
sind, und die nur hoch zu Roß auf der Promenade erscheinen möchten.
Sie fühlen sich meist etwas unbehaglich auf dem Pferderücken (darf
ich bitten, das erste Kapitel dieses Buches zu vergleichen?), und jede
unerwartete Bewegung droht sie aus dem mühsam errungenen Gleichgewicht
zu bringen. Diese Damen fürchten eigentlich das wilde Tier, dem sie sich
anvertrauten, aber lächelnd und mit weiblicher Energie trotzen sie
allen Gefahren des Reitsports. Nur sie selbst müssen sich gut zu Pferde
ausnehmen und ihr Zelter muß natürlich auch nicht schlecht aussehen. Dazu
darf ihn nichts aus seinem Phlegma bringen: keine ungeschickte Zügelhilfe,
kein unabsichtlicher Schlag mit der Peitsche. Ruhig trabt er im Takte, den
seine Besitzerin oft nicht zu finden vermag, oder geht seinen kadenzierten
Galopp mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerkes. Hat das Tierchen auch
seine Studien nicht bei einem Jongleur gemacht, so muß es doch gut zu
balancieren verstehen, damit, wenn die Insassin seines Sattels -- die
Bezeichnung als Reiterin scheint mir nicht zutreffend -- in Gefahr gerät,
das Gleichgewicht zu verlieren, das Rößlein ihr zu Hilfe komme. Das tun
denn diese gutmütigen Tiere tatsächlich, weil die aus dem Gleichgewicht
geratene Last -- wie süß diese auch sei -- ihnen unbequem wird; ist
doch ohnehin unter einer nicht firmen Reiterin beim Damensattel die
Gewichtsverteilung nicht die gleichmäßigste und bequemste.
Für diese letztbeschriebene Art der Damenreiterei ist also das Pferd zu
empfehlen, welches man im Reiterjargon eine »alte Kuh« zu nennen pflegt.
Ganz unbezahlbar wären diese leidtragenden Damenpferde, könnte man ihnen
Rücken verleihen, die unempfänglich für jeden Satteldruck wären. So
aber büßen sie einen Ausflug in den Grunewald gar häufig mit bösen
Druckschäden, denn nicht alle Damen, die sich von kräftigen Männerarmen
aufs Roß heben lassen, sind zart und schlank, und nicht immer sind der
Sitz der Reiterin, die Lage des Sattels oder dieser selbst einwandsfrei.
Wie selten aber wird daran gedacht, während der Frühstückspause die
Gurten zu lösen, den Sattel zu lüften und zurecht zu legen! Während die
kühnen Amazonen sich in fröhlicher Gesellschaft vergnügen, haben sie
keinen Gedanken für das geduldige Tier, das sie dahin getragen und das
nun angebunden dasteht, vom Sattel und von Insekten gepeinigt, gegen die
es wehrlos ist, weil man ihm den Schweif _abschlug_. Beklagenswertes
Damenpferd!