hervorgehoben werden: nämlich die Unabhängigkeit und Sicherheit zu
Pferde. Die Unabhängigkeit ist allerdings, falls die betreffende Dame
nicht allein auf- und absteigen und sich nichts am Sattel ohne fremde
Hilfe richten kann, sehr gering; aber wieviel Damen hegen den Wunsch, ohne
Begleitung Reittouren zu unternehmen? Diejenigen, die es tun, können sich
eben in allem helfen. Eine gute Reiterin, die auch Interesse für ihren
Gaul hat, muß ihn selber satteln und aufzäumen können, wenn es nötig
ist; eine genaue Kenntnis der Sattelung und Zäumung trägt nicht wenig zur
Sicherheit und Selbstständigkeit bei. Auf dem Lande, wo manchmal niemand
zu haben war, der mit einem Damensattel umzugehen verstand, habe ich mein
Pferd oft ohne fremde Hilfe satteln müssen. Das Aufsteigen ohne Hilfe ist
schon schwieriger; hat man ein frommes, gutmütiges Tier, das ruhig steht,
so genügt es, dasselbe an irgend eine Erhöhung, eine Bank, einen Zaun
oder eine Böschung zu führen, von wo es dann leicht ist, sich in den
Sattel zu schwingen. Ist das Tier zu unruhig und tritt seitwärts, so
empfiehlt es sich, einfach den Bügel lang zu schnallen und, in denselben
steigend, sich in den Sattel zu ziehen, was nach einiger Übung recht gut
geht. Graziös sieht es ja nicht aus, aber wenn niemand in der Nähe ist,
geniert es nicht; das Pferd kehrt sich nicht daran. In puncto Sicherheit
wird wohl jeder zugeben, daß es viel schwerer ist, aus dem Damensattel
geschleudert zu werden, als aus dem Herrensattel; mit dem Hängenbleiben
im Steigbügel ist die Gefahr in diesem wie in jenem Falle dieselbe,
vorausgesetzt, daß die Reiterin einen Herrensteigbügel benützt -- das
einzig richtige -- und nicht eine Menge Gummibänder oder gar großartige
Sicherheitsvorrichtungen am Rocke hat. Geht ein Pferd durch, so kann eine
Dame ebensogut die Gewalt über dasselbe wiedererlangen, wie ein Herr. Bei
größeren Unglücksfällen, wie Stürzen von Reiter und Pferd, ist das
Verhältnis das gleiche, es ist eben Glückssache, ob man heil davonkommt,
da hilft einem die Zugehörigkeit zum starken oder schwachen Geschlechte
gar nichts. Es liegt also kein Grund vor, den ebenso graziösen wie
ausreichenden Seitsitz aufzugeben.«
Dieser Artikel, welcher meines Erachtens in jeder Beziehung sachlich
ist und das Richtige trifft, hat in demselben Organ (Nr. 49, 1901) eine
Entgegnung durch Dr. M. Senator, Frankfurt a. M., gefunden, welcher
wieder den Reitsitz für die Damen befürwortet. Da er jedoch mehr vom
reitsportlichen Standpunkt und ohne besonders neue Gesichtspunkte ins Feld
zu führen geschrieben ist, so will ich nur dasjenige daraus hervorheben,
was mir als besonders erwähnenswert erscheint.
»Was nun die sanitäre Frage betrifft, so befürchtet Verfasserin aus dem
Herrensitz für die Damen erhebliche Nachteile; sowohl die inneren wie die
äußeren Organe sollen leiden. Daß letztere durch die Reibung und den
Druck entzündlichen Reizungen ausgesetzt sind, will ich nicht bestreiten;
daß allerdings durch den sehr ähnlichen Sitz auf dem Rade, wo doch
auch derartige Nachteile einwirken, die befürchteten Schädlichkeiten
eingetreten sind, ist mir nicht bekannt. Verfasserin befürchtet ferner vom
Herrensattel eine Lockerung und Dehnung der Bänder mit störenden Folgen
für Gesundheit und äußere Erscheinung. Gerade diese Frage bedarf wegen
ihrer enormen Wichtigkeit des erhöhten Interesses des Arztes und des
Reiters, oder besser noch einer in beiden »Wissenschaften« erfahrenen
Persönlichkeit. Ich selbst bin passionierter Reiter und will meine
Liebhaberei nicht aufgeben, sollte ich auch von einigen üblen Einwirkungen
nicht verschont bleiben (jede Passion erfordert eben Opfer), aber für eine
gesundheitliche Übung in streng medizinischem Sinne kann ich das
Reiten nicht ansehen.[F] Tatsächlich wird Lockerung und Senkung der
Baucheingeweide begünstigt, wie ja schon die vermehrte Disposition
der Reiter für Eingeweidebrüche beweist; aber ich glaube, daß diese
Schädigungen im Reiten selbst, in der stoßweisen Erschütterung im Trabe
namentlich, bedingt sind und daß Herren und Damen sich dem in gleicher
Weise aussetzen. Daß die Folgeerscheinungen für den Frauenkörper
schwerwiegender sind, ist gewiß (!). Sicherlich aber wird der freiere
Sitz im Herrensattel, die bessere Möglichkeit, sich den Bewegungen des
Pferdes anzupassen (z. B. der bequemere englische Trab) auch hierin
günstig wirken. Daß der gespreizte Sitz nachteilig sein soll, will mir
nicht einleuchten; ist denn die Drehung des Körpers im Damensattel gut zu
heißen?[G]
Über den ästhetischen Standpunkt läßt sich schwer streiten. Ich kann
an einer rittlings sitzenden Dame nichts Unschönes finden, weder im Profil
noch in Vorder- oder Rückansicht.«[H]
[F]: Dieser Ansicht pflichten viele Ärzte und alte Reiter nicht bei.
Wie Vielen wird das Reiten als besondere Kur verordnet? Der Verf.
[G]: Eine auf dem neuen englischen Sattel korrekt sitzende Dame nimmt
infolge des Seitsitzes nur eine so minimale Drehung des Oberkörpers
zum Unterkörper an, daß sie kaum erwähnenswert ist. Auch hat die
bisherige Erfahrung nicht bestätigt, daß infolgedessen nennenswerte
Störungen der Gesundheit eingetreten sind. Der Verf.
[H]: Daran können wir also abermals sehen, wie verschieden eine und
dieselbe Sache beurteilt werden kann. Der Verf.
Alles in allem scheint mir die Antithese des erstangeführten Artikels
nicht so überzeugend ausgefallen zu sein, wie es als Widerlegung
erforderlich gewesen wäre!
Um aber endlich zum Schluß dieses Kapitels zu kommen, für welches mir
noch reiches Material vorliegt, u. a. auch ein Artikel der nur von
Damen redigierten französischen Zeitung »La Fronde«, welcher sich
selbstverständlich für den Herrensitz ausspricht, bringe ich die aus
fachmännischer Feder geflossene, im »Berliner Lokal-Anzeiger« enthaltene
Antwort auf den Artikel des Fräulein Dr. Anita Augspurg, welchem ich
meinerseits nichts hinzuzufügen habe. Meiner Ansicht nach enthält
derselbe, in seinen wesentlichsten Punkten wiedergegeben, alles, was zu
diesem Thema etwa noch gesagt werden kann.
»Es scheint gerecht und billig, das Für und Wider in dieser, die
reitenden Damen lebhaft interessierenden Frage genau zu prüfen und mit
gründlicher Fachkenntnis zu erwägen. Zuerst ist es nötig, festzustellen,
daß es sich beim Damenreiten in der Stadt und Manege um andere Bedingungen
handelt, als beim eventuellen Reiten in der Wildnis. In letzterem
Falle lernen die Kinder und jungen Mädchen von früh an auf den
verschiedenartigsten Sätteln in jedem Sitz das Reiten, so gut es
eben geht, ohne Anspruch auf Eleganz. Die Anforderungen nun zu
Nützlichkeitszwecken sind eben ganz andere, als die Reitkunst sie an die
Damen in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen hat,
bei denen das Alleinreiten wenig Zweck haben dürfte und zu mancherlei
Unzuträglichkeiten führen kann.
Bleiben wir also zunächst beim Damenreiten in der Manege und
zu Spazierritten und beginnen nun mit den Anforderungen, die der
Schönheitssinn dabei stellt. Leider lassen sich die diesen Sinn nicht
befriedigenden Eigentümlichkeiten des Damenreitens im Herrensitz nicht
ganz leicht deutlich machen, ohne dieser Geschmacksrichtung zu nahe zu
treten. Die Praxis würde das am besten selbst tun und das ästhetische
Gefühl bald zurückverlangen lassen nach der weiblichen Reitart.
Beleuchten wir diese letztere einmal an einem Beispiel, einer Schulreiterin
im Zirkus, die mit mir wohl unzählige Herren und Damen nur mit großem
Vergnügen im Damensattel reiten sahen. In dieser Reitart fand ich
nichts unschön, im Gegenteil schien mir gerade in diesem Sitz und in
dem einfachen schwarzen Reitkostüm die ganze Grazie des Weibes erst zum
Ausdruck zu kommen. Wie oben hatte ich das Gefühl, daß die Reiterin dem
Pferd gegenüber machtlos sei. Daß es außerhalb des Rahmens der Manege
auch minder schöne Erscheinungen im Damensattel gibt, ist außer Zweifel.
Daran ist aber weniger der Damensattel an sich, als vielmehr die geringere
Fähigkeit der Reiterin (bezw. die Figur! Der Verf.), die im Herrensattel
selbstverständlich ebenso zur Geltung kommen würde, Schuld. Nicht jede
Dame kann sich guten Sitz aneignen; das bleibt eben wie bei jedem andern
Sport, so auch hier, individuell. Sicher aber ist, daß es _viel leichter_
für eine Dame ist, sich im Damensattel schön hinzusetzen, wie für einen
Herrn dasselbe im Herrensattel zu tun. Auf der großen Sitzfläche des
Damensattels kommt die Dame eben wirklich mit ihrer vollen Positur zum
Sitzen, und deshalb wird es ihr verhältnismäßig leicht, den Oberkörper
trotz der notwendigen ⅛ Rechtsdrehung gerade und graziös aufzurichten.
Im Herrensattel ist die Sitzfläche eine viel kleinere, deshalb verliert
der Herr so leicht durch Vor- oder Rückwärtsfallen mit dem Oberkörper
den Anstand im Sattel, und deshalb wird das Balancieren schwerer. Im guten
Balancieren aber liegt der Schwerpunkt der Reiterei, sowohl im Damen- wie
im Herrensattel. Die Fähigkeit, im Damensattel leichter zu balancieren,
also auch fester zu sitzen, gibt gerade der Dame die leichtere Hand, die
ihr die weichere und beweglichere Lenkung des Pferdes ermöglicht. Ein
Anklammern mit den Beinen am Pferd ist bei etwaigen Unarten desselben aber
geradezu gefährlich, da ja gerade dieser Druck die treibende Hilfe ist.
Ein geübter und unerschrockener Reiter wird freilich in einem solchen
Falle durch besonders kräftige, nicht stoßweiser Anwendung der
Schenkelhilfen sein Pferd zum Gehorsam bringen. Das ist doch aber, wenn wir
einmal ehrlich sein wollen, bei einer Dame illusorisch, dazu fehlt es der
Dame fast immer an der physischen Kraft. Hierfür kann ich sogar einen
Beleg anführen. Eine Dame aus der hiesigen Gesellschaft war nach
langjährigem Reiten im Damensattel zum Reiten im Herrensattel
übergegangen, und um sich leichter und ungestörter in diese neue Art
hineinfinden zu können, ging sie mit einem mir als schwierig bekannten
Pferd auf ihr Gut, nicht ohne daß ich vorher meine Ansicht darüber offen
ausgesprochen hatte. Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. Als diese
selbe Dame nach längerer Zeit hierher zurückkehrte, schien sie ihre
Ansicht geändert zu haben. Sie ritt noch denselben Fuchs, doch nicht,
wie ich vermuten durfte, im Herrensattel, sondern -- wie einst -- im
Damensattel. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die bezeichnende
Antwort: Vom Damensattel hat mich der Gaul nicht herunterbekommen, vom
Herrensattel -- dreimal! Die Dame ist nicht wieder zum Herrensattel
zurückgekehrt. Eine andere Dame konnte man auf unserem schönen
Reitplatze, dem Hippodrom, seiner Zeit mit großer Bravour im Herrensattel
über sämtliche Hindernisse gehen sehen. Auch sie reitet längst wieder
Damensattel. Welche Gründe zum Wechsel für sie maßgebend waren, ist mir
unbekannt. Darum möchte ich zum Kapitel der geringeren Gefährlichkeit
des Reitens im Amazonensattel doch ein ernstes, mahnendes Wort sagen. Nach
meiner anfangs aufgestellten Beweisführung ist die Möglichkeit, sich vom
Sattel zu trennen, im Herrensattel eine größere, wie im Damensattel. Und
wenn nun auch an sich vielleicht das Sichtrennen vom Herrensattel in vielen
Fällen weniger gefährlich sein mag, wie das Abfallen vom Damensattel,
so ist doch auch im ersteren Falle ein Hängenbleiben im Bügel und damit
verbundenes Geschleiftwerden sehr wohl möglich. Rechnen wir nun die
größere Wahrscheinlichkeit des Abfallens vom Herrensattel mit hinzu, so
dürfte sich das Für und Wider in dieser Beziehung wohl ausgleichen. Einen
Beweis, wie sicher und fest die Damen im Damensattel sitzen können, haben
doch wohl unsere ausgezeichneten Schulreiterinnen gegeben. -- Es
scheint mir daher durchaus keine Veranlassung vorzuliegen, das Reiten im
Damensattel irgendwie zu beanstanden, und möchte ich daher mein Veto
gegen eine Änderung zugunsten des Amazonensattels nicht unausgesprochen
lassen.«
Wie gesagt, ich schließe mich dem, was der umsichtige Fachmann hier
ausgesprochen hat, voll und ganz an.
Eine der bekanntesten und besten Reiterinnen Englands, Miss Alice Hayes,
die Gattin eines ebenso als vortrefflicher Reiter bekannten Offiziers,
hat 1893 ein Werk über Damenreiten »The horsewoman, a practical guide
to side-saddle riding« erscheinen lassen, welches sehr günstig beurteilt
worden ist. Besonders gut in diesem Buche sind die Worte behufs Sicherung
eines festen Sitzes im Sattel, ohne sich auf die Zügel zu verlassen. Die
Verfasserin spricht nervösen Damen Mut zu, indem sie ihnen sagt, daß
der Sitz im Damensattel _sicherer_, als der gewöhnliche Männersitz ist.
Tatsächlich macht sie diejenigen, die das Reiten nach Männerart für
Damen befürworten, lächerlich. -- Soweit wollen wir uns nicht an der
holden Weiblichkeit vergehen.
Sie aber, schöne Leserin, die Sie sich in dieses Kapitel mit Verständnis
vertieft haben, mögen nun wählen, ob Sie sich für den einen oder den
anderen Reitsitz entscheiden wollen. Wie wir gesehen haben, sind die mit so
großer Verve für den Herrensitz angeführten Gründe zum größten Teil
gründlich widerlegt -- also: prüfet alles und das Beste behaltet!
3. Vom Reitajustement der Dame und deren Erscheinung zu Pferde.
Es ist von vornherein bei der Besprechung dieses Themas anzuführen, daß
die Erscheinung der Dame zu Pferde stets ein angenehmes _harmonisches_ Bild
abgeben soll, wenn sie nicht der unliebsamen Kritik eines spottsüchtigen
Publikums verfallen will. Dabei spielen die Regeln der Ästhetik eine
besondere Rolle. Im allgemeinen braucht man ja einer wirklichen Dame in
dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Eine solche trägt in ihrem Wesen und
in ihrer Geschmacksrichtung eine Eigenart zur Schau, welche in den meisten
Fällen für sie paßt und vielfach auch gefällt, selbst wenn diese
Faktoren manchmal aus dem Rahmen des alltäglichen oder althergebrachten
Anblicks, bezw. der herrschenden Mode herausfallen. Direkte
Geschmacksverirrungen sind auch seltener zu konstatieren, wenn auch
die einmal -- Gott sei Dank nur in sehr beschränktem Maße -- s. Z.
getragenen Hosenkostüme der Radfahrerinnen entschieden dazu gerechnet
werden müssen.
Das harmonische Bild der Reiterin aber beschränkt sich nicht auf das
Kostüm allein, die Figur muß sich auch mit dem Pferde verbinden, die
Größe beider muß übereinstimmen. Eine Dame von Mittelfigur muß auch
ein Pferd von solcher Figur reiten, eine kleine Dame ein kleineres, eine
große ein größeres Pferd. Stärkere Damen -- es hat das für die Amazone
eine Grenze -- müssen kräftige Pferde mit gutem Fundament, leichte
schlanke Damen leichte Pferde mit leichten Gängen reiten. Sitz und Haltung
müssen tadellos sein, so daß sich keine unliebsame Kritik daran wagen
darf. Die Dame zu Pferde ist selbst heute noch, wo der Damenreitsport
immer mehr in den Vordergrund tritt, eine dem Urteil der Menge verfallene
Erscheinung, wenn sie nicht harmonisch wirkt. Es muß eben alles in den
hier genannten Rahmen fallen. So sollte eine Dame, deren Figur aus irgend
welchen Gründen nicht auf das Pferd paßt -- in erster Linie ist hier von
der Leibesfülle die Rede -- sich nicht öffentlich zu Pferd zeigen. Das
Reiten kann freilich eine ärztliche Verordnung, es kann besondere Passion
sein -- aber dann möge die Dame Wälder und Täler, fern ab menschlichen
Treiben, durchschweifen. Mir ist eine derartig gestaltete Dame, welche noch
dazu im Herrensitz ritt, in der Erinnerung, deren Erscheinung stets
wahre Lach- und Spottsalven hervorrief -- natürlich nur bei den weniger
gebildeten Passanten -- immerhin konnte auch der Mann der Gesellschaft
nicht ohne ein gewisses Gefühl der Befriedigung darüber diese Reiterin
sehen und ein Lächeln auf den Lippen unterdrücken.
Was nun das =Kostüm der Dame= anbetrifft, so muß ich leider konstatieren,
daß es _bei uns_ doch noch recht viel zu wünschen übrig läßt. Man
sieht nur wenig distinguierte Erscheinungen zu Pferde, selbst aus der
Gesellschaft, die man leicht daran erkennt, daß sie von einem bekannten
Gentleman oder einem Offizier chaperoniert werden. Die Damen erscheinen
überwiegend oft -- also mal zuerst im Sommer -- fast im Negligé, also so
wie sie auf dem Lande reiten würden, im Strohhütchen, heller Bluse und
dunklem Rock. Das mag ja recht bequem sein, ist aber nicht schick.
Man reitet eben auf der Promenade der Großstadt nicht so, wie beim
Morgenspazierritt auf dem Lande.
Es ist eigentümlich, daß die Damen hierbei ein laisser aller an sich
haben, welches sie für Promenade, Diner usw. für shocking erklären
würden. Viele Damen werden mir darauf allerdings erwidern, daß wir hier
in Berlin überhaupt keine Reitpromenade im Sinne des Bois de Boulogne und
des Hydepark haben, aber wenn auch diese Einwendung gewiß nicht ganz
ohne Berechtigung ist, so müssen -- bis vielleicht in dem neuanzulegenden
Volkspark Grunewald etwas derartiges geschaffen wird -- der Tiergarten, der
Kurfürstendamm und der Grunewald als solche gelten. Was irgendwie reitet,
trifft sich doch vormittags dort.
Ich erachte es demnach, da Paris noch immer für die Moden der Damen
auch auf diesem Gebiete maßgebend ist, für meine schönen Leserinnen
interessant, zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de
Boulogne nach dem Bericht einer französischen Dame zu Pferde erscheint.
Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig Elegante bei diesem
Anzug ein Manneshemd von Baumwolle mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses
Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünem Reitkleid,
wie es im Bois getragen wird -- auch zum roten Jacket -- weiß sein,
darf jedoch zum Phantasiereitkleid kleine Muster -- Erbsen, Kleeblätter,
Streifen -- haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch
präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes
braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie
Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.
Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird
im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine
Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten
Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid
bis zum oberen Rande des Stiefels.
Das Trikot ist vielleicht weniger schick wie dieses Beinkleid, aber
unendlich praktischer. Im Winter muß es aus Seide, im Sommer aus sehr
feinem Zwirn und immer von perlgrauer Farbe sein. Vornehmlich darf man
keine Phantasie-Farbennuancen wählen. Vor allen Dingen muß man sich aber
vor der Fleischfarbe hüten.
Das Trikot wird im Sitz, in der rechten Kniekehle und im rechten Knie
erweitert angefertigt. Obwohl es nicht zu eng sein darf, muß es doch fest
anschließen und darf keine Falte schlagen.
Man brauche _kein Korsett_, wenn man es irgend entbehren kann. Man benutze
nichts, als ein enggeflochtenes Tragband aus Seide, um die Falten des
Hemdes zu ordnen und das Beinkleid oder das Trikot festzuhalten.
Ist man ein Korsett zu tragen genötigt, so sei es schmiegsam und _sehr
kurz_, damit es nicht auf den Hüften scheuert. Dann sei es aus weißem
schwedischen Leder lose geschnürt, keineswegs festanschließend und gar
oben mit Spitzen besetzt, damit sich nichts unter dem Reitkleide markiert.
Das mit einer Rüsche verzierte Korsett markiert sich stets auf dem Rücken
des Kleides, und zu Pferde ist es noch mehr als anderswo von Wichtigkeit,
daß alles glatt sitzt und nichts die Linien unterbricht.
Der Stiefel muß aus lackiertem Kuhleder oder dem gewöhnlichen Lackleder
bestehen und im Schaft oben geschmeidig sein; das ist die Form des
alten Stiefels nach Stallmeisterinart, welcher sich längs des Beins gut
anschmiegt, und zu welchem ein sehr niedriger englischer Absatz gehört.
Viele Damen tragen den Chantillystiefel, und das ist abscheulich.
Dieser Stiefel nämlich, der einzig elegante und praktische für die
Herren, paßt ganz und gar nicht für die Damen, und zwar aus zwei
Gründen. Erstens verunstaltet er den Knöchel und macht ihn plump, und
zwar dermaßen, daß man in diesem Falle auf die entsetzliche lange Hose
zurückzugreifen gezwungen ist. Der andere ist der, daß beim Traben der
Rock sich in den zu harten Schaft zwängt und dann unangenehm auf dem Knie
spannt. Der Stiefel dagegen muß im Spann so weit sein, daß er beinahe
ausgeschlenkert werden kann.
Der Sporn sei gerade und kurz, aus Stahl, Nickel oder Silber, das Rädchen
mit spitzen Stacheln versehen, denn der Sporn soll weder ein Spielzeug noch
ein Zierrat, sondern vielmehr wirklich ein Hilfsmittel sein. Er wird mit
einem kleinen Riemen aus sehr weichem Lackleder befestigt.
Die Busenkrawatte besteht aus weißem Batist oder aus solchem mit kleinen,
kaum wahrnehmbaren Mustern; die Nadel ist einfach, ein Hirschhaken, eine
Tiegerklaue, ein St. Georgstaler oder sonst eine goldene Münze, aber
keine Nadel, die den Anschein eines »Kleinods« hat.
Als Kopfbedeckung wird ein schwarzer Seidencylinder oder ein solcher aus
grauem Filz getragen. Niemals aber trägt die Dame, welche Anspruch erhebt,
korrekt zu sein, irgend einen anderen Phantasiehut im Bois. Auf dem Lande
ist das selbstredend gestattet. Der Hut von hoher Form braucht sich nicht
nach der neuesten Mode zu richten. Er muß ziemlich hoch sein und darf
keine flache Krempe haben. Im übrigen ist das einzige erlaubte Arrangement
ein kleiner, grauer, schwarzer oder blauer, um den Hut gewundener
Gazeschleier, Bänder aber oder irgend etwas »Flatterndes« sind nicht
statthaft.
Der kleine melonenförmige Hut, der Matrosenstrohhut und selbst der
Tirolerhut werden auf dem Lande getragen.
Zum Reiten werden die Haare geflochten oder gewunden und enganliegend
getragen, was den Kopf klein macht. Nichts ist häßlicher als ein dicker
Kopf, auf dem Pferde vielleicht noch mehr als anderswo. Man kann auch
sämtliche Haare zusammendrehen, sie unter Freimachung des Nackens
emporheben und unter den Hut stecken. Bei dieser Manipulation braucht man
weder Schildpattnadeln noch -Kamm. Das hält ganz von selbst, den Fall, wo
man den Hut verlieren sollte, ausgenommen.
Die Handschuhe seien aus weißem oder gelbem Hirschleder, aber niemals aus
Hundeleder. Das ist gemein, unbequem und macht wahre Tatzen. Der Handschuh
muß in den Fingern sehr lang, sehr geschmeidig und vornehmlich sehr weich
sein, der Hand ebensoviel Spielraum zu lassen, als ob sie unbekleidet
wäre.
Die Farbe des Reitkleides ist in Paris schwarz, dunkelblau oder
dunkelgrün. Letztere Farbe ist jedoch so dunkel gehalten, daß man sie
nur in der Sonne wahrnimmt. Der sehr kurze und durchaus glatte Rock aus
schwerem Tuch darf, wenn man aufrecht steht, links nicht über den
Sporn herabreichen. Rechts ist er wegen der für das Knie und das Horn
erforderlichen Weite viel länger und wird an dieser Seite, wenn man zu
Fuß ist, hochgeknöpft. Die durchaus einfarbige glatte Taille endigt
hinten in einen kurzen Schoß, die auf den Hüften aufstößt und vorn
in einer stumpfen Spitze ausläuft. Der Schoß kann aber auch rund und
kurzgeschnitten sein. Hier und dort werden die Taillen auch mit langen und
abgerundeten Schößen getragen. Der Paletot zum Reitkostüm ist kurz und
in der Art der Herrenpaletots gearbeitet. Schmuckgegenstände, Samtkragen,
Schleifen oder Phantasieknöpfe werden niemals getragen.
Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß die deutsche Amazone sich
durchaus nach diesen Angaben richten _muß_, wenn sie auch immerhin einen
guten Anhalt gewähren. Aus meinem eigenen kleinen Erfahrungsschatze
möchte ich aber noch einige Ergänzungen dazu machen.